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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Depressionen im Alter

Zurück zur Lebensfreude


Von Verena Arzbach, Frankfurt am Main / Eine Depression ist nach der Demenz die zweithäufigste psychische Erkrankung im Alter. Bei Senioren wird sie jedoch häufig bagatellisiert und nicht als behandlungsbedürftige Krankheit erkannt. Mit einer Therapie können Betroffene wieder an Lebensfreude gewinnen.

 

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Schwere Depressionen sind im Alter prinzipiell nicht häufiger anzutreffen als bei jüngeren Erwachsenen. Etwa 7,2 Prozent der Senioren über 75 Jahre leiden an Depressionen. Das entspricht fast der Rate über alle Altersklassen hinweg: Laut der Stiftung Deutsche Depres­sionshilfe erkranken unter den Erwachsenen im Alter von 18 bis 79 Jahren rund 8 Prozent im Laufe eines Jahres an einer Depression. Ganz anders sieht es bei Bewohnern von Alten- beziehungsweise Pflegeheimen aus: Hier sind 25 bis 45 Prozent der Über-65-Jährigen depressiv erkrankt, wie Mediziner im November bei einer Veranstaltung der Universität Frankfurt berichteten.




Eine Depression ist auch bei Senioren – trotz eventuell schwieriger Lebens­umstände – nicht physiologisch und sollte unbedingt behandelt werden.

Foto: Shutterstock/Photographee.eu



Eine Depression wird bei Älteren häufig nicht diagnostiziert. Das liegt unter anderem daran, dass eine de­pressive Verstimmung vielfach als gewöhnliche Alterserscheinung betrachtet wird. »Das Alter geht in vielen Fällen mit negativen äußeren Lebens­umständen einher, etwa dem Verlust des Partners, Krankheit und Einsamkeit«, verdeutlichte Dr. Valentina Tesky vom Arbeitsbereich Altersmedizin am Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt. Dazu komme, dass typische Symptome einer Depression – etwa Schlaf- oder Antriebsstörungen – bei einer Altersdepression häufig von körperlichen Beschwerden überlagert und verdeckt würden, sagte die Diplom­Psychologin. So könnten etwa Kopf- und Rückenschmerzen, Schwindel oder Magen-Darm-Probleme im Fokus­ stehen. »Typisch ist auch, dass die Veränderung der Stimmungslage nicht plötzlich kommt, sondern sich schleichend im Hintergrund entwickelt«, sagte Tesky. Die Lebensqualität der Betroffenen leide darunter enorm. »Sie ziehen sich zurück, schränken ihre sozialen Kontakte ein und isolieren sich zunehmend.«

Heimbewohner im Fokus

Besonders besorgniserregend sei die Situation in Alten- und Pflege­heimen.Dort gebe es ein eklatantes Behandlungsdefizit, machten die Mediziner und Psychologen in Frankfurt deutlich. Nur 40 Prozent der Depressiven in Heimen bekämen überhaupt eine Diagnose, von diesen wiederum werde maximal die Hälfte adäquat behandelt, so Tesky.

Sie ist Mitglied eines wissenschaftlichen Teams, das das Forschungsprojekt DAVOS (Depression im Altenpflegeheim: Verbesserung der Behandlung durch ein gestuftes kollaboratives Versorgungsmodell) ins Leben gerufen hat. Altersmediziner der Universität Frankfurt kooperieren bei dem dreijährigen Projekt mit zehn Frank­furter Pflegeheimen und dem Hessischen Institut für Pflegeforschung. Heimbewohner, die an der Studie teilnehmen, werden von Psychologen regel­mäßig zu Stimmung, Wohl­befinden und Lebensqualität befragt. Bewohner mit einer Depression er­halten eine leitliniengerechte Therapie. Zudem planen die Forscher, sogenannte Case Manager an den Heimen zu schulen­: Die Heim-Mitarbeiter sollen erste Symptome einer Depression erkennen können und die Bewohner zur Teilnahme motivieren.

Therapie-Angebote

Sowohl bei Heimbewohnern als auch bei Senioren, die in den eigenen vier Wänden leben, ist es enorm wichtig­, eine Depression als solche zu erkennen und auch adäquat zu behandeln. Eine Psychotherapie, besonders eine kognitive Verhaltenstherapie, kann den Betroffenen helfen. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gibt es viele Belege, dass diese auch bei älteren Menschen wirksam ist.

Ebenso hilfreich kann eine medikamentöse Therapie sein. Wichtig ist, dass der Arzt ein geeignetes Antidepressivum mit geringem Interaktionspotenzial auswählt. Da viele ältere Patienten multimorbid sind, nehmen sie häufig bereits mehrere verschiedene Medikamente ein – die Gefahr von Wechselwir­kungen ist groß.

Wird eine Depression im Alter nicht behandelt, ist das Risiko für einen Suizid­ stark erhöht. Die Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass die Zahl der Suizide pro 100 000 Personen in der jeweiligen Alters­gruppe mit steigendem Alter zunimmt. Demnach werden etwa 35 Prozent aller Suizide von Menschen über 65 Jahren verübt, ihr Bevölkerungs­anteil beträgt aber nur 21 Prozent. Ein Faktor dürfte sein, dass Depressionen, besonders bei älteren Männern, häufig nicht oder nur sehr unzureichend behandelt werden, heißt es auf der Webseite­ der Stiftung Deutsche Depressions­hilfe.

Ein Trugschluss ist wohl die Annahme, dass eine schwere körperliche Erkrankung wie Schlaganfall oder Krebs allein – diese Krankheiten kommen natur­gemäß im Alter häufiger vor als in jungen Jahren – das Suizidrisiko erhöht. Studien haben gezeigt, dass die Diagnose einer schwerwiegenden körper­lichen Erkrankung allein nicht direkt­ mit einem Suizid zusammenhängt. Auch wenn eine solche Erkrankung vorliegt, sollte also auch parallel eine eventuell vor­liegende Depression diagnostiziert und behandelt werden.

Angehörige und Pflegekräfte sollten Stimmungsveränderungen der Senioren­ aufmerksam beobachten, raten­ Experten. Äußerungen wie »Ich kann/will nicht mehr« oder »Ich bin nur noch eine Last für die anderen« sollte man ernst nehmen und einen Arzt hinzuziehen. Denn eine Depression ist auch in höherem Alter behandelbar, und in den meisten Fällen lässt sich durch die Therapie wieder Lebens­freude zurückgewinnen. /


Merkmale Depression im Alter

Mehrere Symptome gleichzeitig, dauerhaft über mehr als zwei Wochen:

  • gedrückte Stimmung, tiefe Erschöpfung, keine Freude und Inter­esse an der Umwelt
  • Schlafstörungen, verminderter Appetit und Gewichtsverlust
  • körperliche Beschwerden, etwa Rückenschmerzen oder Schwindel, werden sehr intensiv erlebt, rücken in den Mittelpunkt der Wahr­nehmung und werden als Symptom der hoffnungslosen Lage fehlgedeutet
  • Konzentrationsstörungen, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit bis hin zu Suizidgedanken
  • innere Anspannung und Ängste
  • verlangsamtes Denken, Konzen­trations- und Gedächtnisschwierigkeiten

Quelle: Bundeszentrale für gesundheit­liche Aufklärung



Beitrag erschienen in Ausgabe 24/2018

 

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