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BERATUNGSPRAXIS

Pflanzliche Sedativa

Gute Ruhe, gute Nacht


Von Elke Wolf/ Innere Anspannung, Stress, aber auch psychische Beschwerden sind untrennbar mit Schlafstörungen verbunden. Im Anfangsstadium können pflanzliche Beruhigungsmittel gute Dienste leisten. Auch wenn die Wirkweise ihrer Extrakt­komponenten noch nicht bis ins letzte Detail aufgeklärt ist, gehören Auszüge aus Baldrian, Lavendel und Johanniskraut zu den gut geprüften Phytopharmaka.

 

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Von gutem Schlaf können viele Deutsche nur träumen. Umfragen ergeben regelmäßig, dass rund jeder dritte Deutsche zumindest zeitweise nachts umsonst Schäfchen zählt und fast jeder zehnte dauerhafte Ein- oder Durchschlafstörungen hat.

Dass Betroffene abends nicht einschlafen können, sich nachts von einer Seite auf die andere drehen und morgens lange vor dem Weckerklingeln die Augen wieder aufmachen, liegt oft an einer enormen inneren Anspannung. Überforderung, Zeitdruck, Ängste und Stress lassen die Betroffenen nicht zur Ruhe kommen. Nervöser Unruhe und Getriebensein am Tag folgen Schlafstörungen in der Nacht. Sorgen und der Berg anstehender Aufgaben scheinen im Schlafzimmer noch zu wachsen, das Gedankenkarussell kreist unaufhörlich. Die Sehnsucht nach Schlaf wird immer größer und der Druck, nicht genug Schlaf zu bekommen, erschwert das Einschlafen zusätzlich.




Foto: GettyImages/Seb Oliver



Grundlage jeder Therapie ist deshalb, Lebensplanung und Tagesablauf zu überdenken. Das Erlernen von ­Regeln zur Schlafhygiene ist essenziell (siehe Kasten Seite 26). Zusätzlich bietet es sich an, den Teufelskreis aus nervöser Anspannung und Schlaflosigkeit medikamentös zu durchbrechen. Chemisch-synthetische Mittel wie Benzodiazepine sind zwar meist sehr wirksam, haben aber häufig Nebenwirkungen wie einen Hangover am nächsten Tag, und sie können abhängig machen. Pflanzliche Beruhigungsmittel sind hingegen mild wirksam, haben kaum ­Nebenwirkungen, schränken die ­Leistungsfähigkeit und Fahrtüchtigkeit nicht ein und machen nicht abhängig. Allerdings wirken Phytopharmaka nicht sofort. Ein Effekt ist erst nach ein paar Tagen der Einnahme zu erwarten. Auf diese Latenzzeit ist im Beratungsgespräch hinzuweisen.

Baldrian als Extrakt

Unter den schlafanstoßend wirkenden Heilpflanzen ist die Wurzel des Echten Baldrians (Valeriana officinalis) die am besten untersuchte. Klinische Daten deuten darauf hin, dass sich die Schlafqualität zwar verbessert, sich aber die Einschlafzeit kaum verkürzt. Eine Leitlinien-Empfehlung für Baldrian gibt es nicht; die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin vermerkt darin, dass es zu Baldrian, genauso wie zu Hopfen, Passionsblume und Melisse, keine genauen Daten gebe.




Foto: Shutterstock/Marina Lohrbach


Die wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe sind nicht endgültig identifiziert. Fakt ist, dass die lange favorisierten Valepotriate in Extrakten nicht oder nur in Spuren nachweisbar sind. Von Bedeutung scheinen eher die enthaltenen Lignane zu sein. So konnte für das hydrophile Lignan Olivil in vitro nachgewiesen werden, dass es als partieller Agonist am Adenosin-1-Rezeptor fungiert. Adenosin dämpft das aktivierende System im Vorderhirn, indem es die Ausschüttung aktivierender Transmitter hemmt. Hohe Konzentrationen an Adenosin sorgen so für einen hohen Schlafdruck, der sich im Laufe des Tages­ aufbaut – ein Prozess, der durch die adenosinerge Wirkung von Baldrian­-Lignanen direkt unterstützt wird. Ein allgemeingültiges pharmakologisches Prinzip existiert bislang aber nicht.

Der Markt an Baldrianpräparaten ist unübersichtlich; die Rote Liste führt mehr als 50 Präparate auf. In der Offizin sind Präparate empfehlenswert, die gemäß der Monographie des Ausschusses für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) bei der europäischen Arzneimittelzu­lassungsbehörde EMA dem well- established use entsprechen. Das sind Trockenextrakte der Baldrianwurzel mit einem DEV (Droge-Extrakt-Verhältnis) von 3 bis 7,4:1, die mit dem Auszugs­mittel Ethanol 40 bis 70 Prozent hergestellt wurden (wie Baldrivit®, Euvegal® Balance, Baldriparan® stark für die Nacht, Luvased­® mono, Moradorm® Beruhigung Baldrian, Sedonium®). Sie werden zur Behandlung von leichten nervösen Spannungen und Schlaf­störungen angewendet. Andere Zubereitungen, wie Baldrianpulver, -trockenextrakte, -tinkturen oder -presssäfte, dienen traditionell zur Linderung von leichtem Stress und als Schlafhilfe und werden dem traditional use zugeordnet.

Bei nervöser Unruhe nimmt man am besten dreimal täglich eine Dosis von 400 bis 600 mg Trockenextrakt ein. Schlafstörungen lassen sich mit einer­ Einzeldosis eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen behandeln.




Geprüfte Phytopharmaka mit Baldrian- oder Hopfen­extrakt sind potenter als Schäfchen zählen.

Foto: Shutterstock/oksana2010


Kombinationspartner

Kombinationspräparate mit anderen potenziell schlafanstoßend und spannungslösend wirkenden Heilpflanzen wie Hopfenzapfen, Melissenblätter, Passionsblumenkraut und Johanniskraut gibt es in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen, Extrakt­formen und Dosierungen. In der Kombination können sich die Eigenschaften der Arzneipflanzen ergänzen und verstärken­. Doch nur für die Fixkombination aus Baldrianwurzel/Hopfen­zapfen (wie in Allunapret®, Abtei Baldrian-Hopfen Beruhigungs-Dragees, Methanol-Trockenextrakte) hat die EMA aufgrund positiver Studienergebnisse den Status well-established use vergeben. Klinische Studien zeigen einen­ schlaffördernden Effekt, der der Wirkung der Monotherapie mit Baldrian­extrakt überlegen ist.

Hopfenextrakt, gewonnen aus den weiblichen Blütenständen von Humulus lupulus, enthält Bitterstoffe wie Humulone und Lupulone sowie als Leitsub­stanz das Chalkon Xanthohumol. Aus den Bitterstoffen entsteht bei längerer Lagerzeit und vermutlich auch in vivo 2-Methyl-3-buten-2-ol, das in hohen Dosen im Tierversuch stark sedierend­ wirkt.

Als Wirkmechanismus diskutiert man vor allem Melatonin-ähnliche Effekte­. In-vitro-Untersuchen zufolge binden methanolisch lösliche Hopfen-Inhaltsstoffe an die Melatoninrezep­toren ML1 und ML2 und steigern dadurch­ genau wie Melatonin selbst die Schlafbereitschaft. Melatonin ist der zentrale Taktgeber der inneren Uhr. Seine Freisetzung aus der Zirbeldrüse im Gehirn wird bei zunehmender Dunkel­heit stimuliert. Durch Tageslicht nimmt seine Sekretion wieder ab. Eine Bindung von Melatonin an die ent­sprechenden Rezeptoren sorgt für ein Absinken des Blutdrucks, eine leichte Abnahme der Körpertemperatur sowie Müdigkeit, und hat dadurch eine schlaffördernde Wirkung. Der natür­liche Schlaf-wach-Rhythmus wird unter­stützt.

Neben Hopfen ist Johanniskraut ein häufiger Kombinationspartner der Baldrian­wurzel. Freilich ist die eigent­liche Spezialdisziplin standardisierter Johanniskrautextrakte die Behandlung leichter bis mittelschwerer ­Depressionen, nervöser Unruhe und Angst. 900 mg Extrakt aus den getrockneten Triebspitzen von Hypericum perforatum sind Placebo signifikant überlegen und wirken bei besserer Verträglichkeit genauso effektiv wie synthetische Anti­depressiva, was ihm auch die Aufnahme in die S3-Leitlinie zur unipolaren Depression eingebracht hat. Da Depressionen häufig mit Schlafstörungen einhergehen, verbessert sich meist auch der Schlaf, wenn die Depression behandelt wird.

Werden Baldrianwurzel und Johannis­kraut als Trockenextrakte in Kombination eingesetzt, ist eine drei­fache Wirkung zu erwarten: be­ruhigend, spannungslösend und stimmungsaufhellend. Untersuchungen zufolge scheinen die einzelnen Wirk­aspekte zeitversetzt einzutreten: die beruhigende Komponente bereits nach wenigen Stunden, nach fünf bis sieben Tagen ein spannungslösender, reiz­abschirmender Effekt, und die stimmungsaufhellende Wirkung entfaltet sich nach etwa zwei Wochen. Allerdings gibt es derzeit kein entsprechendes Kombinationspräparat, das den Status well-established use vorweisen kann.




Lavendelöl in Kapselform lindert innere Unruhe und leichte Angststörungen.

Foto: Shutterstock/Boumen Japet


Lavendel bessert Reizfilter

Als gut untersuchtes Phytopharmakon gegen leichte Angststörungen und innere­ Unruhe gilt ein spezielles Lavendelöl-Präparat aus Lavandula angustifolia (Lasea®). Bei der Einnahme bessern sich auch Schlafstörungen, die mit diesen Beschwerden verbunden sind. Das enthaltene Lavendelöl Silexan® besitzt einen hohen Gehalt an Linalool und Linalylacetat von rund 80 Prozent. Zwar wird Lavendelöl wegen seiner positiven Beeinflussung von Angststörungen in der S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen genannt, aber nicht empfohlen.

Für die Wirksamkeit macht man einen modulierenden Effekt auf Calcium­kanäle verantwortlich. Dadurch soll das Gleichgewicht der Neurotrans­mitter wiederhergestellt werden, so die Vermutung. Die Lavendelöl-Zu­bereitung drosselt den Einstrom von Calciumionen in Nervenendigungen. Das bremst die Ausschüttung erregender Neurotransmitter wie Noradrenalin und Serotonin, weshalb sich die natürliche Reizfilterfunktion zwischen den Neuronen bei der Informationsweitergabe verbessern soll.

In Studien war Silexan Placebo deutlich überlegen und äquipotent zu Lorazepam, und zwar ohne sedierend zu wirken­ und die Konzentration zu be­einflussen­. Ein Abhängigkeitspotenzial ergab sich nicht. In einer weiteren Studie­ zeigte sich Silexan sowohl Placebo als auch Paroxetin überlegen.

Zugelassen ist das Präparat bei »Unruhe­zuständen mit ängstlicher Verstimmung«. Die Fachinformation verweist­ auf die Notwendigkeit des Arztbesuchs, wenn die Symptome nach zwei Wochen unverändert anhalten oder sich gar verschlechtern­. Als Nebenwirkungen können Magen-Darm-Beschwer­den wie Aufstoßen sowie aller­gische Haut­reaktionen auftreten. Schwangere sollten­ Silexan nicht anwen­den, da hierzu keine klinischen Daten vorliegen. /


10 Tipps für eine erholsame Nacht

  • Zum Schlafen braucht der Mensch seine festen Rhythmen. Möglichst immer zur gleichen Zeit zu Bett gehen und morgens aufstehen, auch am Wochenende.
  • Wer gut schlafen will, muss bereits vorher zur Ruhe kommen. Dabei helfen Rituale, die auf den Schlaf vorbereiten und den Körper auf Ruhe konditionieren, zum Beispiel Musik hören, Tagebuch schreiben, heiße Milch mit Honig trinken oder einfach den Gedanken nachhängen.
  • Vor dem Schlafengehen zur Toilette gehen. Eine volle Harnblase ist der häufigste Grund für ein Aufwachen mitten in der Nacht.
  • Das Bett nur zum Schlafen nutzen, nicht etwa zum Fernsehen oder Handycheck. Allenfalls Lesen als Einschlafhilfe ist erlaubt.
  • Weder mit vollem noch mit knurrendem Magen zu Bett gehen. Beides behindert das Einschlafen.
  • Alkohol kann zwar das Einschlafen unterstützen, doch durch zu viel Alkohol verläuft der Schlaf ­oberflächlicher, mit weniger Tiefschlafstadien und deshalb weniger ­erholsam.
  • Nachts nicht auf die Uhr schauen.
  • Mittagsschläfchen fließen in die Zeit für das Schlafbedürfnis mit ein. Bei Schlafproblemen über Mittag lieber aufbleiben, das erhöht den Schlafdruck am Abend.
  • Den ruhigsten Raum der Wohnung als Schlafzimmer wählen. Er sollte gut abzudunkeln sein.
  • Sauerstoff ist wichtig für einen ­erholsamen Schlaf. Deshalb das Schlafzimmer gut durchlüften.



Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2019

 

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