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PANORAMA

Selbstheilung

Der Arzt in uns


Von Michael van den Heuvel / Heute gibt es Therapien gegen fast jede Krankheit. Medizin und Pharmazie machen rasante Fortschritte. Wir vergessen dabei jedoch häufig, dass der Körper erhebliche Selbstheilungskräfte hat. Wie funktioniert der »innere Arzt«, und wo liegen seine Grenzen?

 

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Peregrinus Laziosi (1265 – 1345), ein frommer Mann aus Italien, soll der Überlieferung zufolge an einem Knochentumor und einer Gefäßerkrankung gelitten haben. Nach intensivem Gebet verschwanden seine Beschwerden und Laziosi galt als geheilt. Heute ist er zum Schutzpatron aller Krebskranken avanciert. In der zeitgenössischen Literatur tauchen solche Anekdoten immer wieder auf. Ob es sich um reine Legenden handelt, lässt sich nach mehr als 750 Jahren nicht beurteilen. Allerdings kennen Onkologen aus der Praxis sogenannte Spontanremissionen.




Foto: Getty Images/kieferpix



Darunter versteht man die Rück­bildung eines Tumors ohne ärztliche ­Behandlung. Die Wahrscheinlichkeit ist schwer abzuschätzen, da systematische Untersuchungen fehlen. Schätzungsweise ein Tumor pro 60 000 bis 100 000 Krebserkrankungen verschwindet durch die Selbstheilungskraft des Körpers. Unterschiede gibt es je nach Krebsform. Auf maligne Melanome, Nierenzellkarzinome, maligne Lymphome und kindliche Neuroblastome entfallen mehr als 50 Prozent ­aller wissenschaftlich dokumentierten Spontanremissionen. Metastasen bilden sich deutlich seltener zurück als solide Tumoren in frühen Stadien.

Wie lässt sich das Phänomen erklären? Solide Tumoren können sich nur vergrößern, wenn Blutgefäße einwachsen. Ohne diese Angiogenese fehlt dem Tumor seine sprichwörtliche Lebensader, und er geht zugrunde. Diese Apoptose, also der induzierte Zelltod, kann auch auftreten, falls unser Immunsystem einen Tumor aus eigener Kraft bekämpft. Beide Mechanismen, also die Angiogenese-Hemmung und die Aktivierung des Immunsystems, sind zu etablierten Therapieprinzipien der modernen Onkologie geworden, mittlerweile gibt es etliche Wirkstoffe. Der Organismus schafft das nur im Ausnahmefall ohne fremde Hilfe.

Auch nach einem Schlaganfall weiß sich der Körper in gewissem Umfang selbst zu helfen. Infolge von Minderdurchblutungen (Ischämien) gehen Nervenzellen zugrunde. Das Gehirn hat jedoch eine Besonderheit, die sogenannte neuronale Plastizität. Einzelne Neuronen oder ganze Gehirnareale können ihre Funktion verändern. Mit modernen bildgebenden Verfahren fanden Wissenschaftler heraus, dass sich nach umfangreichen Gehirn­schäden anatomische Funktionen verlagern.

Mehr als nur Stützzellen

Damit nicht genug: Die Münchener Neurobiologin Magdalena Götz konnte zeigen, dass sich aus Gliazellen alle möglichen unterschiedlichen Zellarten entwickeln – auch die Nervenzellen des Gehirns. Früher schrieb man Gliazellen nur strukturelle Aufgaben zu. Sie sind aber mehr als nur Stützzellen für Neuronen. Außerdem teilen sich neuronale Stammzellen des Gehirns noch im Erwach­senenalter, um sich in Nervenzellen umzuwandeln. Die Forschungsergebnisse erklären möglicherweise, ­warum immer wieder Berichte von Patienten auftauchen, die nach langer Zeit aus dem Koma erwacht sind. Das Gehirn hat eben nicht zu unterschätzende Selbstheilungskräfte.




Chronischer Stress im Privatleben oder im Beruf schwächt die unspezifische und die ­spezifische Immunabwehr.

Foto: Shutterstock/g-stockstudio


Abwehrbereit bei Stress

Auch bei harmloseren Erkrankungen wie grippalen Infekten spielen körpereigene Mechanismen eine Rolle. Die Selbstheilung zielt darauf ab, Viren unschädlich zu machen. Immer wieder ist zu lesen, dass es sich lohnt, Stress zu vermeiden, um im Winter gesund zu bleiben. Ob solche Empfehlungen einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten, haben Psychoneuro­immunologen untersucht. Sie unterscheiden Zellen der unspezifischen (angeborenen) und der spezifischen (erwor­benen) Immunabwehr.

Unter akutem Stress verstärkt das Immunsystem evolutionsbedingt die unspezifische Abwehr. Das bedeutet, die Zahl an Leukozyten, an Fresszellen und an natürlichen Killerzellen steigt. Evolutionsbiologen erklären das mit der Abstammung des Menschen. Vorfahren wie der Neandertaler richteten sich durch Stress auf mögliche Kampfsituationen ein. Die Kapazitäten zur Selbstheilung wurden quasi vorsorglich hochgefahren. Mehr weiße Blutkörperchen helfen, Infektionen nach Verletzungen zu vermeiden, und Wunden schließen sich schneller. Solche Mechanismen aus frühen Phasen der Menscheit haben bis in moderne Zeiten überdauert.

Chronischer Stress im Privatleben oder im Beruf zeigt jedoch andere Effekte. Er schwächt die unspezifische und die spezifische Immunabwehr. Im Blut sinkt die Zahl an Immunzellen, natür­liche Killerzellen sind weniger ­aktiv, und T-Lymphozyten teilen sich langsamer.

Attackieren Zellen des Immunsystems körpereigenes Gewebe, treten Autoimmunerkrankungen auf. Das führt zum Beispiel zu Typ-1-Diabetes, Multipler Sklerose oder Rheuma. Autoimmun­erkrankungen lassen sich nicht heilen, aber pharmakologisch kontrollieren.




Der Placebo-Effekt beschreibt die positive Reaktion des Körpers auf Medikamente ohne Wirkstoff.

Foto: Fotolia/pressmaster


Wirkung ohne Wirkstoff

Emotionen beeinflussen nicht nur unser Immunsystem, sondern nahezu alle Erkrankungen oder Beschwerden. Wie so oft begann die systematische Erforschung mit einem Zufall. Im zweiten Weltkrieg hatte der US-Anästhesist Henry Beecher (1904 – 1976) nicht mehr genug Morphin vor Ort. Er spritzte verwundeten Soldaten lediglich eine Kochsalzlösung und erreichte so eine gewisse Analgesie. Später wies Beecher nach, dass rund 35 Prozent aller Patienten auf den Placebo-Effekt ansprechen. Viele Erkenntnisse seiner Zeit werden mittlerweile kritisch gesehen, allerdings begann mit Beecher die systematische Erforschung von Placebo-Effekten.

Heute arbeiten Wissenschaftler mit randomisierten, placebokontrollierten Studien, wenn sie Wirkstoffe untersuchen. Ein Teil aller Patienten erhält das Pharmakon (Verum), ein anderer Teil nur wirkstofffreie Präparate (Placebos). Randomisiert heißt, dass Forscher per Zufall bestimmen, wer an welchem Studienarm teilnimmt. Der Körper ­reagiert bereits beim Einnehmen von Tabletten und zwar unabhängig vom Wirkstoff. Ist dieser Placeboeffekt schwächer als der Verum-Effekt, hat der Arzneistoff eine wichtige Hürde in Richtung Zulassung genommen.

Studien mit einem ähnlichen Design werden auch bei medizinischen Eingriffen durchgeführt und liefern teils überraschende Erkenntnisse. Bei Patienten mit einer Kniegelenksarthrose zeigten Scheininterventionen, also Hautschnitte in Narkose ohne Arthroskopie, ähnliche Erfolge wie Gelenkspiegelungen. Die Beschwerden verringerten sich in einem vergleichbaren Umfang. Ähnliche Effekte beobachteten Ärzte bei der Therapie chronischer Spannungskopfschmerzen. Die Beschwerden verbesserten sich durch physiologische-Kochsalz-Injektionen in Muskeln ähnlich stark wie durch das Botulinumtoxin.




Der »Placebo by Proxy«-Effekt wirkt auch positiv auf Tiere.

Foto: Fotolia/eric


Wirksamkeit

Wie wirksam Placeboeffekte sein können, zeigt auch eine Studie mit Patienten, die am Reizdarmsyndrom litten. Sie erhielten eine Scheinakupunktur, eine Scheinakupunktur mit begleitenden Gesprächen oder wurden auf eine Warteliste gesetzt. Scheinakupunktur bedeutet, dass der Behandler bekannte Akupunkturpunkte bewusst verfehlt. Verglichen mit Patienten ohne Arztkontakt verbesserten sich die Beschwerden nach Scheinakupunkturen etwas und nach Scheinakupunkturen mit empathischer Konversation deutlich. Der Aspekt lässt sich gut auf Gespräche im Handverkauf übertragen. Wer aufmerksam zuhört und Interesse signalisiert, tut Gutes.

Paul Enck von der Universität Tübingen hat sich über Jahre hinweg mit solchen Phänomenen befasst. Er bringt homöopathische Präparate mit Placebo-Effekten in Verbindung. Warum Homöopathie bei Tieren – speziell bei Pferden – wirkt, erklärt er mit einem »Placebo by Proxy«-Effekt. Die Placebowirkung läuft über den Besitzer. Er ­ändert sein Verhalten, kümmert sich mehr und wird vielleicht auch empathischer. Das wirkt sich positiv auf kranke Tiere aus.

Ein Blick auf die Biologie

Bis heute haben Wissenschaftler den Placebo-Effekt nicht ganz verstanden. Es gibt jedoch Anhaltspunkte aus der Neurobiologie, um die Wirkung zu erklären. Bei einer Verletzung wandern Signale von freien Nervenendigungen im Gewebe über lange periphere Nervenfasern und das Rückenmark bis zum Großhirn. Erst dort interpretiert der Mensch Reize als Schmerz. Auf diesem Weg hat der Körper zahlreiche Möglichkeiten, zu intervenieren. Signale der Nozizeptoren (Schmerzsensoren) der Haut gelangen zum Hinterhorn des Rückenmarks. Dort unterdrücken körpereigene Opioide die Weiterleitung. Im Großhirn gibt es das Belohnungssystem, und Neurotransmitter steuern Reizen entgegen. Auch die Großhirnrinde hemmt als oberste Instanz Bereiche, die Schmerzen verarbeiten.

Diese neurobiologische Sichtweise ist nur ein Teil der Wahrheit. Weitere Anhaltspunkte liefern Veröffentlichungen, die zeigen, warum Yoga, Meditationen, Gebete oder Entspannungs­methoden unsere Selbstheilung aktivie­ren. Der amerikanische Forscher Steven W. Cole hat daraus eine ganze Forschungsrichtung gemacht, die soziale Genomik. Stress aktiviert im Körper diverse Gene, die mit entzündlichen Stoffwechselwegen wie dem ­NF-κB-Signalweg in Verbindung stehen. NF-κB beeinflusst die Immunantwort, aber auch das Zellwachstum und den Zelltod. Regelmäßige Meditationen senkten bei Patienten mit Krebs den Spiegel an Entzündungsfaktoren wie Interleukin oder NF-κB. Auch unter achtsamkeitsbasierter Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR) ging die Expression proinflammatorischer Gene nach unten. Cole kommt zu dem Schluss, dass es weniger auf die Technik an sich ankommt. Wichtiger ist, sich regelmäßig zu entspannen.




Yoga und Meditation können die Selbstheilung verbessern.

Foto: Fotolia/Vasyl


Gezielter behandeln

Was können Heilberufler daraus lernen? Die moderne Medizin hat vielen Erkrankungen ihren Schecken genommen. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass so mancher Eingriff oder so manches Arzneimittel überflüssig ist, da der Körper über Selbstheilungskräfte verfügt. Leiden Patienten beispielsweise an einem leichten grippalen Infekt mit Kopfschmerzen und Husten, benötigen sie nicht zwangsläufig medikamentöse Hilfe.

Ärzte sind ebenfalls kritischer geworden. In den USA und in Kanada haben sie unter Leitung von Wendy Levinson bereits 2011 die Initiative »Choosing Wisely« (»klug entscheiden«) gegründet. Medizinische Fachgesellschaften identifizieren auf Basis von Leitlinien überflüssige Interventionen. Levinson zufolge würden einige Therapien zu häufig angewandt und seien in vielen Fällen nicht erforderlich. Sie nennt unter anderem Antibiotika bei unkomplizierten Infektionen der oberen Atemwege oder Protonenpumpenhemmer bei der gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD).

Als Behandlungsstrategie kann sich im Zweifelsfall das »Watchful Waiting« eignen: Ärzte warten bei Krankheiten mit hoher Tendenz zur Selbstheilung ab, ohne sofort mit der Behandlung zu beginnen. Das können grippale Infekte bei Kindern sein. In den USA, aber auch in Deutschland arbeiten Pädiater häufig mit Standby-Medikationen. Sie verordnen Eltern etwa vor dem langen Wochenende ein Antibiotikum für ihren Nachwuchs, geben ihnen aber Empfehlungen an die Hand, wann das Präparat zu verwenden ist – und wann nicht, beziehungsweise sagen ihnen, unter welchen Voraussetzungen sie das Rezept überhaupt einzulösen sollen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2019

 

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