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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Digitale Patientendaten

Die unendliche Geschichte


Von Michael van den Heuvel / Elektronische Rezepte, virtuelle Patientenakten oder Notfalldatensätze retten Menschenleben. Von der Umsetzung ist Deutschland aber noch weit entfernt. Ein Gesundheitsminister nach dem anderen scheiterte in den letzten Jahren. Wo stehen wir aktuell – und was muss sich ändern, damit zeitgemäße Technologien endlich zum Einsatz kommen?

 

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Technische Lösungen aus dem Bereich Health IT sind weltweit im Einsatz, um die Versorgung besser und sicherer zu machen. Hierzulande sieht die Sache nicht rosig aus. Deutschland kommt nach Analysen der Bertelsmann-Stiftung mit 17 Ländern im Digitalisierungsranking auf einen mageren Platz 16. Spitzenreiter sind unter anderem Estland, Kanada, Dänemark, Israel und Spanien. Hier nutzen Ärzte schon längst elektronische Patientenakten (ePA). Sie übertragen Rezepte digital zwischen Praxen und Apotheken. Bürger haben die Möglichkeit, Medikationspläne oder ihren Impfstatus online einzusehen. Neben Deutschland sind die Schweiz, Frankreich und Polen weit abgeschlagen. »Die Politik hat in der Vergangenheit die Verantwortung für die digitale Transformation im Gesundheitswesen delegiert«, kritisiert Bertelsmann-­Experte Dr. Thomas Kostera. »Hier haben­ sich die Akteure gegenseitig blockiert­.« In Deutschland existieren zwar umfangeiche Konzepte, und die Start-up-Szene ist äußerst aktiv. Davon kommt bei Patienten nur recht wenig an.




Foto: Getty Images/Westend61



Lehren aus dem Libobay®-Skandal

Die Studienergebnisse überraschen insofern, als in Deutschland schon vor mehr als 17 Jahren der Startschuss zur Digitalisierung gefallen ist. Als entscheidendes Ereignis gilt der Lipobay®-Skandal. Ab 1997 verordneten Ärzte Cerivastatin (Lipobay®), um Blutfettwerte zu senken. Erhielten Patienten außerdem noch den Lipidsenker Gemfibrozil, traten gelegentlich eine Zer­störung von Muskelgewebe (Rhabdomyolyse) und Nierenversagen auf. Ab August 2001 wurde Lipobay® vom Markt genommen, und mehrere Gerichtsverfahren folgten. Schätzungsweise 100 Menschen starben weltweit aufgrund dieser Interaktion. Damals war es schwer, herauszufinden, wer welche Präparate eingenommen hat. Arzneimittelbehörden mussten sich auf ärztliche Aufzeichnungen und auf Patientenangaben berufen. Deshalb schlug die Unternehmensberatung Roland­ Berger vor, Medikationsdaten auf einer Chipkarte vorzuhalten. Wei­tere Unternehmen aus dem IT-Bereich beteiligten sich an der Beratung. Ulla Schmidt (SPD), die damalige Bundes­gesundheitsministerin, interessierte sich stark für moderne Technologien.

Ärzte laufen Sturm

Im Jahr 2003 wurde die Sache dann ernst. Das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung aus Schmidts Feder sah vor, elektro­nische Gesundheitskarten bis zum 1. Januar 2006 flächendeckend einzuführen. Zur Organisation wurde die gematik­ (Gesellschaft für Telematik­anwendungen der Gesundheitskarte mbH) gegründet. Deren Gesellschafter sind die Bundesärztekammer (BÄK), die Bundeszahnärztekammer (BZÄK), der Deutsche Apothekerverband (DAV), die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), der Spitzenverband der Gesetz­lichen Krankenversicherungen (GKV-SV), die Kassenärztliche Bundesverei­nigung (KBV) und die Kassenzahnärzt­liche Bundesvereinigung (KZBV). Nach mehreren Streitigkeiten unter den Gesell­schaftern erließ das Bundesgesundheitsministerium eine neue Verordnung. Politiker definierten mehr­stufige Testszenarien unter Labor­bedingungen beziehungsweise in Testregionen zur Vorbereitung einer bundeweiten Ausgabe (»Roll-Out«). Das Konzept sah vor, eGKs lediglich als »Schlüssel« für Online-Datenspeicher zu verwenden, die »Clouds«.

Aus diesem Grund blockierten Ärzte zwischen 2008 und 2013 alle weiteren Schritte. Sie forderten aus datenschutzrechtlichen Bedenken alle weiteren Tests zu stoppen und die eGK nicht weiter zu entwickeln. Ihre Beschlüsse auf mehreren Ärztetagen schlugen hohe Wellen. Zeitgleich fanden­ Experten des Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikations­systeme heraus, dass sich dezentrale Speicher wie USB-Sticks nicht als Medium eignen, um medizinische Daten langfristig zu sichern.

Doch die Regierung saß letztlich am längeren Hebel. Ab 1. Oktober 2009 startete der Rollout von eGKs in Nordrhein-Westfalen. Nach etlichen Querelen folgte ab Oktober 2011 eine ab­gespeckte Version mit Basisdaten der Versicherten. Zwei Jahre später be­saßen laut GKV-Spitzenverband 95 Prozent aller gesetzlich Versicherten eine eGK. Bundesgesundheitsminister waren damals Philipp Rösler (FDP) und Daniel­ Bahr (FDP).




Apo­theker beziehungsweise PTA steuern wichtige Informationen zur Medikation eines ­Patienten bei, auch zu OTC-Präparaten, die er einnimmt.

Foto: Shutterstock/wernerimages 2018


Das E-Health-Gesetz scheitert

Seit dem 1. Januar 2015 gilt nur noch die elektronische Gesundheitskarte als Berechtigungsnachweis, um GKV-Leistungen in Anspruch zu nehmen. ­Be­suchen Patienten ihre Praxis, findet dabei ein Online-Abgleich von Stamm­daten statt. Das soll missbräuchliche Anwendungen verhindern, falls eine Karte beispielsweise gestohlen wird. Nach jahrelangem Warten enttäuscht dieser Funktionsumfang nicht nur Heilberufler, sondern auch Politiker.

Deshalb trat am 1. Januar 2016 unter Hermann Gröhe (CDU) das E-Health-Gesetz mit konkreten Zeitvorgaben in Kraft. Patienten, die mindestens drei verschreibungspflichtige Medikamente als Dauertherapie einnehmen, haben demnach Anspruch auf Medikationspläne in Papierform. Dieses wenig zeitgemäße Konzept ist umgesetzt worden­, wenn auch ohne Honorierung der Leistung öffentlicher Apotheken. Nur Ärzte erhalten einen Obolus, obwohl Apo­theker beziehungsweise PTA wichtige Informationen beisteuern, etwa zu OTCs. Digitale Medikationspläne, diese sollten laut E-Health-Gesetz eigentlich ab 2018 auf der eGK abgelegt werden, sind in weiter Ferne. Weitere Meilensteine, nämlich Notfalldaten auf der eGK (ab 01.01.2018), ein elektronisches Postfach für Patienten (ab 01.01.2019) sowie eine elektronische Patientenakte (ab 01.01.2019) sind ebenfalls gescheitert. Gleichzeitig berichten einzelne Ärzte von Schwierigkeiten, ihre Praxis über Konnektoren mit dem sicheren Datennetz zu verbinden.

Terminservice- und Versorgungsgesetz

Seit März 2018 leitet Jens Spahn (CDU) das Bundesgesundheitsministerium. Aus seiner Begeisterung für moderne Technologien macht er keinen Hehl. Umso schwerer wiegt das Erbe aus früheren Legislaturperioden. Grund genug für Spahn, in das Terminservice- und Versorgungsgesetz gleich einige Aspekte rund um Health IT zu packen. Laut Referentenentwurf verpflichtet er Krankenkassen über Änderungen im V. Sozialgesetzbuch, ihren Versicherten spätestens ab 2021 eine elektronische Patientenakte zur Verfügung zu stellen und sie darüber zu informieren. Das anfangs vorgesehene elektronische Postfach wird Teil der ePA. Gleichzeitig soll für Versicherte der Zugriff auf medizinische Daten ihrer ePA auch per Smartphone oder Tablet möglich werden, sprich ohne Heilberufsausweis von Ärzten oder Apothekern. Geeignete Authentifizierungsverfahren soll das Bundesamt für Sicherheit in der In­formationstechnik (BSI) vorschlagen. Bisherige Zugriffswege in der Arzt­praxis oder Apotheke per eGK bleiben erhalten. Wie geht es weiter? Spahn will ab 2020 E-Rezepte einführen. Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände hat dem Bundesgesundheitsminister bereits konzeptionelle Vorschläge übermittelt. Und ab 2021 ist geplant, dass Daten zur Arbeits­unfähigkeit von Ärzten digital an Kranken­kassen übermittelt werden. Das klingt vielversprechend. Ob dieses Mal alle Meilensteine erreicht werden, steht in den Sternen.

Krankenkassen werden selbst aktiv

Für GKVen ist der Status quo äußerst unbefriedigend. Interaktionen oder falsche Therapien führen nicht nur zu viel Leid, auch viele Kosten wären vermeidbar.

Deshalb hat die Techniker Krankenkasse (TK) zusammen mit IBM Deutschland eine eigene Gesundheitsakte entwickelt. Mit TK-Safe können Versicherte ihre Krankheitsdaten selbst managen. Das geht per App und Smartphone. User entscheiden selbst, wer Zugriff erhält und wer nicht. Und ab Mitte 2019 können Ärzte direkt aus ihrer Praxissoftware Arztbriefe, Daten der Bildgebung oder Laborbefunde speichern.

Auch die App Vivy hat in den letzten Monaten für Gesprächsstoff gesorgt. Mehr als 13,5 Millionen Patienten können­ laut Herstellerangaben die kleine Anwendung nutzen. Dazu gehören unter anderem Versicherte der DAK-Gesundheit, mehrerer Innungskrankenkassen sowie mehrerer Betriebskrankenkassen, aber auch privater Krankenkassen. Nach der Registrierung – dafür ist neben Basisdaten ihrer PKV oder GKV auch ein offizielles Ausweisdokument erforderlich – erhalten sie bei Vivy eine persönliche ePA. Sie können­ selbst Dokumente hochladen oder Medikationslisten anhand von Pharmazentralnummern (PZN) er­gänzen. Termine für Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen lassen sich ebenfalls verwalten. Das klingt gut, aller­dings fanden Schweizer IT-Experten schwerwiegende Sicherheits­lücken. Kurz nach dem Launch musste Vivy erst einmal nachbessern.




Einige Krankenkassen entwickeln eigene Modelle.

Foto: Shuttertock/peart


Elektronische Patientenakten speichern nicht nur Informationen zur Diagnostik­ oder Therapie. Sie bieten auch Schnittstellen zu Fitnesstrackern. Smart Watches zeichnen beispielsweise die Herzfrequenz sowie den Puls auf. Sie erfassen auch Bewegungsmuster vom Training. Wer sich regelmäßig bewegt, hat ein geringeres Risiko für Stoffwechsel- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das brachte Generali auf eine Idee. Der Konzern bietet privat Versicherten im »Vitality«-Modell an, Punkte für ihre gesunde Lebensweise digital zu sammeln. Boni soll es auch für medizinische Vorsorgeuntersuch­ungen, Impfungen und den regelmäßigen Fitnessstudio-Besuch geben. Das Programm sieht vor, dass Versicherte dafür Gutscheine und Vergünstigungen erhalten. Bonus-Malus-Regelungen sind für GKV-Patienten bei Pflichtleistungen ihrer Versicherung nicht möglich.

Was muss sich ändern?

Doch zurück zur ePA und zur eGK. Ob Spahn mit seinem neuen Vorstoß Erfolg­ haben wird, ist offen. Experten der Bertelsmann-Stiftung sehen aber Faktoren, um mit größerer Wahrscheinlichkeit bis ans Ziel zu kommen. In ihrer Studie empfehlen sie, ein nationales Kompetenzzentrum für Digitalisierung zu etablieren. Es koordiniert alle Schritte, sorgt für technische Standards­ und integriert unterschied­liche Nutzergruppen. Ein Kompetenzzentrum sollte politische Rücken­deckung haben, aber unabhängig von den Interessen einzelner Interessenvertreter handeln. Den Schritt hatten Länder mit erfolgreicher Umsetzung von E-Health-Lösungen schon früh unternommen, Deutschland aber nicht. Wichtig sei außerdem ein entschlosseneres Handeln der Politik, heißt es im Report. Nicht zuletzt braucht man mehr Akzeptanz bei Bürgern, Ärzten und Apothekern. Das gelingt nur, wenn alle Nutzergruppen früh mit einbe­zogen werden. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2019

 

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