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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Adipositas

Akzeptanz statt Stigma


Von Ulrike Becker / Starkes Übergewicht belastet die Gesundheit, auch die psychische. Denn adipöse Menschen begegnen zahl­reichen Vorurteilen. Sie gelten als willensschwach, träge und maßlos. Um langfristig aus dem Teufelskreis der Fett­leibigkeit herauszukommen, ist mehr Akzeptanz in der Gesellschaft gefragt.

 

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Am Welt-Adipositas-Tag im vergangenen Oktober machten verschiedene Organisationen unter dem Motto »End Weight Stigma« auf problematische Vorurteile gegenüber übergewichtigen Menschen aufmerksam. Die Initiatoren halten gewichtsbezogene Stigmatisierung für eine der letzten sozial akzeptierten Formen der Diskriminierung. Die Vorurteile gegenüber adipösen Menschen stecken tatsächlich in vielen Köpfen und man ertappt sich selbst bei Gedanken wie »Na, der muss aber dringend mal Diät machen« oder »Muss die Dicke jetzt auch noch ein Eis essen?«. Fettleibigkeit lässt sich nicht verstecken, und jeder maßt sich ein Urteil über die ­Ursachen und Auswege an.




Foto: Shuttertstock/Flotsam



Ohne Frage ist die wachsende Zahl an schwer Übergewichtigen bedenklich. Denn mit steigendem Body-Mass-Index (BMI kg/m2) wächst auch das ­Risiko für Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabe­tes, Arteriosklerose, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Fettleber. Als stark übergewichtig, fettleibig oder adipös gilt, wer einen BMI über 30 aufweist. In Deutschland ­betrifft das 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen zwischen 18 und 79 Jahren. Insgesamt handelt es dabei hierzulande um 19 Millionen Menschen, 1,4 Millionen davon leiden an extremer Adipositas mit einem BMI von 40 oder darüber; dieser Anteil hat sich von 1999 bis 2013 mehr als verdoppelt. In den Nachbarländern Schweiz und Österreich ist die Zahl der stark Übergewichtigen mit knapp 11,5 beziehungsweise 14 Prozent deutlich geringer.

Vorurteile verankert

Die große Mehrheit der Bevölkerung hat keine besonders gute Meinung über fettleibige Menschen, obwohl in Deutschland insgesamt zwei Drittel der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen selbst übergewichtig sind. Wie massiv die Stigmatisierung, das heißt die negativ besetzten Vorurteile gegenüber Übergewichtigen sind, untersuchte eine repräsentative Studie 2014 an der Universität Leipzig. Die Wissenschaftler des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) AdipositasErkrankungen befragten dazu über 3000 Bürger in ganz Deutschland, wie sie über Menschen mit starkem Übergewicht denken. Die meisten der Befragten gingen davon aus, dass starkes Übergewicht selbst verschuldet ist, und zwei Drittel nannten Bewegungsfaulheit und ein Übermaß an Essen als Hauptgründe für die Entwicklung einer Adipositas. Nur weniger als ein Drittel der Befragten sahen auch in genetischen oder Stoffwechsel-Störungen ­einen Grund für Übergewicht. Anhand von Fallbeispielen normalgewichtiger und stark übergewichtiger Kinder, Erwachsener und Senioren sollten die ­Befragten diesen Personen außerdem Eigen­schaften zuordnen. Dabei schnitten adipöse Menschen durchgehend schlechter ab als Normal- oder leicht Übergewichtige. Die Eigenschaften, die die Befragten Adipösen am häufigsten zuordneten, waren unförmig, langsam, untätig und schwach. Nur selten wurden Eigenschaften wie gemütlich, humor­voll oder fröhlich genannt. Fettleibige Kinder wurden besonders geringschätzig beurteilt. Im Mittel wurden ihnen noch öfter negative Eigenschaften zugeschrieben als erwachsenen und älteren Adipösen. Als Ursachen für das kindliche Übergewicht nannten die Befragten im Gegensatz zu den ­Beispielen adipöser Erwachsener allerdings auch äußere Faktoren wie das soziale Umfeld und die Erziehung.

Das Ergebnis einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) belegt, dass adipöse Kinder seltener ein Gymnasium besuchen als Schlanke und schlechtere Noten in Mathematik bekommen, auch wenn die Klassenkameraden nicht besser sind. Unabhängig vom sozialen Status der Eltern beeinflusse Fettleibigkeit daher den Schulerfolg. Die Forscher erklären das vor allem mit dem geringeren Selbstwertgefühl der Kinder; besonders dicke Mädchen werden häufiger gehänselt, was zusätzlich zu Verhaltensproblemen führe. Möglich­erweise wird den dicken Kindern ­zudem sowohl von Eltern als auch Lehrern weniger zugetraut.

Fehlendes Verständnis

Repräsentative Befragungen in Deutschland, Großbritannien und den USA zeigen zudem, dass starkes Übergewicht von den meisten als selbstverschuldet wahrgenommen wird. Das fanden ­Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der Universität Mannheim Anfang 2018 heraus. Die Befragten waren daher überwiegend der Meinung, dass Betroffene durch das Übergewicht bedingte Behandlungskosten selbst tragen sollten.


Respektvoller Umgang mit adipösen Menschen

  • Vorurteilsfreie Grundhaltung
  • Sensibler Umgang mit den Themen Gewicht, Figur, Aus­sehen, Körperfett und Adipositas
  • Wertschätzung vermitteln – unabhängig vom Gewicht der anderen Person
  • Bewusstmachen des eigenen Verhaltens gegenüber adipösen Menschen, sei es Kunde, Kollege, Freund, Kind oder anderes Familienmitglied
  • Reflektieren des Verhaltens: Würde­ man sein Gegenüber genauso behandeln, wenn er 20 Kilogramm weniger wiegen würde?
  • Negative Rückschlüsse vom Gewicht auf Gesundheit, Lebens­stil und Eigenschaften des Gegenübers vermeiden
  • Zu gesundheitsförderlichem Verhalten motivieren und jeden Schritt in diese Richtung positiv bestärken
  • Stigmatisierung oder Diskriminierung im eigenen Arbeitsbereich und Umfeld ansprechen

nach: www.adipositasstigma.de


Experten sind sich jedoch einig, dass die weltweite Zunahme von Adipositas in erster Linie mit veränderten ­Umweltbedingungen zusammenhängt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beispielsweise macht dafür auch das enorme Angebot an zuckerreichen, stark verarbeiteten Lebensmitteln verantwortlich. An der fehlenden Toleranz in der Gesellschaft sind nicht zuletzt Casting- und Abnehm­shows, Hochglanzmagazine oder auch soziale Netzwerke mitschuldig. Die hohe Auflage ungezählter Ratgeber zum Abnehmen und immer neue ­Diättrends verstärken die Annahme, dass der Abbau von Übergewicht ganz einfach zu meistern sei. Die Lebenswirklichkeit zeigt jedoch ein anderes Bild. So gelten die meisten Diäten als langfristig nutzlos, und ein hoher Prozentsatz aller Diäthaltenden nimmt nach einer kurzfristigen Gewichtsreduktion die verlorenen Pfunde wieder zu. Zudem ist längst bekannt, dass die Entstehung von Übergewicht sehr ­vielschichtig ist und auch genetisch b­eeinflusst wird. Zwar muss eine Veranlagung nicht zwangsläufig zu überflüssigen Pfunden führen; schlank zu bleiben ist für die Betroffenen aber deutlich schwerer. Ist eine Adipositas erst einmal vorhanden, spielen zudem zahlreiche, kaum kontrollierbare Stoffwechselvorgänge eine Rolle, die eine Gewichtsreduktion erheblich erschweren. Allein mit dem Willen abzunehmen, gelingt aus den genannten Gründen in aller Regel nicht. Derzeit ist die Behandlung von Adipositas jedoch keine Regelleistung der Krankenkassen, und Betroffene erhalten oft keine geeigneten Therapiemaßnahmen.




Menschen mit Übergewicht fürchten mitunter die Blicke der Schlanken auf die eigene Leibesfülle.

Foto: Getty Images/shironosov


Psychische Belastung

Durch die negativen Stereotypen wird es Adipösen in vielen Lebensbereichen nicht nur deutlich schwerer gemacht als normalgewichtigen Mitbürgern; sie werden tatsächlich oft anders behandelt, das heißt, sie werden diskriminiert. Adipositasexperten beobachten, dass die Stigmatisierung über die Jahre zugenommen hat und mehr Lebensbereiche davon betroffen sind: Das gilt für Bildungseinrichtungen, den Arbeitsplatz, das Gesundheitswesen und persönliche Beziehungen. Die ablehnende Haltung stellt für die Betroffenen eine große Belastung dar. Weil positiv besetzte Kontakte zu anderen fehlen, ziehen sie sich oftmals aus dem sozialen Leben immer weiter zurück. Das verstärkt ungünstige Verhaltensweisen wie Frustessen, und es treten vermehrt psychische Probleme wie Ängste und Depressionen bis hin zu Selbstmordabsichten auf. Gleichzeitig verringert sich die Bereitschaft, aktiv Hilfe zu suchen – ein fataler Teufelskreis.

Erstaunlicherweise denken viele Adipöse genauso schlecht über sich wie ihre Umwelt und haben daher nur ein geringes Selbstwertgefühl. Experten sprechen von einer Selbststigmatisierung oder Internalisierung des Adipositasstigmas. Dazu tragen die eigenen Erfahrungen mit Beleidigungen und Zurückweisungen bei, die von den Betroffenen als zusätzliche Stressoren empfunden werden. Selbst gegenüber anderen Adipösen herrschen die gleichen Vorurteile, so dass es ein unterstützendes Gruppengefühl unter Gleichbetroffenen offenbar selten gibt.

Nachteile im Job

Nachteile erfahren Menschen mit Adipositas in vielen Bereichen, beispielsweise in der Öffentlichkeit – beim Einkauf von Bekleidung, durch zu schmale Sitze in Kino, Flugzeug oder Bus – oder am Arbeitsplatz. Trotz vergleichbarer Eignung stellen Arbeitgeber stark Übergewichtige seltener ein, zahlen ein geringeres Gehalt und kündigen ihnen schneller. Schweren Menschen trauen die Verantwortlichen weniger Leistung zu und übertragen ihnen daher seltener Führungsverantwortung. Insbesondere dicke Frauen bekommen weniger angesehene Tätigkeiten angeboten und werden seltener für eine Beförderung vorgeschlagen als Normalgewichtige. So belegte eine Studie des deutschen Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) 2014, dass übergewichtige Frauen im Schnitt zwölf Prozent weniger verdienen als ihre normalgewichtigen Kolleginnen. Bei den Männern korrelierte dagegen Untergewicht mit einem schlechteren Einkommen.




Foto: Getty Images/Rick Elkins


Ob Adipöse Nachteile im Beruf erleben, hat auch den Europäischen Gerichtshof beschäftigt. Erst 2016 kam er zu dem Schluss, dass Adipositas eine Behinderung sein kann. Anlass war die Klage eines stark übergewichtigen Dänen, der als Tagesvater arbeitete und sich wegen seiner mutmaßlich gewichtsbedingten Kündigung diskriminiert sah. Der Europäische Gerichtshof orientierte sich bei der Entscheidung aber nicht am konkreten Gewicht und überließ es letztendlich den nationalen Gerichten, im Einzelfall über eine mögliche Diskriminierung zu entscheiden. Auf den ersten Blick erscheint die Gleichstellung von Adipösen und Behinderten empörend. Für die Betroffenen hätte das aber durchaus Vorteile, beispielsweise dürften sie bei der Einstellung oder Kündigung nicht benachteiligt werden. Allerdings könnte die Anerkennung von Adipositas als Diskriminierungsgrund auch die Vorbehalte von Arbeitgebern gegenüber einer Einstellung zusätzlich verschärfen. Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung hofft dagegen auf mehr Gerechtigkeit am Arbeitsplatz, da gegen Diskriminierungen aufgrund von Gewicht ebenso geklagt werden könnte wie aufgrund von Religion, Behinderung und Geschlecht.

Mehr Verständnis von Ärzten gefordert

Mehr Respekt und Toleranz im Umgang mit schwer übergewichtigen Menschen sind vor allem auch von Angestellten im Gesundheitswesen zu fordern. Der Bericht zu »Diskriminierungserfahrungen in Deutschland«, der 2017 im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erstellt wurde, macht deutlich, dass stark Übergewichtige gerade im Gesundheitsbereich Erfahrungen mit ­Diskriminierung machen. So berichten Betroffene vielfach, dass sie nicht angemessen untersucht oder behandelt wurden, Ärzte ihre Beschwerden ausschließlich auf das Gewicht zurückführten und Ärzte und Pflegepersonal sie herabwürdigend und vorurteilsbehaftet behandelten.

Eine Umfrage der Leipziger Adipositasexperten zeigte, dass nur 40 Prozent der Allgemeinmediziner das offensichtlich vorliegende Übergewicht eines Patienten oder eine Gewichtsreduktion thematisieren. Die befragten Ärzte gestehen selbst ein, dass es ihnen am Willen und der Geduld für eine Behandlung fehle, manche räumen eine Überforderung mit der Thematik ein und kürzen ihre Besprechungszeit mit dem Patienten aus diesem Grunde ab. Gravierender fiel das Ergebnis einer weiteren Befragung von Ärzten zu den Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten krankhafter Adipositas aus. 58 Prozent der Ärzte waren der Meinung, den Patienten fehle es an Willensstärke. Nur knapp 18 Prozent überwiesen sie zu einem Facharzt für eine bariatrische Operation. Dieser operative Eingriff wird jedoch in den Behandlungsleitlinien für krankhaftes Übergewicht dann empfohlen, wenn der BMI 40 oder darüber beträgt und Abnehmprogramme nicht erfolgreich waren. Liegen bereits Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor, ist die Magen- beziehungsweise Darmverkleinerung ab einem BMI von 35 denkbar. Für die Betroffenen ist eine solche Operation oft der letzte Ausweg und bedeutet eine lebenslange Umstellung der Ernährung sowie intensive Vorbereitung und Nachsorge.




Die US-amerikanische Sängerin Beth Ditto steht selbstbewusst zu ihren Maßen.

Foto: Picture Alliance/rtn


Kein Wunder, dass Adipöse sich von Ärzten oft unzureichend betreut fühlen, seltener an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen oder den Arztbesuch sogar ganz meiden. Scham über das ­eigene Gewicht, Hemmung sich auszuziehen oder berührt zu werden, spielen ebenso eine Rolle wie das Gefühl, unverstanden zu sein. Das birgt die ­Gefahr, dass Erkrankungen übersehen oder nicht rechtzeitig erkannt werden. Nach Ansicht der Experten aus Leipzig sollten schon Medizinstudenten und Pflegekräfte für den Umgang mit ­Adipösen sensibilisiert werden. Dazu gehört beispielsweise, sich mit den ­eigenen Vorurteilen auseinanderzu­setzen, feinfühlig mit dem Thema ­Gewicht, Figur oder Körperfett umzugehen, unabhängig vom vorliegenden Gewicht Wertschätzung zu vermitteln und keine voreiligen Rückschlüsse auf Gesundheit, Lebensstil oder die Persönlichkeit zu ziehen. Menschen in Gesundheitsberufen, auch Apotheker und PTA, tragen hier ebenso eine besondere Verantwortung.

Der Weg zu einem geringeren Körpergewicht ist nicht einfach und benötigt eine langfristige Veränderung des Lebensstils. Als erfolgversprechend in der Adipositastherapie gilt vor allem ein interdisziplinärer Ansatz. Dazu gehören Ernährungsberatung und die intensiv betreute Umstellung der Essgewohnheiten, Bewegungstherapie sowie bei Bedarf eine psychologische Beratung.

Persönlichkeit wertschätzen

Wichtig dabei ist, Menschen mit hohem Körpergewicht stark zu machen, sich selbst als Persönlichkeit zu akzeptieren. Auf diesem Weg gilt es, zu einer dauerhaften Verhaltensänderung zu motivieren, die langfristig mit gesunden Essgewohnheiten und ausreichend Bewegung einhergeht. Um Achtung und Akzeptanz gegenüber stark Übergewichtigen zu fördern, halten Forscher dabei auch den Ansatz für ­sinnvoll, die Bevölkerung über die vielschichtigen Ursachen für Übergewicht aufzuklären und bewusst zu machen, was es für Betroffene heißt, diskriminiert zu werden. Vor allem in der Beratung, beim Arzt oder in der Pflege ist ein reflektiertes, vorurteilsfreies und wertschätzendes Verhalten von besonderer Bedeutung. So lange Fettleibigkeit ausschließlich als eine Frage mangelnder Willensstärke gilt, wird sie auch angeprangert und abgewertet. Hier ist jeder gefordert, mehr Toleranz und Respekt zu zeigen. /


Zum Weiterlesen

www.kompetenznetz-adipositas.de

www.gewichtsdiskriminierung.de

www.adipositasstigma.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2019

 

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