Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

PTA-FORUM

Radioaktive Wolke

Was ist eine Iodblockade?


Von Martin Fieker / Nach der Atom-Katastrophe in Japan häufen sich hierzulande Fragen in der Bevölkerung rund um das Thema Iodtabletten: Was bedeutet eigentlich »Iodblockade«? Wann und wie viel Iod sollten Erwachsene, Jugendliche oder Kinder zu sich nehmen und wo bekommen sie es? Ist es aktuell in Deutschland nötig, Iodtabletten einzunehmen?

 

Anzeige

 

Iod ist ein essentielles Spurenelement. Der menschliche Organismus benötigt es täglich, aber nur in Mikrogramm-Mengen. Enthalten ist Iod beispielsweise in Mineralwasser und Fisch. Da Deutschland, insbesondere Süddeutschland, jedoch seit langem ein Iodmangelgebiet ist, wird zum größten Teil Speisesalz mit Iod versetzt.




Circa 60 km von diesem Kraftwerk Grohnde entfernt sind in Wunstorf in Niedersachsen Kaliumiodid-Tabletten eingelagert.

Foto: Thorsten Schier/Fotolia.com


Iod in der Medizin

Die Schilddrüse braucht ausreichende Iodmengen, damit die Schilddrüsenhormone T3 (Triiodthyronin), T4 (Thyroxin) und auch Diiodtyrosin gebildet werden können. Diese Hormone wiederum regeln zu einem großen Teil den menschlichen Energiestoffwechsel sowie das Wachstum einzelner Zellen und sind somit unverzichtbar. Äußerlich dienen Iod-haltige Zubereitungen als Desinfektionsmittel, meist als Povidon-Iod. Das radioaktive Iod-Isotop131 wird in der Radiologie zur Behandlung verschiedener Schilddrüsenerkrankungen eingesetzt. Bei einem Reaktorunfall wird unter anderem auch das radioaktive Iod-Isotop131 freigesetzt.

Nach Eintreffen einer radioaktiven Wolke am Wohnort nimmt der Organismus dieses radioaktive Spurenelement über die Atemluft auf. Danach wandert fast die gesamte Iodmenge in die Schilddrüse und wird dort gespeichert. Das Organ kann nicht zwischen nicht radioaktivem stabilem Iod und radioaktivem Iod unterscheiden. Diese »Blindheit« des Organs nutzen Mediziner bei der sogenannten Iodblockade. Sie führen der Schilddrüse vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke so viel Iod zu, bis sie absolut gesättigt ist und somit eine gewisse Zeit lang kein Radioiod mehr aufnehmen kann. Dadurch entsteht schlussendlich eine zeitlich begrenzte Iodblockade.

Dosierung nach Alter

Die für diese Iodblockade benötigte Dosierung liegt außerhalb jeder normalen Zufuhr und richtet sich nach dem Alter: Neugeborene sollen einmalig 12,5 mg Iodid, Kleinkinder vom 1. bis zum 36. Monat 25 mg Iodid, Kinder und Jugendliche von 3 bis 18 Jahren 50 mg Iodid und Erwachsene bis zum 45. Lebensjahr 100 mg Iodid beziehungsweise 130 mg Kaliumiodid erhalten. Eine Wiederholung dieser Dosis sollte nur nach ausdrücklicher Anordnung eines Arztes geschehen.


Rechenbeispiel: So viele Tabletten eines Handelspräparates müsste ein Erwachsener einnehmen

Einmaliger Bedarf von 100 mg Iodid als... 100 µg Tabletten 200 µg Tabletten 1,53 mg Depottabletten 
Theoretisch benötigte Tablettenanzahl 1000 Tabletten 500 Tabletten 65 Tabletten 
Hinweise Ungeeignet, da es kaum möglich ist so viele Tabletten auf einmal zu schlucken Ungeeignet, da es kaum möglich ist so viele Tabletten auf einmal zu schlucken Ungeeignet, da eine verzögerte Freisetzung besteht 

Auch sollten die Kalium­iodid-Tabletten möglichst 12 Stunden vor dem Auftreten der Strahlung eingenommen werden. Sollte gleichzeitig radioaktives Iod in die Schilddrüse gelangen, ist immer noch eine Wirksamkeit von circa 80 Prozent gegeben. Zwei Stunden nach Strahlenaufnahme sinkt die Wirksamkeit auf nur noch 40 Prozent ab. Später als acht Stunden nach Exposition haben die Tabletten praktisch keinen Einfluss mehr auf die Speicherung radioaktiven Iods. Möglicherweise ist dann die Einnahme sogar kontraproduktiv, weil sie den Abbau des Radio­iods in der Schilddrüse verlangsamen könnten und die Schäden somit noch gravierender ausfallen würden. Der Schutz durch die Kaliumiodid-Tabletten hält nur etwa 24 Stunden an, da Iod sehr schnell verstoffwechselt wird.

Sinnvolle Prophylaxe

Zur Prophylaxe eines Iodmangels beziehungsweise zur Behandlung von Strumen (Vergrößerungen der Schilddrüse, Kropf) sind in Deutschland Tabletten mit 100 bis 200 µg Iodid in Form von Kaliumiodid sowie Depottabletten mit 1,53 mg im Handel. Damit ist eine Blockade kaum zu erreichen, wie das Rechenbeispiel in der Tabelle für einen Erwachsenen zeigt.




Nur wenn die Behörden es anordnen, sollen Deutsche Iodtabletten einnehmen.
Foto: Schliemer/Fotolia.com

Ein Präparat, das sich zur Iodblockade eignet, produziert der Hersteller Gerot Lannach in Österreich mit einem Gehalt vom 65 mg Kaliumiodid pro Tablette. Da Lannach in einem Notfall die plötzliche starke Nachfrage nicht bewältigen könnte, hat die Strahlenschutzkommission für diesen Fall vorgesorgt: Im Jahr 2004 wurde der Altbestand an Iodtabletten gegen Kaliumiodid-Tabletten des österreichischen Herstellers ausgetauscht. Derzeit lagern circa 137 Mio. Kaliumiodid-Tabletten in Deutschland an sieben zentralen Standorten, meist in der Nähe eines AKW. Im Bedarfsfall werden diese durch die Katastrophenschutzbehörden freigegeben und an Apotheken oder andere Depots geliefert. Die Entscheidung über die Verteilung der Iodtabletten bei einem atomaren Unfall trifft gemäß Strahlenschutzvorsorgegesetz grundsätzlich der Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Wie im Einzelfall zu verfahren ist, entscheiden dann die für den Katastrophenschutz zuständigen Landesbehörden.

Nebenwirkungen beachten

Diese Informationen können PTA oder Apotheker an Kunden und Patienten weitergeben und sie vor der Selbstmedikation mit handelsüblichen Iodtabletten warnen. So rät auch Erika Fink, Präsidentin der Bundesapothekerkammer, in einer Presseinformation ausdrücklich von der Einnahme von Iodtabletten auf eigene Faust ab. Da die Medien vermehrt über »Hamsterkäufe« von Iodtabletten berichten, kommt PTA und Apotheker eine besondere Beratungs- und Informationspflicht zu.


Aktuelle Lage

In den ersten Tagen nach einem Atomunfall verursachen laut Bundesamt für Strahlenschutz vor allem die radioaktiven Isotope von Iod und Caesium gesundheitliche Schäden. Denn nur radioaktives Iod und Caesium werden gasförmig freigesetzt. Dagegen gelangen die weniger flüchtigen Isotope von Strontium und Plutonium als Stäube oder als Aerosole, also an Staubpartikel gebunden, in die Atmosphäre.

Aufgrund der Meldungen der WHO soll die in Japan frei gesetzte radioaktive Strahlung für Deutschland keine gesundheitlichen Folgen haben. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) dazu: »Die Einnahme und häusliche Bevorratung mit Kaliumiodid- Tabletten zum Schutz und zur Prophylaxe von Strahlenschäden aufgrund der Reaktor-Katastrophe in Japan ist derzeit rational nicht begründet und wird deshalb auch nicht empfohlen«.

Wer von einem Reaktorunglück betroffen ist, kann sich derzeit nur vor dem harmlosesten Element, dem radioaktiven Iod, schützen. Es hat eine biologische Halbwertszeit (HWZ) von 80 Tagen im menschlichen Körper, während Caesium137 eine HWZ von 110 Tagen und Strontium90 von 18 Jahren haben.


Die Anwendung hoher Dosen der in Deutschland zugelassenen Tabletten birgt eine Reihe von Risiken. Zum Beispiel wird Personen über 45 Jahren generell von der Einnahme als Iodblockade abgeraten, da ab diesem Alter die Gefahr schwerwiegender Schilddrüsenerkrankungen höher ist als das Strahlenrisiko durch Einatmen von radioaktivem Iod. Auch Menschen mit einer Schilddrüsenüberfunktion oder einer Iod­allergie sollten auf die prophylaktische Iod­einnahme verzichten. Als Alternative könnte der Arzt im Einzelfall Natriumperchlorat-Tropfen (wie Irenat®) verordnen, die zu einer kompetitiven Hemmung der Aufnahme von Iod führen. Doch auch bei angezeigter Indikation können Nebenwirkungen wie Schnupfen (Iodschnupfen), Hautausschläge, Halsschmerz und Fieber auftreten.

Zum Schluss noch ein paar klare Worte: Die Iodblockade schützt nur vor dem Iod-Isotop131, jedoch nicht vor anderen radioaktiven Nukliden beispielsweise von Caesium137, Strontium oder Plutonium. /


E-Mail-Adresse des Verfassers

martinfieker@yahoo.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2011

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2019 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=1603