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Dermatologie

Die Last der weißen Flecken


Von Edith Schettler / Manche Hautkrankheit juckt, brennt und schmerzt nicht und beeinträchtigt dennoch die Lebensqualität der Betroffenen, beispielsweise Vitiligo. Bei den Erkrankten wechseln sich scharf begrenzte, unpigmentierte Stellen mit normal gefärbter Haut ab. Weltweit leiden schätzungsweise 2 Prozent unter der Weißfleckenkrankheit und zwar unabhängig von der Hautfarbe.

 

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Ab und zu bedarf es des Engagements einer bekannten Persönlichkeit, um eine Krankheit plötzlich in den Fokus des öffentlichen Interesses zu rücken. So wurde der farbige US-Amerikaner Lee Thomas zum Botschafter und Hoffnungsträger für viele Vitiligo-Kranke. Im Jahr 2007 beschrieb der Showmaster in seinem Buch »Turning white. A Memoir of Change« seine eigenen Seelenqualen und Erfahrungen mit der Krankheit, die sein Leben veränderte. Er schilderte darin, wie Kinder vor seinem »monsterface« erschreckten, und ­Erwachsene zögerten, ihm die Hand zu geben. Nur in Interviews zeigt er sich manchmal ungeschminkt und wirbt um Verständnis für die unheilbare Hauterkrankung.




Trug Popstar Michael Jackson seinen legendären Handschuh nur, um eine Hautkrankheit zu verbergen?

Foto: picture-alliance


Der berühmteste Vitiligo-Patient war allerdings Michael Jackson. Viele kritisierten, bemitleideten oder belächelten ihn wegen seines Schönheitsideals. Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigen einige Fotos die typischen Pigmentstörungen an seinen Händen oder am Hals – Zeichen der Weißfleckenkrankheit. Jacksons Marotte, bei seinen Auftritten einen weißen Handschuh zu tragen, war wahrscheinlich keine modische Extravaganz, sondern diente vielmehr dazu, die unpigmentierte Haut an seinen Händen zu verbergen. Im Gesicht und am Oberkörper ließ er später die verbliebenen dunklen Hautpartien bleichen, was gemeinsam mit einigen Schönheitsoperationen zu seinem artifiziellen Äußeren beitrug. Nur sehr selten sprach er über seine Krankheit, sondern versuchte sein Leiden zu vertuschen. Damit förderte er allerdings Gerüchte, er lehne seine Hautfarbe ab.

Ursache und Wirkung

Bei an Vitiligo Erkrankten versagt die Melaninbildung in den Melanozyten. Diese Zellen liegen in der Basalzellschicht der Epidermis und den Haarfollikeln. Sie produzieren den braunen Hautfarbstoff Melanin, der die Hautfarbe und Bräunung der Haut nach UV-Bestrahlung verursacht.

Zunächst tritt die Störung nur punktförmig an einzelnen Körperstellen auf. Häufig breitet sie sich jedoch immer weiter aus, sodass größere, scharf begrenzte weiße Flecken entstehen. Auch die Haare auf den betroffenen Arealen bleichen aus.

Dermatologen unterscheiden zwei Formen der Vitiligo: die lokalisierte und die generalisierte. Im ersten Fall sind lediglich einzelne helle Hautstellen unsymmetrisch über den Körper verteilt. Die zweite Form ist wesentlich häufiger: Dabei ist der ganze Körper meist symmetrisch betroffen, oft an druckbelasteten Regionen wie Knöcheln, Knien, Ellenbogen und Fingern, aber auch an zugbelasteten Partien wie Augenlidern, Mundwinkeln und Achseln. Sogar Schleimhäute verlieren an Farbe.




Für Außenstehende nicht zu übersehen sind die weißen, scharf begrenzten Flecken auf der ansonsten normal pigmentierten Haut.

Foto: Fotolia/nadine


Angriff des Immunsystems

Zu den Ursachen der Pigmentstörung gibt es derzeit drei Hypothesen. Vielleicht laufen auch alle drei Prozesse gleichzeitig ab. Am wahrscheinlichsten ist, dass wie bei einer Autoimmunerkrankung das Immunsystem plötzlich die körpereigenen Melanozyten angreift und zerstört. Andere Forscher vermuten, dass Nervenzellen aufgrund von Stress sogenannte Neuropeptide freisetzen, die das Immunsystem aktivieren. Die Verfechter der dritten Hypothese gehen davon aus, dass oxidative Prozesse in den Zellen fehllaufen. Möglicherweise sind Enzymsysteme in ein Ungleichgewicht geraten, und in den Zellen fallen vermehrt toxische Radikale wie freie Peroxide an, die die Melaninsynthese stören.

Sehr wahrscheinlich wird die Disposi­tion zu Vitiligo vererbt, denn häufig treten in einer Familie mehrere Fälle auf. Meist bricht die Krankheit zwischen dem 10. und 30. Lebensjahr aus – oftmals nach psychischen Stresssituationen, extensiver Sonnenbestrahlung oder Verletzungen der Haut. Manche Betroffene berichten, sie hätten erste Hautveränderungen nach der Pubertät oder einer Schwangerschaft festgestellt. Bei einigen Patienten vergrößern sich die Flecken schubweise über einen Zeitraum von 10 bis 20 Jahren, danach kommt es häufig zu einem Stillstand, manchmal auch zu einer spontanen Remission der Erkrankung. Welchen Verlauf die Erkrankung nehmen wird, lässt sich durch keine Laborparameter vorhersagen.

Begleitende Erkrankungen

Bei manchen Patienten treten gleichzeitig noch weitere Autoimmunerkrankungen auf, die dann andere Organe betreffen. In diesen Fällen sprechen Mediziner vom Poly­glandulären Autoimmunsyndrom.

Laut Untersuchungen der Schweizer Psoriasis und Vitiligo Gesellschaft leiden bis zu zwei Drittel der Vitiligo-Patienten an einer Schilddrüsenerkrankung, beispielsweise an Morbus Basedow, einer Schilddrüsenüberfunktion, oder an Hashimoto-Thyreoiditis, einer Unterfunktion aufgrund einer chronischen Entzündung des Schilddrüsengewebes. Sehr viel seltener erkranken Vitiligo-Patienten zusätzlich an Diabetes mellitus Typ I, bei dessen Entstehung das Immunsystem ebenfalls eine bedeutende Rolle spielt, weil sich Immunzellen gegen die B-Zellen des Pankreas richten.

Ein äußerst geringer Teil der Patienten mit Vitiligo erkrankt zusätzlich an Morbus Addison, sodass die Nebennierenrinden lebenswichtige Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol, Aldosteron und Sexualhormone nicht mehr produzieren. In Einzelfällen entwickelt sich eine perniziöse Anämie als Folge der Weißfleckenkrankheit, bei der ein Mangel an Vitamin B12 und Folsäure zu einer verminderten Erythrozytenzahl führt. Um mögliche Folge- oder Begleiterkrankungen frühzeitig zu erkennen, sollten Vitiligo-Patienten Vorsorgeuntersuchungen besonders ernst nehmen. So sollte der behandelnde Arzt in regelmäßigen Abständen unter anderen die Laborwerte für die Schilddrüsenhormone und verschiedene Blutzellen bestimmen lassen sowie den Blutzucker kontrollieren.

Risiko und Nutzen der Sonne

Die Tatsache, dass die Haut für die Umwandlung von 7-Dehydrocholesterin (Provitamin D) in Vitamin D Sonnenlicht benötigt, ist bekannt. Das Vitamin fördert die Resorption von Calcium aus dem Dünndarm und dessen Einbau in die Knochen, außerdem ist es wichtig für die Infektabwehr. Sonne in Maßen steigert auch das psychische Wohlbefinden.



Um die Haut vor den schädlichen Wirkungen der UV-Strahlung zu schützen, bilden die Melanozyten bei jedem Sonnenbad den braunen Hautfarbstoff Melanin. Ohne Melanin bekommen Vitiligo-Patienten an den unpigmentierten Hautstellen viel schneller einen Sonnenbrand. Sonnencremes mit einem UV-B-Lichtschutzfaktor von mindestens 50 und UV-A-Filtern sind daher für sie unverzichtbar. Außerdem verhindern die Cremes, dass noch pigmentierte Areale zu stark bräunen und sich so der Kontrast zu den unpigmentierten Stellen verstärkt.

Einzelne Bereiche des Sonnenlichtes nutzen Hautärzte jedoch für die Therapie der Vitiligo. Spezialisierte Dermatologen behandeln Patienten mehrere Monate lang mit der Schmalspektrum-Phototherapie, das heißt, sie bestrahlen die Hautflecken mit UV-B-Licht im Wellenlängenbereich von 311 nm, nahe dem Grenzbereich zum UV-A-Licht. Die Phototherapie kann mit Bädern, Tabletten oder Cremes kombiniert werden, die Psoralen oder Khellin enthalten und wie bei der Therapie der Schuppenflechte auch bei Vitiligo immunmodulierend in das Geschehen eingreifen sollen. Ebenso kommt der Wirkstoff Pseudokatalase (PC-KUS, derzeit ohne Zulassung) in Verbindung mit UV-Licht zum Einsatz. Er ähnelt in seiner Struktur und Funktion der menschlichen Katalase, kann jedoch im Unterschied zu dieser die Hautbarriere überwinden. Er baut freies Peroxid in den Melanozyten ab und ermöglicht so wieder die Synthese von Melanin. Eine Repigmentierung der Haut kann nach wenigen Wochen eintreten, dieser Effekt bleibt aber nicht zwangsläufig nach Beendigung der Therapie bestehen.

Weitere Therapiemöglichkeiten

Trotz vorhandener Therapieansätze ist ­Vitiligo bisher grundsätzlich nicht heilbar. Ziel der Behandlung ist es, die fortschreitende Depigmentierung zu unterbinden und eine möglichst lang anhaltende und komplette Repigmentierung zu erreichen. Meist gelingt das nur durch die Kombination verschiedener Verfahren.




Cremes mit dem Extrakt aus gelben Melonen oder Camouflage-Produkte sind mögliche Empfehlungen aus der Apotheke.

Fotos: Fotolia/ExQuisine; Vichy (oben)


Kurzfristigen Erfolg erzielen Dermatologen bei Vitiligo-Patienten mit Kortikoiden, entweder topisch oder als systemische, hochdosierte Stoßtherapie eingesetzt. Die Substanzen bremsen das überaktive Immunsystem in der Basalzellschicht der Haut. Weil topische Kortikoide aber nach mehrmonatiger Anwendung zu einer irreversiblen Hautatrophie, der »Pergamenthaut«, führen, ist eine Langzeittherapie damit nicht möglich.

Für die Anwendung im Gesicht und am Hals bevorzugen Hautärzte Calcineurin-Inhibitoren wie Pimecrolimus und Tacrolimus als Creme beziehungsweise Salbe, weil diese Arzneimittel das überaktive Immunsystem hemmen. Allerdings sind die Präparate nicht für die Indikation Vitiligo, sondern nur für die Therapie der Neurodermitis zugelassen. Nach mehreren Monaten kann die Pigmentbildung erneut in Gang kommen. Ob das Ergebnis nach Absetzen der Medikamente anhält, ist nicht vorhersehbar. Auf Armen und Beinen wirken Calcineurin-Inhibitoren nicht.

Ein relativ neues Verfahren ist die ReCell-Therapie: Aus gesunden Hautbereichen gewinnt der Dermatologe Melanozyten und sprüht sie auf die mit einem Laser vorbehandelten weißen Hautstellen. In diese vorbehandelte Haut wandern die Melanozyten ein. Anschließend werden die Stellen über mehrere Monate mit Schmalspektrum-UV-B-Licht bestrahlt, um die Melaninproduktion anzuregen. Langzeitergebnisse gibt es noch nicht, dafür ist das Verfahren zu jung.

Eine Alternative zur Repigmentierung ist das Bleichen der dunkleren Hautbereiche, wie es Michael Jackson tat. Dermatologen beurteilen diese Therapieoption sehr kritisch. Der Verlust der Hautfarbe könne auch zu einem Verlust der Identität führen, was die psychischen Probleme des Patienten noch verstärken würde. Bleichen käme nur dann in Betracht, wenn die unpigmentierten Areale mehr als 80 Prozent der gesamten Hautoberfläche einnehmen.

Falls möglich sollten Vitiligo-Patienten ihren Urlaub am Toten Meer verbringen, da das besondere Klima und die Mineralien des Wassers sich positiv auf die Repigmentierung auswirken. Die Dunstglocke über dem Wasser des Toten Meeres ist reich an Mineralien und filtert so schädliche Anteile des Sonnenlichts heraus. Dieses einmalige Lichtspektrum regt die Haut zur Pigmentbildung ohne die Gefahr eines Sonnenbrands an.

Hilfe aus der Apotheke

PTA und Apotheker können Betroffenen raten, einzelne weiße Areale im Gesicht und am Hals zu kaschieren. Einige Kosmetikhersteller bieten apothekenexklusiv Camouflage-Produkte an, die durch ihre starke Deckkraft einem Make-up deutlich überlegen sind. Die Patienten können aus einer Vielzahl von Farben wählen und diese auch mischen. Die Farbpigmente sind gut hautverträglich, wasser- und schweißfest und haften sicher über 24 Stunden auf der Haut.

Außerdem können PTA und Apotheker Vitiligo-Patienten auch Ernährungstipps geben. Manche Lebensmittel, vor allem aber auch spezielle Nahrungsergänzungsmittel können dem oxidativen Stress in den Melanozyten entgegenwirken. Antioxidative Substanzen wie Alpha-Liponsäure, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, Betacarotin (nicht für Raucher!), Folsäure sowie die Vitamine B12, C und E fangen freie Radikale ab. Auch pflanzliche Wirkstoffe besitzen antioxidative Eigenschaften, beispielsweise Melonenextrakt, der Katalase und Superoxiddismutase enthält. Beide Enzyme spalten Peroxide. Die Enzyme sind sehr empfindlich, weshalb sie in einem speziellen technischen Verfahren in Mikropartikeln in einem Gel eingeschlossen werden. Sobald der Patient das Gel auf der Haut verreibt, zerplatzen die Partikel durch die Wärme und den Druck der Finger und geben die Enzyme frei (Vitix® Gel). Vor ein paar Jahren dokumentierten indische Ärzte in einer kleinen Studie mit 20 Patienten eine Repigmentierung der Haut durch den Einsatz von Ginkgo-biloba-Extrakt, der ebenfalls antioxidativ wirkt.

Abraten sollten PTA und Apotheker den Patienten von Selbstbräunern. Die künstlich erzeugte Bräune weicht in der Regel von der natürlichen Hautfarbe so sehr ab, dass sich neue unerwünschte Farbeffekte einstellen. Oft führt die Anwendung nur zu einer langen Reihe an Selbstversuchen.

Dagegen sind homöopathische Mittel bei Vitiligo einen Versuch wert. Allerdings sollten die Patienten nur erfahrene Heilpraktiker oder Fachärzte konsultieren, die abhängig vom Persönlichkeitstyp das entsprechende Mittel auswählen.

Ein Problem kennen fast alle gesetzlich versicherten Patienten: Die Kosten für zahlreiche Therapieverfahren der Weißfleckenkrankheit, beispielsweise die Phototherapien, übernimmt ihre Krankenkasse nur in wenigen Fällen. Der Gemeinsame Bundesausschuss bestimmt in Form von Richtlinien den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen, viele Therapieansätze bei Vitiligo gehören nicht dazu. /


E-Mail-Adresse der Verfasserin

e_schettler@freenet.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2011

 

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