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Krätze

Nachts ist der Juckreiz am stärksten


Von Ute Koch / Die Krätze gehört keinesfalls der Vergangenheit an. Ganz im Gegenteil, heute erkranken insbesondere Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Ein verbreiteter Irrtum ist, die juckende Hautkrankheit sei ein Problem mangelnder Hygiene. Sie befällt auch gepflegte Menschen und ist hoch ansteckend.

 

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Die Übeltäter der Krätze (Skabies, Scabies) sind weibliche, befruchtete Krätzmilben. Ihr Tatort ist die Hornschicht (Stratum corneum), die äußerste Schicht der Oberhaut (Epidermis). Dort graben sie sich hinein und bilden bis zu 2,5 Zentimeter lange Kanälchen (Milbengänge), in denen sie Eier und Kot ablegen. Um die Oberhaut zu durchdringen, benötigen die Weibchen maximal eine halbe Stunde. Bei Menschen mit sehr hellem Teint sind die komma- oder wellenartig gewundenen Milbengänge mit bloßem Auge sichtbar, da der Kot sie dunkel färbt. Die Weibchen wählen bevorzugt Areale aus, an denen die Hornschicht sehr dünn und zart ist. Hierzu gehört zum Beispiel die Haut zwischen den Fingern und Zehen, an den Handgelenken und Ellenbeugen, am inneren Fußrand, am Hof der Brustwarzen und im Genitalbereich. Selten befallen die Milben Rücken, Kopf und Nacken. Bei Säuglingen und Kleinkindern hingegen kann die Scabies auch auf der Kopfhaut und im Gesicht auftreten.




Im Stratum corneum, der äußersten Schicht der Epidermis, graben die weiblichen Krätzmilben ihre Gänge und legen Eier ab, nachdem sie befruchtet wurden.

Grafik: PZ/Wosczyna



Die Krätzmilbe (Sarcoptes scabiei var. hominis) gehört zu den Spinnentieren. Mit ihren Mundwerkzeugen ernährt sie sich von Hautpartikeln, Zellflüssigkeit und Lymphe. Die Weibchen leben vier bis acht Wochen. Während dieser Zeit produzieren sie täglich zwei bis vier Eier, doch aus weniger als 10 Prozent entwickeln sich nach 10 bis 14 Tagen erwachsene, fortpflanzungsfähige Tiere. Männchen graben keine Gänge, sie suchen nach unbefruchteten Weibchen. Ihr Leben endet kurz nach deren Begattung. Mit einer Länge von maximal 0,5 Millimeter ist die weibliche Krätzmilbe für das menschliche Auge gerade nicht sichtbar, die männlichen Vertreter überhaupt nicht, denn sie sind deutlich kleiner. Außerhalb des menschlichen Körpers überleben die Parasiten bei Temperaturen um 18 °C etwa ein bis vier Tage. Unter besonders günstigen Bedingungen, das heißt, bei Temperaturen um 12 °C und hoher Luftfeuchtigkeit können sie maximal zwei Wochen existieren. Trockenheit vertragen Krätzmilben gar nicht, auch keine hohen Temperaturen: Bei 34 °C überleben sie nicht einmal 24 Stunden.

Von Mensch zu Mensch

Krätzmilben werden überwiegend durch direkten Körperkontakt übertragen, nur selten indirekt über Textilien, Kuscheltiere oder andere gemeinsam benutzte Gegenstände. Wie groß das Infektionsrisiko ist, hängt zum einen davon ab, wie stark die infizierte Person befallen ist, zum anderen von der Intensität und der Dauer des Kontaktes. Am häufigsten werden die Milben beim Spielen, Kuscheln, bei Sexualkontakten sowie der Kranken- und Altenpflege übertragen. So erkranken in Mitteleuropa überwiegend Kinder, Mütter, sexuell aktive Erwachsene und immunsupprimierte Patienten an Krätze. Regelrechte Epidemien sind aus Kindergärten, Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern Einrichtungen für Behinderte, Obdachlosenasylen und Gefängnissen bekannt. Das größte Problem sind die Pflegeeinrichtungen: Sie sind in den Industrienationen ganz wesentlich für die zunehmende Verbreitung der Scabies verantwortlich.

Typische Hautreaktionen

Die Betroffenen klagen anfangs über ein leichtes Brennen auf der Haut und zumeist über einen äußerst intensiven Juckreiz. Dieser ist üblicherweise in der Nacht – insbesondere in den drei ersten Stunden des Schlafes – stärker ausgeprägt als am Tag. Außerdem charakteristisch sind stecknadelkopfgroße, mit klarer Flüssigkeit gefüllte Bläschen (Vesikel), gerötetete Knötchen (Papeln) und Eiterbläschen (Pusteln). Diese Hautveränderungen können einzeln oder gruppiert auftreten.



Bei manchen Menschen überzieht der Hautausschlag auch den gesamten Körper als Folge einer Sensibilisierung durch Milbenantigene. Außerdem schädigt das durch den Juckreiz ausgelöste Kratzen die Haut. Auf derart verletzter Haut besteht die Gefahr bakterieller Sekundärinfektionen, vor allem ausgelöst durch grampositive Bakterien wie Streptokokken oder Staphylokokken. Selten, aber gefürchtet, sind systemische bakterielle Komplikationen wie das rheumatische Fieber und eine Entzündung der Nierenkörperchen (Glomerulonephritis).

Eine schwere Sonderform der Scabies ist die Scabies norvegica sive crustosa. Sie tritt überwiegend bei immunsupprimierten Menschen auf. Weil sich bei ihnen die Milben ungehemmt vermehren können, wird der Milbenbefall immens und dadurch die Ansteckungsgefahr extrem hoch. Das Hautbild der Patienten ähnelt dann dem einer großflächigen Schuppenflechte (Psoriasis), der typische Juckreiz fehlt jedoch häufig.

Immunsystem beteiligt

Gemäß derzeitigem Wissen basieren die Hautveränderungen auf einer verzögerten Immunreaktion, einer Typ-IV-Reaktion, gegen Milbenantigene. Diese Theorie erklärt, warum bei der Ersterkrankung Juckreiz und Knötchen erst vier bis fünf Wochen nach dem Milbenbefall auftreten und bei einer Zweit­erkrankung bereits nach ein bis zwei Tagen. Auch ist bekannt, dass Scabies­patienten mit intaktem Immunsystem eine zumindest teilweise Immunität entwickeln. Trotzdem hinterlässt Scabies keinen generellen Schutz vor einer wiederholten Infektion. Immunreaktionen werden auch dafür verantwortlich gemacht, dass Juckreiz auch außerhalb der befallenen Hautareale auftritt und/oder noch Tage bis Wochen nach Abklingen der Krätze anhält.

Die ärztliche Diagnose

Die Symptome der Krätze sind nicht immer eindeutig. Ganz allgemein können sie mit denen anderer Hauter­krankungen, zum Beispiel mit Neurodermitis oder einer Kontaktallergie verwechselt werden. Nennenswert ist auch, dass die Symptome bei Menschen mit gepflegter Haut häufig nur schwach ausgeprägt sind. Bei polymorbiden, älteren Menschen überdecken oftmals die Symptome anderer bestehender, chronischer Hautkrankheiten die Scabies. Dies sind nur einige Gründe von vielen, weshalb nur der Dermatologe Klarheit verschaffen kann: durch den Nachweis der Milben, ihrer Larven sowie ihres Kots. Hierzu schabt er über einem Fraßgang liegende Haut ab und untersucht sie mikroskopisch oder sendet die Hautprobe an ein auf Parasiten spezialisiertes Labor.



Das in Deutschland am häufigsten eingesetzte Skabizid ist Permethrin, das auch bei Kopflausbefall indiziert ist. Bei Scabies ist der Wirkstoff als rezeptpflichtige, fünfprozentige Creme (wie in Infectoscab®) auf dem Markt. Die Creme müssen die Patienten – mit Ausnahme des Kopfes und der Schleimhäute an Körperöffnungen – sorgfältig auf der Haut des gesamten Körpers verteilen, idealerweise abends. Die Reste der Creme werden unmittelbar am nächsten Morgen, nach der Mindest­einwirkzeit von acht Stunden, abgewaschen. Lediglich bei Kindern unter zwei Jahren und bei Menschen ab 65 sind auch das Gesicht, die Ohren und die Kopfhaut mitzubehandeln.

Die einmalige Applikation reicht in der Regel aus. Allerdings dauert es manchmal auch nach erfolgreicher Therapie Tage bis Wochen, bis die Hautveränderungen und der Juckreiz vollständig abgeklungen sind. Treten jedoch zwei Wochen nach der Erstbehandlung immer noch neue Papeln oder Milbengänge auf, weist dies auf weiterhin aktive Milben hin. Dann muss der Patient die Permethrin-Behandlung wiederholen. Unter strenger Abwägung von Nutzen und Risiko verordnen Hautärzte den Wirkstoff auch Säuglingen ab zwei Monaten, Schwangeren und Stillenden.

Weitere Skabizide

Als ein Mittel der zweiten Wahl gilt Benzylbenzoat (Antiscabiosum® 25 % oder 10 % für Kinder). Es ist sehr gut wirksam, erfordert aber eine mehrmalige, äußerst zeitintensive Behandlung. Crotamiton (wie in Eraxil®) und Schwefelrezepturen haben aufgrund ihrer schwächeren Wirksamkeit eine untergeordnete Bedeutung. Ärzte verordnen Patienten mit extrem problematischem Krankheitsverlauf das orale Breitbandanthelminthikum Ivermectin. Allerdings ist die Substanz in Deutschland nicht für die Indikation Krätze bei Menschen zugelassen. Ein Medikament mit dem Wirkstoff muss die Apotheke aus dem Ausland importieren.




Die zarte Haut zwischen den Fingern und den Zehen oder auch die Leistengegend ist besonders häufig von Krätzmilben (oben) besiedelt, weil die Tiere warme hornhaut­arme Stellen bevorzugen.

Fotos: your photo today, Professor Dr. Gerd Plewig (unten)


Damit sie ihre Haut nicht ständig aufkratzen und um bakterielle Sekundärinfektionen zu verhindern, sollten die Patienten ihre Fingernägel kurz halten und sorgfältig reinigen. Kleidungsstücke, Bettwäsche, Handtücher und andere Textilien müssen sie täglich wechseln und bei mindestens 60 °C waschen. Bei diesen Temperaturen nicht waschbare Gegenstände, zum Beispiel Plüschtiere sowie die Manschetten des Blutdruckmessgeräts sollten sie 14 Tage lang in einem geschlossenen Plastikbeutel aufbewahren. Bei Zimmertemperatur und sehr trockener Luft sind darin die Milben nach zwei Wochen sicher gestorben. Auch das Einfrieren bei Temperaturen unter minus 10 °C führt zum Erfolg. Teppiche und Polster sollten intensiv gesaugt und Staubsaugerbeutel mit Handschuhen gewechselt werden.

Grundsätzlich sollten alle Kontaktpersonen eines Scabiespatienten, insbesondere Familienmitglieder, Partner, Spielgefährten, Pflegepersonal und Mitbewohner im Heim, schnellstmöglich von einem Hautarzt untersucht und – falls nötig – mitbehandelt werden. Außerdem dürfen Erkrankte weder in Einrichtungen, in denen überwiegend Säuglinge, Kinder oder Jugendliche, ältere Menschen oder Behinderte betreut werden, arbeiten noch diese besuchen. Diese Vorsichtsmaßnahmen werden sogar schon bei einem begründeten Verdacht auf einen Befall mit Krätzmilben erforderlich. Sind Mitarbeiter oder Bewohner öffentlicher Einrichtungen sowie von Heimen erkrankt, muss dies unverzüglich dem zuständigen Gesundheitsamt gemeldet werden.

Weitere Informationen zu den vielen Aspekten des Krätzmilbenbefalls finden Interessierte auf der Website des Robert-Koch-Institutes mit der ­Adresse www.rki.de unter der Rubrik »Infektionskrankheiten von A – Z«. /


E-Mail-Adresse der Verfasserin

ute.koch@berlin.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2012

 

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