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Darmerkrankungen

Behandlung mit Parasiten


Von Annette Immel-Sehr / Wurmparasiten im menschlichen Darm sind so alt wie die Menschheit. Lässt sich ihre Wirkung auf das Immunsystem ihres Wirts möglicherweise gezielt zur Behandlung von Autoimmunkrankheiten beim Menschen nutzen? Diese Idee ist so abwegig, wie sie zunächst scheint, nicht. Erste Erfolge bei Morbus Crohn-Patienten machen jedenfalls Hoffnung.

 

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Vor allem dem sauberen Trinkwasser und der hygienischen Nahrungsmittelproduktion ist es zu verdanken, dass in den Industrieländern kaum noch ein Kind an Wurminfektionen erkrankt oder gar stirbt. Während solche Infektionskrankheiten hierzulande immer seltener geworden sind, nehmen andere Erkrankungen zu, zum Beispiel Autoimmunkrankheiten.




Wurmparasiten wie der Peitschenwurm (Trichuris trichiura) verursachen nicht nur Schaden: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sie ihren Wirt auch vor Autoimmunerkrankungen schützen können.

Foto: dpa


Arbeits-Hypothese

Wissenschaftler haben sich gefragt, ob es hier einen Zusammenhang gibt. Könnte es sein, dass die verbesserten hygienischen Bedingungen eine Ursache für die neuen Autoimmunkrankheiten sind? Lassen sich solche Erkrankungen möglicherweise bekämpfen, indem man die verschwundenen Wurmparasiten wieder einführt? Die Frage klingt befremdlich. Doch wenn harmlose Wurmparasiten über Jahrtausende im Menschen lebten, wird die Evolution dafür gesorgt haben, dass der Mensch mit der Anwesenheit dieser Wurmschmarotzer zurechtkommt und umgekehrt der Wurm sich dieser Umgebung perfekt angepasst hat, um im Wirt möglichst lange zu überleben. Außerdem profitiert der Parasit davon, wenn sein Wirt möglichst lange lebt.

Darmerkrankungen selten

Einige Beobachtungen sprechen dafür, dass Wurmparasiten nicht nur schaden, sondern auch nützen können. Beispielsweise verzeichnet man unter den Indianern in den USA die höchste Infektionsrate mit Wurmparasiten – gleichzeitig leiden sie seltener an Autoimmunkrankheiten. Latinoamerikaner, die in Südamerika aufgewachsen sind, haben nur sehr selten Darmerkrankungen. Ihre in den USA geborenen Kinder, die meist unter besseren sanitären Verhältnissen groß werden, sind deutlich häufiger betroffen.

Auch in Deutschland haben Autoimmunerkrankungen mit der besseren Hygiene zugenommen – noch vor hundert Jahren waren entzündliche Darmerkrankungen wie die Colitis ulcerosa hierzulande sehr selten.

Die als Schmarotzer lebenden Würmer bezeichnen Mediziner als Helminthen. Diese sind nicht mit Regenwürmen oder anderen Würmern zu vergleichen. Sie haben eine ganz andere Evolution durchlaufen. Einige Arten der Wurmschmarotzer sind sehr gefährlich für den Wirt. Beim Menschen können sie schwere Schmerzen und Durchfälle hervorrufen, in die Lunge oder Leber eindringen oder Blasenkrebs begünstigen. Bei aller Gefahr, die von einigen Helminthen ausgeht, ist doch eine Vielzahl von Arten ungefährlich. Sie können wie die Darmbakterien im menschlichen Darm unbemerkt leben, ohne dem Wirt zu schaden. Wissenschaftler versuchten nun, solche harmlosen Darmparasiten auf kontrollierte Art und Weise wieder einzuführen und ihre Wirkung auf das Immunsystem zu testen.

Die Arbeit begann zunächst mit Tierversuchen. Dafür eignete sich ein spezieller Mäusestamm, bei dem die Tiere im Laufe ihres Lebens eine entzündliche Darmerkrankungen entwickeln. Diese Mäuse infizierten die Forscher mit mäusespezifischen Darmwürmern. Sehr schnell zeigte sich, dass die Tiere keine Darmerkrankungen mehr entwickelten. Zur Überprüfung ihrer Hypothese wählten die Wissenschaftler einen für Menschen ungefährlichen Peitschenwurm aus, der typischerweise Schweine befällt. Sein zoologischer Name lautet Trichuris suis. Der Wurm kann lange im menschlichen Darm leben, gelangt aber nicht ins Blut und verursacht keine Beschwerden.

Mutige Testpersonen

Als freiwillige Versuchsperson fand sich ein Morbus-Crohn-Patient. Er nahm eine Mischung aus 2500 mikroskopisch kleinen Eiern in einem Fitnessdrink zu sich. Etwa sechs Wochen nach Verabreichung – so lange dauert es, bis die Würmer herangereift sind – besserten sich die Beschwerden des Patienten deutlich, Nebenwirkungen traten nicht auf. Es folgten Versuche mit weiteren erkrankten Testpersonen, die alle zu einem positiven Ergebnis führten.




In Zukunft könnten Patienten mit Wurmeiern behandelt werden.

Foto: CDC/Melvin


Schließlich wagten die Forscher eine Studie mit 29 Morbus-Crohn-Patienten, denen sie über sechs Monate hinweg alle vierzehn Tage lebende Eier verabreichten. Am Ende der Versuchsdauer besserten sich die Beschwerden bei 80 Prozent von ihnen und bei 72 Prozent waren sie sogar vollständig verschwunden. Diese Rate ist höher, als durch einen Placeboeffekt zu erwarten gewesen wäre. Über Nebenwirkungen klagte keiner der Patienten. Ein weiterer Test fand mit 54 Colitis-ulcerosa-Patienten statt: Etwa die Hälfte erhielt ein Placebo, was bei 17 Prozent dieser Gruppe nach zwölf Wochen den Zustand verbesserte. Gleichzeitig berichteten aber 43 Prozent der Gruppe, die mit Wurmparasiten behandelt worden waren, ihre Beschwerden hätten sich gebessert.

Derzeit laufen einige klinische Studien, bei denen Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen mit darmbewohnenden Würmern behandelt werden. Schon heute lässt sich feststellen, dass die Therapie unbedenklich und effektiv ist. So wundert es nicht, dass mehrere Pharmafirmen derzeit dabei sind, ­T.-suis-Eier zu einem Medikament weiterzuentwickeln. Sowohl die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA als auch die Europäische Medizinagentur EMA haben dem Produktions­prozess und weiteren Tests zugestimmt. In Deutschland wurde beispielsweise mit einer multizentrischen Studie begonnen, in deren Rahmen 300 Morbus-Crohn-Patienten behandelt werden sollen.

Wurm-Pharmakologie

Vor allem drei Effekte scheint ein Wurm im Immunsystem seines Wirtes auszulösen: Erstens aktiviert er offenbar sogenannte regulatorische T-Zellen. Diese Zellen dämpfen die Abwehr­reaktionen des Körpers und gleichzeitig auch die Autoimmunreaktionen, indem sie die Produktion regulatorischer Substanzen wie Interleukin-10 und TGF-Beta stimulieren. Zweitens scheinen die Würmer aber auch mit zwei weiteren Zelltypen direkt in Wechselwirkung zu treten – den regulatorischen dendritischen Zellen und den Makrophagen. Beide verhindern die Produktion von Effektor-T-Zellen, die im Normalfall Entzündungsreaktionen und weitere krankheitsfördernde Prozesse hervorrufen. Diese beiden durch die Wurmparasiten ausgelösten Effekte scheinen unabhängig voneinander vor Autoimmunreaktionen zu schützen.

Zum Dritten verändern die Würmer offenbar die Bakterienflora im Darm. Versuche mit Mäusen haben gezeigt, dass die Parasiten vor allem das Wachstum der als »probiotisch« eingestuften Bakterien fördern – was womöglich dazu beiträgt, die Darmgesundheit insgesamt zu erhalten.

Risiken abwägen

Die Wirkung der parasitären Würmer auf das menschliche Immunsystem zu kennen, hilft den Forschern im Umkehrschluss auch, Mechanismen zu verstehen, die zur Entwicklung von Autoimmunerkrankungen führen. In der Zukunft könnten sie daher gezielt chemisch definierte Arzneistoffe gegen diese Krankheiten entwickeln.

Sorgen macht Kritikern, dass die Wurmparasiten die Abwehrkräfte der Patienten insgesamt schwächen und sie damit anfälliger für gefährliche Infektionskrankheiten machen könnten. Die Gefahr besteht angesichts des Wirkungsmechanismus tatsächlich. Allerdings halten die Wissenschaftler sie für eher theoretischer Natur. Solange der hohe hygienische Standard hierzulande gehalten wird, dürfte die Gefahr vernachlässigbar sein. Autoimmunerkrankungen sind meist schwere Erkrankungen, die sogar tödlich verlaufen können. Auch gängige Medikamente können schwere Nebenwirkungen hervorrufen. Stellt man dem gegenüber, dass eine Wurmkur bei nur geringen Nebenwirkungen wirksam ist, scheinen die Vorteile des Parasiteneinsatzes die Risiken deutlich zu überwiegen.

Die Forscher haben die Hoffnung, auch andere Autoimmunerkrankungen durch Wurmparasiten im Darm positiv beeinflussen zu können. Es laufen bereits Versuche zur Behandlung von multipler Sklerose. In nächster Zeit soll auch die Wirkung gegen Colitis ulcerosa, Schuppenflechte und Typ-1-Diabetes untersucht werden. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2012

 

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