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Brennnessel

Zum Auspeitschen bei Rheuma


Von Ernst-Albert Meyer / Wegen ihrer »brennenden« Eigenschaften erregte die Brennnessel schon frühzeitig die Aufmerksamkeit der Menschen. So ist sie seit der Antike als Heilmittel und als Zauberpflanze bekannt und in fast allen Kräuterbüchern beschrieben. Noch heute werden Blätter, Kraut und Wurzeln sowie daraus hergestellte Phytopharmaka bei verschiedenen Indikationen mit Erfolg eingesetzt.

 

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Der Begriff Nessel ist sehr alt und lässt sich in mehreren westgermanischen Sprachen nachweisen. Wahrscheinlich besteht ein Zusammenhang mit dem Wort »Netz«, da die Menschen schon früh aus den Nesseln Gewebe – die feinen Nesselstoffe – herstellten.




Unbeliebt sind Brennnessel-Pflanzen wegen ihrer Brennhaare, die bei Berührung schmerzende rote Quaddeln auf der Haut verursachen.

Foto: Ullrich Mies


Sowohl die Große Brennnessel (Urtica dioica) als auch die Kleine Brennnessel (Urtica urens) sind weltweit verbreitet. Die Bezeichnung »Urtica« beziehungsweise »urens« ist vom lateinischen urere (= brennen) abgeleitet. Schon der Römer Plinius (23 bis 79) schrieb: »Merkwürdig ist, dass ohne irgendeinen Stachel die Wolle (der Nessel) selbst Schaden bringt und dass durch eine noch so leichte Berührung Jucken und alsbald einem Brandmale ähnliche Blasen entstehen…« Diese Erfahrung hat sicher jeder bereits als Kind gemacht. Der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh.) empfahl die Brennnessel gegen vielerlei Beschwerden: krebsartige Geschwüre, brandige Wunden, Furunkel, Verrenkungen, geschwollene Drüsen, Nasenbluten, Brustfell- und Lungenentzündung, Asthma und bei Hundebiss. Weiterhin schrieb er, die Brennnessel wirke menstruationsfördernd, erweichend, wind- und harntreibend. Der berühmte Arzt Paracelsus (1493 bis 1541) schätzte die Brennnessel als Heilpflanze ebenfalls sehr. Er empfahl: »Der Saft von der Wurzel und dem Kraut soll mit Ziegenmolken gemischt werden. Jeden Morgen und jede Nacht soll man einen Trunk davon nehmen. Wenn einer den Saft trinkt, so lockt dies das Blut hervor, so dass man fest schwitzt. Der Nesselsaft ruft auch die Menstruation hervor, wenn er mit Myrrha gemischet, am Ende der Wirbelsäule aufgelegt wird. Honig der Nessel wird hergestellt, indem man Honig entschäumt und mit dem Samen der Nessel sowie dem Nesselsaft oder stattdessen mit gutem Wein kocht. Dies ist eine große Arznei bei Schmerzen in der Herzgegend, bei Pleuresis (Rippenfellentzündung) und Husten.« Der Kräuterbuch-Autor und Arzt Leonhart Fuchs (1501 bis 1566) ergänzte eine weitere Indikation: »Die Nessel in die Laug gelegt, vertreibt das haarausfallen.« Die Blätter mit Bärenschmalz angestoßen und auflegt seien ein gutes Mittel »…zu dem podagra (Gicht) und allerley weetagen der Glieder.« Aber auch als Diagnosticum setzten die Heilkundigen die Brennnessel früher ein. Dazu legten sie die Pflanze in den Harn des Patienten. Blieb diese Tag und Nacht grün, so war mit baldiger Genesung des Kranken zu rechnen. Schrumpfte sie aber zusammen, so gab es keine Hoffnung mehr.

Außerdem sollte die Brennnessel das sogenannte »kalte Fieber« (Wechselfieber mit Schüttelfrost, Malaria) bannen. Diese Krankheit sei durch einen Dämon verursacht, der den Menschen hin- und herschüttelt, so der damalige Glaube. Deshalb gingen die Fieberkranken früher vor Sonnenauf- oder nach Sonnenuntergang, drei Tage hintereinander, zu einer Brennnessel und sprachen folgende Worte: »Guten Morgen (oder guten Abend), liebe Alte, ich bring das Heiße und das Kalte (Fieber), mir soll es vergehen und du sollst es bekommen.«

Mit diesem Zeremoniell versuchten die Kranken, das Fieber auf die Brennnessel zu übertragen, um geheilt zu werden. Vermutlich betrachteten sie diese Pflanze als Sitz eines bösen Geistes, da sie diese persönlich ansprachen. So hielten die Menschen die Brennnessel früher auch für den Wohnort der Seelen Verstorbener.

Auf alle Fälle war ihnen der Platz, an dem Brennnesseln wuchsen, nicht geheuer. Darüber hinaus setzten sie die Brennnessel auch als Mittel gegen Zahnschmerzen ein. Die Bauern schätzten die Brennnessel besonders als Heilpflanze für ihr Vieh. Bei Erkrankungen der Hufe, wie der Fußfäule, brach der Bauer durch einen Zaun drei Brennnesseln ab und sagte dabei folgenden Spruch auf: »Die ist för (für) den Ochs, Die andere for den Fuß, Die dritte ist die heilen muß.« Dann fuhr er mit den Brennnesseln dem Vieh durch die Klauen. Auch als magisches Abwehrmittel spielte die Brennnessel eine große Rolle. Jeder Landbewohner hatte große Angst vor dem »Stallzauber«. Nach ihrer Überzeugung machten böse Geister und Hexen mit ihrem Zauber die Tiere krank, ließen sie verenden oder nahmen den Kühen die Milch.

Besonders gefährdet war das Vieh in der Sonnenwendnacht am 21. Juni. Deshalb räucherten die Bauern in dieser Nacht den Stall mit Brennnesseln aus Und brachten noch zusätzlich weitere Brennnesseln in den Stall, um die bösen Geister zu verjagen. Dabei legten sie die Pflanzen unter die Tiere, unter die Milchschemel, befestigten sie an Türen und Fenstern und gaben sie dem Vieh zu fressen. In Böhmen steckten die Menschen früher Brennnesseln in den Misthaufen und schlugen dann mit Stöcken darauf ein. Diese Schläge sollten die Hexen verspüren, sodass sie dem Vieh nicht mehr gefährlich werden konnten.

Die »Donnernessel«

Dass zwischen der »brennenden« Pflanze und Gewittern mit Blitz und Donner ein Zusammenhang bestehen muss, davon waren die Menschen damals überzeugt. Aus dieser Zeit stammen beispiels­weise die Namen »Donnernessel« oder »Dunnernettel«. So werfen Zigeunerinnen in Serbien einen Kranz aus neun Kräutern – darunter auch Brennnesseln–über das Dach ihrer Hütten, um sie vor dem Blitzeinschlag zu schützen. Zum gleichen Zweck graben Zigeuner in Ungarn und Serbien Brennnesseln, Stechapfelsamen und Tannenzweige in das Fundament ihrer Häuser ein. In der »gestriegelten Rockenphilosophie« (Chemnitz 1707), einer Sammlung abergläubischer Sprüche, steht: »Wenn man Bier brauet, soll man einen guten Strauß großer Brennnesseln auf den Rand des Bottichs legen, so schadet der Donner dem Bier nicht.« Das Bier bei Gewitter leicht »umschlägt«, das heißt sauer wird, war damals ein auf dem Land weit verbreiteter Glaube.

Rat im 19. Jahrhundert

Der Arzt und Professor Dr. Georg Friedrich Most (1794 bis 1845) empfahl die Brennnessel als wertvolle Heilpflanze gegen Fieber, Durchfall und Blutungen. In seiner 1843 erstmals publizierten berühmten »Encyklopädie der Volksmedicin« beschrieb Most auch eine äußerliche Anwendung der Brennnessel: »Als äusserliches Reizmittel, um gelähmten Teilen durch Aufregung der nieder­gedrückten Lebensthätigkeit wieder hinreichende Nervenkraft, Empfindung und Bewegung zu geben, ist das tägliche Peitschen mit Brennesseln (Urticatio) ein sehr wirksames, auch von Aerzten viel gerühmtes Hausmittel. Man peitscht das Glied täglich ein- bis zweimal mit frischen Brennesseln, bis es roth wird, bis brennendes Gefühl und Quaddelnbildung bemerkt wird.« Das gleiche Rezept empfahl Most älteren Männern, die »an krampfhafter Harnverhaltung leiden«. Sie sollten den nackten Hintern intensiv mit Brennesseln peitschen. Das versprochene Ergebnis: »…der Harn kam bald in Fluss.« Auch heute noch praktizieren hin und wieder »Natur-Jünger« dieses Rezept. Sie schlagen ihre durch Rheuma oder Arthrose schmerzenden Gelenke mit frischen Brennnesseln, um einen Wärme-Effekt zu erzielen.




Männern mit Harnverhalt sollte das Auspeitschen des nackten Hinterns mit Brennnesseln helfen.

Illustration: Steffen Köpf



Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 bis 1897), ein bekannter Vertreter der Wassertherapie, schätzte die Brennessel ebenfalls sehr: »Wer unreines Blut hat, soll zur Frühlings- und Sommerszeit recht oft Brennesseln wie Spinat essen.« Kneipp erinnerte außerdem an ein seit dem Mittelalter bekanntes Rezept: Die Einreibung der Kopfhaut mit Brennnessel-Auszügen bei Haarproblemen. Noch heute verwenden manche Männer ein Brennnessel-Haarwasser zum Erhalt ihrer Haarpracht.

Positive Beurteilung

Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes formulierte zwei Positiv-Monographien für die Brennnessel: eine für Urtica herba beziehungsweise Urtica folium und eine zweite für Urtica radix.

Die erste Monographie nennt als wirksame Inhaltsstoffe in Urtica herba beziehungsweise Urtica folium ungesättigte Fettsäuren, Flavonoide, Caffeoylchinasäuren und Mineralsalze (Calcium, Kalium). Die Droge entwickelt deshalb aquaretische Eigenschaften, wobei die verstärkte Wasserdiurese durch die Mineralsalze ausgelöst wird. Weiterhin besitzt die Droge antiphlogistische Eigenschaften, verursacht durch die Caffeoyläpfelsäure und die ungesättigten Fettsäuren. Denn sie hemmen die Cyclooxygenase abhängige Prostaglandinsynthese und damit Entzündungsprozesse. Als Indikationen für Brennnesselkraut beziehungsweise -blätter nennt die Monographie:

  • adjuvant bei rheumatischen Beschwerden (innere und äußere Anwendung)
  • Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitendenHarnwege (innere Anwendung)
  • vorbeugend und zur Behandlung von Nierengrieß (innere Anwendung)

Die zweite Monographie nennt als wirksame Inhaltsstoffe in Urtica radix Phytosterole und Polysaccharide. Die Phytosterole hemmen beide Typen des Enzyms 5α-Reduktase und damit das Prostata-Wachstum. Denn die 5α-Reduktasen katalysieren die Umwandlung des Hormons Testosteron in 5α-Dihydrotestosteron, das das Wachstum der Prostata fördert. Außerdem verdrängen die Phytosterole 5α-Dihydrotestosteron von seinem zytosolischen Rezeptor. Hinzu kommen antiinflammatorische Effekte der Polysaccharide. Im Ergebnis erhöhen sich das Miktionsvolumen und der maximale Harnfluss. Die Restharnmenge wird erniedrigt. Wichtig ist, dass die Droge die Beschwerden der vergrößerten Prostata verringert, nicht aber die Vergrößerung.

Deshalb nennt die Monographie für Brennnesselwurzeln als Indikation:

  • Miktionsbeschwerden bei Prostata­adenom (Stadium I – II nach Alken).

Sowohl für das Kraut, die Blätter und auch für die Wurzeln der Brennnessel mit ihren unterschiedlichen Anwendungsgebieten sind zahlreiche Phytopharmaka im Handel. /


E-Mail-Adresse des Verfassers

MedWiss-Meyer@t-online.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2013

 

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