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Soziale Phobie

Schüchternheit kann ausgrenzen


Von Claudia Borchard-Tuch / Die Soziale Phobie gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Aufgrund der übersteigerten Angst, unangenehm aufzufallen, ziehen sich viele Erkrankte immer mehr zurück, manchmal bis in die Isolation ihr ganzes weiteres Leben lang. Nur eine frühzeitige und individuell angepasste Therapie bietet eine Chance auf Heilung.

 

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»Sozialphobie ist eine ausgeprägte Angst, in Gegenwart anderer etwas Peinliches zu tun«, sagt Professorin Rita Rosner von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Daher meiden die Erkrankten Situationen, in denen sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, oder sie halten diese nur unter großer Anspannung aus. Manche Gefühle eines betroffenen Kindes sind leicht nach­zuempfinden: Wer spricht schon gerne mit einer Autoritätsperson, schreibt eine Klassenarbeit oder löst eine Aufgabe vor der ganzen Klasse an der Tafel? Andere Situationen, die Sozialphobiker fürchten, wirken auf Gesunde hingegen harmlos: zum Beispiel in ein Schwimmbad zu gehen, mit anderen Kindern zu spielen oder einen Freund einzuladen.




Unangenehm aufzufallen befürchten Kinder mit Sozialer Phobie besonders. Sie meiden daher alle Situationen, in denen sie im Mittelpunkt stehen könnten.

Foto: Shutterstock/ imageegami


Die Grenze zwischen Schüchternheit und Sozialer Phobie ist fließend. Die meisten Therapeuten richten sich bei der Diagnose nach einem medi­zinisch anerkannten Leitfaden, dem »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders«. Dort heißt es: Bei Sozialphobikern ist die Angst so stark, dass sie einen hohen Leidensdruck erzeugt und mindestens sechs Monate lang die Lebensführung beeinträchtigt. Mit Gedanken wie »Ich bin anderen immer unterlegen«, »Ich muss alles richtig machen, um akzeptiert zu werden« oder »Ich muss immer ruhig, gelassen und cool wirken« setzt sich der Erkrankte ständig unter Druck.

Die Soziale Phobie lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Offenbar sind es mehrere Faktoren, die schließlich dazu führen, dass ein Kind oder Jugendlicher zumeist zwischen dem neunten und zwanzigsten Lebensjahr erkrankt.

Die Rolle der Familie

Unbestritten spielt die Familie häufig eine wichtige Rolle. Eltern von Sozialphobikern gehen oftmals selbst sehr vorsichtig und ängstlich mit anderen Menschen um. Dies übernehmen die Kinder automatisch. Wenn die Eltern das Kind ständig kontrollieren, es überbehüten oder emotional vernachläs­sigen, verstärkt dies die krankhafte Entwicklung. Obendrein kommen oft belastende Erlebnisse hinzu, beispielsweise die Scheidung der Eltern oder von anderen ständig ausgelacht, gedemütigt und gehänselt zu werden.

Außerdem kommt die Biologie mit hinzu. Wie Zwillings- und Familienstudien zeigen, spielt die Genetik offenbar eine Rolle. Im Kernspintomographen wird sichtbar, dass bei Sozialphobikern die Mandelkerne im limbischen System überaktiv sind. Dadurch reagieren die Betroffenen in bestimm­ten Situationen schneller mit Angst. Da zugleich Bereiche in der Großhirnrinde weniger aktiv sind, fällt es den Erkrankten schwerer, ihre Angst bewusst zu kontrollieren.

Eine Abwärtsspirale kann entstehen: Gefangen in seiner Angst, meidet der Jugendliche zwischen­menschliche Kontakte. Damit verpasst er in der wichtigen Phase des Erwachsenwerdens Erfahrungen im Umgang mit anderen. Studien zeigen, dass Sozialphobiker häufiger als Gesunde die Schule abbrechen, vereinsamen und arbeitslos sind. Keinen Erfolg zu haben, schwächt das ohnehin geringe Selbstvertrauen noch mehr. Manche Erkrankte werden depressiv oder drogen­abhängig.

In der Behandlung der Sozialen Phobie gelten die kognitive Verhaltens­therapie (KVT) sowie die psychodynamische Kurzzeittherapie als therapeutische Verfahren der ersten Wahl.

Verzerrte Vorstellungen

Ziel der KVT ist es, dem Sozialphobiker zunächst seine Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen bewusst zu machen, um ihn zu befähigen, diese zu kontrollieren. Die Erkrankten lernen, in Angst auslösenden Situationen ihre Aufmerksamkeit nach außen zu richten, statt sich auf die eigenen Befürchtungen, Ängste und Körperempfindungen zu konzentrieren. Die meisten Jugendlichen haben verzerrte Vorstellung von sich selbst. Beispielsweise kann ein Betroffener davon überzeugt sein, dass er immer errötet, wenn er mit anderen spricht. Ein Video zeigt ihm, dass dies nicht stimmt. Viele Betroffene haben sich angewöhnt, schnell und leise zu sprechen, um möglichst wenig aufzufallen. In der KVT lernen sie, sich wieder normal zu äußern.




Eine Verhaltenstherapie kann den betroffenen Kindern helfen, oft werden auch die Eltern mit einbezogen.

Foto: Shutterstock/Lisa F. Young


Die Gedanken eines Sozialphobikers kreisen ständig um die eigene Wirkung. Typisch sind Gedanken wie: Habe ich mich richtig verhalten? Oder habe ich mich wieder blamiert? Die Therapie soll dem Jugendlichen helfen, das Grübeln aufzugeben und Situationen realistischer einzuschätzen.

Wunsch und Wirklichkeit

Im Gegensatz zur kognitiven Verhaltens­therapie geht die psycho­dynamische Kurzzeittherapie davon aus, dass der Erkrankung ein innerer Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit zugrunde liegt. Ein solcher Konflikt könnte beispiels­weise lauten: »Ich möchte im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und von anderen bestätigt werden. Aber die anderen werden mich demütigen und abwerten.« Die Behandlung hat das Ziel, den zentralen inneren Konflikt aufzuspüren und aufzulösen.

Mehrere Studien belegen, dass der Therapieerfolg steigt, wenn die Eltern oder die die Familie als Ganzes mit einbezogen werden. Dies gilt umso mehr, wenn die Eltern selbst unter Ängsten leiden. Oftmals beeinflussen die Angstgefühle der Eltern ihre Reaktion auf das Verhalten des Kindes. Dies wiederum kann die Soziale Phobie des Kindes verstärken.

Eine Beratung der Eltern, wie sie mit dem Angst- und Vermeidungsverhalten ihres Kindes umgehen sollten, ist unbedingt notwendig. Die Familie kann das Kind im Umgang mit der Angst gezielt unterstützen. Umgekehrt müssen die Eltern lernen, alles zu unterlassen, was die Ängste des Kindes verstärkt. Unter Umständen ist eine Therapie der Mutter beziehungsweise des Vaters sinnvoll.

Internet – Fluch oder Segen?

Trägt das Internet dazu bei, dass sich ein Sozialphobiker immer mehr zurückzieht? Oder hilft das Internet dem Erkrankten, Hemmungen zu überwinden und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen? Die Experten streiten sich, ob das Internet eine Soziale Phobie verstärkt oder bessert.


Ein Fallbeispiel

Pünktlich um sieben Uhr klingelt der Wecker. Doch die 15-jährige Petra will nicht aufstehen. Seit Wochen fühlt sie sich wie gelähmt. Von unten hört Petra die Stimme ihrer Mutter. Es sei Zeit aufzustehen – Zeit für die Schule. Langsam kommt Petra aus dem Bett. Ihr ist übel. Die Schule empfindet sie als Qual. Meistens sitzt Petra stumm auf ihrem Platz. Wird sie etwas gefragt, bricht ihr der Schweiß aus und sie beginnt zu zittern. Ihr Kopf ist leer. Die richtige Antwort fällt ihr nicht ein.

Petra schämt sich. Sie weiß, dass sie eine Außenseiterin ist. Ständig hat sie das Gefühl, dass andere über sie lachen. Als sie merkt, dass sie die Schule nicht mehr schafft, geht sie nicht mehr hin. In einer Ambulanz für Angststörungen finden Therapeuten schließlich heraus, dass Petra unter einer Sozialen Phobie leidet.


Nicht selten empfinden Sozialphobiker den Kontakt zu Therapeuten oder Mitpatienten als zu intensiv und meiden aus diesem Grund eine Psychotherapie oder brechen diese ab. Daher entwickelten schwedische Forscher ein Therapieprogramm, in dessen Zentrum ein internetbasiertes Selbst­hilfe-Manual steht. Es enthält neun Module mit Informationen über soziale Phobien und mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Übungen. Neun Wochen lang testeten die Wissenschaftler das Programm. Hierbei standen die Teilnehmer per E-Mail in Kontakt mit einem Psychotherapeuten, der sie beriet. Am Ende der Testphase hatten sich Soziale Phobie, Vermeidungsverhalten und Depressionen deutlich gebessert. Die schwedischen Forscher betonten jedoch, dass internet­basierte Behandlungen immer als Ergänzung und nicht als Ersatz für die traditionellen psychotherapeutischen Verfahren eingesetzt werden sollten.

Medikamente mit Vorsicht

Zur Gabe von Medikamenten findet die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie klare Worte: »Eine alleinige Behandlung mit Psychopharmaka ist abzulehnen.« Pharmaka sollten immer die Ausnahme sein und nur vorübergehend und als Unterstützung für andere Maßnahmen eingesetzt werden.

Ausreichende Erfahrungen zur Behandlung einer Sozialen Phobie liegen bisher nur bei Erwach­senen vor. Lediglich zwei kontrollierte randomisierte Studien bestätigten die Wirksamkeit von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) bei Kindern und Jugendlichen. Allerdings ist bisher kein SSRI für die Indikation »Soziale Phobie im Kindes- und Jugendalter« zugelassen. Verord­net ein Arzt trotzdem einem jungen Patienten ein SSRI, handelt es sich um einen Off-Label-Use. Daran geknüpft ist die Verpflichtung des Arztes, die Erziehungsberechtigten entsprechend aufzuklären.

Nur bei Depressionen

Mittel der zweiten Wahl sind serotonerge und noradrenerge trizyklische Antidepressiva, die jedoch häufig mit Nebenwirkungen einhergehen. Ärzte verschreiben sie vor allem zusätzlich depressiven Patienten.

Benzodiazepine wirken rasch, sind ohne ausgeprägte Nebenwirkungen, sollten aber wegen ihres Suchtpoten­zials nur maximal sechs Wochen eingesetzt werden. Manche Ärzte verordnen auch Betablocker. /


E-Mail-Adresse der Verfasserin

claudia.borchardtuch@gmail.com



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2013

 

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