Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

PTA-FORUM

Arzneistoff-Klassiker: Morphin

Schmerzmittel seit Jahrtausenden


Von Edith Schettler / Gegen sehr starke Schmerzen verordnen Ärzte ihren Patienten Opiat- oder Opioidanalgetika. Schon in der Antike nutzten die Menschen die betäubende Wirkung des Mohnsaftes, und lange Zeit war der Gebrauch von Opium gesellschaftsfähig. Wegen ihres Suchtpotenzials gelten für diese Medikamentengruppe seit wenigen Jahrzehnten besondere gesetzliche Bestimmungen.

 

Anzeige

 

Bereits im 8. Jahrhundert vor Christus beschrieb Homer in seiner »Odyssee« die Wirkung des getrockneten Presssafts unreifer Mohnkapseln, also des Opiums. Helena mischte ihn für ihre trauernden Freunde in den Wein. »Nepenthes« (= Kummerlos) nannte die schöne Tochter von Zeus und Leda das Zaubermittel, welches ihr eine ägyptische Königin erfolgreich gegen Seelenschmerz empfohlen hatte, »...gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtnis: Kostet einer des Weins, mit dieser Würze gemischet; Dann benetzet den Tag ihm keine Träne die Wangen...«.




Foto: Ullrich Mies


Die medizinischen Schriften des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit enthalten die verschiedensten Rezepturen mit Schlafmohn. Er galt als Standardtherapeutikum gegen Schmerzen und unterschiedliche psychische Beschwerden wie Trauer, Depressionen und Schlaflosigkeit.

Bald wurden aber auch das Suchtpotenzial des Rohopiums und seine negativen sozialen Auswirkungen sichtbar. So soll der römische Kaiser Marc Aurel (121 bis 180) zeitweise in einem regelrechten Opium-Dauerrausch regiert haben. Selbst Galen (129 bis 199), der damals wohl fähigste Arzt, konnte ihn nicht von seiner Sucht heilen.

Erforschung der Inhaltsstoffe

Bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert begannen Wissenschaftler an der Académie Royale des Sciences in Paris, bekannte Arzneipflanzen auf ihre Inhaltsstoffe zu untersuchen. Dazu nutzten sie die gebräuchlichen Verfahren der Extraktion mit verschie­denen Lösungsmitteln und Destilla­tionen. Später überprüften sie sogar in Tierversuchen die Wirkung der isolierten Substanzen.

Schon lange war bekannt, dass Opium­zubereitungen unterschiedlich stark wirkten: Einmal setzte die schmerzstillende Wirkung kaum ein, ein anderes Mal starb der Patient an einer Über­dosis. Ein deutscher Apothekergehilfe, Friedrich Wilhelm Adam Sertürner (1783 bis 1841), versuchte zwei Jahre lang, das wirksame Prinzip des Opiums zu finden. Im Jahr 1804 gelang es ihm schließlich, aus Rohopium eine kristalline Substanz zu isolieren, die mit Säuren Salze bildete. Er nannte den Stoff »Morphium« nach Morpheus, dem Gott des Schlafes aus der griechischen Mythologie.




Apotheker Friedrich Wilhelm Adam Sertürner isolierte um 1804 Morphin aus Opium.

Foto: akg-images


Als er die Substanz an Hunden aus der Nachbar­schaft und an Mäusen testete, stellte er fest, dass die Tiere nach Verabreichung schliefen und oftmals nicht mehr erwachten. Danach nahmen er und drei seiner engsten Freunde eine, wie sie meinten, kleine Dosis ein. Sie überlebten dieses Experiment nur mit viel Glück, denn die konsumierte Menge betrug fast ein Zehnfaches der heute bekannten Höchstdosis für Morphin. Sertürner probierte daraufhin selbst noch einmal kleinere Mengen aus und bemerkte, dass seine Zahn­schmerzen vorübergehend völlig verschwanden. Im folgenden Jahr veröffentlichte er seine Erkenntnisse, doch die Fachwelt reagierte zunächst skeptisch. Sertürner war ein völlig unbekannter junger Mann – er war erst 22 Jahre alt – ohne abgeschlossene Ausbildung, keiner Fakultät zugehörig und hatte sich das Forscherhandwerk autodidaktisch angeeignet. Außerdem widersprach sein isoliertes Morphium der damals geltenden Lehrmeinung, Pflanzen­inhaltsstoffe seien Salze oder Säuren, niemals aber Basen. Zeitgleich mit Sertürner gelang es auch zwei französischen Forschern, Morphin zu isolieren. Armand-Jean-Francois Séguin (1767 bis 1835) und Bernard Courtois (1777 bis 1838) erläuterten ihre Ergebnisse im gleichen Jahr in einem Vortrag an der École polytechnique in Paris, veröffentlichten sie aber erst im Jahr 1816.

Das erste Suchtopfer des reinen Morphins

Sertürner machte sich im Jahr 1809 als Apotheker in Einbeck selbständig, musste seine Apotheke jedoch acht Jahre später, im Jahr 1817, wieder schließen. Nach einer Gesetzesänderung als Folge der Niederlage Napoleons in der Leipziger Völkerschlacht war der Betrieb einer zweiten Apotheke im Ort neben der alteingesessenen Ratsapotheke nicht mehr gestattet. So startete Sertürner im Jahr 1817 einen erneuten Versuch, seine überarbeiteten wissenschaftlichen Ergebnisse zu publizieren und erlangte endlich mit seiner Schrift »Über das Morphium, eine neue salzfähige Grundlage, und die Mekonsäure als Hauptbestandteil des Opiums« den verdienten Erfolg und die fachliche Aner­kennung. Im Jahr 1822 konnte er die Raths-Apotheke in Hameln kaufen, die ihm das wirtschaft­liche Auskommen bis zu seinem Tod im Jahr 1841 sicherte. Die Entdeckung des Morphins eröffnete den Ärzten neue Möglichkeiten. Nun konnten sie mit definierten Dosierungen behandeln und Erfahrungen sammeln, die Unwägbarkeiten pflanzlicher Gemische gehörten der Vergangenheit an.




Die Entwicklung des Injektionsverfahrens ermöglichte es, Morphin parenteral zu applizieren.

Foto: Deutsches Apotheken-Museum


In den folgenden Jahren forschte Sertürner weiter auf dem Gebiet der Pflanzenchemie, konnte aber an seinen genialen Erfolg nicht mehr anknüpfen. Seine Untersuchungen zur Cholera, zum Galvanismus und zu militärischen Geschützen und Geschossen blieben weitgehend unbeachtet. Ständige Auseinandersetzungen mit den französischen Forschern Séguin und Courtois um den Vorrang bei der Isolierung des Morphins setzten ihm gesundheitlich zu. Trotz der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Jena im Jahr 1817 unter dem Präsidenten Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) lebte Sertürner die letzten Jahre verbittert und zurückgezogen. Nach jahre­langem Streit verlieh ihm die französische Akademie der Wissenschaften in Paris im Jahr 1831 den angesehenen, mit 2000 Francs dotierten »Prix Montyon«, nachdem sie entschieden hatte, dass Sertürner eindeutig der Entdecker des Morphins war. Seine depressiven Verstimmungen und seine schmerzhafte Gicht behandelte er selbst mit Morphin und wurde so das erste Suchtopfer der Rein­substanz, seiner eigenen Entdeckung.

Aufschwung in Pharmazie und Medizin

Nachdem Sertürners Abhandlung über das Morphin ins Französische übersetzt worden war, nahm die Pflanzenchemie einen ungeahnten Aufschwung. So isolierte der französische Apotheker Pierre Jean Robiquet (1780 bis 1840) das Narcotin und das Coffein. Seinen Berufskollegen und Lands­leuten Pierre Joseph Pelletier (1788 bis 1842) und Joseph Bienaimé Caventou (1795 bis 1877) gelang im Jahr 1819 die Reindarstellung des Strychnins und ein Jahr später die des Chinins. Auch Forscher außerhalb Frankreichs, des damaligen Zentrums der Pflanzenchemie, fanden Alkaloide in verschiedenen Arzneipflanzen. Den Begriff »Alkaloid« prägte der Hallenser Apotheker Friedrich Wilhelm Meißner (1792 bis 1853), als er die alka­lischen Eigenschaften dieser Pflanzeninhaltsstoffe beschrieb. In den folgenden 30 Jahren isolierten die Forscher mehr als 30 neue Alkaloide, sie überprüften deren pharmakologische Wirkungen in reproduzierbaren Studien und legten so den Grundstein für die experimentelle Pharmakologie.

Apotheker stellten nun in ihren Labors Morphin und andere Alkaloide her, stießen aber bald an ihre Grenzen, da die moderne Medizin große Mengen dieser Substanzen brauchte. So gingen aus den Apothekenlabors die ersten pharmazeutischen Industriebetriebe hervor. Endlich konnten die Ärzte mithilfe von reinem Morphin eine wirk­same und exakt dosierte Schmerztherapie betreiben.

Der Medizinprofessor Paul Krause würdigte im Jahr 1925 in seiner Festrede zur Eröffnung der neuen Medizinischen Fakultät in Münster Sertürners Entdeckung mit den Worten: »Ohne Morphium möchte ich kein Arzt sein. Es ist der Freund, welcher in der Hand des kundigen Arztes Schmerzen nimmt.« /


E-Mail-Adresse der Verfasserin

e_schettler@freenet.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2013

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2018 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=3116