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Virginia Apgar

Lebensretterin mit zehn Punkten


Von Ralf Daute / Am 7. Juni 1909 wurde in den USA Virginia Apgar geboren. Mit einer einfachen Methode verbesserte die Medizinerin die Untersuchung Neugeborener.

 

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Wenn heute irgendwo auf der Welt ein Kind geboren wird und ein Arzt in der Nähe ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er anhand einer einfachen Untersuchung den Gesundheitszustand des neuen Erdenbürgers beurteilt. Er prüft die Hautfarbe, den Herzschlag, die Reflexe (Grimassieren), den Muskeltonus und die Atmung. Jedes der fünf Kriterien wird entweder mit null, eins oder zwei bewertet. Ergibt die Summe zehn, erscheint das Kind auf den ersten Blick kerngesund.




Aufgrund ihrer Erfahrungen als Anästhesistin entwickelte Virginia Apgar einen Beurteilungsscore für Neugeborene.

Foto: Library of Congress Prints and Photographs Division, New York World-Telegramm and the Sun Newspaper Photograph Collection


Genannt wird dieser Wert »APGAR-Score«, und selbst viele Mediziner vermuten, dass es sich bei dieser Bezeichnung um ein sogenanntes Akronym handelt, also ein aus den Anfangsbuchstaben anderer Wörter gebildetes Kunstwort. Das stimmt, und es stimmt auch nicht.

Die englischen Benennungen der Symptome (Appearance, Pulse, Grimace, Activity, Respiration) ergeben in der Tat das Wort APGAR. Allerdings geht diese Untersuchung auf eine Frau zurück, die mit ein paar einfachen Gedanken die Welt der Neonatologie revolutionierte: Dr. Virginia Apgar, geboren am 7. Juni 1909 in Westfield (New Jersey), gestorben am 7. August 1974 in New York.

Schon in der Schulzeit entschied sich Virginia Apgar dafür, Medizin zu studieren. Ihre Ausbildung begann sie 1929 am Columbia University College of Physicians and Surgeons in New York. Vier Jahre später bestand sie ihr Examen und arbeitete danach als Assistenzärztin am New York-Presbyterian Hospital.

Geringe Akzeptanz

Sie galt als talentiert, führte mehr als 100 Operationen erfolgreich durch – und erhielt dennoch von ihrem Mentor den freundlichen Hinweis, doch lieber die Fachrichtung zu wechseln. Dies hatte teilweise wirtschaftliche Gründe: Apgar hatte nach dem Ende der Ausbildung 4000 Dollar Schulden, und die USA befanden sich in einer großen Wirtschaftskrise. Aber Chirurgie, das war (und ist) auch eine Männerdomäne. Von Virginia Apgar ist der Satz überliefert: »Selbst Frauen wollen nicht von einer Chirurgin operiert werden. Nur Gott weiß, weshalb.«

Apgar wandte sich der Anästhesiologie zu, ein Fachgebiet, das zu dieser Zeit Pflegekräfte und Chirurgen quasi nebenbei betrieben. 1938 wurde die Ärztin im Alter von nur 29 Jahren erste Leiterin der Anästhesieabteilung der Columbia University. Mit ihrem Fleiß sorgte sie rasch dafür, dass diese Fachrichtung ein wissenschaftliches Fundament bekam. Elf Jahre später wurde sie zur ersten Professorin für Anästhesiologie in den USA ernannt.

Virginia Apgar gehörte zu den Menschen, die ein Problem erkennen, es analysieren und dann nach einer Lösung suchen. Eines der Probleme, mit denen die Medizin noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu kämpfen hatte, war die hohe Sterblichkeit Neugeborener. Dafür gab es vielfältige Gründe. Weder waren heute selbstverständliche Methoden wie das Freimachen der Atemwege oder eine Sauerstoffgabe verbreitet, noch existierten einheitliche Untersuchungsstandards.

Teamschulung eingeführt

Als Professorin ging Apgar diese Probleme systematisch an, indem sie beispielsweise die Teams der Geburtshelfer auch in der Anästhesie schulen ließ. Auf ihr Wirken gehen außerdem Richtlinien zurück, wie asphyktische (sauerstoffunterversorgte) Neugeborene behandelt werden sollen.

All dies waren komplexe Werke, in die das wissenschaftliche Wissen der Zeit einfloss. Doch der große Wurf der ehrgeizigen Frau, der ihr Leben weit überdauern sollte, war demgegenüber von geradezu bestechender Einfachheit.

Der Legende nach geht er auf die Frage eines Assistenten zurück, der wissen wollte, wie der Gesundheitszustand eines Neugeborenen systematisch beurteilt werden könnte. Apgar antwortete: »Das ist ganz leicht, man sollte das so tun.« Dann griff sie zu einem Zettel und schrieb darauf die Wörter: »1) heart rate, 2) respiration, 3) muscle tone or activity, 4) reflex response to stimulation, and 5) color« – eine Sternstunde der Medizin, hingekritzelt auf einem Zettel.

Nach diesen Kriterien beurteilten damals Narkoseärzte ihre Patienten. In der weiteren Ausarbeitung wies Virginia Apgar jedem dieser Kriterien einen Punktwert von 0 bis 2 zu. Wenn die Körperfarbe des Babys blau ist, gibt es beispielsweise null Punkte, bei bläulich verfärbten Armen und Beinen einen Punkt, und bei rosafarbener Haut zwei Punkte.

Siegeszug um die Welt

Von Kalifornien aus, wo Virginia Apgar ihr System 1952 auf einem Ärztekongress erstmals der Öffentlichkeit vorstellte, trat der APGAR-Score seinen Siegeszug um die ganze Welt an. Seit einem halben Jahrhundert arbeiten nun auch Ärzte in Europa damit. Und 1963 verband der Arzt Joseph Butterfield jeden der Buchstaben des Namens mit einem Kriterium und schlug der Erfinderin diese Merkhilfe vor. Sie wurde ein so durchschlagender Erfolg, dass Apgar selbst davon erzählte, wie sie sich in einem Krankenhaus in Boston einem Mitarbeiter vorgestellt habe, der daraufhin sagte: »Oh, ich wusste gar nicht, dass Apgar eine Person ist.«

Diese Person zog sich Ende der Fünfzigerjahre aus der aktiven Medizin zurück und engagierte sich in einer Stiftung vor allem für Schwangerschaft und Säuglingsgesundheit. Auch da bewies sie ihre besonderen Qualitäten und trug dazu bei, dass sich das Spendenaufkommen der Stiftung binnen kurzer Zeit mehr als verdoppelte.

Apgar heiratete nie. Danach gefragt, sagte sie: »Ich habe eben keinen Mann gefunden, der kochen kann.« 1974 starb sie an den Folgen einer langwierigen Lebererkrankung. /


E-Mail-Adresse des Verfassers

ralf.daute@me.com



Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2013

 

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