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Iwan Petrowitsch Pawlow

Der Mann, der auf den Hund kam


Von Ralf Daute / Am 26. September 1849 wurde Iwan Petrowitsch Pawlow in Russland geboren. Seine Verhaltensexperimente mit Hunden machten ihn weltberühmt.

 

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Pawlow war das älteste von elf Kindern eines russisch-orthodoxen Geistlichen. Dem sieben Jahre alten Knirps ging es gar nicht gut, nachdem er im Elternhaus im russischen Bauerndorf Rjasan eine Treppe hinunter gefallen und mit dem Kopf auf den Fliesenboden aufgeschlagen war. Diesen Sturz hatte der Junge zwar ohne größere äußere Verletzungen überlebt, doch die Spätfolgen des Unfalls machten ihm schwer zu schaffen und bereiteten seinen Eltern große Sorgen: Vier Jahre lang war Pawlow nicht in der Lage, am Schulunterricht teilzunehmen oder eine Arbeit auszuführen, die mit geistiger Anstrengung verbunden war. Rückblickend erstaunt es daher umso mehr, dass dieser Mann in späteren Jahren einer der berühmtesten Forscher der Menschheit wurde.




Foto: akg-images


Im Alter von elf Jahren hatte sich Pawlow so weit erholt, dass seine Eltern ihn in ein Priesterseminar stecken konnten. Doch nicht die Theologie machte Pawlow glücklich, sondern die Welt der Wissenschaft: Zu dieser fand er dort dank reichlich vorhandener Bücher und Zeitschriften Zugang und sie elektrisierte ihn.

Im Jahr 1870, im Alter von 20 Jahren, zog Pawlow zu einem jüngeren Bruder nach St. Petersburg, um dort Physik zu studieren. Zu seinen ersten Lehrern gehörte Dmitri Iwanowitsch Mendelejew, der gerade ein Jahr zuvor das Periodensystem der Elemente erarbeitet hatte. Von Anfang an machte dem Studenten allerdings ein Umstand zu schaffen, der ihn die nächsten Jahre, sogar Jahrzehnte seines Lebens treu begleitete: chronischer Geldmangel. Während des Studiums finanzierten Pawlow und sein Bruder sich mit Nachhilfestunden.

Nach einem Jahr in St. Petersburg wechselte Pawlow die Fachrichtung und schrieb sich für »Physiologie« ein, damals eine aufstrebende Wissenschaft, die das beinhaltete, was die westliche Wissenschaft unter Psychologie verstand. Acht Jahre lang widmete sich Pawlow im Veterinärinstitut medizinischen Forschungen, wobei die Voraussetzungen dafür alles andere als ideal waren. Beispielsweise musste der junge Wissenschaftler alle Kosten für seine Versuchstiere von seinem eigenen Gehalt bezahlen, sodass kein Geld für die Miete übrig blieb. Pawlow schlief daraufhin in seinem Labor. Dies behielt er zunächst sogar nach seiner Hochzeit im Jahr 1880 bei. Seine junge Frau wohnte bei ihrem Schwager. Auch ernährte er sich äußerst asketisch und aß nur das Nötigste.

Im Jahr 1883 promovierte Pawlow. Nachdem er zum Professor ernannt worden war, arbeitete er zwei Jahre lang an der Universität in Leipzig, bevor er endlich, kurz vor seinem 40. Lebensjahr, eine Festanstellung an der militärischen Medizinakademie in St. Petersburg erhielt. Dort wirkte er als Professor für Physiologie – diesen Lehrstuhl hatte er 30 Jahre lang inne – und leitete das Institut für Experimentelle Medizin 40 Jahre lang.

Pawlow beschäftigte sich intensiv mit der Arbeit der Verdauungsdrüsen und zeigte, dass die allgemeinen Grundlagen der Nerventätigkeiten bei höher entwickelten Tieren und Menschen dieselben sind. Im Jahr 1903 stellte er seine Ergebnisse auf einem Medizinerkongress in Madrid erstmals der Weltöffentlichkeit vor. Ein Jahr später erhielt er für seine Arbeiten den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

Die Umstände der täglichen Laborarbeit in St. Petersburg erscheinen aus heutiger Sicht unvorstellbar; insbesondere nach den Wirren der Oktoberrevolution 1917. Pawlow forschte im Licht hölzerner Fackeln, wenn die Energieversorgung wieder einmal ausgefallen war. Konnte er sein Labor nicht heizen, arbeitete er sogar mit Mantel und Mütze. Manchmal war es dort so kalt, dass seine Versuchstiere erfroren. Dennoch: Nichts konnte ihn stoppen. In 25 Jahren bis zu seinem 72. Lebensjahr veröffentlichte Pawlow 40 Bücher und Vorlesungen über Psychologie, Psychiatrie und Physiologie. Und nie ruhte er sich auf dem Experiment aus, welches ihn unsterblich machte.

Größter Erfolg

Streng genommen, handelt es sich dabei um eine ganze Serie von Experimenten, mit denen er verstehen wollte, wie Lebewesen lernen. Dabei steckte er einen Hund in einen Versuchsapparat, sodass das Tier nicht abgelenkt werden konnte. Dann wurde dieser verschiedenen Reizen ausgesetzt und Pawlow beobachtete dessen Speichelfluss als Indikator für eine Reaktion.




Wichtiger Helfer: Mit Hunde­experimenten legte Pawlow den Grundstein des Behaviorismus.

Foto: Shutterstock/Jagodka


Zunächst ertönte nur eine Glocke – logischerweise ohne, dass beim Hund Speichel floss. Dann folgten mehrere Durchgänge, bei denen erst die Glocke erklang und dem Tier anschließend Futter gezeigt wurde. Der Hund reagierte darauf – wie zu erwarten – mit verstärktem Speichelfluss. In Phase drei des Experimentes erklang schließlich nur die Glocke, ohne dass das Futter gezeigt wurde. Trotzdem produzierte der Hund verstärkt Speichel. Der Nachweis dieses »konditionierten Reflexes« war der entscheidende experimentelle Durchbruch, mit dem der Wissenschaftler zeigte, wie neue Reflexe durch Verbindung mit angeborenen gelernt werden können.

Dieses grundlegende Experiment verfeinerten Wissenschaftler in späteren Jahren auf vielfache Weise, sodass sie ein tiefes Verständnis von der Funktionsweise von Reiz und Reaktion bei Mensch und Tier gewinnen konnten. Diese besonderen Kenntnisse bilden die Grundlage der Lerntheorien, die sich am sogenannten Behaviorismus orientieren.

Erst im Alter von 80 Jahren trat Pawlow, damals bereits hoch dekoriert, etwas kürzer. Am 27. Februar 1936 starb er als einer der berühmtesten Forscher seiner Zeit im Alter von 87 Jahren. Sein Vermächtnis an den wissenschaftlichen Nachwuchs sind die folgenden Zeilen aus einem Brief, den er kurz vor seinem Tod verfasste: »Denkt daran, dass die Wissenschaft vom Menschen das ganze Leben verlangt, und hättet ihr zwei Leben, sie würden nicht ausreichen. Seid leidenschaftlich in eurer Arbeit und in euren Forschungen. Lernt, sammelt Tatsachen, häuft Tatsachen an. Die Tatsachen sind die Luft des Gelehrten; ohne sie kein Aufstieg, ohne sie bleiben eure Theorien leere Bemühungen.« /


E-Mail-Adresse des Verfassers

ralf.daute@me.com



Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2013

 

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