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Schizophrenie

Einsatz gegen Vorurteile


Von Christiane Berg / Bei kaum einer anderen Patientengruppe hat die Gesellschaft vergleichbar große Vorbehalte wie bei an Schizophrenie Erkrankten. Diese Fehleinschätzungen erschweren nicht nur die Behandlung sowie das Leid der Patienten, sondern zusätzlich ihr Leben und das ihrer Familien und Freunde.

 

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»Das mangelnde Wissen der Bevölkerung ist eines der Hindernisse für eine erfolgreiche Therapie und Rehabilitation«, betont Professor Dr. Wolfgang Gaebel. Der Ärztliche Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Düsseldorf ist Leiter des deutschen Antistigmaprogramms »Schizophrenie: open the doors«, das sich die Aufklärung der Öffentlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat.

Weltweite Kooperation

Als Teil des weltweiten Programms der »World Psychiatric Association« (WPA) gegen Stigma und Diskriminierung psychisch erkrankter Menschen orientiert sich die Kampagne eng an den Erfahrungen Betroffener, ihrer Familie und anderer nahe stehender Mitmenschen.




»Der ist doch voll schizo«: Ohne sich der Bedeutung bewusst zu sein, verwenden viele Jugendliche diese Beschimpfung, um vermeintlich nicht normales Verhalten ihrer Mitschüler abzuwerten.

Foto: Shutterstock/Driscoll Imaging


In Anlehnung an das weltweite Programm wurde in Deutschland das »Aktionsbündnis Seelische Gesundheit« gegründet (Internetadresse siehe Kasten). Es steht unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Bundesgesundheitsministers. Gemeinsam arbeiten Wissenschaftler, Nerven- und Allgemeinärzte, Pflegepersonal sowie Patienten und Angehörige gezielt am Abbau von Berührungsängsten. Mit lokalen Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Vorträgen, Workshops und Ausstellungen will das Aktionsbündnis auf seelische Erkrankungen aufmerksam machen – auch durch die gezielte Ansprache von Lehrern, Schülern, Polizisten oder Sozialarbeitern.

Den Namen erhielt die Erkrankung im Jahr 1908 von dem Schweizer Psy­chiater Eugen Bleuler. Mit Gaebel stimmen andere Experten überein: Es sei fatal, dass der Krankheitsbegriff Schi­zophrenie umgangssprachlich abwertend und ausgrenzend missbraucht wird. Der Kampf gegen Stigmata und Vorurteile fällt schwer, denn die Gegner sind einflussreich, unter anderem die Publikumsmedien. Analysen haben gezeigt, dass nicht nur in Illustrierten oder Boulevardzeitungen reißerische Pressemeldungen veröffentlicht werden, sondern in TV-Serien an Schizophrenie erkrankte Menschen auffällig oft als aggressiv und gefährlich dargestellt werden.

»Das ist ja voll schizo«: Auch Jugendliche nutzen das Kürzel des Krankheitsbegriffs im Alltag, um ihr Unverständnis für nicht erklärbares und vermeintlich nicht normales Verhalten auszudrücken. Unter der Überschrift »Weißt Du eigentlich, was Du da sagst?« versucht beispielsweise der Behindertenbeauftragte der Universität Würzburg, im Internet gegen Unbedarftheit und Einfalt anzugehen.

Die meisten Erkrankten entscheiden sich zu spät für eine Untersuchung und verzögern damit die Behandlung. Gründe dafür sind ihr mangelndes Wissen, merkwürdige Theorien und Fehlinterpretationen. Daher ruhen die Experten nicht, die Bevölkerung über see­lische Krankheiten, insbesondere die Schizophrenie, aufzuklären.

Veränderte Wahrnehmung

An Schizophrenie kann jeder erkranken. Dazu schreibt das »Kompetenznetz Schizophrenie« (KNS), weltweit sei die Krankheit in allen Kulturen und Gesellschaftsformen vertreten. Das KNS wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert (Internetadresse siehe Kasten). Im Laufe des Lebens erkrankt etwa 1 Prozent der Bevölkerung. In Deutschland geht man aktuell von etwa 800?000 Betroffenen aus und pro Jahr von rund 13?000 neu Erkrankten. Die psychotische Störung manifestiert sich bei den meist Menschen zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr. Laut Statistik erkranken Männer im Durchschnitt früher als Frauen, Frauen verstärkt zum ersten Mal in und nach den Wechseljahren.




Mancher Schizophreniekranke gerät in einen Teufelskreis.

Grafik: Mathias Wosczyna



Wie viele andere körperliche und psychische Erkrankungen lassen sich schizophrene Psychosen nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Als sicher gilt die genetische Veranlagung und eine gesteigerte Verletzlichkeit («Vulnerabilität«). Diese Faktoren allein führen jedoch nicht zur Erkrankung. Hinzu kommen müssen Umweltfaktoren sowie biographische Ereignisse und soziale Gegebenheiten.

Die Betroffenen können die damit verbundene erhöhte Stressbelastung nicht adäquat kompensieren. Das heißt, bei ihnen stößt das Vermögen, belastende Lebensereignisse zu bewältigen, die sogenannte Resilienz, schneller an Grenzen. Sowohl körperlicher als auch seelischer Stress führen mitunter zu psychotischen Erlebnissen.

Bildgebende Verfahren wie die Mag­netresonanz-Tomografie (MRT) zeigen, dass sich bei Schizophrenie-­Patienten verschiedene Hirnstrukturen neurobiologisch verändern. Dieser Prozess geht mit biochemischen Veränderungen neuronaler Regelkreise einher. Experten messen dabei insbesondere Fehlfunktionen im Dopamin-Haushalt eine wichtige Rolle bei.

Verlauf in Episoden

Schizophrenie ist keine Persönlichkeitsspaltung. Vielmehr beurteilen die Erkrankten die Realität und damit auch sich selbst völlig falsch, weil ihre Wahrnehmung und ihr Denken verändert sind. Außerdem sind ihre Affekte und Psychomotorik gestört. Die Schizophrenie verläuft meist in Episoden. Bei vielen Patienten bleiben allerdings nach Abklingen der akuten Symptome dauerhaft mehr oder weniger Restsymptome zurück, die ihre Lebensqualität beeinträchtigen.

Rund drei Viertel aller Erkrankungen geht ein oft mehrere Jahre andauerndes Vorstadium, die sogenannte initiale Prodromalphase, voraus. Diese Phase macht sich durch unspezifische Zeichen bemerkbar, beispielsweise Unaufmerksamkeit, Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit, Antriebs- und Interessenlosigkeit. Die Grafik unten zeigt den Teufelskreis, in den Erkrankte geraten können.

»Bevor Betroffene und Angehörige begreifen können, dass sie es mit einer schweren Krankheit zu tun haben, gehen im Alltag oft langwierige Leidensphasen voraus«, so die Aussage auf der Homepage des Psychiatrienetzes Köln, das von mehreren Verbänden getragen wird (Internetadresse siehe Kasten). Dazu gehören die »Aktion Psychisch Kranker« e.V. (APK), der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. (BApK), der Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V. und die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (DGSP). Auf der Homepage des Psychiatrienetz finden Interessierte Inhalte und Materialien. Diese eignen sich sowohl für Psychiatrie­erfahrene und deren Angehörige, als auch für Profis. Außderm bietet das Psychiatrienetz Hilfe und Unterstützung bei medizinischen und sozial­-rechtlichen Fragen.

Die Stärke der Schizophrenie-Symptome des einzelnen Erkrankten hänge bis zu einem gewissen Grad von dessen Persönlichkeitsstruktur und seiner Fähigkeit zur Krisenbewältigung ab, so der Verband. Nicht zufällig seien daher junge Erwachsene besonders gefährdet. Grundsätzlich müssen Jugendliche besondere berufliche und soziale Herausforderungen meistern, beispielsweise die erste Liebe, Schulabschluss, Berufswahl und Ablösung vom Elternhaus. Nicht selten erleben Menschen in ihrer Jugend heftige Konflikte. Freundschaften brechen auseinander und manche ziehen sich aufgrund enttäuschender Erlebnisse sozial völlig zurück, sodass sie anfälliger für die Erkrankung werden. Im Verlauf der Erkrankung entwickeln manche Patienten nach und nach einen Verfolgungswahn, fühlen sich fremdgesteuert, hören Gedanken, kommentierende Stimmen und erleben zudem optische und akustische Halluzinationen.

Die Grenzen zwischen dem Ich und der Umfeld zerfließen und sind mitunter mit großer Angst und Selbstzerstörungstendenzen verbunden. Letztlich beobachten Ärzte und die Menschen ihrer Umgebung auch Symptome der körperlichen und seelischen Starre wie Autismus, Apathie, Sprachverarmung sowie inadäquate Affekte, zum Beispiel Lachen statt Weinen und umgekehrt.

Auch das Team des »Früherkennungs- und Therapiezentrum für psychische Krisen« in Köln (FETZ) hebt im Internet hervor, wie wichtig es ist, Schizophrenie rechtzeitig zu diagnostizieren und zu therapieren. Je früher dies geschieht, umso größer sei die Chance, dass die psychische Gesundheit des Betroffenen wieder vollständig hergestellt werden kann. Anderenfalls komme es immer wieder zu Remissionen, die von milden Symptomen bis hin zu erheblicher kognitiver und sozialer Behinderung reichen können.


Schizophrenie im Film

Schizophrene Erkrankungen sind ein zentrales Thema vieler Spielfilme. Sehenswert ist besonders der US-amerikanische Kinofilm »A Beautiful Mind« aus dem Jahr 2001. Die Biografie zeigt das Leben des erfolgreichen Mathematikers John Forbes Nash (geboren 1928), der seit seinem Studium an einer schizophrenen Psychose leidet. Nash erliegt mehr und mehr der Vorstellung, im geheimen Auftrag der Regierung Codes sowjetischer Agenten entschlüsseln zu müssen. Schließlich wird der Wahn so stark, dass Nash in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wird. Ähnlich ergeht es Nathaniel Ayers in »Der Solist« (2009). Der Film erzählt die wahre Geschichte des hochbegabten Cellisten, der an Schizophrenie erkrankt und viele Jahre obdachlos auf den Straßen von Los Angeles lebt.

Der deutsche Film »Das weiße Rauschen« aus dem Jahr 2002 legt großen Wert auf eine authentische Darstellung der Schizophrenie aus der Sicht eines Betroffenen. Der 21-jährige Lukas hört nach dem Konsum psychedelischer Pilze quälende Stimmen und leidet unter Verfolgungswahn. Von den Ärzten erhält er die Diagnose »paranoide Schizophrenie«. Psychopharmaka drängen die Stimmen und Wahnvorstellungen zwar in den Hintergrund, wegen Nebenwirkungen setzt er sie jedoch ab. Nach einem Selbstmordversuch kämpft er allein gegen die Psychose.


Die FETZ-Experten betonen, dass die Diagnose ausführliche Gespräche und Interviews einschließen sollte. Gegebenenfalls müssen diese durch weitere medizinische Untersuchungen ergänzt werden, um körperliche Erkrankungen auszuschließen. Zur ersten groben Orientierung und Einordnung möglicher Beschwerden bietet das FETZ auf seiner Homepage (Adresse siehe Kasten) ein Online-Screening an. Allerdings könne der eingestellte Fragebogen selbstverständlich nur dazu dienen, erste Hinweise auf seelische Probleme zu erfassen. Das Vorgehen ohne persönlichen Kontakt mit einem Experten sei laut FETZ erheblich ungenau. Ist die seelische Gesundheit gestört, beeinträchtigt dies jedoch – unbehandelt – erheblich die Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und persönliche Lebenspläne. Prävention sei daher wichtig, vor allem Risikofaktoren zu erkennen und entgegen zu wirken.

Viele Experten einbeziehen

»Behandlungsziel der Schizophrenie ist der von Krankheitssymptomen weitgehend freie, zu selbstbestimmter Lebensführung fähige Patient, der therapeutische Maßnahmen in Kenntnis von Nutzen und Risiken abwägen kann«, heißt es in der Leitlinie zur Behandlung der Schizophrenie. Die Therapie soll außer dem Arzt und Patienten Angehörige, Psychologen, Pflegekräfte und Sozialarbeiter in einen Gesamtbehandlungsplan einbinden. Das gilt auch für die Pharmakotherapie mit Antipsychotika, früher auch Neuroleptika genannt. Die Arzneistoffe blockieren unter anderem die Wirkung von Dopamin im mesolimbischen System des Gehirns.

Zur Behandlung einer akuten schizophrenen Episode stehen verschiedene Arzneistoffe zur Verfügung, so atypische Antipsychotika wie Amisulprid, Aripiprazol, Clozapin oder Olanzapin sowie konventionelle Antipsychotika wie Fluphenazin, Flupentixol, Haloperidol oder Perazin. Die Wirkung der Arzneistoffe ist vergleichbar, sie unterscheiden sich jedoch in ihren Nebenwirkungen. Bei der Wahl des geeigneten Medikaments muss der Arzt außer den möglichen Nebenwirkungen und Risikofaktoren auch die bisherigen Erfahrungen und Vorlieben des Patienten sorgfältig gegeneinander abwägen.

Wesentliches Ziel der antipsychotischen Langzeit- oder Erhaltungstherapie ist neben der Unterdrückung von Symptomen vor allem Rückfälle zu verhindern. Etwa 20 Prozent der Patienten erleben nach der ersten psychotischen Episode ihr Leben lang keine erneuten psychotischen Symptome. Bisher gebe es jedoch keine Faktoren, mit denen sich voraussagen ließe, wie gut der Patient auf eine pharmakologische Therapie ansprechen wird, heißt es in der S3-Leitlinie.

Verständnis und Offenheit

Die psychiatrische Pharmakologie hat in der Vergangenheit große Fortschritte gemacht und viele neuartige Arzneistoffe hervorgebracht. Diese seien jedoch für Patienten und Angehörige nicht nur mit Hoffnungen, sondern auch mit Irritationen verbunden, konstatierte der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. (BApK) bereits 2010. Auf der einen Seite stehe häufig der Psychiater, der an die Eigenverantwortung des Patienten appelliert und ihm in düsteren Farben ausmalt, mit welchen Folgen er beim Absetzen der Medikamente rechnen muss. Auf der anderen Seite stehe der leidende Patient, der beklagt, dass ihn die Nebenwirkungen der Tabletten »kaputt machen«. Die Verunsicherung heizten Medien noch zusätzlich an, wenn sie beispielsweise in Berichten mit dem Titel »Schauermärchen über Psychopillen« Psychopharmaka undifferenziert verteufeln, so der BApK.


Weitere Informationen im Netz

www.seelischegesundheit.net

Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

www.kompetenznetz-schizophrenie.de

Kompetenznetz Schizophrenie

www.psychiatrienetz.de

www.fetz.org

Früherkennungs- und Therapiezen­trums für psychische Krisen in Köln


Der Verband kritisiert, dass Experten über Neuroleptika oftmals sehr unsachlich und polemisch diskutieren. Das Interesse mancher Experten sei »in erster Linie ein rein wissenschaftliches.« In den Familien herrsche oftmals Unsicherheit angesichts der zahlreichen Meinungen, so der BApK. Betroffene und ihre Familien beschäftigen Fragen wie: Ist das Medikament ein »Fluch oder Segen? Ist die Behandlung für mich eher »Chance oder Desaster? Was kann das Neuroleptikum? Was beziehungsweise wem soll ich glauben? Habe ich schon wieder alles falsch gemacht, wenn ich meinem Mann zur regelmäßigen Tabletteneinnahme zugeredet habe? Diese Unsicherheit in der Beurteilung der Vor- und Nachteile einer medikamentösen Behandlung sei »ganz unmittelbar, hautnah und existenziell«. Erforderlich sei Sensibilität und Feingefühl im Umgang mit den Sorgen und Befürchtungen der Patienten und ihrer Familien. Damit Betroffene und Angehörige das große Leid besser bewältigen können, sei unabhängige Beratung, Menschlichkeit, Verständnis und Offenheit die beste Unterstützung.

Einigkeit herrscht unter Experten, dass neben den Medikamenten die Psychotherapie, soziale Unterstützung, Vernetzung, Zuwendung und Krisenbegleitung wichtige Pfeiler der Therapie sind. Doch oft klafften Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Unter anderem sind derzeit die verschiedenen therapeutischen Bausteine häufig zu wenig miteinander verzahnt. /


E-Mail-Adresse der Verfasserin

chris-berg@t-online.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 18/2013

 

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