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Arzneimittel für Kinder

Heilpflanzen und Hausmittel


Von Maria Pues, Frankfurt am Main / Eltern wünschen für ihre Kinder mild wirksame Arzneimittel möglichst ohne unerwünschte Effekte. Doch auch bei pflanzlichen Arzneimitteln ist die korrekte Anwendung wichtig, um eine Wirkung ohne Nebenwirkungen zu gewährleisten.

 

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Erkrankungen der Atemwege und Beschwerden in Magen und Darm sind nur zwei Beispiele, bei denen Eltern in der Apotheke nach einem pflanzlichen Arzneimittel für ihre Kinder fragen. Die Anwendung sollte stets eingebettet sein in ein rationales Therapiekonzept, sagte Professor Dr. Walter Dorsch, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin in München, in seinem Vortrag im Rahmen einer Reihe der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft zum Thema Phytopharmaka in Frankfurt am Main. Genau wie bei chemisch definierten Wirkstoffen müsse auch beim Einsatz pflanzlicher Arzneimittel das Therapieziel klar definiert sein sowie Nutzen und Risiken gegen­einander abgewogen werden.




Nur das Beste: Eltern wollen ihr Kind schnell von Krankheits- symptomen befreien. Ein geeignetes Medi­kament soll sanft und ohne Neben­effekte wirken.

Foto: Shutterstock/Ermolaev Alexander


Heute schöpfe man in der Anwendung pflanzlicher Arzneimittel nicht nur aus langjähriger Erfahrung, sondern auch aus den Erkenntnissen moderner Forschung. Viele Arzneipflanzen hätten sich als unbedenklich erwiesen, erläuterte er. Dennoch müssten für sie in Fragen der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit die gleichen Grundsätze gelten wie für chemisch definierte Arzneimittel.

Nase, Nebenhöhle, Bronchien

In der Selbstmedikation steht die Linderung der Beschwerden von Atemwegsinfekten wie Erkältungen und Schnupfen, Bronchitiden und Sinusitiden unbestritten an erster Stelle. Bis zu zwölf Infektionen im Jahr seien für Kleinkinder nicht ungewöhnlich und kein Hinweis auf einen Immundefekt, erläuterte Dorsch: «‹Rotzlöffel‹ heißen nicht ohne Grund so.« Der reflexhafte Griff zur Hustensaftflasche sei dabei aber nicht der richtige Weg, betonte der Kinderarzt. Er empfahl eine abgestufte Vorgehensweise. Bei leichteren Beschwerden reichten häufig bereits physikalische Maßnahmen und/oder ein Arzneitee.


Ständig krank

Viele Eltern äußern sich besorgt, wenn ihr Kind zum wiederholten Mal in einem Winter unter Schnupfen und Husten leidet. Bis zu zwölf Infekte pro Jahr seien aber kein Zeichen einer Immunschwäche, sondern eines lernenden Abwehrsystems, so Dorsch. Mit einem schrittweise gesteigerten Kneippschen Immuntraining – bis hin zum Barfußlauf durch den Schnee – lasse sich die Zahl der Infekte vermindern.


In Fertigarzneimitteln sind die Pflanzeninhaltsstoffe zumeist höher konzentriert, sodass diese sich auch bei stärkeren Beschwerden gut eignen. Keinesfalls dürfe man aber außer Acht lassen, dass auch andere Erkrankungen, beispielsweise Asthma, den Erkältungssymptomen zugrunde liegen könnten. Dorsch: »Wenn man beim Abhorchen nichts hört, sollte der Arzt auf das hören, was die Mutter erzählt.« Berichte diese vor allem von alleinigem nächtlichen Husten, komme Asthma als Ursache infrage.




Holunderblüten, Mädesüß, Schlüsselblume und Thymian gehören zu den Arzneipflanzen, die sich bei Erkältungen bewährt haben.

Fotos: Ullrich Mies


Zahlreiche Arzneipflanzen enthalten – auch für Laien erkennbar an ihrem intensiven Geruch – ätherische Öle wie Thymol, Menthol, Cineol oder a-Pinen. Diese wirken innerlich oder äußerlich vor allem sekretolytisch, indem sie die Bronchialsekretion stimulieren, oder sekretomotorisch, indem sie den Sekrettransport und das Abhusten unterstützen. Äußerlich in Form von Einreibungen oder Inhalationen sollten ätherische Öle bei kleinen Kindern nicht oder allenfalls zurückhaltend zum Einsatz kommen, sagte Dorsch. Kontraindiziert bei Kindern unter zwei Jahren sind Zubereitungen mit Kampfer und/oder Menthol. Diese können bei ihnen einen Kratschmer-Effekt aus­lösen – einen Glottiskrampf, der schlimmstenfalls zum Atemstillstand führt. Niemals sollten Eltern bei kleinen Kindern Zubereitungen mit ätherischen Ölen direkt auf die Haut oder in der Nähe von Mund und Nase aufbringen. Auch für Kinder (und Erwachsene) mit überempfindlichem Bronchialsystem, das sich in Form von Pseudokrupp und/oder Asthma äußern kann, eignen sich äußerlich angewendete ätherische Öle nicht. Für eine innerliche Anwendung, beispielsweise in Form von Tees, Tabletten oder Saft, gelte dies nicht, so der Kinderarzt.

Efeuextrakte lindern auch krampfartigen Husten durch eine verbesserte Ansprechbarkeit von ß2-Rezeptoren der glatten Bronchialmuskulatur, zitierte Dorsch aktuelle Studien. Wirksamer Bestandteil ist a-Hederin, das sich aus dem Prodrug Hederacosid C bildet. Es hemmt die Aufnahme von ß2-Rezeptoren ins Zellinnere und stellt so sicher, dass genügend Rezeptoren aktiv bleiben. So unterstützt a-Hederin die Bildung von Surfactant und die Entspannung der Bronchialmuskulatur.

Im Tierversuch und in klinischen Studien habe sich außerdem eine leichte antiasthmatische Wirkung gezeigt, ergänzte Dorsch. Auch Inhaltsstoffe des Thymiankrauts wirkten unter anderem bronchospasmolytisch über ß2-Rezeptoren und verbesserten die mukoziliäre Clearance sowie antiinfektiv. Efeu und Thymian seien daher eine sinnvolle Kombination gegen Husten, so Dorsch. Dabei sollten die Eltern stets Fertigarzneimittel einsetzen. Wirkstoffe des Efeus und auch das Thymol aus dem Thymiankraut gehen nicht oder kaum in einen wässrigen Drogenauszug über.




Spitzwegerich, Malve, Eibisch und Efeu sind wirksam gegen Hustenreiz.

Fotos: Ullrich Mies


Polysaccharide des Eibisch oder aus Isländisch Moos wirken reizlindernd auf strapazierte Schleimhäute. Sie bilden eine schützende Schicht auf den Schleimhäuten und reduzieren so mechanische und thermische Reize. So vermindern sie Hustenreflex und Hustenreiz. Darüber hinaus helfen sie, eingedrungene Krankheitserreger zu bekämpfen, indem sie die Phagozytose durch Makrophagen stimulieren. Neue Ergebnisse aus Tierversuchen haben außerdem gezeigt, dass Eibisch die Regeneration von Epithelien unterstützt. Wichtig sei, Eibischtee kalt anzusetzen, um die Polysaccharide zu extrahieren, ohne sie zu zerstören. Erst dann sollte der Tee vorsichtig auf Trinktemperatur erwärmt werden.

Auch physikalische Maßnahmen können viele Erkältungsbeschwerden lindern. Dass ansteigend heiße Fußbäder dazu beitragen können, den Schnupfen »wegzuschwemmen«, leuchtet Laien meistens nicht auf Anhieb ein. Die hohen Temperaturen an den Füßen bewirkten aber auch reflektorisch eine Durchblutungssteigerung der Nasenschleimhäute, erläuterte Dorsch. Dazu sollte das Fußbad mit warmem Wasser beginnen, dem nach und nach heißes zugegeben wird. Reinigend auf die Nasenschleimhäute wirken außerdem Spülungen mit physiologischer Kochsalzlösung.

Auch die Schwerkraft kann man nutzen: Eine sinnvolle Kombination bei Sinusitis bestehe aus Wärmeanwendungen mit Rotlicht oder einem heißen Fußbad, einem schleimlösenden Präparat wie Sinupret® und auf dem Rückenliegen im warmen Bett, empfahl Dorsch. Auf diese Weise laufe der gelöste Schleim rückwärts über die Speiseröhre – unappetitlich, aber wirksam.

Magen und Darm

Wenn Übelkeit und Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung Magen und Darm des Nachwuchses in Mitleidenschaft ziehen, wünschen Eltern eine ebenso wirksame wie milde Therapie. Heute in Vergessenheit geraten, aber effektiv bei Durchfall wirke die Möhrensuppe nach Moro. Ihr Namensgeber, der Kinderarzt Professor Dr. Ernst Moro (1874-1951), entwickelte diese bereits vor über 100 Jahren und setzte sie auch bei bakteriell verursachten Durchfällen erfolgreich ein (Rezept siehe Kasten). Außerdem können Hausmittel wie eine Karotten-Reis-Suppe oder ein geriebener Apfel Durchfallbeschwerden lindern.


Möhrensuppe nach Moro

500 Gramm Möhren in einem halben Liter Wasser eine Stunde lang kochen. Die Suppe pürieren, mit Wasser auf einen Liter auffüllen und 3 Gramm Kochsalz hinzufügen. In kleinen Portionen über den Tag verteilt geben.


Sekretionshemmend, antimikrobiell und adstringierend wirken Gerbstoffe wie sie beispielsweise in Heidelbeerfrüchten, Tormentillwurzelstock oder (grünem) Tee vorkommen. So eigne sich für kleinere Kinder ein Aufguss aus getrockneten Heidelbeeren, Tormentillwurzel und Kamillenblüten im Verhältnis 3:2:1. Die überbrühten Heidelbeeren im »Teesatz« können die Eltern dem Kind zusätzlich als »Durchfallbonbon« geben, so Dorsch.

Treten Übelkeit und Erbrechen bei älteren Kindern auf, eigne sich auch ein Aufguss aus Ingwerwurzel und grünem Tee, dem reichlich Traubenzucker beigegeben wurde. Ingwer helfe außerdem bei Reiseübelkeit, da seine Inhaltsstoffe die Magenperistaltik anregten und so die Magenentleerung förderten, informierte der Kinderarzt.

Ein Gesamtkonzept statt zahlreicher isolierter Einzelmaßnahmen empfahl Dorschner auch, wenn Kinder unter Obstipation leiden. Diese kann ernährungsbedingt sein. Aber auch die Erwartungshaltung der Eltern, ihr Kind müsse endlich »trocken« werden, oder Missempfindungen des Kindes beim Stuhlgang können zu einer Vermeidungshaltung gegenüber dem »Töpfchen« und damit zur Verstopfung führen. Manches ältere Kind möchte auch – manchmal aus nachvollziehbaren Gründen – die Toiletten in Kindergarten oder Schule nicht benutzen. Hier kann es helfen, wenn das Kind den Toilettengang morgens bereits zu Hause erledigen kann.


Wie Pflanzen bei Erkältungen wirken

  • Schweißtreibend, sekretsteigernd: Holunderblüten
  • Fiebersenkend: Lindenblüten, Mädesüß
  • Sekretolytisch: Schlüsselblume, Primelwurzel, Thymian
  • Antimikrobiell: Thymian
  • Bronchospasmolytisch: Thymian
  • Expektorierend: Schlüsselblume, Primelwurzel, Quendel
  • Hustenreiz lindernd: Eibisch, Malve, Süßholz, Isländisch Moos, Spitzwegerich
  • Hustenreiz stillend: Efeu


Häufig regt ein Getränk auf nüchternen Magen den Stuhlreiz an. Fehlen Ballaststoffe in der Ernährung, können diese durch Lein- oder Flohsamen oder durch eine entsprechend angepasste Lebensmittelauswahl ergänzt werden. Auch die Flüssigkeit von am Vorabend eingeweichten Trockenpflaumen, gemischt mit Apfelsaft und morgens getrunken, kann Stuhlreiz auslösen. Regelmäßige Portionen Obst, Rohkost und Joghurt helfen dabei, die Verdauung zu regulieren.

Bei Säuglingen kann Milchzucker und/oder 10 bis 15 Tropfen Olivenöl den Stuhlgang erleichtern. Bei ihnen führt auch häufig Luft in den Eingeweiden zu quälenden Blähungen. Tees mit Anis, Fenchel und Kümmel haben sich hier bewährt. Die hilfreichen ätherischen Öle wirken aber auch in Form von Salben, die auf die Haut aufgebracht werden, zum Beispiel die Wind®-Salbe. Die lipophilen Wirkstoffe werden über die Haut aufgenommen. Auch eine sanfte Massage (mit oder ohne ätherische Öle) kann den Weitertransport der Luft erleichtern. Eine solche Mas­sage muss dazu dem Verlauf des Dickdarms folgen, also im Uhrzeigersinn erfolgen. Dabei sollten die Eltern darauf achten, dass ihr Baby richtig »aufstößt«.


Fazit

Die Behandlung häufiger Beschwerden von Kindern mit pflanzlichen Arzneimitteln sollte den Grundsätzen einer rationalen Pharmakotherapie folgen, betonte Dorsch. Möglicherweise ernste Ursachen der Symptome dürfen dabei ebenso wenig außer Acht gelassen werden wie der natürliche Verlauf einer Erkrankung. Nicht immer ist es für PTA und Apotheker einfach, Eltern an die erforderliche Geduld zu erinnern: Ein Hustensaft lindert zwar die quälenden Beschwerden, die Dauer des Infekts verkürzt sich dadurch aber nicht. Und: Oft ist nicht nur keine »chemische Keule« notwendig, sondern auch kein pflanzliches Arzneimittel. Vor allem bei leichten Erkältungsbeschwerden bringt häufig beobachtendes Abwarten kombiniert mit einem heißen Getränk und physikalischen Maßnahmen die gewünschte Erleichterung. /


E-Mail-Adresse der Verfasserin
maria.pues@t-online.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 01/2014

 

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