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Karlsgarten

Ein Erbe Karls des Großen


Von Annette van Gessel / 2014 wird in Aachen das Karlsjahr gefeiert. Denn vor 1200 Jahren starb Karl der Große in seiner Aachener Pfalz. Zum Internationalen Karlsjahr 2000 wurde in Aachen der Karlsgarten eröffnet. Berühmte Vorlage dieses Gartens ist die Landgüterverordnung Karls des Großen mit dem Namen »Capitulare de villis«. Über die Entstehungsgeschichte berichtet Dr. Karl Josef Strank, Geschäftsführer des Freundeskreis Botanischer Garten Aachen e.V., im Interview mit PTA-Forum.

 

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PTA-Forum: Seit wann gibt es in Aachen die Idee, einen Garten nach Vorgabe der Capitulare de villis anzulegen?

Strank: Diese Idee hat der Freundeskreis anlässlich der 1200-Jahr-Feier der Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom entwickelt, also zum Internationalen Karlsjahr 2000. Der Garten nach dem »Capitulare de villis vel curtis imperii« wurde am westlichen Stadtrand angelegt, am Gutshof Melaten – dem mittelalterlichen Leprosorium von Aachen, einem Haus für Leprakranke. Das Projekt konnte der Freundeskreis Botanischer Garten Aachen e.V. aus eigenen Mitteln stemmen und erhielt tatkräf­tige Unterstützung des Grünflächenamtes der Stadt Aachen und von Firmen des Garten- und Landschaftsbaus aus der Region.




Foto: Ullrich Mies



PTA-Forum: Auf welche Dokumente haben Sie bei der Planung zurückgegriffen?

Strank: In erster Linie haben wir zurückgegriffen auf das Capitulare de villis selbst. In dieser Verordnung regelte Karl der Große die Bewirtschaftung seiner Kron- und Hofgüter. Für alle Belange von Ackerbau und Viehzucht erließ er dezidierte Vorschriften, beispielsweise wie die Vorräte an Lebensmitteln und Gebrauchsgütern herzustellen und in welchen Mengen diese für die Hofhaltung abzuführen waren. Das zweite wichtige Dokument ist das Gartengedicht »Hortulus« des Abtes Walahfrid Strabo von der Reichenau, in dem er die Arbeiten im Garten und einzelne Pflanzen mit ihren Eigenschaften beschreibt. Und schließlich ist auch der Klosterplan von St. Gallen ein wichtiges Dokument aus der Karolingerzeit, weil er das Idealbild eines Klosters zeichnet und die klösterliche Gartenkultur mustergültig dokumentiert, vom Garten im Kreuzgang über den Gemüsegarten, den Medizinalgarten an der Wohnung des Arztes bis hin zum Obstgarten auf dem Friedhof.

PTA-Forum: Aus welchem Grund ließ der Kaiser diese besonderen Gärten anlegen? Auf welche Kenntnisse griff er bei der Auswahl zurück? Hatte er dabei besondere Berater?




Dr. Karl Josef Strank sorgt unter anderem dafür, dass auch die einjährigen Pflanzen jedes Jahr neu im Karlsgarten zu besichtigen sind.

Foto: Ullrich Mies


Strank: Die Krongüter und Königshöfe hatten die Aufgabe, Vorräte zu erwirtschaften. Diese Vorräte mussten sie an die Pfalzen und Klöster abführen, die dem Kaiser als Stützpunkte auf den vielen Reisen durch sein Reich dienten. In der unmittelbaren Umgebung jeder Pfalz und jedes Klosters lag etwa ein Dutzend dieser Güter. Je nach Größe und landschaftlichen Voraussetzungen hatten diese das volle landwirtschaft­liche Programm zu absolvieren und gute Erträge einzufahren. In den Gärten sollten die Pflanzen angebaut werden, die im letzten, dem 71. Kapitel, aufgelistet sind und von denen es heißt: »Volumus quod in horto omnes herbas habeant …» Übersetzt heißt das: Wir wollen, dass man im Garten alle Kräuter habe … Danach folgen die Namen von 71 Kräutern und 16 Obstgehölzen. Diese Liste mit Pflanzennamen enthält die nötigsten Heilmittel, Gewürze, Gemüse-, Obst- und Fruchtpflanzen, die die Menschen damals brauchten, um sich gesund und fit zu halten. Die Menschen hatten keine andere Möglichkeit, als sich gesund zu ernähren, um Krankheiten zu vermeiden, nach dem Diktum des Arztes Hippokrates von Kos: »Der Mensch ist das, was er isst!« Die Auswahl der Pflanzen des Capitulare liest sich wie eine Abschrift des Kräuterbuchs des berühmten Arztes Diosku­rides, der bis in die Neuzeit als bester Kenner der Heilpflanzen galt. Mönche in den Klöstern kannten diese antiken Schriften und schrieben im Auftrag Karls des Großen die Pflanzenliste ins Capitulare.

PTA-Forum: Können Sie heute nachvollziehen, nach welchen Kriterien und mit welcher Absicht Karl der Große bestimmte Pflanzen auswählte?




An der Beetkante steht die Nummer jeder Pflanze aus dem Capitulare und der dort genannte Name.

Foto: Ullrich Mies


Strank: Für die Menschen des Mittel­alters stand einzig die Nützlichkeit der Pflanzen im Vordergrund. Deswegen besteht bei allen Pflanzen die Möglichkeit, sie arzneilich zu verwenden. Darüber hinaus haben die Pflanzen aber auch symbolische Bedeutung und die Menschen der damaligen Zeit verbanden mit ihnen Bild-Botschaften christ­licher Bedeutung, weil die meisten weder schreiben noch lesen konnten. So stehen beispielsweise die Weiße Lilie für die Reinheit und Keuschheit der Gottesmutter Maria und der Salbei – die Heilpflanze des Mittelalters schlechthin – für den Segen und Schutz durch Jesus Christus.

Karl der Große verordnete, gestützt auf das Wissen seiner ihn beratenden Mönche, in gewisser Weise ein römisches Programm mit vielen Pflanzen aus dem mediterranen Raum. Sicherlich bewunderte Karl die römische Kultur, aber er kümmerte sich bei seiner Auswahl sowohl um das Seelenheil als auch um das körperliche Wohlergehen seiner Untertanen, indem er das Kräuter- und Heilwissen des Dioskurides und anderer antiker Autoren aufgriff. Im Lorscher Arzneibuch, ebenfalls ein Dokument aus der Karolingerzeit, werden die Arzneizubereitungen beschrieben und für Heilpflanzen des Mittelmeerraumes, die unter Umständen nicht kultiviert werden konnten oder nicht vorrätig waren, Ersatzpflanzen aus der heimischen Flora benannt.

PTA-Forum: Wurden auch Pflanzen aus anderen Ländern angebaut?

Strank: Da das Reich Karls des Großen bis nach Italien und in den Süden Frankreichs reichte, stehen selbstverständlich auch Pflanzen aus diesen Regionen mit auf der Liste. Forscher vermuten, dass die Capitulare-Liste im Rheinland entstanden ist und für das ganze Reich galt. Aufgrund einer kurzen Warmzeit war es damals aber einfacher, mediterrane Pflanzen auch in unseren Breiten zu kultivieren.

PTA-Forum: Wie viele Gärten nach des Kaisers Vorgaben wurden damals angelegt?




Der Hauptweg verläuft bewusst schräg durch den sonst sehr formal gehaltenen Garten.

Abb.: Strank


Strank: Jedes Hof- und Krongut hatte den Auftrag, einen Garten mit den genannten Kräutern, Gemüsen, Obst und Fruchtgehölzen anzulegen. Es müssen also in der Karolingerzeit und später et­liche Hunderte von Gärten gewesen sein. Keinen einzigen davon wird Karl der Große selbst angelegt haben. Er und seine Leute wollten einfach nur sicher sein, zu jeder Zeit und an jedem Ort auf diese Pflanzen für die Küche oder zur Zubereitung von Arzneien zugreifen zu können. Dass die Bediensteten auf den Gütern dieser Aufgabe mit Sorgfalt nachgekommen sind, belegen erhalten gebliebene Rechenschaftsberichte.

PTA-Forum: Wer durfte in den Gärten ernten?

Strank: »Wir wollen, dass die Erträge der in unserem Besitz befindlichen und für unsere Hofhaltung bewirtschafteten Hofgüter uneingeschränkt unserem eigenen Bedarfe dienen und nicht anderen Personen,« so heißt es im Capitulare. Und der Bedarf des Königs war groß, denn für die Versorgung seiner Familie und des Hofstaates war er auf diese Erträge angewiesen. Ebenso sorgte sich Karl aber auch um das Auskommen seiner Bediensteten. So verfügte er, dass diese auf den Hofgütern ausreichend versorgt werden.

PTA-Forum: Alle Pflanzen im Karlsgarten sind nummeriert. Ist der Garten nach einem bestimmten Schema aufgebaut?

Strank: Wir haben die Kräuter im Karlsgarten an Gut Melaten in der Reihenfolge der Nennung im Capitulare gepflanzt. Die einzelnen Beete sind quer wie die Zeilen einer Buchseite auf­gebaut und mit Buchsbaumhecken voneinander abgegrenzt. An der Beetkante steht auf einem ovalen Etikett der lateinische Capitulare-Name. Die korrekte botanische Bezeichnung der Pflanzen ist im Beet auf einem viereckigen Etikett zu lesen. Dieses enthält neben der Pflanzenfamilie auch die Namen in deutscher, englischer, niederländischer und französischer Sprache. In Zweifelsfällen, in denen sich die Gelehrten auch heute noch nicht einig sind, welche Pflanzenart dem Capitulare-Namen eindeutig zuzuordnen ist, haben wir im Beet zwei Alternativen gepflanzt.

In der Gestaltung des Gartens haben wir bewusst Elemente der europäischen Gartenkultur verwendet, denn in dieser Form hat es einen Kräutergarten Karls des Großen selbst in Aachen nie gegeben. Der Aachener Karlsgarten ist eine moderne und zeitgemäße Interpretation der Capitulare-Liste. Er erinnert an Karl den Großen und die Tradition der Klostergärten. Deswegen ist er mit einer »grünen Mauer« aus Buche umgeben, um den typischen Eindruck eines mittelalterlichen geschlossenen Gartens, eines »hortus conclusus«, zu vermitteln. Innen erzeugen die in Form geschnittenen Eiben- und Buchshecken den Charakter eines klösterlichen Kreuzgangs.

Der Urtyp des Klostergartens sieht anders aus. Er ist geprägt durch ein Wegekreuz mit vier Beeten in jeder Ecke und durch einen Brunnen oder ein Schöpfbecken in der Mitte. Den historisierenden Eindruck wollten wir im Karlsgarten entschieden vermeiden. Daher haben wir den Hauptweg bewusst schräg durch den ansonsten formal gestalteten Garten gelegt. Damit machen wir allen kundigen Besuchern einen Strich durch ihre Erwartung. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2014

 

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