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Verdauungsbeschwerden

Pflanzliche Enzyme als Therapieoption

Ernst-Albert Meyer, Lippstadt

Um gesund und leistungsfähig zu bleiben, sind Menschen auf eine funktionierende Verdauung angewiesen. Doch die Verdauungsleistungen des Körpers sind nie konstant: Mit zunehmendem Alter oder durch bestimmte Krankheiten nehmen sie ab. Eine Reihe von Arzneimitteln tierischer und pflanzlicher Herkunft kann die gestörte Verdauung normalisieren und die Beschwerden lindern. 

 

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Mit der Nahrung gelangen die für den Energiehaushalt, den Zellstoffwechsel und die Regenerationsvorgänge benötigten Substanzen in den Körper. Doch die Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße sind nicht resorbierbar, sondern müssen wegen ihrer hochmolekularen Strukturen enzymatisch in niedermolekulare Spaltprodukte zerlegt werden. Diese kleineren Einheiten können dann aus dem Darm ins Blut übergehen. 

Während Mund und Magen den Nahrungsbrei vorbereiten, ist der Dünndarm das Zentrum der Resorption. Hier wirkt mit einem pH-Wert von 7 bis 9 der alkalische Pankreas-Saft, das Produkt der Bauchspeicheldrüse. Täglich werden etwa 2 Liter Pankreas-Saft in den Zwölffinger-darm sezerniert. Neben den wichtigen Pankreas-Enzymen enthält der Saft Bikarbonat-, Chlorid-, Natrium-, Kalium- und Calcium-Ionen. Dabei neutralisiert das Natriumbikarbonat den aus dem Magen kommenden sauren Speisebrei und garantiert einen pH-Wert von 7,5 bis 8. In diesem Milieu wirken die Verdauungsenzyme optimal.

Spaltung der Kohlenhydrate

Die meisten Kohlenhydrate nimmt der Mensch in Form von Stärke aus Kartoffeln oder Reis, also in Polysaccharidform auf. Deren enzymatischer Abbau beginnt schon im Mund durch das Enzym Amylase aus den Speicheldrüsen.Trotz der kurzen Einwirkzeit spaltet die Amylase bereits bis zu 50 Prozent der Stärke in kurze Zuckerketten. Auch die Bauchspeicheldrüse produziert Amylase. Diese hat jedoch im pH-Wert des Dünndarms (6,7 bis 6,9) ihr Wirkungsoptimum und sorgt für die weitere Spaltung der Kohlenhydratketten. Den restlichen Abbau zu Einfachzuckern übernehmen die Enzyme aus der Dünndarmschleimhaut, zum Beispiel die Glukosidasen, bevor die Resorption erfolgt. 

Die Eiweißanteile der Nahrung werden zunächst durch die Salzsäure im Magen denaturiert und durch das Enzym Pepsin zum ersten Mal zerlegt. Im Dünndarm sind die Proteasen der Bauchspeicheldrüse, Chymotrypsin und Trypsin, aktiv. Sie spalten die Eiweißkörper in Dipeptide aus zwei Aminosäuren. Dipeptidasen in der Dünndarmschleimhaut trennen diese abschließend in einzelne Aminosäuren auf, die schnell resorbiert werden. 

Rund 90 Prozent der Nahrungsfette sind Triglyceride (Neutralfette), die zu ihrer Mehrzahl aus langkettigen Fettsäuren mit 16 und 18 C-Atomen bestehen. Nur ein kleiner Anteil setzt sich aus kurzkettigen (2 bis 4 C-Atome) und mittelkettigen (6 bis 10 C-Atome) Fettsäuren zusammen. Etwa 10 Prozent der Nahrungslipide sind Phospholipide, vor allem Lecithin, Cholesterolester und die fettlöslichen Vitamine A, E, D und K.

Im sauren Milieu des Magens werden die Fette zunächst emulgiert, bevor der Fettabbau durch die Magenlipase beginnt. Doch im alkalischen Milieu des Dünndarms erfolgt die eigentliche Spaltung der Triglyceride in freie Fettsäuren und Glycerol durch die Pankreas-Lipase.

Fettabbau über Mizellbildung

Die entstandenen Lipolyseprodukte sind im wässrigen Milieu des Dünndarms schlecht löslich und werden durch den Gallensaft emulgiert und in Mizellen aus Gallensäuremolekülen eingebaut. Beim Kontakt mit der Membran des Dünndarms zerfallen die Mizellen, und mittels verschiedener Transportmechanismen werden die Fettabbauprodukte in die Dünndarmepithelzellen (Enterozyten) aufgenommen. Die Phospholipase A, ein weiteres Pankreas-Enzym, spaltet das Phospholipid Lecithin und die Cholesterolesterase die Cholesterolester in Cholesterol und freie Fettsäuren. Die fettlöslichen Vitamine gelangen durch Diffusion in die Enterozyten.

Ist die Verdauungsleistung eingeschränkt, sprechen Mediziner von Maldigestion. Bei den Betroffenen wird die Nahrung nicht mehr oder nur unzureichend in ihre resorbierbaren Bestandteile aufgespalten. Typische Beschwerden einer Maldigestion sind Oberbauchschmerzen, Völlegefühl und Blähungen. Zu den Ursachen einer Maldigestion gehören funktionelle Störungen im Magen-Darm-Trakt, die reduzierte Produktion von Gallensaft oder die verminderte Leistung der Bauchspeicheldrüse. Die meisten Beschwerden werden durch den Mangel an Pankreas-Lipase verursacht, aber auch die Pankreas-Enzyme Protease und Amylase spielen eine Rolle. Schwere Formen der Maldigestion sind sehr selten, leichtere Störungen treten dagegen häufig auf.

Von der Maldigestion ist die Malabsorption abzugrenzen: Hier ist die Aufnahme von Nährstoffen (Resorption) durch die Dünndarmwand gehemmt.

Probleme im Alter

Ältere Menschen klagen häufiger über dyspeptische Beschwerden als jüngere. Vermutlich nehmen im Alter die Leistungen der Verdauungsorgane ab. Die Magenschleimhaut ist schlechter durchblutet und die Magen- und Darmmotilität reduziert, was den Verdauungsprozess verlängert und zur Obstipation führen kann. Auch die Produktion von Magensalzsäure und Verdauungsenzymen vermindert sich im Alter. Galle und Bauchspeicheldrüse sind ebenfalls betroffen, unter anderem da sie schlechter durchblutet werden. Dies wirkt sich nachteilig auf die Produktion von Galle und Pankreas-Enzymen aus. In der Folge gelangen unverdaute Nahrungsbestandteile in den Dickdarm. Dort dienen sie Darmbakterien als Nahrung, und es entstehen vermehrt Darmgase, die die dyspeptischen Beschwerden noch verstärken. Besonders fettreiche Nahrung führt bei älteren Menschen massiv zu Blähungen, Aufstoßen, Völlegefühl und Oberbauchschmerzen. Deshalb suchen vor allem ältere Menschen wegen ihrer Verdauungsbeschwerden in der Apotheke die Hilfe von PTA oder Apotheker. Nur wenige Betroffene wissen, dass starke Blähungen Herzbeschwerden auslösen können, ein Phänomen, das Mediziner als Roemheld-Syndrom bezeichnen.

Mit Enzymen die Verdauung fördern

Rund 40 Arzneimittel mit Pankreas-Enzymen in Kapsel-, Tabletten- oder Granulatform verzeichnet die Rote Liste 2008. Die Hersteller verarbeiten zu diesen Präparaten ein aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen gewonnenes Pulver (Pancreatis pulvis). Die Arzneimittel müssen auf eine bestimmte Konzentration an Lipase, Amylase und Protease standardisiert sein, angegeben in Ph.Eur.-Einheiten/mg. 1 mg Pankreas-Pulver soll mindestens 1,0 Ph.Eur.-Einheit an proteolytischer Gesamtaktivität, 15 Ph.Eur.-Einheiten an lipolytischer Aktivität und 12 Ph. Eur.-Einheiten an amylolytischer Aktivität aufweisen. 1 Ph. Eur.-Einheit/mg entspricht 1000 F.I.P.-Einheiten/g. Die Zahl hinter dem Arzneimittel-Namen bezieht sich in den meisten Präparaten auf die Lipase-Einheiten (zum Beispiel Pankreatan® 36000).

Da die Schweine-Lipase säurelabil ist, wird sie durch die Magensalzsäure denaturiert und damit inaktiviert. Deshalb sollten PTA oder Apotheker den Patienten nur magensaftresistente Arzneimittel (zum Beispiel Pankreatin STADA®, Mezym® F, Enzym Lefax® forte, Pankreatin Kapseln, Pangrol® 20000) empfehlen. Auch Kreon® Granulat besitzt einen magensaftresistenten Überzug. Diese Arzneiformen garantieren, dass die Schweine-Lipase im Dünndarm ihre fettspaltenden Eigenschaften entfalten kann. Aufgrund der Säurelabilität der Schweine-Lipase sind Kautabletten keine günstige Arzneiform. Außerdem kann bei Kautabletten die Protease im Mund aktiv werden und zu Schleimhautschäden führen.


Häufige Fehler bei der Einnahme von Enzym-Präparaten

Die Patienten nehmen

  • die Enzym-Präparate vor oder nach der Mahlzeit, 
  • die Enzym-Präparate nicht über die Mahlzeit verteilt,
  • säureinstabile, nicht magensaftresistente Enzym-Präparate ein,
  • die Enzym-Präparate in zu niedriger Dosierung.


Einige Besonderheiten sollten die Patienten wissen, bevor sie Enzym-Präparate einnehmen: Sie müssen die Arzneimittel unzerkaut während der Mahlzeit nehmen, niemals vor und auch nicht nach dem Essen. Nachher ist besonders ungünstig, da dann schon ein Teil des Speisebreies ohne Enzyme vom Magen in den Dünndarm transportiert wurde. Sollen die Patienten mehrere Kapseln oder Tabletten beziehungsweise ein Granulat nehmen, empfiehlt es sich, die Dosis über die gesamte Mahlzeit zu verteilen. Die erforderliche Enzymdosis richtet sich nach der Art der Erkrankung, der Stärke der Beschwerden, dem Enzymgehalt des Arzneimittels und der Menge und Zusammensetzung der Nahrung. Bleibt der erwünschte Effekt des Enzym-Präparates aus, kann das daran liegen, dass die Bauchspeicheldrüse zu wenig Bikarbonat bildet. Dann wird die Magensäure im Dünndarm nicht genügend abgepuffert, so dass der für die Pankreas-Enzyme optimale alkalische Wirkbereich nicht erreicht wird. Die Alternative sind dann Nortase® Kapseln. 

Enzyme pflanzlicher Herkunft

Wenig bekannt ist, dass man die Verdauungsenzyme der Pankreas auch aus pflanzlichen Quellen gewinnen kann. Das entprechende Arzneimittel der Roten Liste 2008 sind Nortase® Kapseln mit Rhizolipase, Amylase und Protease. Alle drei enthaltenen Enzyme werden aus dem auf Reis wachsenden Reispilz Rhizopus oryzae gewonnen.

Im Vergleich mit der Schweine-Lipase hat die Rhizolipase einen entscheidenden Vorteil: Sie ist säurestabil, das heißt, die Fettverdauung beginnt schon im Magen. Und da die Rhizolipase bei pH-Werten von 3 bis 9 aktiv ist, wirkt sie auch im Dünndarm. Im Gegensatz zur Schweine-Lipase, die nur Triglyceride aufspalten kann, spaltet die Rhizolipase auch Phospholipide und Cholesterolester. 

Bei Patienten, die sehr viel Magensäure bilden, empfiehlt es sich, Nortase mit Pankreas-Enzym-Präparaten im Verhältnis 1 zu 3 zu kombinieren. 

Auch die in Nortase enthaltenen Enzyme Amylase und Protease sind ebenfalls pflanzlicher Herkunft. Von Vorteil ist, dass diese pflanzlichen Enzyme im Gegensatz zu den tierischen die Nahrung in Magen und Dünndarm aufspalten, ohne dabei selbst resorbiert zu werden. 

An ausländische Mitbürger denken

Die etwa 3,5 Millionen Muslime in Deutschland müssen aufgrund ihres Glaubens alle Produkte vom Schwein meiden. Dazu gehören auch Arzneimittel, die Enzyme der Schweine-Pankreas enthalten. Diesen ausländischen Mitbürgern, ebenso Vegetarieren, können PTA oder Apotheker bei dyspeptischen Beschwerden, vor allem wenn sie auf einem Enzym-Mangel basieren, Nortase empfehlen.

 

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
MedWiss-Meyer(at)t-online.de


Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2008

 

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