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POLITIK UND BERUF

OTC-Arzneimittel

Jugendliche sollen nicht mehr zahlen


Von Daniel Rücker, Eschborn / Seit gut 10 Jahren erstatten die Krankenkassen OTC-Arzneimittel nur noch in eng umgrenzten Ausnahmefällen. Das hat dem Image dieser Medikamente geschadet. Apotheker und Pharmahersteller wollen sich damit nicht abfinden.

 

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Der 1. Januar 2004 war ein schlechter Tag für die Hersteller von nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Mit dem Inkrafttreten des GKV-Modernisierungsgesetzes (GMG) waren ihre Präparate nicht mehr erstattungsfähig und verloren zudem ihren Festpreis. Seitdem können Apotheker den Preis von OTC-Arzneimitteln frei kalkulieren. In den ersten Monaten nach der Preisfreigabe hielten sich die meisten Apotheker noch an die Preisempfehlung der Hersteller. Im Laufe der Zeit entdeckten aber immer mehr Apotheker die Präparate als Marketinginstrumente. Mit Sonderangeboten und Dumpingpreisen lockten sie die Kunden in die Apotheken. Politiker und Verbraucherschützer jubelten damals noch über den Preisverfall. Kurzfristig profitierten die Patienten ja tatsächlich von den günstigen Angeboten. Viele Apotheker und die Hersteller machten sich aber damals schon Sorgen um das Image der OTC-Arzneimittel. Was wenig kostet, nützt auch wenig. Für viele Patienten wurden die Präparate zu ganz normalen Konsumprodukten – wie Nahrungsergänzungsmittel oder Arzneimittel aus dem Supermarkt.




Jugendliche sollen OTC-Arzneimittel erstattet bekommen. Das fordern zumindest die Apotheker und einige Arzneimittel­hersteller.

Foto: ABDA


Weil OTC-Arzneimittel aber keine Arzneimittel zweiter Wahl sind, sondern in der Regel nur weniger Nebenwirkungen haben, wollen die Apotheker nun die Reißleine ziehen. Auf dem Deutschen Apothekertag in München haben die Delegierten mit großer Mehrheit in einem Antrag für eine neuerliche Ausweitung der Erstattungs­fähigkeit plädiert. Danach sollen die Krankenkassen wieder die Kosten der OTC-Arzneimittel für Jugendliche bis 18 Jahren grundsätzlich übernehmen. Bislang ist das Alter von 12 Jahren die Grenze, ausgenommen sind Jugend­liche mit Entwicklungsstörungen bis 18 Jahren.

Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) unterstützt diese Initiative. Im Interview mit der Pharmazeutischen Zeitung sagte BAH-Chef Jörg Wieczorek: »Es ist sinnvoll, wenn OTC-Arzneimittel bis zum Alter von 18 Jahren grundsätzlich von den Krankenkassen erstattet werden. Ich sehe für dieses Vorhaben auch gute Chancen. In der Politik gibt es Stimmen, die uns unterstützen. Sinnvoll wäre die Erstattung aber auch für Senioren ab 65 Jahren mit Polymedikation. Hier geht es jedoch um deutlich mehr Geld. Die Politiker sind deshalb sehr viel zurückhaltender.« Grundsätzlich gehe es darum, dass Patienten das für sie geeignete Arzneimittel erhalten – unabhängig von der Frage, ob es rezeptpflichtig oder rezeptfrei sei.

Wenig Unterstützung

Bislang ist die öffentliche Unterstützung in der Politik jedoch überschaubar. Eine Ausnahme ist dabei die Gesund­heitsministerin von Nordrhein-Westfalen, Barbara Steffens (Bündnis 90/Die Grünen). Beim OTC-Gipfel des Apothekerverbands Nordrhein Ende Oktober forderte Steffens, OTC-Arzneimittel sollten wieder erstattungsfähig werden. Das bezog sie nicht nur auf Jugendliche, sondern auch auf Senioren. Vor allem beim Medikationsmanagement sei es wichtig, dass Selbstmedikationsarzneimittel erstattet werden können. Multimorbide Senioren seien oftmals wirtschaftlich überfordert, OTC-Arzneimittel selbst zu bezahlen. Der Vorsitzende des Apothekerverbands, Thomas Preis, unterstützte die Forderung der Ministerin.

Auch Patientenvertreter sind nicht wirklich begeistert davon, dass Kranke einen nicht unerheblichen Teil ihrer Medikamente selbst bezahlen müssen. »Der Ausschluss dieser Präparate aus dem Erstattungskatalog hat sich nicht bewährt«, sagte Andreas Reimann beim OTC-Gipfel. Der Apotheker ist stellvertretender Vorsitzender der Allianz chronischer seltener Erkrankungen. Der OTC-Ausschluss sei eine erhebliche finanzielle Belastung für die Patienten.

Besseres Image

Neben der Ausweitung der Erstattungsfähigkeit haben die Arzneimittelhersteller noch weitere Ideen, wie sie das Image der OTC-Arzneimittel aufpolieren können. Ein Instrument dafür ist das Grüne Rezept, also eine ärztliche Empfehlung oder Privatverordnung. Der BAH hatte es nach der Ausgrenzung der OTC-Arzneimittel gemeinsam mit den Apothekern ins Leben gerufen. Für Wieczorek ist es eine Erfolgsstory: »Das Grüne Rezept ist ein ganz wichtiges Instrument. Mit 14 Millionen Rezepten pro Jahr sind wir meiner Ansicht nach ziemlich erfolgreich. In einer Umfrage hat die Hälfte der Befragten angegeben, das Grüne Rezept zu kennen und immerhin zwei Drittel der Ärzte setzen es ein.«

Wachstum durch Switches

Beim BAH sorgt man sich auch um die Dynamik im OTC-Markt. »Der OTC-Markt stagniert leider seit vielen Jahren«, sagte Wieczorek. Mehr oder weniger ausgeprägte Erkältungswellen bewirkten nur kurzfristige Auf-und-ab-Bewegungen. Insgesamt sei die Dynamik »in der Tat überschaubar«. Die Stagnation im Wachstum hängt auch mit der geringen Zahl von Switches zusammen, also den Arzneimitteln, die aus der Verschreibungspflicht entlassen werden. »Switches zu forcieren, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben«, sagte deshalb Wieczorek. Sie seien ein wichtiger Wachstumsmotor für den OTC-Markt.

Dabei wollen die Arzneimittelhersteller in Deutschland neue Wege gehen. Wieczorek: »Bislang gibt es Switches vor allem auf Basis von Wirkstoffen. Ich könnte mir aber auch vorstellen, die Präparate einer kompletten Indikation aus der Verschreibungspflicht zu entlassen.« Als Beispiele nennt er Augenleiden oder Harnwegsentzündungen. Hier könne man zum Beispiel festlegen, dass alle Medikamente in dieser Indikation im Akutfall für den Gebrauch von höchstens drei Tagen auch ohne Rezept in der Apotheke abgegeben werden dürfen. Bei Migräne habe die Apotheke schon die Akuttherapie weitgehend übernommen. Der BAH-Chef sieht hier nicht nur Vorteile für die Unternehmen, sondern auch für die Patienten. Wiezcorek: »Von dieser Regelung würden die Patienten stark profitieren, etwa wenn sie ein Medikament am Wochenende benötigen. Der Weg in die Apotheke ist meistens kürzer als der zum ärztlichen Notdienst. Außerdem entfällt die Wartezeit.« Auch für PTA und Apotheker wäre eine solche Regelung vorteilhaft. Je größer das Angebot an modernen, wirksamen OTC-Arzneimitteln ist, desto wichtiger ist auch die Beratung in der Apotheke und desto größer die Bedeutung der Berater.

Ansätze für eine Aufwertung der OTC-Arzneimittel sind vorhanden. Jetzt wird es darauf ankommen, möglichst viele Unterstützer zu finden. Dabei wären allerdings wohl wechselnde Allianzen notwendig. Das Vorhaben, die Erstattungsfähigkeit von OTC-Arzneimitteln auszuweiten, würde wahrscheinlich von PTA, Apothekern, Ärzten und Arzneimittelherstellern gleichermaßen unterstützt. Von den Krankenkassen – abgesehen von Marketingmaßnahmen – eher nicht. Bei der Forcierung von Switches würden viele Ärzte nicht mitziehen. Je mehr Wirkstoffe aus der Verschreibungspflicht herausgenommen werden, desto schwieriger wird für die Mediziner der Überblick über die Medikation ihrer Patienten. Den Krankenkassen könnte hier aber gefallen, dass sie bestimmte Medikamente nicht mehr bezahlen müssen.

Es ist an der Zeit, das angekratzte Image der OTC-Arzneimittel zu verbessern. Die Aufgabe ist aber nicht zu unterschätzen. Wären die Erfolgschancen gut, hätte es keine zehn Jahre gedauert, bis sie konsequent angegangen wird. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2014

 

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