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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Wundheilung

Nähr­stoff­e unterstützen Heilungsprozess


Von Ulrike Becker / Bis Wunden vollständig geheilt sind, dauert es seine Zeit – insbesondere bei älteren Menschen. Voraussetzung für einen optimalen Heilungsprozess ist eine gute Versorgung mit Nährstoffen. Mangelernährung erhöht dagegen das Risiko für chronische Wunden.

 

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Die Haut schützt den Körper auf vielfältige Weise: Sie ist eine wirkungsvolle Barriere gegen das Eindringen von Substanzen und blockt durch den sauren pH-Wert an der Oberfläche Krankheitserreger ab. Weitere Aufgaben sind die Bildung von Vitamin D mithilfe des Sonnenlichts, die Regulation des Wärmehaushalts sowie das Temperatur-, Tast- und Schmerzempfinden. Eine intakte Haut spielt für die Gesundheit folglich eine besondere Rolle.




Foto: Fotolia/Joshua Resnick


Grundlage für gesunde Haut ist eine bedarfsgerechte Ernährung. Ein ausgeglichener Flüssigkeitshaushalt sorgt für den Stofftransport in die Hautzellen und körperliche Aktivität regt die dafür notwendige Durchblutung der Gewebe an. In jungen Jahren erneuert sich die Haut kontinuierlich. Doch das verändert sich mit zunehmendem Alter. Die Haut wird im Laufe der Zeit dünner und trockener, verliert an Elastizität und Gewebespannung.

Neben Faktoren, die mit dem Lebensstil zusammenhängen wie Rauchen, Alkohol oder intensive Sonneneinstrahlung, beeinflussen auch intrinsische Faktoren die Hautalterung. Dazu rechnen Experten beispielsweise altersbedingte Veränderungen des Hormonspiegels sowie der Abwehrkräfte. Mit fortschreitendem Alter ist der Körper allmählich immer weniger zur Zellerneuerung in der Lage; damit lässt auch die Fähigkeit zur Wundheilung merklich nach.

Proteine spielen eine Rolle

Bei klassischen Wunden beispielsweise durch einen Schnitt stoppt die einsetzende Gerinnung zunächst die Blutung. Dann bildet der Körper ein gitterartiges Netz aus Fibrin, einem Protein, das die Grundlage für das neu entstehende Gewebe darstellt. Doch ehe sich die Wunde schließt, dient eine Entzündungsreaktion der Infektionsabwehr. Im Wundsekret befinden sich neben Granulo- und Monozyten beispielsweise Zytokine, Enzyme und Gewebshormone, die die Zellerneuerung anregen. Erst nach etwa drei bis vier Tagen beginnt die Bildung von neuem Gewebe. Dabei entstehen unter anderem Bindegewebe und proteinhaltige Kollagen­fasern, die sich an das bereits vorhandene Fibrinnetz anlagern.

Je nach Ausmaß der Verletzung beziehungsweise des zerstörten Gewebes verläuft die Heilung unterschiedlich, denn mit zunehmendem Lebens­alter beeinflussen Faktoren wie Nährstoffversorgung und Bewegung diesen Prozess immer stärker. Grundsätzlich problematisch sind großflächige Wunden, bei denen die Wundränder weit auseinander liegen. Die Gefahr von Infektionen ist hierbei bedeutend größer und der Heilungsprozess dauert wesentlich länger.

Während der Wundheilung benötigt der Körper zur Regeneration von Gewebe und zum Aufbau neuer Zellsubstanz vor allem ausreichend Proteine. Außerdem verbraucht der Organismus für den Heilungsprozess zusätzliche Energie sowie Vitamine und Mineralstoffe. Menschen, die gut mit allen Nährstoffen versorgt sind, deren Ernährungsstatus also gut ist, verfügen über die nötigen körpereigenen Reserven, um den Schaden rasch zu reparieren. Voraussetzung für den raschen Heilungsprozess ist natürlich eine angemessene Behandlung der Wunde. Ist die Wunde trotz fachgerechter Versorgung auch nach vier Wochen noch nicht geheilt, bezeichnen Mediziner diese als chronische Wunde. Diese treten bei bestimmten Patientengruppen häufig auf, zum Beispiel das Diabetische Fußsyndrom bei Diabetikern, das »offene Bein« bei Patienten mit Venenerkrankungen sowie der Dekubitus bei bettlägerigen Patienten.

Regeneration verzögert

Die Krankenkasse AOK schätzt, dass in Deutschland etwa vier Millionen an einer chronischen Wunde leiden. Die Gründe dafür sind vielfältig. Wenn die Wundheilung nicht mehr reibungslos funktioniert, spielen neben schlecht eingestelltem Diabetes mellitus oder Durchblutungsstörungen auch das Alter und die Nährstoffversorgung eine Rolle. Bekanntermaßen verzögert sich bei Senioren zum einen altersbedingt die Hautregeneration. Zum anderen kann der Körper die aufgenommenen Nährstoffe nicht mehr so gut nutzen.




Eine gute Idee: Gemeinsam schmeckt’s am Besten.

Foto: Shutterstock/Monkey Business Images


Insgesamt sind viele ältere Menschen nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Denn im höheren Alter geht der Appetit zurück und auch das Geschmacksempfinden nimmt ab. Zudem haben etliche Senioren aufgrund schlecht sitzender dritter Zähne oder wegen Problemen mit den verbliebenen eigenen Zähnen Schwierigkeiten beim Kauen. Zusätzlich erschweren Bewegungseinschränkungen das Einkaufen und Zubereiten von Mahlzeiten, sodass Vielfalt und Menge der verzehrten Lebensmittel abnehmen. Wer als Senior alleine lebt, misst vielfach aus Einsamkeit dem Essen keine große Bedeutung bei und es rückt immer mehr in den Hintergrund.

Nicht zuletzt wirken sich auch Erkrankungen und Medikamente ungünstig auf die Nährstoffaufnahme aus. Manche Arzneimittel beeinträchtigen die Nährstoffresorption, andere verursachen Appetitlosigkeit, Übelkeit oder Mundtrockenheit. Das Risiko der Mangelernährung nimmt noch deutlich zu , wenn alte Menschen nicht mehr selbstständig essen können. Doch auch bei vordergründig gut ernährten Senioren kann die Aufnahme einzelner Vitamine oder Mineralstoffe unzureichend sein. Bei älteren Menschen mt Wundheilungsstörungen ist es daher auf jeden Fall sinnvoll, ihre Ernährungsgewohnheiten zu überprüfen.

Speiseplan optimieren

Um die Wundheilung zu unterstützen steht also im Fokus, den Ernährungszustand des Patienten zu verbessern. Vor allem sollte er ausreichend mit Proteinen versorgt sein. Denn enthält der Speiseplan zu wenig Proteine, besteht die Gefahr, dass der Organismus zur Wundheilung auf körpereigene Reserven zurückgreift und so proteinreiche Muskelmasse verloren geht. Dieser Prozess begünstigt eine Abwärtsspirale aus Schwäche und Immobilität, was sich wiederum ungünstig auf den Heilungsprozess auswirkt.

Experten gehen davon aus, dass die Gefahr für Komplikationen bei der Wundheilung wächst, je mehr fettfreie Körpermasse – die sogenannte Lean Body Mass – der Senior verliert. Außerdem beeinträchtigt der Abbau körpereigener Reserven die Immunabwehr, wodurch das Infektionsrisiko steigt. Des Weiteren verliert der Körper bei großen Wunden auch Proteine durch das Wundsekret selbst. Insgesamt kann in einer solchen Situation der Proteinbedarf von 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht auf bis zu 1,2 bis 1,5 Gramm ansteigen.

Trinkmenge erhöhen

Ein Tipp für die Praxis: Während der Wundheilung sollten aus diesem Grund eine Extra-Portion proteinreicher Lebensmittel wie Milch, Joghurt, Eier, Fisch und Fleisch den Speiseplan ergänzen. Diese sorgen zudem für zusätzliche Energie. Patienten mit Kaustörungen können stattdessen beispielsweise Milchshakes trinken.

Der positive Effekt proteinreicher Zusatznahrung auf die Wundheilung wurde in Studien bestätigt. Derartige Trinknahrungen eignen sich wegen dieser Zusammenhänge als Nahrungsergänzung bei Patienten mit einem schlechten Ernährungszustand. Nicht zu vergessen: Sie tragen gleichzeitig zur besseren Versorgung mit Flüssigkeit bei. Denn vor allem großflächige Wunden erhöhen den Flüssigkeitsbedarf. Wer ausreichend trinkt, verbessert zudem die Durchblutung und stellt den Nährstofftransport in das verletzte Gewebe sicher.

Vitamine beachten

Generell sind an der Wundheilung zahlreiche Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente beteiligt, die für die Zellneubildung bedeutsam sind. Aufgrund des hohen Infektionsrisikos der Wunde sollte die Ernährung zusätzlich Antioxidantien wie die Vitamine C, A und E sowie sekundäre Pflanzenstoffe enthalten. Damit die Wunde optimal heilt, kommt es letztlich auf eine adäquate Zufuhr vieler Nährstoffe an.




Spielen nachweislich eine wichtige Rolle: Proteine unterstützen die Wundheilung.

Foto: Fotolia/Africa Studio


Vereinzelte Studien deuten darauf hin, dass die Aminosäuren Glutamin und Arginin bei der Zellerneuerung eine besondere Rolle spielen und das Immunsystem antioxidativ unterstützen. So ergab eine placebokontrollierte, industriefinanzierte Studie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn: Supplemente mit Antioxidantien und Glutamin verkürzte bei Patienten mit Wundheilungsstörungen die Wundheilungsdauer um fast die Hälfte (29 gegenüber 58 Tagen).

Insbesondere bei mangelernährten Menschen heilen Wunden schlecht. Daher gilt es, Mangelzustände zu vermeiden beziehungsweise frühzeitig zu erkennen. Geriater sind davon überzeugt, dass durch frühzeitige Behandlung von Unter- beziehungsweise Mangelernährung das Erkrankungsrisiko älterer Menschen und die Sterblichkeit statistisch signifikant zurückgingen. Außerdem würden die Patienten besser auf Therapien ansprechen und sich nicht zuletzt ihre Lebensqualität erhöhen. Auch aus wirtschaftlichen Gründen lohnt es sich, ernährungsmedizinisch aktiv zu werden. Denn Studien konnten belegen, dass bei entsprechender Behandlung die Verweildauer im Krankenhaus kürzer ausfällt und gut ernährte Patienten letztlich weniger Kosten verursachen.

Derzeit diagnostizieren Mediziner bei gut einem Viertel aller stationär in deutschen Krankenhäusern behandelten Patienten zum Aufnahmezeitpunkt Anzeichen einer Unter- oder Mangelernährung. Besonders bedenklich: Während des Klinikaufenthalts verlieren je nach Erkrankung 50 bis 80 Prozent der Patienten weiter relevant an Gewicht; etwa 40 Prozent derjenigen, deren Ernährungszustand bei der Aufnahme noch normal war, sind bei der Entlassung mangelernährt. Daher fordern Experten, standardmäßig den Ernährungszustand der Patienten zu Beginn des stationären Aufenthalts zu erfassen und weiter zu beobachten, zum Beispiel durch Essprotokolle. Nur so kann einer Mangelver­sorgung rechtzeitig gegengesteuert werden. Angesichts der Arbeitsüberlastung des Pflegepersonals wurde dieses Verfahren allerdings bisher nur in Modell-Krankenhäusern eingeführt.

Dekubitus vorbeugen

Unzureichende Ernährung und zu wenig Flüssigkeit (Dehydratation) gehören bei bettlägerigen Patienten auch zu den Risikofaktoren für die Entstehung offener Wunden. So gelten 80 Prozent der Patienten mit großen Dekubitusgeschwüren als mangelernährt. Betroffen sind vor allem Körperstellen mit wenig Muskel- beziehungsweise Fettgewebe wie Fersen, Knöchel oder Beckenknochen, die aufgrund des Auflagedrucks schlecht durchblutet sind.

Im Unterschied zu anderen Wunden verändert sich die Haut meist großflächig und die Druckgeschwüre entstehen nicht plötzlich, sondern entwickeln sich allmählich durch den fortbestehenden Druck und die Dauer der Bettlägerigkeit. Indem die Hautgefäße kontinuierlich zusammengedrückt werden, ist der Stoffaustausch zwischen den Gewebezellen eingeschränkt. Sauerstoff und Nährstoffe gelangen nicht mehr in die Zellen, toxische Stoffwechselprodukte häufen sich an und schließlich sterben Hautzellen ab.

Wie bei anderen Wundheilungsstörungen ist es auch bei Dekubitus vorrangiges Ziel, die Patienten ausreichend mit Nährstoffen und Flüssigkeit zu versorgen und mögliche Ursachen für eine Unter- oder Mangel­ernährung zu beheben. Pflegende müssen oft mit sehr viel Ideen, den Appetit immobiler Senioren anregen, beispielsweise durch das Lieblingsgericht oder einen Aperitif. Bei Kaustörungen hilft letztlich nur der Besuch beim Zahnarzt. Bleiben die Kauprobleme dennoch bestehen, gilt es, die Konsistenz des Essens den individuellen Möglichkeiten des Patienten anzupassen. Unter Umständen können proteinreiche Trinknahrungen und Nahrungssupplemente sinnvoll sein.




Foto: Shutterstock/baibaz


Senioren mit motorischen Störungen oder Problemen beim Schneiden der Lebensmittel kann ergonomisch geformtes breitschaftiges Besteck das selbstständige Essen erleichtern. Häufig motivieren mehrere kleine Mahlzeiten eher zum Essen als drei größere Hauptmahlzeiten. Als hilfreich gilt auch, in Gesellschaft zu essen sowie eine angenehme Atmosphäre beim Essen zu schaffen. Bettlägerige Patienten sollten beim Essen und Trinken möglichst aufrecht sitzen.

Gesamtzustand optimieren

Da vielfältige Faktoren den Wundheilungsprozess beeinflussen, ist es sehr schwierig zu untersuchen, welche einzelnen Ernährungsmaßnahmen den Heilungsporzess messbar unterstützen. Daher ist die Studienlage dazu recht dünn. Dennoch bestätigen Ärzte in Kliniken, wie wichtig der gute Ernährungszustand des Patieten für den Prozess der Wundheilung ist. Doch darf in diesem Zusammenhang die prävention nicht vergessen werden. Ebenso gilt die adäquate Ernährung als eine der wesentlichen Voraussetzungen, damit chronische Wunden erst gar nicht entstehen. Sicher ist außerdem, dass ausgewogene Ernährung den Allgemeinzustand verbessert, die Abwehrkräfte stärkt und damit das Infektionsrisiko reduziert.

Damit die Wundheilung erst gar nicht zum Problem wird, scheint es dringend nötig, in der Altenpflege, in Krankenhäusern und Pflegeheimen stärker auf den Ernährungsstatus der Senioren zu achten. Um im Klinik- und Pflegealltag die Nährstoffversorgung zu verbessern, bedarf es ausreichend Personal und entsprechende Schulungen. Zum anderen gilt es, das Angebot und die Qualität der Mahlzeiten den besonderen Bedürfnissen alter Menschen besser anzupassen. Dazu gehören beispielsweise nicht zu harte und leicht zu kauende Speisen ebenso wie – bei Bedarf – proteinreiche Trinknahrung und der Einsatz von Supplementen zur Nahrungsergänzung. Gut ernährte Patienten profitieren auf jeden Fall von einem besseren Allgemeinzustand und mehr Lebensqualität. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2015

 

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