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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Echter Eibisch

Von Hustentee bis Mäusespeck


Von Gerhard Gensthaler / Das Wissen um die Wirkung vieler noch heute geschätzter Arzneipflanzen ist Jahrhunderte manchmal Jahrtausende alt. Auf eine besonders lange Tradition kann Eibisch zurückblicken: So haben Forscher im Grab eines Neandertalers, der etwa 60 000 v. Chr. lebte, angeblich Spuren vom Eibisch gefunden.

 

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Da verwundert es nicht, dass Griechen und Römer die Heilwirkung von Althaea officinalis L. schon lange kannten. Die berühmten Ärzte Hippokrates (Mitte des 1. Jh. v. Chr.), Dioskurides (Mitte des 1. Jh. n. Chr.), Plinius (23–79) und Galen (129–199) schätzten den Eibisch als Heilpflanze und beschrieben seine gesundheitsfördernde Wirkung. Dioskurides erklärte in seinem Lehrbuch »Materia medica«, das zwischen 60 und 78 n. Chr. entstand, wie die Pflanze angeblich zu ihrem Namen kam: Der Name »Althaia« leite sich ab von »althäeis« (= heilsam), weil der Eibisch so viele Krankheiten lindern könne. Als Beispiel führte er die Heilung von Wunden, Abszessen und Stichen an. Innerlich empfahl Dioskurides ihn bei Zahnschmerzen, Krankheiten der Harnwege, Steinleiden und Durchfall.




Leicht zu verstehen: Eibisch wird nicht nur als Heilpflanze geschätzt, sondern ist wegen seiner dekorativen Blüten auch bei Gärtnern beliebt.

Foto: Ullrich Mies


Auch der deutsche Kaiser Karl der Große (748–814) schätzte diese Heilpflanze sehr und förderte ihren Anbau in den Gärten der Klöster und Bauern.

Später geriet Eibisch in Vergessenheit und verlor seine Bedeutung, bis er im Mittelalter wieder zu großem Ansehen gelangte. So schrieb der Arzt Odo Magdunensis aus Orleans (1. Hälfte des 11. Jh.) in seinem Lehrbuch über Drogen und Heilpflanzen »Macer floridus«: »Die Althaea ist eine Malvenart, darüber sind sich alle einig. Althaea nennt man sie, weil sie in die Höhe wächst (lateinisch in Altum). Man nennt sie aber auch Evisus oder Hibiskus, weil ihre Wurzel, wenn sie zerstampft, wie Vogelleim zu triefen scheint … Ihre Blüten in Met gekocht oder gepresst und mit Wein aufgetragen, reinigen Wunden und sollen schlimme Halsschmerzen vertreiben.«

Heilkraut und Zierpflanze

Echter Eibisch, Althaea officinalis L. gehört zur Familie der Malvengewächse (Malvacaeae). Als Standort bevorzugt er salz- und kalihaltige Böden, stellenweise findet man ihn aber auch auf feuchten Wiesen, im Ufergebüsch und auf Viehweiden. Eibisch ist eine ausdauernde, mehrjährige Staude, die eine Höhe von 60 bis 150 cm erreicht. Sie ist überall filzartig behaart. Die Wurzel hat anfangs eine spindelförmige Gestalt, verändert sich aber bald zu einem waagerecht kriechenden Wurzelstock, der meist fingerdick ist. Aus einer Wurzel stammen sehr häufig mehrere aufrechte Stengel, die meist wenig verzweigt sind. Die untersten wechselständigen Blätter sind herzförmig und unregelmäßig gezähnt. Weiter oben sitzen oft ungeteilte Blätter. Die Blüten sind weiß bis hellrosa, werden zur Mitte hin dunkler. Besonders ins Auge fallen die purpurroten Staubbeutel. Echter Eibisch blüht in den Monaten Juli bis September. Meist stehen mehrere Blüten in end- oder achselständigen Trauben zusammen. Die scheibenförmige Frucht ist 5 bis 8 mm groß und zerfällt in fein gerippte Teilfrüchte. Die Samen sind dunkelbraun und nierenförmig.

Althochdeutsch hieß diese Staude isbisca und später im Mittelhochdeutschen ibische. Im Volksmund wird sie heute Alte Eh, Eibsche, Heilwurz, Flusskraut, Hilfswurz, Samtpappel, Weiße Pappel und auch Stockmalve genannt. In England trägt sie den Namen Marshmallow oder Sweet Weed, in Frankreich den Namen guimauve, in Italien bismalva und in Spanien malvavisco.

Arzneilich verwendet werden manchmal die Eibischblüten (Althaeae flos), aber meist die Blätter (Althaeae folium) und vor allem die Wurzeln (Althaeae radix). Sammelzeit für die Wurzeln ist Oktober bis November, während die Blätter von Mai bis Juni geerntet werden. Die Eibischwurzel riecht schwach eigenartig, die Blätter sind geruchlos. Beide Drogen schmecken schleimig. Die Wurzeln werden nach der Ernte sofort gespalten und möglichst schnell bei 60 ºC getrocknet, um Schimmelpilzbefall zu verhindern. Auch bei der Trocknung der Blätter muss auf Rostpilzbefall geachtet werden.

Die Pharmacopoeia Europaea 8. Ausgabe, Grundwerk 2014 enthält zwei Monographien der Arzneipflanze: eine zu Eibischblättern (Althaeae folium) und die zweite zu Eibischwurzel (Althaeae radix). Die Identität der ganzen oder geschnittenen, getrockneten Laubblätter von Althaea officinalis L. wird mithilfe des Mikroskops und einer Dünnschichtchromatographie nachgewiesen. Dagegen wird die Identität der geschälten oder ungeschälten, ganzen oder geschnittenen, getrockneten Wurzel nur organoleptisch und mikroskopisch geprüft.

Wegen der Schleimstoffe geschätzt

Eibisch ist in ganz Europa und bis nach China heimisch. Heute finden sich nur sehr selten Wildpflanzen in den Steppen Kasachstans und Südrusslands. In den gemäßigten Breiten ist Althea officina­lis häufig als Gartenpflanze verwildert. Die Droge wird meist aus Kulturen aus Bulgarien, Ungarn, Russland und dem ehemaligen Jugosla­wien, eingeführt. Kleinere Mengen kommen aus Frankreich, Italien und Belgien. Wild wachsende Populationen sind geschützt und dürfen nicht gesammelt werden.




Foto: Ullrich Mies


Alle Pflanzenteile enthalten Schleimstoffe (Polysaccharide) als die wichtigsten Inhaltsstoffe: Blätter und Blüten 6 bis 10 Prozent, die Wurzeln 10 bis 20 Prozent. Werden die Wurzeln im Spätherbst geerntet, ist ihr Schleimgehalt mit circa 15 Prozent am höchsten. Die Schleimstoffe bestehen aus einem Gemisch verschiedener Polysaccharide, wie Glucuron- und Galacturonsäure, Galactose, Arabinose und Rhamnose. Die Wurzeln enthalten zusätzlich reichlich Stärke, Rohr- und Invertzucker, Blätter und Blüten auch Flavonoide.

Gegen Husten und Heiserkeit

Aufgrund seiner Schleimstoffe lindert Eibisch Hustenreiz und schützt die Schleimhäute, denn die Schleimstoffe haften bei der Einnahme auf der Schleimhaut in Mund, Rachen, Hals und Magen. Auf diese Weise bildet sich eine Schutzschicht über der Schleimhaut, die beruhigend wirkt. Die Schleimstoffe des Eibischs können aber nur dann diesen Schutzfilm bilden, wenn man genügend oft kleine Mengen auch noch möglichst lange im Mund behält, beispielsweise als Lutschpastille.

Da die Wirksamkeit der Wurzel­extrakte in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen wurde, liegt sowohl von der Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts als auch von der ESCOP (European Scientific Co­opera­tive on Phytotherapy) eine posi­tive Monographie vor.

Eibischblätter werden nur noch in Form von Arzneitees angeboten. Eibischtee lindert Husten und Magen-Darm-Störungen, äußerlich wird er zum Gurgeln und Spülen eingesetzt. Auch Eibischwurzel ist häufig Bestandteil von Teemischungen, zum Beispiel von Brust- oder Erkältungstees. Darüber hinaus findet Eibischwurzel Verwendung in Form von Sirup, Saft, Tabletten, Dragees, Pastillen oder Pulver.

Bei der Teezubereitung müssen Blüten, Blätter und Wurzeln unbedingt zunächst in kaltem Wasser angesetzt werden, da stärkere Wärmezufuhr die Schleimstoffe zerstören würde. Dazu gibt man einen Teelöffel zerkleinerte Eibischwurzel in eine Tasse kaltes Wasser, lässt ein bis zwei Stunden unter gelegentlichen Umrühren ziehen, seiht ab und erwärmt den Aufguss dann leicht. Bei Husten drei- bis viermal täglich eine Tasse Tee schluckweise trinken oder damit gurgeln. Die Tagesdosis der Blüten und Blätter beträgt 5 Gramm, die der Wurzeln 6 Gramm. Beim Sirup beträgt die Einzeldosis bis zu 10 Gramm.




Nicht nur bei Kindern beliebt: Auch mancher Erwachsene kann süßen weichen Marshmallows nicht widerstehen.

Foto: Shutterstock/auremar


Vertreter der Naturheilkunde setzen Eibischblätter und -wurzeln zur Behandlung von Schleimhautreizungen des Mund- und Rachenraumes ein, denn sie sind ein probates Mittel gegen trockenen Reizhusten und Heiserkeit. Eibisch wirkt auch bei Erkrankungen des Verdauungstraktes, beispielsweise soll er die Reizungen bei leichter Magen­schleim­haut­entzündung lindern. Wegen seiner Milde wird Eibisch sehr gerne in der Kinderheilkunde eingesetzt.

Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass Extrakte aus Eibischblättern Immunprozesse stimulieren sowie Entzündungen hemmen. Auch Eibischwurzeln wirkten in vitro und im Tierversuch antiinflammatorisch, immunstimulierend und hypoglykämisch.

Die Volksmedizin empfiehlt, Insektenstiche mit gequetschten Eibischblättern zu behandeln. Daher resultiert offensichtlich auch die äußerliche Anwendung bei Verbrennungen, wunden Stellen und Geschwüren, wobei die Salben pulverisierte Blätter enthalten. Auch Eibischtee eignet sich äußerlich zur Behandlung leichter Brandwunden und rissiger Haut in Form von Waschungen, Bädern oder Umschlägen.

Gegenanzeigen und Nebenwirkungen sind bisher nicht bekannt. Möglicherweise verringert der vom Eibisch produzierte schleimige Schutzfilm die Wirkung anderer Arzneimittel, indem er deren Aufnahme im Magen-Darm-Trakt verzögert. Ein Hinweis für die Praxis: Diabetiker sollten den hohen Zuckergehalt der Eibischwurzeln bei der Einstellung ihrer täglichen Insulindosis beachten. /


Konditors Liebling

Früher wurden Marshmallows aus Eibischwurzelextrakten hergestellt. So entstand der berühmte weiße Mäusespeck, für dessen Produktion die Hersteller heute längst andere Substanzen verwenden. Konditoren liebten Eibisch auch für andere Süßigkeiten.

In Hungerzeiten kochten die Menschen Eibischwurzeln. Diese Auszüge schmeckten zwar fade, waren aber sehr nahrhaft.

Tipp fürs Frühjahr: Aus den Blüten und Blättern lässt sich ein wohlschmeckender Salat zubereiten.



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2015

 

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