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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Lungensport-Gruppen

Fit zum Atmen


Von Diana Haß / Wer unter einer Lungenerkrankung leidet, meidet instinktiv Belastungen. Denn gerade bei Bewegung wird die Atemluft knapp. Die Folge: Muskelmasse schwindet, der Spaß an körperlichen Aktivitäten nimmt ab und die Krankheit verschlimmert sich. Nicht selten folgen Depressionen. Eine Lungensportgruppe hilft, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

 

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Spätestens als die Frauen und Männer in ihre Peak-Flow-Meter pusten und dann die Anzeige kontrollieren, wird klar: Das hier ist keine normale Sportgruppe. Mit dem Peak-Flow-Meter lässt sich der Luftstrom durch die Bronchien messen. Damit eignen sich die Geräte als Indikator für die Lungenfunktion.




Sich in der Gruppe regelmäßig zum Sport zu treffen, macht nicht nur viel Spaß, sondern motiviert noch zusätzlich.

Foto: Shutterstock/Robert Kneschke


Und die ist bei den Teilnehmern eingeschränkt. Den Luftstrom und auch die Sauerstoffsättigung des Bluts mittels Pulsoximeter zu messen, gehört in den meisten Lungensportgruppen ebenfalls dazu. Schließlich trainieren dort vor allem Asthmatiker und Patienten mit Lungenemphysem oder COPD. Rund 750 solcher Gruppen existieren aktuell in Deutschland. Die Patienten treffen sich dazu meist in Sportvereinen, in Kliniken oder bei Reha-Sportanbietern.

Unter den Lungenfachärzten gibt es keine Zweifel am Nutzen der Gruppen. »Sie sind die einzige Maßnahme, die ein Patient ergreifen kann, um seinen Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen«, sagt Dr. Michael Barczok, Vorstandsmitglied im Bundesverband der Pneumologen. »Wir begrüßen alle Aktivitäten in die Richtung außerordentlich«, fährt der Ulmer Lungenspezialist fort. Ob eine Gruppe gut läuft und lange besteht, ist unterschiedlich. »Das liegt auch immer daran, ob sich Patienten finden, die sich einbringen und Vorbilder sind, die die anderen mitreißen«, weiß Barczok.

Fachkundige Leitung

Beim TV Jahn in Köln läuft die Lungensportgruppe seit gut zwei Jahren bestens. »Wir haben sogar eine Warteliste«, sagt die engagierte Übungsleiterin Uta Janson-Strohm. Um Fachübungsleiterin zu werden, musste sie beim Behindertensportverband eine intensive Fortbildung für Innere Medizin durchlaufen. Das ist Pflicht. Lungensportgruppen stehen grundsätzlich unter einer fachkundigen Leitung, und ärzt­liche Begleitung ist vorgeschrieben. »Bei Rückfragen gibt es einen Arzt, an den ich mich wende«, sagt Janson-Strohm. Schließlich ist die Gesundheit und damit die Leistungsfähigkeit der Teilnehmer ernsthaft eingeschränkt. Zu den Lungenkrankheiten kommen nicht selten noch weitere Erkrankungen hinzu. Einige Anbieter unterscheiden deshalb Lungensportgruppen für fittere und für schwächere Patienten.


Kostenübernahme möglich

Wer an einer Lungensportgruppe teilnehmen möchte, muss sich vorher fachärztlich untersuchen lassen. Wenn der Arzt grünes Licht gibt, übernimmt die gesetzliche Krankenkasse in der Regel auch die Kosten. Dazu muss nur das sogenannte Formular 56 »Antrag auf Kostenübernahme für Rehabilitationssport« ausgefüllt werden.


Individuell fordern

In der Lungensportgruppe des TV Jahn trainieren bis zu 15 Teilnehmer gemeinsam. Einmal in der Woche, 90 Minuten lang. Ebenso unterschiedlich wie ihr Alter sind die Einschränkungen der Teilnehmer. Um die 50 Jahre sind die jüngsten in der Gruppe, über 80 ist die älteste Teilnehmerin. Einige brauchen Sauerstoffgeräte.

Die Übungsleiterin geht individuell auf die Situation eines jeden ein und achtet zusätzlich auf dessen Tagesform. »Manche machen bestimmte Übungen im Stehen, andere machen sie im Sitzen«, nennt Janson-Strohm als Beispiel. Das Trainingsprogramm basiert auf einem klaren Konzept für Lungensport. Am Anfang steht immer eine Runde, in der die Teilnehmer erzählen, wie es ihnen momentan geht. Daran schließt sich das Messen des Peak-Flows an. Weitere wichtige Regel in jeder Lungensportgruppe: Jeder kann jederzeit aussetzen, wenn er die Anstrengung als zu groß empfindet.

Verschiedene Sportarten

Die Übungen in Lungensportgruppen sind sehr unterschiedlich. Sie reichen vom schnellen Tischtennisspiel bis zur ruhigen Gymnastik im Sitzen. Das Ziel ist immer dasselbe: Lungenkranke Menschen sollen Muskeln aufbauen und ihre Beweglichkeit verbessern. Trainiert werden daher Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination. Therabänder, Hanteln und Bälle sind beliebte Trainingsgeräte.

Immer wieder wird beim Training der Bezug zu Aktivitäten des täglichen Lebens hergestellt. Die Knie werden beispielsweise so angehoben wie beim Treppensteigen. Auch sich Dehnen- und Streckenkönnen ist im Alltag hilfreich.


Lungensportgruppe finden

Zwar gibt es hierzulande immer mehr Lungensportgruppen, doch ihre Zahl ist ausbaufähig. Die AG Lungensport in Deutschland e. V. hat sich das Ziel gesetzt, eine bundesweite, flächendeckende und wohnortnahe Versorgung zu erreichen. Sie führt unter www.lungensport.org ein Register der Lungensportgruppen.

Interessierte kommen auch über die Homepage des Deutschen Behindertensportverbandes auf eine Suchmaske, die zu Lungensportgruppen in der Umgebung führt: www. dbs-npc.de/sportentwicklung- rehabilitationssport-aktuelles

Über die lokalen COPD-Selbsthilfegruppen finden Interessierte ebenfalls Kontakt zu Lungensportgruppen: www.lungenemphysem-copd.de

Kontakte vermittelt auch der Verein COPD-Deutschland e. V., im Internet zu erreichen über www.copd-deutschland.de


Weniger Ängste

Bei allen Übungen müssen die Teilnehmer auf ihren Atem achten. Das liegt nahe. Darüber hinaus gehört zum Programm in Lungensportgruppen das Erlernen und die Anwendung neuer Atemtechniken. Immer wieder demonstrieren die Leiter, wie man beispielsweise mit Bauchatmung, Lippenbremse oder verschiedenen Körperhaltungen dafür sorgen kann, dass die Luft besser fließt. Übungen zum richtigen Abhusten ergänzen das Programm. Wer eine Lungensportgruppe besucht, lernt seinen Körper besser kennen, erfährt, welche Belastung er problemlos bewältigen kann. Also bauen die Teilnehmer nicht nur Muskeln auf, sondern auch Ängste ab.

Ist die Lungenfunktion eingeschränkt, wirkt sich das auf den ganzen Menschen aus. Keine Luft zu bekommen, verursacht Panik. Ein Gefühl, das jeder vermeiden möchte. Folglich sind bei Lungenkranken Schonhaltungen aus Angst vor zu großer Anstrengung und damit verbundene Atemnot die Regel. Doch wer sich nicht bewegt, verliert Muskelmasse. Und gerade Muskeln sind wichtig, um besser ein- und ausatmen zu können und um Kondi­tion aufzubauen. Nur wer trainiert, kann seine Leistungsfähigkeit steigern. Wer seine Koordinations- und Bewegungsfähigkeit übt, dem fallen Alltagstätigkeiten leichter. Wer den Brustkorb dehnt, wird mehr und leichter atmen können. Erst recht, wenn er Atem- und Entspannungstechniken gelernt hat. Doch über alle diese Effekte hinaus sind Lungensportgruppen eine gute Adresse, denn sie können weitaus mehr bewirken.




Nicht übertreiben: Mit dem Peak-Flow-Meter messen die Teilnehmer der Lungen­sport­gruppen ihre aktuelle Leistungs­fähigkeit.

Foto: Imago/UIG


Neue Lebensfreude

»Lungenkranke ziehen sich häufig aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Sie verlieren immer mehr Kontakte, isolieren sich«, berichtet auch Lungenfacharzt Barczok. Weil sie vieles sehr anstrengt, unternehmen die Patienten immer weniger. Die Folge sind dann nicht selten Depressionen. Ein Teufelskreis ist entstanden. Daher lohnt es sich, dass auch PTA oder Apotheker die Patienten im Gespräch auf die Möglichkeit einer Lungensportgruppe hinweisen – und sie zur Teilnahme motivieren. »Die kleinsten Fortschritte sind für Lungenpatienten enorm wichtig. Für die Leistungsfähigkeit und für die Psyche. Das kann man nicht trennen«, weiß Barczok.

Das bestätigt Margret Klempau aus eigener Erfahrung. Vor etwa zehn Jahren wurden bei der Rheinländerin COPD und ein Lungenemphysem diagnostiziert. Seit rund sechs Jahren macht sie begeistert in einer Lungensportgruppe mit. Sie ist überzeugt: »Ohne den Lungensport hätte ich meine beiden Drogerien nicht so lange weiterführen können. Von den Übungen dachte ich zuerst, sie seien sehr einfach, aber sie bringen mir Kondition.« Und Kondition ist längst nicht alles, was die 68-Jährige aus der Lungensportgruppe mitnimmt. Die Gruppe wirkt weit über die Dauer des gemeinsamen Sports hinaus. »Alleine, dass ich mich ins Auto setze und dahin fahre, wirkt schon positiv. Dazu kommt dann die Gemeinschaft. In der Gruppe muss einem nichts peinlich sein. Alle sitzen in einem Boot«, erzählt sie. Viele neue Kontakte hat Klempau in ihrer Lungensportgruppe geknüpft. »Wir machen zusammen Ausflüge, unternehmen etwas. Man achtet aufeinander«, berichtet sie.

Dass die Teilnehmer außerhalb der wöchentlichen Übungszeiten Kontakte untereinander pflegen, ist typisch für Lungensportgruppen. Fast alle führen Mailinglisten. »Meine Erfahrung ist, dass diese Gruppen der Psyche eines Patienten einen richtigen Schub geben«, sagt Lungenfacharzt Barczok. Die rheinische COPD-Patientin untermauert das: »Gerade hat mir eine Frau aus der Gruppe gemailt: Ich mache heute Nacht einen flotten Dreier – meine Bettdecke, mein Kissen und ich«, erzählt Klempau – und lacht herzhaft. Und Lachen tut Lunge und Psyche gut. /


Buchtipp

Endlich durchatmen! Wirksame Atemübungen bei Asthma, Bronchitis und COPD.
Ein Übungsbuch

Prof. Dr. Rainer Dierkesmann, Sonja Kaiser, Trias-Verlag, 2. Auflage 2015, 14,99 €, Erscheinungstermin: Ende April 2015



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2015

 

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