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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Superfood

Exoten erobern den deutschen Markt


Von Ulrike Becker / Aroniasaft, Chia-Müsli oder Moringa-Pulver heißen einige der trendigen Superfoods, die derzeit Einzug in die Lebensmittel­läden halten. Ihr Genuss soll schlanker, fitter und gesünder machen. Ob die Exoten tatsächlich das Essen aufwerten, ist fraglich.

 

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Den sogenannten Superfoods kann in diesem Winter kaum jemand aus dem Weg gehen. Neuartige Produkte mit unbekannten Namen füllen die Regale vom Supermarkt über den Bioladen bis zum Discounter. Vokabeln lernen ist also angesagt: Die derzeit besonders nachgefragten Exoten heißen Açaí-, Aronia- und Gojibeeren, Chiasamen, ­Matcha­- Tee, Macawurzel und Moringablätter. Gelegentlich reihen sich Quinoa, Erdmandel und Hanfsamen, Granatapfel oder Mikroalgen wie Chlorella-, AFA- und Spirulinaalgen in die Liste der vermeintlichen Vitalstoffpakete ein.




Die exotisch klingenden Namen der Superfoods wecken sicher die Neugier einiger Verbraucher. Ernährungsexperten bezweifeln jedoch, ob ihr häufig hoher Preis gerechtfertigt ist.

Foto: Shutterstock/baibaz


Die Neuankömmlinge im Lebensmittelregal sollen besonders reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidanzien sein und durch ihre gesundheitsfördernden Wirkungen die herkömmliche Ernährung ergänzen. Die Liste der als Superfood bezeichneten Produkte variiert beträchtlich, denn es fehlt jede wissenschaftliche Definition, welche Inhaltsstoffe in welchen Konzentrationen vorhanden sein müssen. Viele davon müssen aus China oder Südamerika importiert werden.

Meist verarbeitet und teuer

Selten handelt es sich bei den Superfoods um frische, unverarbeitete ­Lebensmittel, meist um Getrocknetes, Extrakte, Püree oder Pulver. Diese werden beispielsweise Säften, Brot oder Müsli zugesetzt oder kommen als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt. Parallel zu dieser Entwicklung sind zahlreiche Ratgeber und Kochbücher über Superfoods erschienen. Sie ­tragen dazu bei, die Nachfrage anzukurbeln – und das trotz der beachtlichen Preise: So kosten beispielsweise 250 Gramm getrocknete Gojibeeren rund 13 Euro, die gleiche Menge Rosinen, selbst in Bioqualität, nur rund 3 Euro. Noch teurer sind die Produkte in Pulverform: 100 Gramm Acaipulver ­kosten je nach Hersteller rund 17 Euro.




Aroniabeeren, auch Apfelbeeren genannt, wachsen nicht nur in Übersee, sondern ebenfalls in Deutschland.

Foto: Ullrich Mies


Im Internet fördern etliche Web­seiten die Vermarktung der angeblich nährstoffreichen Produkte und Nahrungsergänzungen. Die Kreationen aus den Online-Shops heißen etwa »OMEGA 3 Superfood Smoothie Mix aus Chiasamen, Maca- und Hanfpulver« oder »Acai Resveratrol Antioxidant-Kapseln mit Grüntee-, Açai- und Gojibeeren- Extrakt«. Obwohl diese Pflanzenaus­züge mit natürlicher Nahrung nicht mehr viel zu tun haben, gelten sie rechtlich als Lebensmittel.

Die Hersteller werben mit blumigen Worten für die besonderen Wirkungen ihrer Produkte auf die Gesundheit. So sollen Acaibeeren den mentalen ­Fokus und die Energiebereitschaft des Körpers steigern, Gojibeeren den Alterungsprozess der Zellen verlangsamen und Chiasamen die Konzentration verbessern sowie dabei helfen, überschüssige Pfunde loszuwerden. In den Werbebotschaften beziehen sich die Hersteller oft auf die traditionelle Verwendung der Lebensmittel in ihren Herkunftsländern und möchten so dem Käufer suggerieren, das Produkt sei natürlich und unbedenklich.

Exotische Beeren

Viele der Superfoods sollen besonders hohe Konzentrationen an Antioxidanzien enthalten. Das trifft auch tatsächlich auf rote bis dunkelviolette Beeren wie Aronia-, Acai- und Gojibeeren zu, ihr ­Gehalt an Anthocyanen ist beachtlich. Dabei handelt es sich um Farbstoffe, die zu den sekundären Pflanzenstoffen zählen und denen Wissenschaftler eine hohe antioxidative Kraft und den Schutz vor Zellschäden bescheinigen. Diese Erkenntnisse stammen jedoch überwiegend aus Labor- oder Tierversuchen. Aufgrund der geringen Bioverfügbarkeit der Anthocyane wurde bei Menschen bislang keine antioxidative Wirkung dokumentiert. Epidemiologische Studien belegen allerdings, dass die hohe Aufnahme von Flavonoiden, zu denen die Anthocyane zählen, mit einer geringeren Sterblichkeit als Folge einer Herz-Kreislauf-Erkrankung einhergeht.


Kurzporträts einiger Superfoods

  • Acaibeere: Frucht der Kohlpalme, wächst ursprünglich im Amazonas­gebiet, wird dort frisch oder als Saft verzehrt, Fett- und Calicumgehalt vergleichbar mit Oliven, hoher Anthocyangehalt, importiert aus Brasilien
  • Amlabeere: Indische Stachelbeere, hoher Vitamin-C-Gehalt, soll gegen hohe Cholesterolspiegel helfen, Belege für Wirksamkeit bei Menschen fehlen
  • Aroniabeere (Apfelbeere): viele Anthocyane, vor allem getrocknet im Handel, auch als Marmelade, Saft und Püree, wächst auch in Deutschland
  • Gojibeere: viele Antioxidanzien, wächst auch hierzulande, wird aber meist aus China oder Südamerika importiert, in der Vergangenheit häufig mit Pestiziden belastet
  • Chiasamen (Foto): hoher Gehalt an Ballaststoffen und Omega-3-Fettsäuren – vergleichbar mit Leinsamen, aus Südamerika importiert
  • Maca (Wurzel oder Knolle): wird aus Peru importiert, frische Macaknolle unbedenklich, BfR rät von den Nahrungsergänzungsmitteln ab
  • Moringa: nährstoffreiche Pflanze, vor allem die Blätter werden in Pulverform vermarktet, Wirksamkeit bei Erkrankungen unklar, Risiko­bewertung fehlt
  • Matcha-Tee: Pulver aus Grünteeblättern, positive Effekte auf die Gesundheit bisher nicht belegt, häufig mit Pestiziden belastet


Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass Darmbakterien die Pflanzenstoffe möglicherweise zu gesundheitsförderlichen Metaboliten abbauen. Jedoch können heimische Heidelbeeren, Brombeeren und Holunderbeeren sowie rote Trauben und Kirschen als gehaltvolle Quellen für Anthocyane mit den exotischen Beeren durchaus mithalten ­(siehe auch Tabelle). Nur mit der Konzentration an Anthocyanen zu ­argumentieren, halten Ernährungswissenschaftler allerdings für zu kurz gedacht. Denn sämtliche Früchte enthalten weitaus mehr sekundäre Pflanzenstoffe, Vitamine und Mineralstoffe. Erst die Summe aller Nährstoffe trägt zu den gesundheitsförderlichen Effekten einer obst- und gemüsereichen Ernährung bei.

Verzehr beschränken

In immer mehr deutschen Bäckereien liegt mittlerweile Chia-Brot im Regal. Auch in Müslimischungen sind die kleinen schwarzen (seltener weißen) Samen zu finden. Chiasamen stammen von einer Salbeiart aus Südamerika (Salvia hispanica), wo sie als traditionelle Lebensmittel gelten. Dort isst die Bevölkerung die Samen roh, getrocknet oder rührt sie in Getränke. Aktuell werden die Samen meist aus Mexiko importiert. Ihr Ballaststoffanteil ist mit 13 bis 30 Prozent relativ hoch und sie sind reich an Omega-3-Fettsäuren, ­Calcium und anderen Mineralstoffen sowie Antioxidanzien. Ihre Zusammensetzung ähnelt sehr dem heimischen Leinsamen, der viel preiswerter ist. ­Allerdings stammt auch der in Deutschland erhältliche Leinsamen oft aus ­China oder Kanada.

Aus vorsorglichen Gründen warnt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), täglich nicht mehr als 15 Gramm Chiasamen zu verzehren. Außerdem ist der Zusatz in Brot und Cerealien auf 10 Prozent Chiasamen beschränkt. Karriere machen die kleinen Körnchen derzeit in der veganen Küche. Dort werden sie aufgrund ihres hohen Quellvermögens als gel­artiger Ei-Ersatz genutzt.

Hormonähnliche Effekte

Die Maca-Pflanze gehört zu den Kreuzblütengewächsen und stammt ebenfalls aus Südamerika. Ähnlich wie Maniok oder Yams werden ihre Knollen dort traditionell als Stärkebeilage genutzt oder getrocknet und vermahlen weiter verarbeitet. Die Knolle soll angeblich als Aphrodisiakum wirken und bei Libidomangel und Potenzproblemen ebenso helfen wie bei unerfülltem Kinderwunsch und in den Wechseljahren. Hierzulande wird jedoch nicht die Knolle vermarktet, sondern Pillen, Kapseln oder Dragees mit Macaextrakten. In Tierversuchen beobachteten Forscher Einflüsse des Extrakts auf den Hormonhaushalt und die Geschlechtsorgane. Aufgrund dieser hormonähn­lichen Wirkung erklären die Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), sie könnten keine Menge von Maca in Nahrungsergänzungs- oder Lebensmitteln als für den Verzehr unbedenklich nennen.




Ein köstliches Törtchen mit heimischen Beeren liefert, so ganz nebenbei, wertvolle Anthocyane.

Foto: Shutterstock/Pavel Shlykov


Der Moringa- oder Meerrettichbaum, Lieferant der Moringablätter, gedeiht von Indien bis Afrika. Der angebliche Wunderbaum soll besonders nährstoffreich sein, vor allem hohe Konzentrationen an Antioxidanzien und essenziellen Aminosäuren enthalten. Diese Aussagen haben Wissenschaftler allerdings bis jetzt nicht bestätigt. Traditionell werden alle Teile der Pflanze verzehrt und in der Heilkunde genutzt: die Wurzeln, die ähnlich wie heimischer Meerrettich schmecken, die frischen grünen Blätter, die Blüten, junge unreife Früchte und Samen. In Deutschland sind meist nur die getrockneten Blätter als Pulver oder in Kapselform im Handel. Die Hersteller versprechen unter anderem Wirkungen gegen Asthma, Epilepsie, Diabetes oder Nierensteine. Kanadische Forscher halten in einem Review zwar Wirkungen auf erhöhte Blutzucker- und Blutfettwerte für möglich. Sie warnen aber vor der unreflektierten Einnahme von Moringa, da noch keine Risikobewertung vorliegt.

Werbung und Wahrheit

Die Beispiele machen deutlich, dass Belege für die hoch gelobten Wirkungen der vermeintlichen Vitalstoffwunder fehlen. Damit sie mit gesundheits­förderlichen Effekten werben dürfen, müssen die Hersteller dazu Studien­ergebnisse einreichen, die die Experten der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) prüfen. Diese haben jedoch alle Anträge für gesundheitsbezogene Angaben über Gojibeeren als nicht belegt abgelehnt, für Acaibeeren musste der Hersteller die beantragten Aussagen wieder zurückziehen, die Werbung für Produkte mit Chiasamen darf lediglich auf den hohen Ballaststoffgehalt hinweisen.

Dennoch versuchen die Marketingstrategen, Verbraucher mit wissenschaftlich klingenden Formulierungen von der Gesundheitswirkung ihrer Produkte zu überzeugen. Aus diesem Grund erwähnen sie häufig den sogenannten ORAC-Wert (Oxygen Radical Absorbance Capacity), der die antioxidative Wirkung eines Lebensmittels beziffert. Ermittelt wird dieser Wert im Labor. Bei der Messung läuft jedoch eine Reaktion ab, die so im menschlichen Körper gar nicht stattfindet. Der Wert ist folglich reine Augenwischerei.

Das grundsätzliche Problem bei allen diesen Produkten ist: Im Unterschied zu den Herkunftsländern werden sie hierzulande oft getrocknet oder als Pulver verkauft und Analysen zur genauen Zusammensetzung der Inhaltsstoffe fehlen. Verbraucher erfahren also nicht, wie viele Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe sie beim Verzehr des Produkts tatsächlich aufnehmen und Berechnungen zur Nährstoffzufuhr sind schwierig. Wer jeden Tag in das morgendliche Müsli, in Smoothies und Suppen eins der Superfoodpulver streut, nach dem Motto »viel hilft viel«, riskiert Über­dosierungen. Wissenschaftler warnen davor, dass große Mengen an Antioxidanzien auch schädlich wirken können. In mehreren Studien erhöhte ihre Einnahme das Krebsrisiko der Teilnehmer. Experten des BfR raten daher von Pillen oder Pulvern mit hoch konzentrierten Extrakten aus den angeblichen ­Superfoods ab.

Zudem sind Wechselwirkungen mit Medikamenten möglich. So warnen die Wissenschaftler des BfR Menschen, die Gerinnungshemmer einnehmen, davor Gojibeeren zu konsumieren. Die Beeren scheinen den Abbau der Medikamente zu blockieren und daher deren Wirkung zu verstärken.

Verarbeitet statt frisch

Der Run auf die neuen Lebensmittel ist sicher mit einer gewissen Neugier verbunden. Der Trend zu den hoch verarbeiteten Produkten spiegelt aber auch wider, dass viele Menschen den Bezug zu echten Lebensmitteln verloren haben. Immer weniger nehmen sich die Zeit zum Einkaufen und Kochen. Stattdessen konsumieren sie nährstoffoptimierte, aber genussfreie Lebensmittel in Pulverform, damit ihr Körper leistungsstark und fit wird.

In Deutschland braucht jedoch niemand Pulver aus Acai-, Aronia- und Gojibeeren, aus Maca, Moringa oder Matcha, um ausreichend mit Nährstoffen versorgt zu sein. Und kein Mensch wird gesünder, fitter oder schöner, wenn er Acai- oder Gojipulver in sein Müsli schüttet, aber jeden Mittag eine Currywurst isst.


Anthocyangehalt verschiedener Lebensmittel*  
Auberginen 750 
Aronia 200–1000 
Weintrauben 30–750 
Süßkirschen 2–450 
Heidelbeeren 83–420 
Schwarze Johannisbeeren 130–400 
Blutorangen 200 
Rhabarber 0–200 
Brombeeren 115 
Himbeeren 10–60 
Rotkohl 25 
Rotwein 24–35 
Rote Zwiebeln 0–25 
*) in mg/100 g Frischgewicht  
Quellen: Watzl B. Anthocyane, Ernährungs-Umschau, 49 (4), 2002, www.mri.bund.de/fileadmin/Institute/PBE/Sekundaere_Pflanzenstoffe/Anthocyane.pdf  

Aus ernährungsphysiologischer Sicht spricht allerdings nichts gegen das neue Angebot an unverarbeiteten Lebensmitteln wie Chiasamen oder getrock­nete Beeren. Insbesondere Früchte aus heimischen Regionen wie die Aroniabeere bringen Abwechslung auf den Speiseplan. Die derzeitige Beachtung der auch als Apfelbeere bezeichneten Frucht kurbelt den hiesigen Anbau an. Gojibeeren gedeihen ebenfalls in Deutschland, werden aber dennoch häufig importiert. Die übrigen Superfoods stammen oft aus Übersee. Da sie auf den langen Transporten schnell verderben, werden sie in der Regel schon vorher verarbeitet, was den Nährstoffreichtum deutlich reduziert. Aufgrund erheblicher Pestizidkonzentrationen haben Lebensmittelkontrolleure mehrfach Gojibeeren aus China beanstandet. Auch Matcha-Tee ist wie alle grünen Tees häufig mit Pestiziden belastet.

Die meisten Superfoods sind zwar reich an sekundären Pflanzenstoffen, doch das gilt auch für hierzulande geerntete Heidelbeeren, Äpfel, Kohl- oder Zwiebelgemüse. Zudem profitieren Käufer von deren Heimvorteil: Sie sind preisgünstiger, müssen keine langen Transportwege zurücklegen und werden erst geerntet, wenn sie ausgereift sind. Außerdem bietet sie jeder Lebensmittelhändler unverarbeitet an und ihr Genuss ist vollkommen unbedenklich.

Heimisches Angebot nutzen

Ernährungswissenschaftler werden nicht müde zu betonen, dass die deutsche Bevölkerung mehr Gemüse und Obst aus heimischem Anbau essen sollte. Wer aus dem breiten Angebot an saisonalen Gemüse- und Obstsorten schöpft, in den Wintermonaten aus Tiefkühl- und Importware aus Europas Anbaugebieten, regelmäßig Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und hochwertige Pflanzenöle verzehrt, ist mit allen wertvollen Inhaltsstoffen bestens versorgt – inklusive Antioxi­danzien, Anthocyanen, Ballaststoffen oder Omega-3-Fettsäuren.




Vom Moringabaum werden die frischen Blätter, Blüten, Früchte und Samen genutzt.

Foto: Shutterstock/wasanajai



Sollte der Superfood-Hype allerdings dazu führen, dass sich Verbraucher intensiver mit gesunder Ernährung auseinandersetzen, hat der Trend vielleicht auch etwas Gutes. Schon aus Kostengründen landen sie dann früher oder später sicher bei heimischem ­Superfood. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 01/2016

 

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