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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Akupunktur

Heilende Stiche?


Von Inga Richter / Die Akupunktur ist ein bei Patienten und auch vielen Ärzten beliebtes alternatives Heilverfahren. Seit vielen Jahren unter­suchen Wissenschaftler, ob die Effekte der Nadelstiche nur auf eine Placebo-Wirkung zurückzuführen sind oder ob sie im Körper reale Prozesse auslösen. Die Studienlage ist nicht eindeutig, es scheint jedoch, als könnten die Gewebeschädigungen biochemische Selbstheilungsprozesse in Gang setzen.

 

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Chinesische Ärzte behandeln Patienten bereits seit mehr als 2000 Jahren mit Nadeln. In der westlichen Welt nahm die Karriere der Akupunktur nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Lauf. Populär wurde sie spätestens zu Beginn der 1970er-Jahre, als der damalige US-Präsident Richard ­Nixon von einer Chinareise zurückkehrte und die Praxis der Nadeltherapie in die Medien brachte. Laut Informationen der »Stiftung Akupunktur« werde die Methode in Deutschland inzwischen von rund 45000 Ärzten eingesetzt. In Fachkreisen sei sie vollkommen akzeptiert.




Foto: Shutterstock/Andrey Popov



»Insbesondere in der Schmerztherapie hat die Behandlung eine Erfolgsrate von 70 bis 80 Prozent«, sagt Dr. Reinhart Wagner, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Akupunktur und Neuraltherapie (DGfAN). Selbstredend könnten Stiche in die Haut keine Verschleißerscheinungen aufhalten, beispielsweise bei der Gonarthrose, einer Arthrose in den Kniegelenken. Geminderte Schmerzen bedeuten für die Betroffenen jedoch mehr Lebensqualität, weil sie sich weiterhin besser bewegen können.

Nach der chinesischen Lehre gibt es etwa 400 Akupunkturpunkte, die auf zwölf paarig angelegten Längsbahnen, den Meridianen, liegen. Jeder Punkt steht mit bestimmten Organen in Verbindung. Entlang dieser Bahnen soll die Lebensenergie, das sogenannte Qi, fließen.

Je nach Krankheitsbild werden die Nadeln für 20 bis 30 Minuten auf Akupunkturpunkten entlang der Meridiane platziert. Die Stiche, so die Theorie, bringen krankheitsverursachende Disharmonien entlang der Lebensbahnen wieder ins Lot. »Ein wissenschaftlicher Nachweis des Meridiansystems ist bislang nicht gelungen«, sagt Wagner. Sie stehen in keinem erkennbaren Zusammenhang mit Anatomie oder Physiologie des menschlichen Körpers. Jedoch wisse man inzwischen mehr über die Zusammenhänge der segmentalen Gliederung des Körpers und deren Funktion als Basis der Akupunkturwirkung.

Obwohl das Verfahren eine lange Geschichte hat, wird die tatsächliche Wirksamkeit nach wie vor kontrovers diskutiert. Etwa 29 000 Studien zur Akupunktur gäbe es, so Wagner. Doch oftmals widersprechen sich die Ergebnisse aufgrund unzureichender Stu­diendesigns. Wegen dieser fehlenden konkreten Wirksamkeitsnachweise über­nehmen die Krankenkassen nur selten die Kosten. Patienten müssen die Behandlung meist als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) aus eigener Tasche bezahlen.




Die Nadelstiche in bestimmte Akupunkturpunkte sollen laut der chinesischen Lehre den gestörten Energiefluss im Körper wieder in die richtigen Bahnen lenken.

Foto: Shutterstock/F.Schmidt


Ein Kernpunkt der Diskussion ist, ob die Linderung oder das Verschwinden von Symptomen nach der Behandlung auf einem Placeboeffekt beruhen. Das Problem der Untersuchungen: Der Unterschied zwischen einer echten und einer Scheinbehandlung ist bei einer Therapie mit Nadeln schwer zu beleuchten. In kontrollierten Studien ist es unerlässlich, den Probanden glaubhaft zu vermitteln, dass sie eine wirksame Therapie erhalten. Bei der oralen Einnahme gelingt diese Täuschung leicht, wenn die Placebo-Tablette in Form, Größe und Farbe der Tablette mit dem Wirkstoff gleicht. Bei Akupunkturstudien dient meist eine sogenannte Sham-Akupunktur an willkürlich gewählten Stellen als Placebo.

Tatsächlich haben viele Studien gezeigt, dass Nadelstiche an Akupunkturpunkten nahezu die gleiche Wirkung erzeugen wie Stiche an willkürlich gewählten Körperstellen. Die größten prospektiven Studien waren die viel zitierten »German Acupuncture Trials« (GERAC). Vor etwa zehn Jahren bestätigten deren Ergebnisse nach der Behandlung von über 300 000 Patienten – 3600 davon randomisiert, kontrolliert und verblindet –, dass die Wirkung der echten Akupunktur bei Patienten mit chronischen Kopf- und Rückenschmerzen sowie verschleißbedingten Knieschmerzen nur unwesentlich besser abschnitt als die einer Scheinbehandlung. Bemerkenswert war jedoch, dass die Nadeln in fast allen Fällen besser wirkten als die medikamentöse Standardtherapie. Wohl deshalb wurde die Akupunkturbehandlung bei der chronischen Gon­arthrose und chronischen Rückenschmerzen in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen.

Eine vor Kurzem veröffentlichte Untersuchung der University of Melbourne in Australien fand ebenfalls kaum Unterschiede in der Wirksamkeit von echter und Sham-Akupunktur bei Wechseljahresbeschwerden. Beide Behandlungen verringerten Symptome wie Schwitzen, Herzklopfen und Gesichtsröte bei 300 Australierinnen gleichermaßen um 40 Prozent.




Foto: Shutterstock/hjochen


»Jeder Nadelstich erzeugt eine lokale Antwort zur Heilung der Verletzung«, sagt Wagner. Durch den Nadelreiz an einem biologisch aktiven Punkt würden diese Informationen über das segmentale Nervensystem an die gestörten Körperstellen geleitet und dort Selbstheilungsprozesse ausgelöst. Dass auch die Sham-Akupunktur Wirkung zeigt, erklären Akupunktur-Experten unter anderem so: In den Untersuchungen sei nicht eindeutig definiert worden, wo die Stiche der Sham-Akupunktur gesetzt werden. Sofern diese im selben Segment der anerkannten Akupunkturpunkte durchgeführt würden, könnten sie auch die gleiche Antwort erzeugen wie auf dem Merian.

Unübersichtlicher wird die Studienlage dadurch, dass die Heilmethode längst nicht mehr nur mit Nadeln durchgeführt wird. Als Weiterentwicklung gilt etwa die Elektro-Akupunktur. Dabei macht der Arzt durch Vergleichsmessungen zunächst elektrisch signifikante Punkte ausfindig, an denen sich der Hautwiderstand von einem Normalwert unterscheidet. Die Abweichungen sollen Störungen im Körper aufzeigen, welche dann mit geringfügig unter Strom gesetzten Nadeln behandelt werden.

Laser statt Nadel

Ganz ohne Nadeln kommt die Laser-Akupunktur aus. Diese ist laut der Deutschen Ärzte-Gesellschaft für Akupunktur am besten geeignet für nadelempfindliche Menschen, insbesondere Kinder. Anstelle des durch die Nadeln erzielten Wundreizes soll das Laserlicht an den ausgewählten Akupunkturpunkten »für den Organismus einen Heil- oder Regulationsreiz, eine Art Mikrostress«, induzieren, auf den unter anderem auch das Immunsystem positiv reagiert.




Zwölf Meridiane mit knapp 400 Akupunkturpunkten überziehen laut Theorie den Körper.

Foto: Shutterstock/upixa


Schon länger drehen sich die Fragestellungen der Forscher nicht mehr allein darum, ob die Akupunktur überhaupt wirksam ist. Von Interesse ist auch, welche Mechanismen für die Effekte verantwortlich sein könnten. So fand ein Forscherteam von der University of Rochester in den USA beispielsweise heraus, dass durch die geringfügigen Gewebeschäden in der Haut vermehrt der schmerzstillende Botenstoff Adenosin ausgeschüttet wird. Andere Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Stiche die Produktion von heilsamen Neurotransmittern fördern. Bei einer Elektro-Akupunktur mit einer Spannung von 2 Hertz sollen den Ergebnissen einer Studie zufolge vermehrt die Botenstoffe Enkephalin, ­Beta-Endorphin und Endomorphin im Körper ausgeschüttet werden. Die Substanzen wirken schmerzstillend und euphorisierend. Bei einer Spannung von 100 Hertz hingegen würde der Neurotransmitter Dysnorphin ausgeschüttet, der ebenfalls schmerzlindernd, aber auch beruhigend wirkt. Eine Kombination beider Spannungen erzielte die besten Ergebnisse.

Dieses und ähnliche Resultate führten zu der Endorphin-Theorie: Danach könnte die Akupunktur Nervenfasern stimulieren, die über Impulse an das ­Rückenmark die Gehirnzentren ­Medulla, Mittelhirn und die Hypophyse-Hypothalamus-Region aktivieren und somit auch die Ausschüttung schmerzstillender Substanzen fördern. Gestützt wird diese Theorie durch Experimente, in welchen die Injektion von Endorphin-Antagonisten wie Naloxon oder Naltrexon die Wirkung einer Akupunkturbehandlung verhinderte, während diese in einer mit Kochsalzlösung behandelten Gruppe die erwartete Wirkung zeigte.

Darüber hinaus gibt es mittlerweile Hinweise, dass die Nadeln nicht nur gegen Schmerzen wirken, sondern womöglich auch gegen Ängste und Depressionen. Das zumindest vermuten Forscher am US-amerikanischen Georgetown University Medical Center, wo die Wirkungen der Behandlung auf eine ganz bestimmte Gehirnregion untersucht werden: den »Stomach-Meridian-Punkt 36« (St36), der auf der Hypothalamus-Hypophysenachse liegt, die mit chronischem Stress, chronischen Schmerzen, dem Immunsystem und auch mit Stimmung und Emotionen in Verbindung steht. Zumindest bei Ratten reduzierte die Stimulation des St36 sowohl vor als auch nach einem Kälteschock Stress und Schmerzen. »Die therapeutischen Effekte einiger Antidepressiva und Medikamente gegen Angst beruhen auf demselben Mechanismus«, schreibt Studienleiterin Ladan Eshkevari. Allerdings müssen diese Ergebnisse durch randomisierte, verblindete und Placebo-kontrollierte Studien erst noch auf die Physiologie von Menschen übertragen werden. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2016

 

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