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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Byssinose

Berufskrankheit der Hanfarbeiter


Von Carina Steyer / Hanffasern werden seit Jahrhunderten als Rohstoff genutzt. Fast ebenso alt ist die Byssinose, eine Atemwegs­­erkrankung, die durch den Kontakt mit Naturrohfaserstäuben entsteht. Arbeitsschutzmaßnahmen können die Erkrankungshäufigkeit reduzieren, sind in Entwicklungsländern aber rar.

 

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Hanf ist nicht nur eine Rausch- und Heilpflanze, sondern auch eine der ­ältesten Nutzpflanzen der Welt. Jahrhunderte lang war Cannabis sativa sogar die am häufigsten angebaute Pflanze weltweit. Die Fertigung von Papier, Schiffssegeln, Tauen, Seilen und Kleidung wäre ohne die widerstands­fähigen, reißfesten und langlebigen Hanffasern nicht möglich gewesen. Konkurrenz bekam der Hanf schließlich zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Günstigere Baumwollimporte ließen sich maschinell besser verarbeiten, die Umstellung von Segel- auf Dampfschiffe machte Segel aus Hanffasern überflüssig, und die Papierherstellung auf Holzbasis wurde immer beliebter.




Bei der Produktion von Hanffasern entstehen Stäube, die auf Dauer Atemwegsbeschwerden verursachen können.

Foto: dpa


Nach Angaben der European Industrial Hemp Asscociation (EUHA), einem Zusammenschluss der Hanf verarbeitenden Industrie, wurden in Europa im Jahr 2015 etwa 22 000 Hektar mit Hanf bewirtschaftet. Die Fasern werden größtenteils zu Spezialpapieren für Banknoten, technische Filter oder Zigaretten verarbeitet. Mehr und mehr werden Hanffasern auch als ökologische Alternativen zu gängigen Produkten eingesetzt, zum Beispiel sind aus ihnen hergestellte Dämmmaterialien in der Bauindustrie beliebt. Sie isolieren gut gegen Wärme, Kälte und Lärm, sind schädlingsresistent und regulieren das Raumklima, indem sie Feuchtigkeit aufnehmen oder abgeben. Viele Automobilhersteller verstärken Kunststoffteile wie Armaturenbretter, Tür- und Kofferraumauskleidungen mit Hanffasern. Derzeit in der Entwicklung befindet sich außerdem ein Rotorblatt für Windräder, das aus gewebtem Hanfgarn und einem Harz aus Hanfsamenöl besteht.

Aufwendiger Aufschluss

Um die Hanfpflanze nutzbar zu machen, müssen die Faserbündel des Stängels vom inneren Holzkern getrennt werden. Die älteste und bis heute weitverbreitete Methode dafür ist der Aufschluss durch Mikroorganismen. Nachdem die Stängel geerntet und getrocknet wurden, werden sie mehrere Wochen der Taubildung ausgesetzt oder komplett in Wasser gelegt. Der Vorgang regt das Wachstum von Bakterien an, die das Gewebe des Stängels zersetzen. Bevor die Hanffasern vom Rest der Pflanze getrennt werden können, müssen sie erneut getrocknet werden. Die Stängel sind nun brüchig und faserig, sodass bei der weiteren Verarbeitung viel Staub freigesetzt wird.

Atemwegsbeschwerden

Um das Jahr 1700 wurde ein Zusammenhang zwischen den freigesetzten Stäuben und Atemwegsbeschwerden, unter denen viele Hanfarbeiter litten, erkannt. Heute weiß man, dass der mehrjährige, ungeschützte Umgang mit Naturrohfasern von Hanf, Baumwolle oder Flachs bei einem Großteil der Arbeiter zu einer Erkrankung, der sogenannten Byssinose, führt.

Als Leitsymptome gelten ein Engegefühl in der Brust und Atembeschwerden. Manchmal kommt es außerdem zu Hustenreiz, einem Hitzegefühl oder Abgeschlagenheit. In der Regel treten die Beschwerden häufiger und schwerer auf, je länger die Beschäftigten den Stäuben ausgesetzt sind. Typischerweise beginnen die Beschwerden ab der Mittagszeit und klingen ein bis zwei Stunden nach Arbeitsende wieder ab.

Im Anfangsstadium (Stadium I) sind die Beschwerden auf den ersten Arbeitstag nach mindestens eintägiger Arbeitspause beschränkt (»Montagssymptomatik«). Im Verlauf der Woche schwächen sich die Beschwerden wieder ab. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung bleiben die Symptome allerdings immer länger bestehen. Im Stadium II sind die Arbeitnehmer erst nach einigen Tagen wieder beschwerdefrei, im Stadium III entwickelt sich – nach jahrzehntelanger Exposition – schließlich eine chronische Bronchitis mit eingeschränkter Belastbarkeit. Gefährdet sind vor allem Arbeiter, die mit wenig verarbeiteten Naturfasern bei den ersten Arbeitsschritten in Kontakt kommen, etwa in Mischräumen oder beim Ausklopfen von Hanfpflanzen. Die einzige Therapie ist derzeit, den Kontakt mit Naturrohfasern zu meiden. Menschen mit bereits bestehender chronischer Bronchitis oder Asthma raten Experten daher dringend davon ab, beruflich mit Naturrohfasern zu arbeiten.

Wie genau die Byssinose entsteht, ist bis heute unbekannt. Vermutet werden Schäden durch Staubbestandteile und Endotoxine gramnegativer Bakterien, die ebenfalls bei der Verarbeitung freigesetzt werden. Einige Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Staubkonzentration und Arbeitszeit. Die Häufigkeit und das Ausmaß der Erkrankung sind in der Hanfindustrie deutlich stärker ausgeprägt als bei der Verarbeitung anderer Naturrohfasern. So haben Untersuchungen aus den 1960er-Jahren gezeigt, dass in den meisten Betrieben zwischen 60 und 90 Prozent der älteren Arbeitnehmer erkrankt waren.

Schutzmaßnahmen

Moderne Arbeitsschutzmaßnahmen sollen in erster Linie die Staubentwicklung reduzieren. Absauganlagen, Einhausungen, bei der die gesamte Maschine durch einen dichten Überbau von der Umgebung abgeschirmt wird, und Transportsysteme mit Unterdruck, tragen entscheidend dazu bei, den Arbeitsplatz möglichst staubfrei zu halten. Zusätzlich werden die Produktionshallen regelmäßig gereinigt und sind mit raumlufttechnischen Anlagen ausgestattet.




Hanffasern sind vielfältig: Sie werden etwa zum Abdichten, als Rohmaterial für Seile sowie bei der Produktion von Papier und Kleidung verwendet.

Foto: Shutterstock/thodonal88


Die Endotoxinbelastung ist dagegen weitaus schwieriger zu kontrollieren, und häufig finden sich trotz Arbeitsschutzmaßnahmen erhöhte Endotoxin-Werte. Besonders betroffen sind die Arbeitnehmer der ersten Verarbeitungsstufen. Als zusätzliche Schutzmaßnahme erhalten sie wiederkehrende arbeitsmedizinische Schulungen, bei denen über Gesundheitsrisiken und Schutzmaßnahmen informiert wird. Bei regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen kann der Betriebsarzt eine beginnende Byssinose schnell erkennen und ihr Fortschreiten kann durch einen Arbeitsplatzwechsel gestoppt werden.

In Deutschland ist die Byssinose inzwischen selten geworden. Im Jahr 2000 gingen noch 24 Anzeigen auf Verdacht einer Byssinose bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung ein, im Jahr 2014 waren es nur noch fünf. Das liegt zum einen an den Arbeitsschutzmaßnahmen, aber zum Großteil an der starken Verlagerung der Produktion in Entwicklungsländer. Dort fehlen allerdings moderne Arbeitsschutzmaßnahmen und die Angestellten arbeiten zu ähnlichen Bedingungen wie in den 1950er- und 1960er-Jahren in Europa und Nordamerika. Die Dokumentation der Krankheitsverbreitung ist in Entwicklungsländern schwieriger, Studien haben aber gezeigt, dass die Byssinose dort ebenso weit verbreitet ist, wie sie es früher in Europa war. /


Berufskrankheiten

In Deutschland ist die Byssinose als Berufskrankheit anerkannt. Laut Definition können solche Erkrankungen anerkannt werden, die durch besondere Einwirkungen verursacht wurden, denen der Arbeitnehmer in erheblich höherem Grad als die übrige Bevölkerung ausgesetzt ist.

Ist die jeweilige Erkrankung eindeutig auf die Tätigkeit des Betroffenen zurückzuführen, übernimmt die Deutsche Gesetz­liche Unfallversicherung die Kosten für die Behandlung. Ist die Erkran­kung des Arbeitnehmers so schwer, dass sie die Erwerbs­fähigkeit um mindestens 20 Prozent mindert, erhält der Betroffene eine Rente.

Derzeit sind in Deutschland 77 Krankheiten in der Berufskrankheiten-Liste der Berufskrankheitenverordnung auf­geführt. Die Krankheiten werden dort meist nicht nach ihren Auswirkungen, sondern nach ihren Ursachen systematisiert. Anerkannt sind zum Beispiel Beschwerden, die durch chemische oder physikalische Einwirkungen entstehen, wie Hauterkrankungen durch Lösungsmittel oder Lärmschwerhörigkeit.



Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2016

 

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