Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

TITEL

Cannabis

Hanf auf Rezept


Von Verena Arzbach / Schwer kranke Patienten sollen bald ­Cannabis regulär auf Rezept bekommen können. Die Nutz- und Heilpflanze ist nicht nur eine beliebte – wenn auch illegale – ­Genussdroge, sie ­genießt auch in der Medizin einen recht guten Ruf. Es wird ihr eine Wirksamkeit bei verschiedensten ­Indikationen nachgesagt. Studien haben dies allerdings bislang nicht in allen Fällen belegt.

 

Anzeige

 

In Deutschland auf legalem Weg an medizinisches Cannabis zu gelangen – etwa um chronische Schmerzen zu lindern oder Beschwerden bei Multipler Sklerose zu behandeln –, ist nicht gerade einfach. Die meist schwerkranken Patienten müssen mit einem ärztlichen Attest zunächst eine Sondergenehmigung beim Bundes­institut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beantragen. Dann können sie Cannabis-Extrakt oder Cannabis-Blüten über eine deutsche Apotheke beziehen, die ihrerseits ebenfalls eine entsprechende Sondererlaubnis benötigt, um Medizinalhanf einkaufen und an Patienten abgeben zu dürfen. Diese Behandlung gilt meist als ärztlich begleitete Selbsttherapie, das heißt, die Kosten der Behandlung muss der Patient selbst übernehmen.




Foto: Shutterstock/Africa Studio


Erleichterter Zugang

In Zukunft soll die Versorgung der Patienten mit medizinischem Cannabis deutlich einfacher werden. Nach einem Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums sollen Ärzte Medizinalhanf regulär auf einem Betäubungsmittelrezept verordnen können, wenn sie eine solche Therapie für erforderlich halten. Auch der kontrollierte Anbau von Cannabis zu therapeutischen Zwecken soll dann ähnlich wie in den Niederlanden auch in Deutschland möglich sein.

Der Gesetzgeber will so vor allem chronisch schwerkranken Patienten den Zugang zu Cannabis in pharmazeutischer Qualität erleichtern. Der Bedarf steigt, vor allem bei Schmerzpatienten. Wie für andere Betäubungsmittel auch soll das Gesetz für Cannabis eine maximale Verschreibungsmenge festlegen. Höchstens 100 000 Milligramm dürfen Ärzte ihren Patienten demnach innerhalb von 30 Tagen verordnen. Abweichungen sind nur in Sonderfällen möglich.

Nach BfArM-Angaben verfügten Ende des vergangenen Jahres 527 Personen über eine Sondererlaubnis, um Cannabis zu beziehen. Diese Patienten inhalieren meist den Cannabis-Extrakt, einige rauchen aber auch die Blüten oder brühen sie zu einem Tee auf. Dazu kommen momentan rund 4500 Patienten in Deutschland, die mit Cannabi­noid-haltigen Fertigarzneimitteln oder eigens für sie hergestellten Rezepturarzneimitteln behandelt werden. Das einzige derzeit in Deutschland zugelassene Fertigarzneimittel mit Cannabinoiden ist Sativex®, ein Mundspray mit Cannabis-Dickextrakt zur Therapie von Spastiken bei Multipler Sklerose. Der enthaltene Wirkstoff ist Nabiximol, eine Pflanzenextraktmischung aus den Blättern und Blüten zweier Chemotypen, die im Wesentlichen pflanzliches Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) enthält. Ein Sprühstoß ist auf 2,7 mg THC und 2,5 mg CBD eingestellt.




Gerade schwer kranke Patienten setzen ihre Hoffnungen auf eine Therapie mit Cannabis. Die Studienlage ist bei vielen Indikationen allerdings dünn.

Foto: Shutterstock/SageElyse


In den USA und Kanada sind die Präparate Cesamet® mit dem Wirkstoff Nabilon sowie Marinol® mit dem Wirkstoff Dronabinol erhältlich. Diese können von Apotheken auch nach Deutschland importiert werden, wenn dafür eine ärztliche Verordnung vorliegt. Nabilon ist ein vollsynthetisches THC-Derivat und zugelassen zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie. Bei Dronabinol handelt es sich um teilsynthetisch hergestelltes THC. Der Wirkstoff ist ebenfalls zugelassen zur Therapie von Zytostatika-induzierter Übelkeit und Erbrechen sowie zur Behandlung von Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei Aids-Patienten. Dronabinol steht in Deutschland als Rezeptursubstanz für Kapseln und ölige Tropfen zur Verfügung. Für beide Rezepturen gibt es NRF-Vorschriften.

Kostenübernahme

Ein großes Problem ist, dass Patienten die Kosten für eine Behandlung mit Cannabis im Rahmen eines sogenannten individuellen Heilversuchs in der Regel selbst tragen müssen. Dem Gesetzentwurf zufolge sollen aber die Krankenkassen bald zumindest in »eng begrenzten Ausnahmefällen« die Therapie bezahlen. Das könnte etwa für Versicherte mit einer schweren chro­nischen Krankheit zutreffen, sofern für die Behandlung keine allgemein anerkannte und dem medizinischen Standard entsprechende Alternative zur Verfügung steht. Darüber hinaus muss eine »nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbar positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome« bestehen.

Kontrollierter Anbau

Ein weiterer Punkt im Gesetzentwurf beschäftigt sich mit der Regelung des Anbaus des benötigten Hanfs. Derzeit beziehen deutsche Apotheken den Medizinalhanf häufig aus den Niederlanden, wo Anbau und Handel dem staatlichen Bureau voor Medicinale Cannabis unterstehen. Hierzulande soll das BfArM künftig die Aufgaben einer sogenannten Cannabisagentur übernehmen. Diese Agentur soll den voraussichtlichen Bedarf an Medizinalhanf im Vorfeld festlegen und den Auftrag zum Anbau im Rahmen einer Ausschreibung an Produzenten mit ­einer entsprechenden Genehmigung vergeben. Alle Anbauer müssen dann die gesamte Ernte abliefern. Das BfArM kauft die Pflanzen nach festgelegten Abgabepreisen auf und verteilt diese anschließend an Apotheken, Arzneimittelhersteller oder Großhänd­ler. Den Eigenanbau von Cannabis durch Patienten lehnt das Bundes­gesundheitsministerium strikt ab. Das komme »aus gesundheits- und ordnungspolitischer Sicht nicht in Betracht«.




Produzenten mit entsprechender Genehmigung sollen Medizinalhanf bald auch in Deutschland anbauen dürfen.

Foto: dpa


Das sehen auch die Apotheker so. Dr. Andreas Kiefer begrüßt zwar die ­geplanten Erleichterungen beim medizinischen Einsatz von Cannabis, betont dabei aber vor allem den Aspekt Qualität. »Es ist wichtig, dass Patienten Cannabis in kontrollierter pharmazeutischer Qualität aus der Apotheke bekommen können, wenn sie es aus medizinischen Gründen brauchen«, teilt der Präsident der Bundesapothekerkammer in einer Presseinformation mit. Das könne nur bei kontrolliertem Anbau mit regelmäßiger Qualitätskontrolle garantiert werden. Kiefer ist gleichzeitig Vorsitzender der Kommission des DAC/NRF (Deutscher Arzneimittel-Codex/Neues Rezeptur-Formularium), das derweil an der Entwicklung einer Monographie für Cannabis arbeitet. »Wir werden Qualitätsanforderungen definieren und auch Empfehlungen zu Darreichungsformen erarbeiten«, sagte er. »Cannabis als ›Joint‹ zu rauchen – egal ob zusammen mit Tabak oder allein –, ist zur Krankheitsbehandlung aus Apothekersicht nicht akzeptabel.«




Foto: Shutterstock/CEskymaks


Was Cannabis sowohl für die medizinische Verwendung als auch für den ­Einsatz als Genussdroge so interes­sant macht, sind die enthaltenen Canna­binoide, vor allem Δ9-Tetra­hydro­canna­binol (THC) und Cannabidiol (CBD). Sie binden im Körper an Cannabinoid-Rezeptoren, die sich besonders in Gehirn und Rückenmark (überwiegend CB1-Rezeptoren) sowie im peripheren Nervensystem (CB2-Rezeptoren) befinden. Die über die Cannabinoid-Rezeptoren vermittelten Wirkungen sind vielfältig: Cannabinoide beeinflussen etwa die Gedächtnisleistung, Emotionen, Motorik und die Schmerzwahrnehmung. Die Immunabwehr wird unterdrückt, der Appetit angeregt, Übelkeit und Brechreiz verhindert.

Wenig Evidenz

Die vielfältigen Wirkungen erklären, warum Patienten mit den unterschiedlichsten Erkrankungen große Hoffnungen auf eine Behandlung mit Cannabis setzen. Allerdings: Die Evidenz ist bei vielen Indikationen relativ dünn. Oft ist die Studienlage zum therapeutischen Einsatz nicht ausreichend und die Qualität der klinischen Studien nicht immer gut. Am besten untersucht ist der Einsatz von Cannabis gegen Spasmen bei Multipler Sklerose. Außerdem gibt es laut einer Metaanalyse britischer Wissenschaftler für die Wirksamkeit bei chronischen und neuropathischen Schmerzen einige gute Studienergebnisse. Für die Indikation »Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie« existieren dagegen nur wenig aussagekräftige Studien, ebenso bei Gewichtsverlust bei einer HIV-Infektion, Schlafstörungen und Tourette-Syndrom. Am schlechtesten belegt ist die Wirksamkeit gegen Angststörungen. Kein Effekt zeigte sich in der Analyse gegen Psychosen und Depressionen, wobei auch hier die Evidenz schlecht ist.




Das Mundspray Sativex ist momentan das einzige Cannabinoid-haltige Fertigarzneimittel, das in Deutschland zugelassen ist.

Foto: Shutterstock/Ruslan Guzov


Nebenwirkungen traten in den Untersuchungen allerdings häufig auf, teilweise schwerwiegende. So ging die Anwendung der Cannabinoide in Studien mit einem erhöhten Risiko für Schwindel, Mundtrockenheit, Übelkeit und Erbrechen, Benommenheit und Schläfrigkeit bis hin zu Fatigue, Euphorie, Orientierungslosigkeit, Verwirrtheit, Gleichgewichtsstörungen und Halluzinationen einher. Die unerwünschten Wirkungen traten bereits kurz nach Beginn der Anwendung auf.

Cannabis als Genussdroge

Trotz möglicher negativer Effekte nutzen viele gesunde Menschen die Effekte der Pflanze: Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Substanz in Deutschland. 36 Prozent der jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren gaben in einer im Herbst 2015 veröffentlichten Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) an, mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert zu haben. Regelmäßig, das heißt mehr als zehnmal in den letzten zwölf Monaten, griffen 4,6 Prozent in dieser Altersgruppe zum Joint.

Haschisch und Marihuana werden hierzulande meist geraucht. Die zerkleinerten Pflanzenteile werden dazu mit Tabak zu einem Joint vermischt. Eine berauschende Wirkung setzt beim Rauchen meist unmittelbar ein und hält für etwa ein bis vier Stunden an. Der maximale Effekt wird in der Regel nach etwa 30 bis 60 Minuten erreicht, dann klingt das High-Gefühl allmählich wieder ab. Möglich ist auch, Haschisch in Getränke wie Tee zu geben, in Joghurt einzurühren oder in Keksen einzubacken. Bei der oralen Aufnahme tritt der Rausch verzögert und oft sehr plötzlich ein, und er hält auch länger an.




Jugendliche, die bereits früh und regelmäßig Cannabis rauchen, könnten später unter nachlassender Gedächtnisleistung oder Aufmerksamkeitsstörungen leiden.

Foto: Shutterstock/Axente Vlad


Emotions-Verstärker

Cannabis verstärkt in der Regel bereits vorhandene Gefühle und Stimmungen, egal ob positiv oder negativ. Die Wirkung ist nicht immer genau vorherzusehen: Die Umgebung und die jeweilige Situation des Konsums sowie die psychische Stabilität des Konsumenten beeinflussen, wie der Anwender den Rausch erlebt. Daneben hängt die Wirkung zusätzlich auch von Dosierung und Qualität des Stoffs ab. Bei den Konsumenten tritt bei entsprechender Ausgangsstimmung häufig ein Gefühl der Entspannung, der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit ein. Dies geht oft Hand in Hand mit vermindertem Antrieb und Passivität. Möglich ist auch eine extreme Heiterkeit und eine gesteigerte Kommunikationsbereitschaft. Gelegentlich werden auch akustische und visuelle Sinneswahrnehmungen intensiviert und das sexuelle Erleben verstärkt.

Als Nebeneffekte können allerdings auch Denkstörungen auftreten, etwa bruchstückhaftes Denken und Ideenflucht. Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit können vermindert werden, ebenso die Leistung des Kurzzeitgedächtnisses. Die Konsumenten sind leicht ablenkbar und setzen ungewöhnliche Schwerpunkte bei der Wahrnehmung ihrer Umwelt. Eine verlängerte Reaktionszeit und Beeinträchtigungen der Koordination spielen vor allem beim Autofahren eine Rolle: Wer unter Einfluss von Cannabis Auto fährt, verdoppelt das Risiko, in einen Autounfall verwickelt zu werden.

Als unerwünschte Wirkungen können, allerdings relativ selten, auch niedergedrückte Stimmung, Unruhe, Angst und Panik auftreten. Ebenso gibt es Berichte über Desorientiertheit und Verwirrtheit sowie über albtraumartige Erlebnisse nach dem Cannabiskonsum.




Foto: Fotolia/Nataraj


Cannabis gilt gemeinhin als weiche Einstiegsdroge, die bei längerem Konsum selbst zwar wenig Schäden anrichten kann, aber in manchen Fällen den Weg zu einer Drogenkarriere mit härteren Substanzen ebnen kann. Allerdings könnte auch der regelmäßige Konsum »nur« von Cannabis negative Folgen zu haben. Einige Studien legen etwa Einschränkungen der Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Sprachfähigkeit sowie eine Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit nahe, vor allem beim Einstieg im Jugendalter. Das Ausmaß der Schäden war häufig mit Dauer und Frequenz des Konsums verknüpft. Auch ist unklar, ob diese Effekte reversibel sind oder nicht.




Foto: Fotolia/Kondor83


Langzeitfolgen

Möglich könnte bei regelmäßigem starken Konsum auch die Entwicklung einer psychischen Abhängigkeit mit Teilnahmslosigkeit und Aktivitätsverlust sein, ebenso könnte es zu vegetativen Symptome wie Schlafstörungen und Appetitmangel kommen. Relativ gut belegt ist ein Zusammenhang von regelmäßigem Cannabiskonsum mit Schizophrenie: Im Rahmen einer schwedischen Studie zeichnete sich etwa unter jenen Teilnehmern, die mit 18 Jahren bereits zehn Mal oder häufiger Cannabis geraucht hatten, ein mehr als doppelt so großes Risiko ab, an einer Schizophrenie zu erkranken, als bei abstinenten Probanden. /


Kleines Cannabis-Lexikon

Cannabis ist der Oberbegriff für verschiedene Produkte aus der Hanfpflanze:

  • Marihuana, auch Cannabiskraut genannt: getrocknete und zerkleinerte harzhaltige Pflanzenteile. Umgangssprachlich auch als Gras bezeichnet.
  • Haschisch, auch Cannabisharz genannt: Harz, das aus Blüten und Blättern gewonnen wird.
  • Haschisch hat eine stärkere Wirkung als Marihuana.
  • Noch stärker wirkt Haschischkonzentrat, auch Haschischöl genannt.


Lesen Sie zum Themenschwerpunkt auch die Beiträge

Cannabis: Die Biologie unter der Lupe

Betäubungsmittel: Durchblick bei BtM-Rezepten

Legal Highs: Legal heißt nicht sicher

Byssinose: Berufskrankheit der Hanfarbeiter



Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2016

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2018 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=8596