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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Stillen

Das Beste für Mutter und Kind


Von Inka Stonjek / Die Zusammensetzung der Muttermilch ist optimal an die Bedürfnisse des Kindes angepasst. Die Milch liefert dem Baby nicht nur in den ersten Lebensmonaten alles, was es braucht, sondern stellt auch die Weichen für seine spätere Gesundheit. Und auch die Mutter profitiert vom Stillen.

 

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»Wenn alle Babys bis zu ihrem sechsten Lebensmonat gestillt würden, könnten jährlich mehr als 800 000 Leben gerettet werden«, sagt France Bégin vom Kinderhilfswerk Unicef. Doch das Wissen um die vielen positiven Effekte des Stillens kommt vor allem bei Müttern in Entwicklungsländern oft nicht an. Unicef zufolge erhalten sie keine Stillberatung, selbst wenn ein Arzt, eine Krankenschwester oder eine Hebamme die Geburt begleiten. Auch das in vielen Ländern übliche Füttern mit Milchpulver, Kuhmilch oder Zuckerwasser in den ersten drei Lebenstagen ist ein Grund, warum sich das Stillen verzögert oder ganz ausbleibt.




Foto: Shutterstock/fufu10


In Deutschland stehen andere Hemmnisse im Vordergrund. Die Studie »Stillverhalten in Bayern« hat mehr als 3800 Mütter in Geburtskliniken, -häusern und durch Hausgeburtshebammen befragt. So beginnen zwar 90 Prozent der Mütter nach der Geburt mit dem Stillen, im vierten Monat stillen aber nur noch 40 Prozent voll – trotz Empfehlung der Nationalen Stillkommission. Der Hauptgrund: Stillprobleme. Die 10 Prozent der Mütter, die es erst gar nicht versuchten, hielten Flaschenfütterung für bequemer oder genauso gut wie Stillen, hatten Stillprobleme bei einem früheren Kind oder wollten rasch in den Beruf zurückkehren.

Hierzulande hängt die Entscheidung für oder gegen das Stillen unter anderem davon ab, wie schnell Mütter ihre Unabhängigkeit zurückerhalten möchten. So wird »fehlender Freiraum« in Internetratgebern als Nachteil des Stillens aufgeführt. »Jede Frau muss sich selbst für oder gegen das Stillen entscheiden. Nachteile durch das Stillen aus rein gesundheitlicher Sicht kennen wir keine. Aber wenn Frauen aus persönlichen Gründen nicht stillen möchten, muss man dies akzeptieren«, sagt Professor Dr. Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinder­ernährung in Dortmund. Tatsächlich wollen Säuglinge in den ersten Wochen durchaus bis zu zwölf Mal am Tag angelegt werden, sodass sich die Mutter nie für längere Zeit von ihrem Kind entfernen kann und der Schlaf oft zu kurz kommt. Manche Frauen hemmt auch die Angst vor kosmetischen Veränderungen der Brust oder dass sie sich weiterhin in ihren Genussgewohnheiten einschränken müssen. Alkohol und Zigaretten sollten gemieden, koffeinhaltige Getränke wie Kaffee eingeschränkt und die Einnahme von Medikamenten gut überlegt werden. Auch von extremem Abnehmen raten Experten ab. Während nichts gegen eine ausgewogene, leicht unterkalorische Vollwert­ernährung spricht, besteht bei radikalen, einseitigen Nulldiäten die Gefahr, dass die Milch versiegt und Schadstoffe aus dem mobilisierten Fettgewebe in die Milch übergehen. Auf der anderen Seite sprechen jedoch zahlreiche Argumente für das Stillen. Denn Muttermilch hat Vorteile, die kein Indus­trie­produkt ersetzen kann.

Sofort verfügbar

Die Vormilch (Kolostrum) bildet sich bereits in der zweiten Schwangerschaftshälfte und ist dadurch auch bei einer Frühgeburt sofort verfügbar. Die wenigen Tropfen dickflüssiger Milch kommen dem unausgereiften Verdauungssystem und kleinen Magen des Neugeborenen entgegen: Sie liefern Nährstoffe in konzentrierter Form und ermöglichen es dem Baby, sich an die zunehmende Milchmenge beim Stillen zu gewöhnen. Seine gelbliche Farbe verdankt das Kolostrum dem hohen Gehalt an Proteinen mit wichtigen Abwehrstoffen wie Immunglobulinen, Lysozym oder Lactoferrin. Sie schützen das Neugeborene in den ersten Monaten vor Infektionskrankheiten. Nicht zuletzt hat das Kolostrum einen abführenden Effekt, der die Ausscheidung des Kindpechs anregt und so den Darm reinigt.




Brust oder Flasche: Bestimmte Gründe können auch gegen das Stillen sprechen.

Foto: Shutterstock/Maria Shumova


In den ersten Lebenswochen des Babys wird das Kolostrum von der reifen Muttermilch abgelöst. Ihre Bildung wurde während der Schwangerschaft durch die Plazentahormone Estrogen und Progesteron unterdrückt. Mit der Geburt der Plazenta fällt der Spiegel beider Hormone plötzlich ab und damit ihre hemmende Wirkung auf das Milchbildungshormon Prolactin, das nun seine Wirkung an den milchbildenden Zellen (Lactozyten) entfaltet. Dieser Milchbildungsprozess wird jedes Mal angeregt, wenn das Baby an der Brust saugt. Die Berührung veranlasst den Hypophysenvorderlappen der Mutter, zusätzliches Prolactin in das Blut auszuschütten. Gleichzeitig setzt der Hypophysenhinterlappen das Milchspendehormon Oxytocin frei. Unter dessen Einfluss kontrahiert die Muskulatur um die Lactozyten, presst die Milch in die Milchgänge und treibt sie aus (Milchspendereflex). Dieser Regelkreis gewährleistet, dass immer genug Milch zur Verfügung steht. Muttermilch reicht daher in den ersten vier bis sechs Monaten als alleinige Nahrungs- und Flüssigkeitsquelle aus. Sie ist außerdem stets hygienisch, richtig temperiert und kostet nichts.

Dynamische Substanz

Muttermilch deckt den kindlichen Bedarf an Kohlenhydraten, Proteinen, Fetten, Omega-3-Fettsäuren, vielen Vitaminen (außer D und K) und Mineralstoffen. Sie liefert Hormone, Wachstumsfaktoren, Immunglobuline, Zytokine, Enzyme sowie ein großes Spek­trum an Prä- und Probiotika, die dabei helfen, die kindliche Darmflora aufzubauen. Die Zusammensetzung der Milch ist variabel: So fließt zu Beginn einer Stillmahlzeit wässrige und durstlöschende Vordermilch, anschließend energiereiche und sättigende Hintermilch und an der zweiten Brust eine Mischung daraus. Außerdem mehren sich mittlerweile Hinweise, dass sie geschlechtsabhängig variiert: So bekommen offenbar Mädchen mehr Milch, Jungen dagegen energiereichere. Zuletzt enthält die Muttermilch auch immer andere Aromen, abhängig davon, was die Mutter gegessen hat. Das Kind lernt so ein breites Spektrum an Duft- und Geschmacksstoffen kennen, was es später offener für neue Lebensmittel macht als Flaschenkinder. Gleichzeitig kommt sein Immunsystem auf diese Weise mit einer Vielzahl an Allergenen in Kontakt, was Stillen zu einem optimalen Schutz vor Allergien macht. Daneben haben sich zahlreiche weitere protektive Effekte des Stillens nachweisen lassen. So senkt es das Risiko für Durchfall, Mittelohrentzündung und späteres Übergewicht beim Kind.

Auch Mütter profitieren

Doch auch die Mutter profitiert vom Stillen. Denn Oxytocin fördert nicht nur die Milchejektion, sondern entfaltet noch viele weitere Wirkungen. An den Oxytocinrezeptoren der Gebärmutter bewirkt es, dass sich deren glatte Muskulatur in den ersten Tagen nach der Geburt zu Nachwehen zusammenzieht. Das bringt den Rückbildungsprozess der Gebärmutter in Gang und lindert die Blutung an der Stelle, wo zuvor die Plazenta gesessen hat. Außerdem wirkt Oxytocin entspannend, wodurch die Mutter die turbulente erste Zeit mit dem Kind gelassener meistern kann, und es spielt eine Rolle beim Aufbau der emotionalen Bindung zu ihrem Kind.

Weitere positive Nebeneffekte des Stillens: Stillen verbraucht täglich etwa 500 kcal, was das Abnehmen nach der Geburt unterstützt. Und eine Auswertung der medizinischen Fachzeitschrift »The Lancet« kommt zu dem Ergebnis, dass durch Stillen jährlich 20 000 Todesfälle von Frauen durch Brustkrebs vermieden werden könnten.

Nicht erlaubt

Entgegen zahlreicher Stillverbote in der Vergangenheit gibt es nach heutigem Kenntnisstand nur noch wenige Gründe, die gegen das Stillen sprechen. So sind der Nationalen Stillkommission zufolge Rückstände von Organochlorverbindungen wie Dioxin in der Muttermilch zurückgegangen und kein Anlass mehr, das Stillen einzuschränken. Auch die Einnahme von erprobten und bewährten Arzneimitteln sieht die Kommission als unproblematisch an, wobei ihr dennoch immer die Rücksprache mit dem Arzt vorausgehen sollte. Bei einer HIV-Infektion der Mutter wird vom Stillen abgeraten, da eine Übertragung der Viren auf den Säugling möglich ist. Mütter mit Hepatitis C sollten erst nach umfassender Beratung stillen, um eine Ansteckung infolge blutender Verletzungen zu vermeiden. Die Umstände einer Erkrankung sind immer im Einzelfall zu prüfen und abzuwägen.


Weltstillwoche 2016

Die Weltstillwoche ist eine Aktion, die jährlich von der Waba (World Alliance for Breastfeeding Action, deutsch: »Weltallianz für das Stillen«) organisiert wird. Sie gilt als größte gemeinsame Kampagne aller das Stillen fördernden Organisationen, darunter zum Beispiel Unicef und die Weltgesundheitsorganisation WHO. In Deutschland findet die Aktionswoche immer in der 40. Kalenderwoche statt, in diesem Jahr vom 3. bis 9. Oktober.

Ziel der Aktionswoche ist es, das Stillen als beste Säuglingsnahrung bekannt zu machen, Müttern alle wichtigen Informationen zu liefern und sie dabei zu unterstützen, sich für das Stillen ihres Kindes zu entscheiden. Das Motto der diesjährigen Weltstillwoche lautet »Stillen – Fundament für nachhaltige Entwicklung«. Es soll betonen, wie wichtig das Stillen gerade für die Gesundheit von Kindern in Entwicklungsländern ist.


Auf Kinder-Seite lassen die Stoffwechselerkrankungen Galactosämie, Glucose-Galactose-Malabsorption und Tyrosinämie Stillen nicht zu. In diesen Fällen muss eine besondere industriell hergestellte Säuglingsmilch gefüttert werden. Eingeschränkt werden muss die Menge an Muttermilch bei verschiedenen Stoffwechselerkrankungen, etwa der Phenylketonurie, Homocystinurie, der Ahornsirup-Krankheit oder der Glutarazidurie. Hier könnten sich ansonsten neurotoxische Abbauprodukte aus dem Protein der Muttermilch im kindlichen Organismus anreichern. Der restliche Proteinbedarf des Kindes wird dann mit künstlichen Aminosäuremischungen gedeckt. Auch bei Störungen im Harnstoffzyklus ist nur Teilstillen erlaubt. Darüber hinaus können Fehlbildungen des Kindes das Stillen behindern, etwa ein zu kurzes Zungenbändchen oder ein Speiseröhrenverschluss. Hier ist oft zunächst eine Operation nötig. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2016

 

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