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Lipödem

Figurproblem mit Krankheitswert

von Christina Brunner

Der Begriff »Reiterhosenphänomen« trifft das Erscheinungsbild von Frauen mit Lipödem recht gut: Ihr Oberkörper ist schlank, Hüften und Oberschenkel sind extrem kräftig. Die meisten Betroffenen belastet nicht nur ihr Aussehen, meist schmerzen die Beine am Ende des Tages. Gefäßspezialisten sind sich einig, dass es sich beim Lipödem um eine behandlungsbedürftige Krankheit handelt.

 

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Das Lipödem tritt fast ausschließlich bei Frauen auf. Zum Ende der Pubertät oder während einer Schwangerschaft verändern sich die Körperproportionen: Hüften und Beine nehmen deutlich an Umfang zu. Im Verlauf der Erkrankung gerät die Figur mehr und mehr aus dem Gleichgewicht. Ansonsten schlanke Frauen bekommen einen kräftigen Po und dicke Beine. Im Laufe des Tages lagert das Gewebe verstärkt Wasser ein. Das führt zu Spannungsschmerzen und bereits bei leichtem Druck entstehen blaue Flecke.

Diäten helfen nicht

Viele Betroffene versuchen jahrelang durch zahllose Diäten, ihr Gewicht zu reduzieren. Doch das Fett schwindet weder durch Reduktionskost noch durch Sporttreiben. Die Fetteinlagerungen im Gewebe dienen nicht wie üblich als Energiereserve. Positiv ist, dass sie auch nicht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen, wie das bei der stammbetonten Fettsucht der Fall ist. Daher brauchen Patientinnen mit Lipödem keine schweren Folgeerkrankungen zu befürchten. 

Die Krankheit ist noch wenig erforscht, die Ursachen sind weitgehend unbekannt. Experten vermuten, dass bestimmte Gene und Hormone die Fetteinlagerung fördern. Bei den wenigen Männern, die an einem Lipödem erkranken, lässt sich immer eine hormonelle Störung nachweisen, beispielsweise nach einer Hormontherapie oder durch eine Leberzirrhose aufgrund chronischen Alkoholkonsums.

Die Deutsche Gesellschaft für Lymphologie grenzt das Lipödem deutlich von anderen Fettverteilungsstörungen wie der Adipositas und der Lipohypertrophie ab. Bei Adipösen führen Reduktionskost und körperliche Bewegung immer zu einer Gewichtsabnahme, und das Fettgewebe verursacht keine Schmerzen. Im Unterschied dazu verteilt sich das Fettgewebe bei an Lipohypertrophie Erkrankten ebenfalls symmetrisch auf Po und Beine. Auch hier sind fast ausschließlich Frauen betroffen. Allerdings schmerzt die Lipohypertrophie nie. In manchen Fällen ist sie jedoch die Vorstufe eines Lipödems.

Einteilung in drei Stadien

Im Unterschied zur Lipohypertrophie verändern sich beim Lipödem die Kapillaren: Sie werden brüchiger und durchlässiger. Dies erklärt auch, warum sich bei den erkrankten Frauen so rasch Hämatome bilden.

Anfangs sind die Frauen schmerzfrei, da das Lymphsystem noch gut funktioniert. In diesem ersten Stadium der Erkrankung bemerken die Patientinnen allerdings an Oberschenkeln und Gesäß die typische Orangenhaut mit der feinknotigen Oberfläche.

Weil die Fettzellen im Verlauf der Erkrankung die kleinen Lymphgefäße abdrücken, staut sich Flüssigkeit in den Beinen, und es entstehen Ödeme. Wer während des Tages länger stehen oder sitzen muss, spürt besonders in der zweiten Tageshälfte die Beine: Sie fühlen sich prall und schwer an, die Haut spannt und ist druckempfindlich. Die Hautoberfläche an Beinen und Gesäß erscheint grobknotig mit großen Dellen und Beulen. Mediziner bezeichnen dieses zweite Stadium als Lipo-Lymphödem und diagnostizieren es anhand des »positiven Stemmer’schen Zeichens«: Bei dieser Untersuchung können sie am Zeh der Patientin keine Hautfalte mehr abheben. 


Tipps zur Körperpflege

  • Die Haut immer gut eincremen, damit sie nie trocken und rissig wird. 
  • Die Haut nie mit festen Bürsten massieren.
  • Während der Nachtruhe die Beine höher lagern und tagsüber so oft wie möglich hochlegen.
  • Heiße Vollbäder, wärmende Salben oder Wärmedecken meiden.
  • Vorsicht vor Fuß- und Nagelpilz: Bei ersten Anzeichen wie Jucken, Rötung oder Einrissen zwischen den Zehen sofort behandeln.
  • Kleine Verletzungen sofort behandeln.


Unbehandelt schreitet das Lipödem immer weiter fort. Schließlich verhärtet sich das Unterhautfettgewebe, und im letzten Stadium bildet sich die Liposklerose aus. Dabei entstehen deformierende Fettlappen an den Beinen. Die Frauen geraten in einen Teufelskreis: Aus Frust wegen ihres Aussehens essen sie immer mehr und werden übergewichtig. Als Folge ihres hohen Gewichts entstehen Arthrosen der Knie- und Hüftgelenke. Zudem staut sich unter den Hautlappen Feuchtigkeit, ideale Bedingungen für Pilzinfektionen und Wundrosen.

Ständiger Druck aufs Bein hilft

Die Therapie des Lipödems basiert auf zwei Methoden: der Lymphdrainage und der Liposuktion (Fettabsaugen). Eine Reduktionskost ist nur bei stark Übergewichtigen angebracht.

Mittels manueller Lymphdrainage sollte zunächst ein Physiotherapeut Ödemflüssigkeit aus den Beinen ausstreichen. Erst danach hat die Kompressionstherapie Sinn. Allerdings müssen die Betroffenen die Kompressionstherapie konsequent durchhalten, wenn sie den Verlauf der Erkrankung bremsen wollen. Haben sich die Ödeme nach einigen Wochen weitgehend zurückgebildet, können die Frauen statt der Kurzzugbinden eine Kompressionsstrumpfhose tragen. Um den Erfolg der Therapie aufrecht zu halten, ist die Lymphdrainage in der Regel dann nur noch ein- bis zweimal pro Woche nötig. 

Apparate für zu Hause

Mit bestimmten Apparaten kann die Patientin die Kompression noch zusätzlich unterstützen. So bietet ein Hersteller beispielsweise eine Art Schlauch an, in den die Patientin hineinschlüpft. Dann wird ihre Haut über aufblasbare Kammern massiert und so Flüssigkeit von den Füßen in Richtung Taille getrieben. Die Therapie mit pneumatischen Mehrkammergeräten heißt auch apparative intermittierende Kompressionstherapie. Weiterhin können Massagen die Blutzirkulation im Unterhautgewebe besser in Gang bringen und den Gewebestoffwechsel aktivieren. 

Bei der sogenannten Liposuktion saugt ein Chirurg aus den Oberschenkeln Fett ab. Dies geschieht unter Lokalanästhesie und mit einer Kanüle, die in hoher Frequenz vibriert. Pro Eingriff lassen sich etwa vier Liter Fett entfernen. Fast immer muss die Fettabsaugung im Abstand von mehreren Monaten wiederholt werden. Die meisten Patientinnen benötigen danach weniger Lymphdrainagen und Strümpfe mit geringerer Kompressionsklasse. Derzeit bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen die Liposuktion nicht.

Allgemeine Tipps

Generell sollen sich die Betroffenen mit einer Mischkost aus viel Gemüse und Obst ausgewogen ernähren und mindestens zwei Liter täglich trinken. Auch ein regelmäßiges Bewegungsprogramm unterstützt den Rückfluss aus Venen und Lymphgefäßen. Spazierengehen oder Radfahren eignen sich ebenso wie Schwimmen.


Flach- oder rundgestrickte Strümpfe

Flachgestrickte Kompressionsstrümpfe sind die Kompressionsversorgung der Wahl bei Patientinnen mit Lip- oder Lymphödemen. Im Unterschied zu rundgestrickten Kompressionsstrümpfen werden flachgestrickte Reihe für Reihe nach einem vorgegebenen Strickschema erstellt und anschließend zu einem runden Strumpf vernäht. 

Die Veränderung der Maschenanzahl pro Reihe führt zu unterschiedlichen Umfängen. So können auch ungewöhnliche Strumpfformen individuell hergestellt werden. Wurden die Beine der Patientin fachgerecht vermessen, sitzen die Strümpfe perfekt.


E-Mail-Adresse der Verfasserin
ch.brunner(at)apotheker-ohne-grenzen.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2009

 

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