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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Myrrhe

Luxus aus Arabien


Von Gerhard Gensthaler / Drei Weise aus dem Morgenland nahmen zur Geburt Jesu als Geschenke das Kostbarste jener Zeit mit: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Die dritte Gabe, Myrrhe, wurde viele Jahrtausende zu spirituellen, religiösen und zu Heilzwecken verwendet. Heute hat das Harz seine große Bekanntheit verloren. Es wird als Räucherwerk eingesetzt, aber auch wieder vermehrt bei Entzündungen in Mund und Rachen.

 

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Bereits 3000 Jahre v. Chr., also zur Zeit der Pharaonen, balsamierten die Ägypter ihre Verstorbenen mit Myrrhe ein. Damit wollten sie ihnen ewiges Leben garantieren. Die Römer verwendeten das Harz als Räuchermittel zur Verehrung ihrer Götter, und auch in ihrer Kosmetik war Myrrhe nicht wegzudenken. Zudem setzten die Menschen das Räuchern in vielen Regionen des vorderen Orients und des europäischen Kontinents gegen alle möglichen Dämonen, Krankheiten und sogar gegen den Tod ein. Bekannt ist beispielsweise sein Einsatz als Mittel gegen die Pest, da die Menschen damals glaubten, das Verräuchern von Myrrhe könne Unheil abwenden und sie damit vor dem schwarzen Tod schützen.




Foto: Shutterstock/JurateBuiviene


Die chinesischen Heilkundigen erkannten schon früh die Wirkung des Harzes bei Entzündungen und Wunden. Für dieselben Indikationen empfahl der griechische Historiker Herodot (484–425 v. Chr.) das Harz als Heilmittel für die im persischen Krieg verwundeten Soldaten. Mit Wein getrunken sollte Myrrhe betäubend wirken, und lange Zeit galt das Harz als probates Mittel gegen Gicht und Kopfschmerzen.

Der Name Myrrhe leitet sich vom arabischen Wort »murr« (=bitter) ab, denn das Harz schmeckt bitter und leicht kratzend. Ebenso charakteristisch ist sein herber, aromatischer Geruch.

Kostbares Harz

Myrrhe ist das getrocknete Harz von Bäumen der Gattung Commiphora, die in den Trockengebieten Nord- und Ostafrikas sowie Arabiens vorkommen. Commiphora-Bäume gehören zur Familie der Balsambaumgewächse, der Burseraceae. Als ursprüngliche Heimat werden Somalia, Eritrea und der Jemen angenommen.

Die dornigen und stark verzweigten Sträucher beziehungsweise kleinen Bäume erreichen eine Höhe von circa 3 Metern. Wegen des trockenen Standortes sind die Blätter der Pflanze klein und ledrig, sodass nur wenig kostbares Wasser verdunstet. Die kleinen rosafarbenen bis gelben Blüten stehen in endständigen Rispen. Sie entstehen kurz vor der Regenzeit. Dann reicht die vorhandene Feuchtigkeit auch zur Bildung der glatten, braunen, etwa 12 mm langen, geschnäbelten Früchte aus.

Das Gummiharz, die Myrrhe, scheidet die Pflanze aus Rissen in der silbrigen Rinde aus. Das Harz trocknet an der Luft und wird als unregelmäßig geformte, hell- bis dunkelbraun gefärbte Stückchen eingesammelt. Oft wird die Rinde noch zusätzlich eingeritzt, um die Harzausbeute zu erhöhen. So gewonnene Harzbrocken sind allerdings von schlechterer Qualität. Geerntet wird nach der Regenzeit. Neben Commiphora molmol Engler, auch Commiphora myrrha genannt, werden als weitere verwandte Baumarten C. guidottii, C. abyssinica, C. gileadensis und C. kataf zur Harzgewinnung verwendet.




Foto: Shutterstock/Vladimir Melnik


Das Harz der Commiphoren-Bäume ist reich an ätherischen Ölen, das zu etwa 3 bis 6 Prozent typische Furanosesquiterpene enthält, ein Gemisch aus Sesquiterpenen, Triterpenen, Triterpen­säuren, Proteinen und Kohlenhydraten. Komplexe Polysaccharide und Sterole runden die Palette der Inhaltsstoffe ab. Das ätherische Öl wird durch Wasserdampfdestillation des Gummiharzes gewonnen.

Arzneibuchmonographien

Die Ph.Eur. 8. Ausgabe, Grundwerk 2014, führt eine Monographie zu »Myrrhe – Myrrha« und eine weitere zu »Myrrhentinktur – Myrrhae tinctura« auf. Myrrhe wird definiert als das an der Luft getrocknete Gummiharz, das aus Stamm und Ästen von Commiphora molmol Engler und/oder anderen Commiphora-Arten durch Ausschneiden erhalten werden kann oder durch spontanes Austreten entsteht. Als ty­pische Eigenschaft wird der bittere Geschmack aufgeführt. Zur Identitäts­prüfung dienen die organoleptische, die mikroskopische sowie die Untersuchung mittels Dünnschichtchromatographie. Die Prüfung auf Reinheit erfolgt ebenfalls mit einem Dünnschichtchromatogramm.

Myrrhentinktur wird aus einem Teil Droge und fünf Teilen Ethanol 90 % durch ein geeignetes Verfahren hergestellt. Dabei entsteht eine klare, gelblich-braune bis orangebraune Flüssigkeit mit bitterem Geschmack. Die Identität wird mit einer Dünnschichtchromatographie gesichert. Die Prüfung auf Reinheit erfasst den Ethanolgehalt sowie Methanol und 2-Propanol. Die Tinktur soll dicht verschlossen und vor Licht geschützt in entsprechenden Glasgefäßen gelagert werden. Eine Lagerung in Kunststoffbehältnissen ist nicht empfehlenswert.

Auch das HAB 2013 enthält eine Monographie »Myrrhe«. Die hierbei verwendete Substanz muss der Monographie »Myrrhe« der Ph.Eur. entsprechen. Urtinktur und flüssige Verdünnungen werden mit Ethanol 86 % hergestellt. Die Urtinktur ist eine goldgelbe bis gelbbraune Flüssigkeit mit aromatischem Geruch. Ihre Identität wird mit einer Farb­reaktion und einem Dünnschichtchromatogramm überprüft. Die Lagerung soll vor Licht geschützt erfolgen.

Vielfache Wirkungen

Laut Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts wirkt Myrrhe desinfizierend und adstringierend auf die Schleimhäute und fördert die Granulation. Diese Indikationen befürworteten auch die Experten der europäischen Fachgruppe ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) im Jahr 1999 und nennen zusätzlich die Anwendung bei leichten Hautentzündungen, leichten Wunden und Abschürfungen sowie bei Rachen- und Mandelentzündungen. Die European Medicines Agency (EMA) bestätigt in einer Monographie aus dem Jahr 2011 die von der Kommission E angeführten Anwendungen, bezeichnet das Studienmaterial aber als nicht ausreichend.




Die mit Ethanol aus dem Harz hergestellte Myrrhentinktur ist die häufigste Darreichungsform.

Foto: Your Photo Today


In Studien konnte eine antimikrobielle, fiebersenkende, schmerzstillende sowie entzündungshemmende Wirkung nachgewiesen werden. Somit lässt sich der Einsatz bei kleinen Wunden, Erkältungen, Gelenkbeschwerden und Parasiteninfektionen erklären. Unter anderem wiesen die Studien die antimikrobielle Wirkung gegen verschiedene Bakterien wie Escherichia coli, Staphylococcus aureus und Pseudomonas aeruginosa sowie einen antimykotischen Effekt gegen den Pilz Candida albicans nach.

Die wichtigste Darreichungsform der Myrrhe ist die Myrrhentinktur. Sie hat sich zur Behandlung von Entzündungen des Zahnfleisches, der Mund- und Rachenschleimhäute, bei Zahnfleischerkrankungen und bei Druckstellen von Prothesen bewährt. Begleiterscheinungen bei Rachenentzündungen wie Halsschmerzen, Mandelentzündungen und Schluckbeschwerden können ebenfalls mit Myrrhe behandelt werden. Allerdings sind diese positiven Effekte noch immer nicht ausreichend durch Studien erhärtet. Äußerlich wird Myrrhentinktur bei leichten Entzündungen der Haut und kleineren Wunden verwendet.

Myrrhe wird heute auch als Mittel gegen Reisedurchfall eingesetzt. Sie soll zudem die Verdauung stärken, Übelkeit vertreiben und Darmprobleme beheben. Hierzu fehlen ebenfalls noch aussagestarke Studien. In neueren Studien erwies sich die Kombina­tion aus Myrrhe, Kamille und medizi­nische Kohle als erfolgreich gegen die entzündliche Darmerkrankung Colitis ulcerosa. In diesem Zusammenhang ist eine Wirkung bei Reizdarm und Nahrungsmittelunverträglichkeit denkbar.

Falsche Myrrhe aus der indischen Commiphora mukul soll den Cholesterolspiegel im Blut senken und ist in der ayurvedischen Medizin ein wichtiges entzündungshemmendes Mittel.

Hinweise zur Anwendung

Auf entzündete Stellen im Mund­ können Betroffene die unverdünnte Tinktur zwei- bis dreimal täglich tupfen. Bei Entzündungen im Rachenraum hilft eine Gurgellösung aus 30 Tropfen der Tinktur auf ein Glas Wasser. Mit dieser Verdünnung kann der Patient mehrmals am Tag gurgeln.

Bisher sind bei bestimmungsgemäßen Gebrauch keine Nebenwirkungen bei der Anwendung von Myrrhentinktur bekannt. Da zur Verwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit keine ausreichenden Untersuchungen vorliegen, sollten Schwangere und Stillende vorsichtshalber keine Myrrhentinktur anwenden.

Myrrhe ist sehr häufig Bestandteil alkoholischer Magenbitter, im Schweden-Bitter hat sie beispielsweise eine lange Tradition. In der Aromatherapie steht Myrrhe für Erdung, Ruhe, Entspannung und Regeneration. Da Myrrhe die Haut glätten soll, setzt die Parfüm- und Kosmetikindustrie sie seit Jahrhunderten als wichtigen Grundstoff in Seifen, Cremes, Lotionen und Lippenstiften ein, auch in vielen Zahnpasten ist das Harz unentbehrlich. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2016

 

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