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Antidot, Interferon-Abkömmling, Zelltherapeutikum

Innovative Neulinge

Seit September sind drei neue innovative Medikamente im deutschen Handel. Dazu zählen ein Antidot gegen die Antikoagulantien Rivaroxaban und Apixaban, ein Interferon-Abkömmling zur Behandlung einer seltenen Bluterkrankung und ein Zelltherapeutikum, das für die Behandlung einer gefährlichen Komplikation nach einer Stammzelltherapie zum Einsatz kommen kann.
Sven Siebenand
18.09.2019
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Bereits seit 2016 steht mit Idarucizumab (Praxbind®) ein spezifisches Antidot gegen eines der neuen oralen Antikoagulantien (NOAK) zur Verfügung. Es hebt die Wirkung des Thrombinhemmers Dabigatran (Pradaxa®) auf. Andere verfügbare NOAK sind die sogenannten Faktor-Xa-Hemmer Apixaban (Eliquis®), Edoxaban (Lixiana®) und Rivaroxaban (Xarelto®).

Der neue Wirkstoff Andexanet alfa (Ondexxya® 200 mg Pulver zur Herstellung einer Infusionslösung, Portola) darf zum Einsatz kommen, wenn die durch Rivaroxaban oder Apixaban induzierte Antikoagulation wegen lebensbedrohlicher oder unkontrollierbarer Blutungen aufgehoben werden muss. Aufgrund fehlender Daten wird die Anwendung zur Aufhebung der Wirkung von Edoxaban nicht empfohlen, heißt es in der Fachinformation von Ondexxya.

Bei Andexanet alfa handelt es sich um ein modifiziertes humanes Faktor-Xa-Molekül, das selbst keinen Einfluss auf die Blutgerinnung hat. Es stellt einen Köder für Rivaroxaban und Apixaban dar, die daran binden. Somit können die beiden NOAK nicht mehr an den Faktor Xa im Körper binden, wodurch ihre antikoagulierende Wirkung aufgehoben ist.

Die Verabreichung des neuen Medikaments erfolgt intravenös als Bolus, gefolgt von einer Dauerinfusion über 120 Minuten. Die empfohlene Dosierung richtet sich nach der zum Zeitpunkt der Aufhebung der Antikoagulation vom Patienten eingenommene NOAK-Dosis sowie nach der seit der letzten Einnahme vergangenen Zeit. Nähere Informationen dazu finden sich in der Fachinformation von Ondexxya.

Nach der Anwendung von Andexanet alfa und dem Stoppen der Blutung ist zur Vorbeugung thrombotischer Ereignisse infolge der Grunderkrankung des Patienten eine Wiederaufnahme der Antikoagulation zu erwägen. Dabei muss der Arzt den Nutzen der Antikoagulation gegen die Risiken einer erneuten Blutung abwägen.

Die häufigsten beobachteten Nebenwirkungen waren milde oder moderate infusionsbedingte Reaktionen. Die Anwendung von Andexanet alfa in der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, wird nicht empfohlen. Das Präparat wird im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad Celsius gelagert.

Gegen Erythrocyten-Überschuss

Bei der seltenen Erkrankung Polyzythämie vera (PV) produziert der Körper zu viele rote Blutkörperchen, was das Risiko von thrombotischen und embolischen Komplikationen erhöht. Auch die Milz kann sich vergrößern (Splenomegalie), da sie versucht, überschüssige Zellen zu entfernen. Ärzte setzen verschiedene Therapien zur Behandlung ein.

Für erwachsene PV-Patienten ohne symptomatische Splenomegalie gibt es mit Ropeginterferon alfa-2b (Besremi® 250 und 500 μg/0,5 ml Injektionslösung im Fertigpen, AOP Orphan) nun das erste zugelassene Interferon zur Behandlung der Erkrankung. Bei dem Wirkstoff handelt es sich um ein kovalentes Konjugat des Proteins Interferon alpha-2b. Durch Pegylierung verbleibt der Wirkstoff länger im Körper, muss also seltener verabreicht werden. Er wirkt, indem er an den Interferon-alpha-Rezeptor im Körper bindet. Das löst eine Signalkaskade aus, an deren Ende eine verringerte Produktion von roten Blutkörperchen im Knochenmark steht.

Besremi wird wie Insulin subkutan gespritzt. Applikationsorte sind die Haut um den Bauchnabel (Mindestabstand von 5 cm zum Nabel) oder der Oberschenkel. Vor der Anwendung sollte der Fertigpen über bis zu 15 Minuten auf Raumtemperatur aufgewärmt werden, nachdem er aus dem Kühlschrank (Lagerung bei 2 bis 8 Grad Celsius) entnommen wurde. Die Nadel wird in die Haut eingebracht und der Druckknopf vollständig heruntergedrückt und für mindestens 10 Sekunden gehalten, bevor man die Nadel zurückzieht.

Die übliche Anfangsdosis beträgt 100 μg alle zwei Wochen und kann schrittweise erhöht werden, bis die roten Blutkörperchen hinreichend niedrig und stabil sind. Die Höchstdosis beträgt 500 μg alle zwei Wochen. Treten Nebenwirkungen auf, kann der Arzt die Dosis reduzieren oder die Behandlung vorübergehend einstellen.

Apropos Nebenwirkungen: Sehr häufig treten unter Behandlung mit Besremi niedrige Spiegel weißer Blutkörperchen und Blutplättchen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Müdigkeit, grippeähnliche Symptome und erhöhte Werte des Leberenzyms γ-Glutamyltransferase auf. Der Arzt muss zudem bestimmte Kontraindikationen bedenken. Das Präparat darf zum Beispiel nicht zusammen mit dem Hepatitis-B-Wirkstoff Telbivudin angewendet werden.

Tabu ist es auch bei Patienten mit einer Schilddrüsenerkrankung, die nicht durch eine Standardbehandlung kontrolliert wird, bei Patienten mit psychischen Erkrankungen wie schwerer Depression, bei Patienten mit ernsten Problemen, die sich auf das Herz und die Blutgefäße auswirken, bei Patienten, die vor Kurzem einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten, bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen, bei Patienten, die sich einer Transplantation unterzogen haben und bei Patienten mit sehr schwerer Leber- oder Nierenerkrankung.

Ferner wird Ropeginterferon alfa-2b nicht für den Einsatz bei Schwangeren empfohlen. In der Stillzeit entscheidet der Arzt, ob die Patientin das Stillen unterbricht oder ob auf die Behandlung mit dem neuen Wirkstoff verzichtet beziehungsweise diese abgebrochen wird.

Verstärkung gegen Graft-versus-Host-Erkrankung

Mit Obnitix® von Medac steht seit Mitte September ein neues Zelltherapeutikum zur Verfügung. Es kann zusätzlich zu Immunsuppressiva zum Einsatz kommen, wenn Patienten nach einer allogenen Stammzelltransplantation eine akute Graft-versus-Host-Erkrankung (aGvHD) entwickeln. Diese Komplikation entsteht, wenn T-Zellen des Spenders Gewebe des Empfängers als fremd erkennen und angreifen. Unter Umständen muss der Patient dann Immunsuppressiva erhalten. Obnitix kann nun als zusätzliche Therapie hinzukommen.

Das Präparat enthält sogenannte humane allogene mesenchymale Stromazellen. Sie werden aus Knochenmarkzellen von mindestens acht Spendern isoliert und außerhalb des Körpers expandiert. Der Vorteil dieser Zellen: Der Organismus des Empfängers stößt sie nicht ab, weshalb sie sich ohne Rücksicht auf Blutgruppen- und Gewebemerkmale übertragen lassen. Sie wirken über die Suppression von T-Zellen und haben zusätzlich antientzündliche Effekte.

Obnitix wird in Zelldosen von 30, 60 und 90 Millionen humane mesenchymale Stromazellen je Beutel formuliert. Die anzuwendende Dosis hängt vom Gewicht des Patienten ab. Geliefert wird das Medikament als tiefgefrorene Zellsuspension. Die Zellen müssen unmittelbar vor Anwendung aufgetaut werden. Dem Patienten werden sie per Infusion verabreicht. Vorgesehen sind vier Einzeldosen im Abstand von sieben Tagen.

Nähere Informationen dazu finden sich in der Fachinformation von Obnitix. Dort steht auch, dass nach jeder Applikation die Vitalparameter des Patienten für mindestens zwei Stunden engmaschig überwacht werden sollten. Vor der Gabe ist zu prüfen, ob der Patient – je nach individueller Toleranz für tiefkalte Infusionslösungen – eine Prämedikation benötigt. Für die Behandlung von Schwangeren und Stillenden wird das neue Präparat übrigens nicht empfohlen.

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