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Blasenentzündung

Interstitielle Zystitis – selten und komplex

Bei chronischen Beschwerden kann eine Interstitielle Zystitis vorliegen. Die Ursachen sind noch weitgehend unklar, die Behandlung ist multimodal. Vor allem Frauen sind betroffen, sie klagen über ständigen imperativen Harndrang und brennende Schmerzen im Unterbauch.
Nicole Schuster
31.01.2020
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Ständiger Harndrang, Unterleibskrämpfe, brennende und stechende Schmerzen: Viele überwiegend weibliche Patienten kennen diese Symptome nur zu gut. Sie deuten im ersten Moment auf einen bakteriell bedingten Harnwegsinfekt hin. Kehren die Beschwerden immer wieder zurück, kann eine Interstitielle Zystitis (IC) die Ursache sein. Diese Krankheit stellen Ärzte jedoch oft erst nach Jahren fest. Einer Umfrage unter 270 Betroffenen zufolge dauerte es durchschnittlich neun Jahre, bis sie endlich wussten, woran sie litten.

Bei der IC handelt es sich gemäß der ersten deutschen S2k-Leitlinie zur »Diagnostik und Therapie der Interstitiellen Zystitis (IC/BPS)« um eine »nichtinfektiöse chronische Harnblasenerkrankung, die geprägt ist von Schmerzen, Pollakisurie, Nykturie und imperativem Harndrang in unterschiedlicher Ausprägung und Kombination der Symptome und bei gleichzeitigem Ausschluss differenzialdiagnostischer Erkrankungen«. Die Krankheit kann in allen Altersklassen auftreten, wobei die höchste Prävalenz bei Menschen mittleren Alters liegt. Frauen sind etwa neunmal häufiger als Männer betroffen. Vermutlich liegt eine recht hohe Dunkelziffer vor.

Defekte der Schleimhaut

Wie die IC genau entsteht, ist bislang unklar. »Wir haben festgestellt, dass bei den Betroffenen die Schutzschicht der Blasenschleimhaut, die sogenannte GAG-Schicht, geschädigt ist«, so Dr. med. Fabian Queißert, Leiter des Bereiches Neurourologie und des Kontinenzzentrums am Universitätsklinikum Münster gegenüber dem PTA-Forum. »Reizende Substanzen aus dem Urin können durch diese Defekte in die Submukosa und tiefere Schichten der Harnblasenwand eindringen.« Die Schäden schreiten weiter fort, bis irgendwann das gesamte Urothel zerstört ist. Patientinnen und Patienten nehmen das als erhöhte Sensitivität der Harnblase und als Schmerzen wahr.

Neben der Dysfunktion des Urothels scheint auch eine erhöhte Mastzellaktivierung am Krankheitsgeschehen beteiligt zu sein, und auch entzündliche Prozesse spielen eine Rolle.

Der Konsum von Nahrungsmitteln, die Histamin enthalten oder es freisetzen, aber auch von zahlreichen anderen Lebensmitteln wie Zitrusfrüchten, Essig, einigen Gewürzen, Glutamat, künstlichen Süßstoffen oder Zuckeraustauschstoffen kann IC-Beschwerden auftreten und sie verschlimmern. Es gibt Hinweise, dass Calciumglycerophosphat oder Natriumhydrogencarbonat die Symptome bessern können.

Belastung im Alltag

Betroffene suchen täglich bis zu 60-Mal die Toilette auf, können dann aber meist nur geringe Mengen Urin abgeben. Der ständige Harndrang belastet den Alltag stark. Die Schmerzen wiederum treten zunächst nur sporadisch auf, nehmen dann aber im Laufe der Zeit zu und entwickeln sich schließlich zu einem chronischen Grundschmerz. Betroffene beschreiben den Schmerz, den sie vor dem Wasserlassen oder währenddessen verspüren, als brennend, schneidend oder stechend. Die Miktion an sich kann ebenfalls Schmerzen verursachen. Nach dem Wasserlassen geht es den Patientinnen und Patienten meistens für kurze Zeit besser. Beginnt die Blase, sich wieder zu füllen, kehren die Schmerzen jedoch zurück.

Psychische Folgen

Viele Patientinnen und Patienten machen eine wahre Ärzte-Odyssee durch. Bei wiederkehrenden Beschwerden bekommen sie oft zu hören, dass ihr Leiden psychisch bedingt sei. Viele zweifeln an sich selbst, ziehen sich sozial zurück, manche entwickeln sogar Depressionen. So gehören Krankheiten wie mentale Störungen, Reizdarmsyndrom, Fibromyalgie, Fatigue und funktionelle somatische, neurologische oder rheumatologische Syndrome laut der Leitlinie zu den häufigen komorbiden Störungen. Betrachtet man die Gesamtsituation der Betroffenen, fällt auf, dass etwa 80 Prozent über Alltagsprobleme wie existenzielle Sorgen klagen, zu denen eine wiederholte oder dauerhafte Arbeitsunfähigkeit gehört. Viele leiden auch unter Partnerschaftskonflikten und weisen eine deutlich eingeschränkte Lebensqualität auf.

Differenzierte Diagnostik

Wer nicht weiß, ob den Blasenbeschwerden eine IC zugrunde liegen könnte, führt am besten über einige Tage ein Miktionstagebuch, in dem Trink- und Toilettenverhalten angegeben und Angaben zu den Schmerzen gemacht werden: Wann treten sie auf? Wie lange halten sie an? Wie stark sind die Schmerzen jeweils? Das erleichtert einem Arzt die richtige Diagnose.

Zu den typischen Differentialdiagnosen gehören gemäß den Leitlinienautoren verschiedene urologische Erkrankungen wie die chronische Harnwegsinfektion, muskuloskelettale Erkrankungen wie Hernien oder Beckenbodendysfunktion, gastrointestinale Erkrankungen wie chronisch entzündliche Darmerkrankungen, gynäkologische Erkrankungen wie die Endometriose oder auch Ursachen wie Herpes genitalis oder Neuralgien. Diese Krankheiten müssen Mediziner ausschließen können, um eine IC festzustellen.

Um die Diagnose abzusichern, ist meistens eine Blasenspiegelung (Zystoskopie) mit Überdehnung der Harnblase erforderlich. Bei der Untersuchung, die unter Narkose erfolgt, können Ärzte typische Veränderungen der Harnblasenwand erkennen und die zwei Subtypen der IC (mit oder ohne Ulzerationen) voneinander abgrenzen.

Interstitielle Zystitis (IC) Harnwegsinfekt
Schmerzen bei Blasenfüllung, vor Miktion in der akuten Phase:
stechend, schneidend, glühend, bohrend Bauchkrämpfe
langanhaltend oder auch phasenweise mit Schmerzspitzen brennendes Gefühl beim Wasserlassen
in unterschiedlichen Bereichen: Becken, Blase, Harnröhre, äußere Geschlechtsteile, Damm, Anus oder in den Rücken ausstrahlend
beim oder nach dem Geschlechtsverkehr
an Stärke zunehmend im Krankheitsverlauf
Miktion/Wasserlassen sehr häufig, mehr als 8 bis 60 Mal am Tag heftiger Harndrang
nächtlicher Harndrang brennende, stechende Schmerzen beim Wasserlassen
oft nur sehr kleine Mengen
nachlassend nach der Miktion
Häufige Begleiterkrankungen Reizdarmsyndrom, Migräne
Endometriose
Immunerkrankungen
Sonstige Beschwerden oft in Verbindung mit Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten aufgeblähter Bauch
Tabelle: IC oder Harnwegsinfekt? Die Symptome im Vergleich. Quelle: Gesundheitsnachrichten. Interstitielle Zystitis – mehr als nur ein Harnwegsinfekt, 4. September 2019 – MedWiss.Institut, https://www.deutschesgesundheitsportal.de/20

Therapie multimodal

»Eine allgemein anerkannte, eindeutige Behandlungsempfehlung gibt es bei der IC nicht«, sagt Queißert. Die Leitlinienautoren schlagen ein multimodales Therapiekonzept vor. Es setzt sich aus konservativen Maßnahmen, medikamentöser Therapie, Einspülungen in die Blase, Schmerztherapie und Komplementärmedizin sowie operativen Verfahren und stationärer Rehabilitation zusammen. »Viele Betroffene, vor allem im fortgeschrittenen Stadium, finden am besten in einem spezialisierten Zentrum Hilfe«, erklärt der Experte.

Zu den konservativen Maßnahmen zählt, den Lebensstil zu verändern. Das Apothekenteam kann Betroffenen raten, Kleidung und sportliche Aktivität der Erkrankung anzupassen. Auch weniger Stress wirkt der Krankheit entgegen, Unterkühlungen hingegen verstärken die Beschwerden. Die Patienten sollten zudem ihre Flüssigkeitszufuhr kontrollieren, empfohlen werden zwei Liter pro Tag, und prüfen, ob bei ihnen bestimmte Nahrungsmittel als »Trigger« wirken und diese fortan meiden. In einigen Fällen ist eine psychologische/psychiatrische Betreuung angezeigt, zum Beispiel, wenn begleitend Störungen wie Depressionen und Erschöpfungszustände vorliegen. »Ein wichtiger Pfeiler in der Behandlung ist die Physiotherapie«, erklärt Queißert. Ein Harnblasen- und Beckenbodentraining kann ebenso helfen wie eine Vibrationstherapie oder auch bestimmte Massagetechniken.

Nur ein Wirkstoff

Es besteht auch die Möglichkeit, die Krankheit medikamentös zu behandeln. Als einziger für diese Indikation zugelassener Wirkstoff steht Pentosanpolysulfat (PPS) zur Verfügung. Er stellt die Funktion der GAG-Schicht des Urothels wieder her und lindert dadurch die Symptome. Für die Therapie gilt: Je früher Patientinnen und Patienten das Medikament anwenden, desto besser schlägt es an. Therapieversuche können Ärzte vor allem bei chronischen Schmerzen mit dem trizyklischen Antidepressivum Amitriptylin oder mit dem tetrazyklischen Mirtazapin vornehmen. Beide verringern unter anderem die Schmerzweiterleitung ins Zentrale Nervensystem. Amitriptylin bindet zudem an H1-Rezeptoren, wodurch weniger Mastzellen aktiviert werden. Betroffene merken die Wirkung, wenn sich ihr Harndrang verringert und die Schmerzen nachlassen. Die Leitlinie empfiehlt ebenfalls einen Therapieversuch mit Hydroxyzin, einer anticholinerg, anxiolytisch und analgetisch wirkenden Substanz. In Studien erfuhren Patienten auch eine Erleichterung ihrer Beschwerden durch die Einnahme des Histamin-2-Rezeptorantagonisten Cimetidin.

GAG-Ersatz direkt in die Harnblase

Ein möglicher Weg, Arzneimittel bei IC zu verabreichen, besteht darin, sie tropfenweise direkt in die Harnblase über einen Katheter einzuspülen (intravesikale Instillation), um systemische Nebenwirkungen zu umgehen. Über diesen Weg verabreichen Ärzte zum Beispiel als GAG-Ersatztherapie Mittel wie Chondroitinsulfat oder Hyaluronsulfat, die die defekte Schleimhautbarriere wieder aufbauen sollen. Nachteile der Instillation: Sie ist invasiv, damit besteht ein Infektionsrisiko, und die Kosten sind mitunter hoch.

Schmerztherapie laut WHO

Ein für viele Betroffene äußerst belastendes Symptom bei IC sind die Schmerzen. Die Schmerztherapie sollte sich am WHO-Stufenplan orientieren. Entsprechend können Ärzte je nach Beschwerdestärke oral selektive und nichtselektive Nicht-Steroidale Antirheumatika (NSAR), Antikonvulsiva, Novaminsulfon und Opioide einsetzen. Die Mediziner sollten dabei aber beachten, dass NSAR und Morphine auch Histamin freisetzen und somit die Symptomatik verstärken können. Bei sonst nicht kontrollierbaren, starken akuten Schmerzen halten die Experten der Leitlinie auch die Applikation von Lokalanästhetika sowie regional- und leitungsanästhetische Verfahren für vertretbar.

Bei therapierefraktären Patientinnen und Patienten hat in Studien die Injektion von Botulinumtoxin in die Harnblasenwand signifikante Besserungen bewirkt. Schwere oder chronische Fälle können operative Verfahren erforderlich machen. Einige Betroffene erfahren Erleichterung durch Komplementärtherapien wie Akupunktur, mikrobiologischen Therapien und orthomolekularen Substitutionen. Aussagen zur Prognose sind schwierig. Unklar ist, ob Spontanremissionen möglich sind. Wichtig für die Nachsorge ist, dass die IC mit einem erhöhten Tumorrisiko der Harnblase einhergeht.

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