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Bei Komplikationen

Kaiserschnitt – mehr als nur Mode

Der Kaiserschnitt wird diskutiert und analysiert, als terminierte Wunschgeburt kritisiert oder von Frauen als Schreckensszenario gefürchtet. Doch eines darf man dabei nicht vergessen: Würde es den Kaiserschnitt nicht geben, hätten manche Mutter-Kind-Paare keine Chance, die Geburt zu überleben.
Nicole Schuster
25.11.2021  09:00 Uhr

Noch vor 150 Jahren war die Geburt für werdende Mütter und ihre ungeborenen Kinder ein lebensbedrohendes Ereignis. Bei Komplikationen blieben Geburtshelfern nicht viele Möglichkeiten. Grundsätzlich stand damals das Leben der Frau über dem des Ungeborenen. So war es gängige Praxis, den Kopf des Kindes mit einer Zange zusammenzupressen oder ganz zu zerstören, wenn ein Becken-Kopf-Missverhältnis vorlag. Als Alternative experimentierten Mediziner mit dem Einleiten von Frühgeburten oder dem Durchtrennen des Schambeins. Ein Kaiserschnitt wurde nur an verstorbenen Frauen durchgeführt, manchmal auch an Sterbenden, um das Kind zu retten oder getrennt von seiner Mutter bestatten zu können. Die Gründe dafür lagen in der Statistik: Einen Kaiserschnitt überlebten durchschnittlich 60 bis 70 Prozent der Frauen nicht. In einigen Regionen lag die Überlebenswahrscheinlichkeit sogar bei 0 Prozent. Im Vergleich dazu war die Müttersterblichkeit unter dem Einsatz von Zangen und ähnlichem mit 5 bis 10 Prozent deutlich geringer.

Den Grundstein für den heutigen Kaiserschnitt und damit die Möglichkeit, sowohl das Leben der Mutter als auch das des Kindes zu retten, legte der deutsche Gynäkologe Ferdinand Kehrer. Er operierte 1881 die 28-Jährige Emilie Schlusser in ihrem Wohnzimmer nach einer neuen Methode. Statt die Gebärmutter mit einem Längsschnitt zu öffnen, setzte Kehrer den Schnitt quer, knapp oberhalb des Schambeins an. Zudem nähte er, anders als damals üblich, sowohl die Gebärmutter als auch die darüberliegenden Gewebeschichten sorgfältig zu. Emilie Schlusser und ihr Baby überlebten den Eingriff. Zusammen mit dem steigenden Wissen über die Notwendigkeit der Keimfreiheit, führte die Operationsmethode von Kehrer in den nachfolgenden Jahren dazu, dass die Müttersterblichkeit beim Kaiserschnitt extrem stark sank. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts berichteten einzelne Operateure von einer Sterberate von nur mehr zwei Prozent.

Kein Spielraum

Heute ist der Kaiserschnitt die weltweit häufigste Operation bei Frauen. In Deutschland kommt zurzeit fast jedes dritte Baby per Kaiserschnitt zur Welt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2019 deutschlandweit 221.709 Kaiserschnitte durchgeführt. Das sind 29,6 Prozent aller Geburten.

Für einige dieser Mutter-Kind-Paare war der Kaiserschnitt lebensrettend. Die im vergangenen Jahr veröffentlichte S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. geht davon aus, dass bei 10 von 100 Eingriffen eine absolute Indikation für den Kaiserschnitt vorliegt. Dazu gehören die Querlage des Kindes, eine Uterusruptur oder eine drohende Uterusruptur, eine Plazenta praevia, bei der die Plazenta vor dem Muttermund liegt, sowie eine vorzeitige Plazentaablösung. In all diesen Fällen ist eine natürliche Geburt nicht möglich, der Kaiserschnitt die einzige Option. Zusätzlich können unter der Geburt Situationen entstehen, die eine schnelle Entbindung des Kindes erforderlich machen. Dazu gehört zum Beispiel der Nabelschnurvorfall mit akutem Sauerstoffmangel des Kindes.

Muss ein Kind sofort entbunden werden, bleibt kaum Zeit für Erklärungen oder das Auffangen von Ängsten bei den werdenden Eltern. Die Schwangere wird für den Notkaiserschnitt unter Vollnarkose versetzt, das Baby innerhalb weniger Minuten entbunden. Medizinisch ist dieses Vorgehen unumgänglich, doch für die betroffenen Frauen ist es mitunter eine emotionale Herausforderung und kann sich auf die Mutter-Kind-Beziehung auswirken. Ein erschwertes Bonding, Probleme beim Stillen, Überforderung, Hilflosigkeit und Ängste können jungen Müttern stark zusetzen.

Belastende Geburtserfahrungen gehören nach wie vor zu den Tabuthemen der Gesellschaft. Sie stehen viel zu sehr im Kontrast zum positiven Babyglück. Dennoch sollten sich betroffene Frauen nicht scheuen, Hilfe zu suchen. Ein niederschwelliges Hilfsangebot ist das »Hilfetelefon schwierige Geburt«. Hierbei handelt es sich um ein Projekt der Bundeselterninitiative Mother Hood e. V., das in Kooperation mit der International Society for Pre- and Perinatal Psychology and Medicine entstanden ist. Unter der Nummer 0228 9295 9970 erreichen Anruferinnen immer mittwochs von 12 bis 14 Uhr und donnerstags von 19 bis 21 Uhr Fachberaterinnen, die zuhören und der Anruferin helfen, ihre Empfindungen besser einzuordnen. Bei Bedarf werden Tipps zur Suche nach weiteren Unterstützungsangeboten gegeben. Das Hilfetelefon steht nicht nur Frauen mit Notkaiserschnitten offen. Auch eine natürliche Geburt oder ein geplanter Kaiserschnitt kann ganz anders verlaufen als erwartet. Laut Hilfetelefon gehen Schätzungen davon aus, dass rund 20 bis 50 Prozent der Frauen die Geburt ihres Kindes als belastend, schwierig oder sogar traumatisch erleben.

Nicht zwingend notwendig

Die meisten Kaiserschnitte sind geburtsmedizinisch gesehen keine absoluten Notfälle. Sie werden aufgrund von relativen Indikationen durchgeführt, also aus Gründen, bei denen grundsätzlich eine natürliche Geburt möglich wäre, aber mit höheren Risiken für Mutter und Kind verbunden ist. Dazu gehört die Beckenendlage, ein hohes geschätztes Geburtsgewicht des Kindes (über 4500 g), ein verlängerter Geburtsverlauf, ein Geburtsstillstand oder extreme Erschöpfung der Mutter, eine Zwillingsschwangerschaft, ein auffälliges Kardiotokogramm, ein Kaiserschnitt bei einer vorausgegangenen Geburt sowie etliche Erkrankungen der Mutter.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich die Kaiserschnittrate in den vergangenen 30 Jahren fast verdoppelt. Betrug sie 1991 noch 15,3 Prozent, waren es 2019 bereits 29,6 Prozent. Die Mütter- und Kindersterblichkeit hingegen sank durch die höhere Kaiserschnittrate nicht. Ursache dafür ist unter anderem vermutlich eine Kombination aus der Zunahme an relativen Indikatoren und einem höheren Sicherheitsbestreben bei werdenden Eltern.

Experten plädieren für eine bessere Aufklärung schwangerer Frauen und eine individuelle Abwägung des Nutzen-Risiko-Profils bei der Geburtsplanung. Die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. kritisiert die Beratung von Schwangeren dahingehend, dass viele Erkrankungen der Mutter wie Infektionen, Augen- und Wirbelsäulenerkrankungen einen Kaiserschnitt nicht zwingend erforderlich machen würden. Auch die Folgen für weitere Schwangerschaften würden oft nicht thematisiert. Etwa die Hälfte aller Frauen nach einem Kaiserschnitt fühle sich über die Kurz- und Langzeitfolgen nicht ausreichend aufgeklärt. Diese seien aber durchaus wichtig für die Frauen und ihre Lebensplanung.

Sicherheit im Vordergrund

Bei den Ärzten sind es oft Ängste oder juristische Bedenken, die sie zum Kaiserschnitt tendieren lassen. Kaum jemand sei verklagt worden, weil er einen Kaiserschnitt gemacht hat, wohl aber, weil er keinen gemacht hat. Geburtshilfe brauche viel Geduld und Zeit, da gäbe es unterschiedliche Mentalitäten, sagt Professor Dr. Walter Klockenbusch, Leiter der Geburtshilfe am Universitätsklinikum Münster, in einer Presseaussendung der Klinik.

In vielen deutschen Kliniken herrscht auf den Geburtenstationen Personalmangel. Es sind nicht genügend Kapazitäten da, um Frauen mit komplizierteren oder längeren Geburtsverläufen ausreichend zu betreuen. Zudem fehlt es aufgrund der seltenen Durchführung oftmals an Erfahrung. Dementsprechend wenige Klinken in Deutschland bieten Frauen die Möglichkeit an, ein Kind in Beckenendlage oder Zwillinge natürlich zu entbinden. Viele Frauen wissen nicht einmal, dass sie theoretisch die Möglichkeit dazu hätten. Die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe empfiehlt, diese Frauen frühzeitig an erfahrene Kliniken zu überweisen. Das sind häufig Kliniken, die als Perinatalzentrum Level 1 geführt werden. Die Hebammen und Gynäkologen vor Ort sind auf schwierige Geburtssituationen geschult, trainieren sie regelmäßig und können gut einschätzen, welcher Geburtsmodus möglich ist.

Dass auch die wirtschaftliche Lage der Geburtskliniken eine wichtige Rolle in Bezug auf den Geburtsmodus spielt, sieht man, wenn man einen Blick ins Ausland wirft. In Skandinavien liegt die Kaiserschnittrate bei etwa 15 Prozent, die Kinder- und Müttersterblichkeit ist noch geringer als in Deutschland. Experten zufolge liegt dies vor allem daran, dass Geburten in diesen Ländern nur in großen Kliniken mit ausreichend geschultem Personal durchgeführt werden, die keine Gewinne erwirtschaften müssen, da sie in kommunaler Hand sind. In Ländern mit einem stark privatisierten Gesundheitssystem liegen die Zahlen wesentlich höher als in Deutschland. So werden zum Beispiel in türkischen und syrischen Privatkliniken bis zu 90 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt entbunden.

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