PTA-Forum online
Rauchausstieg

Kann die E-Zigarette beim Rauchstopp helfen?

Das Rauchen aufzugeben, steht in jedem Jahr ganz oben auf der Liste der guten Vorsätze vieler Menschen. Ein strukturiertes Vorgehen und einige Hilfsmittel unterstützen den Rauchstopp. Ist auch ein Umstieg auf die E-Zigarette empfehlenswert, um langfristig vom Tabak loszukommen?
Judith Schmitz
24.01.2020
Datenschutz

Gute Gründe für einen Rauchstopp gibt es genug: Geschätzt sterben in Deutschland 121.000 Menschen jährlich an den Folgen des Tabakrauchens, vor allem durch Krankheiten der Lunge und des Herz-Kreislauf-Systems. Je früher der Rauchausstieg gelingt, desto geringer ist das Risiko, dass sich solche Folgeerkrankungen entwickeln.

Die Raucherquote ist in Deutschland in den vergangenen Jahren gesunken. Im Jahr 2000 rauchte noch mehr als jeder Dritte, aktuell ist es etwa jeder Vierte. Zum Vergleich: In Großbritannien sind nur 17 Prozent, in den Niederlanden 19 und in Schweden 7 Prozent der Bevölkerung Raucher. Ein großer Erfolg verschiedener Anti-Raucher-Kampagnen ist, dass der Anteil rauchender Jugendlicher sich hierzulande in den vergangenen 15 Jahren um zwei Drittel verringert hat. Verbesserungsbedarf gibt es aber noch bei der Umsetzung einiger Tabakkontrollmaßnahmen wie hohe Zigarettenpreise, Werbeverbot und Angebote zur Tabakentwöhnung. Hier liegt Deutschland im Vergleich 35 europäischer Länder an vorletzter Stelle, heißt es im Tabakatlas Deutschland 2015 des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ).

Laut diesem Tabakatlas möchte die Mehrheit der Raucher das Laster aufgeben. Das ist allerdings leichter gesagt als getan, denn viele sind abhängig. Etwa die Hälfte der Aufhörwilligen schafft es nach meist mehreren Versuchen, davon 76 Prozent ohne Unterstützung. Im Gegensatz dazu nutzen nur wenige Raucher die von Experten empfohlenen Hilfsmittel wie ärztliche Beratung, nikotinhaltige Rauchentwöhnungsmittel, Medikamente, Verhaltenstherapie, Rauchertelefon oder Literatur.

Dampf statt Rauch

Ein kleiner Teil, rund 6 Prozent, der Ex-Raucher gab an, den Rauchstopp mit der unter Experten umstrittenen elektrischen Zigarette geschafft zu haben. Seit 2007 wird die in China erfundene E-Zigarette weltweit hergestellt und vertrieben. E-Zigaretten bestehen aus einem Mundstück, einem Akku, einem Verdampfer und einer Wechsel-Kartusche. In dieser befindet sich eine Flüssigkeit, das Liquid. Beim Ziehen am Mundstück wird sie vernebelt, das Aerosol aus feinen bis ultrafeinen Flüssigkeitspartikeln wird inhaliert. Der Vorgang heißt Dampfen. Eine klare Richtlinie, wie E-Zigaretten aufgebaut sein müssen, gibt es nicht, obwohl die Einzelteile die Dampfwirkung beeinflussen können. Auch gibt es viele Varianten an Liquids mit den Vernebelungsmitteln Propylenglykol und Glycerin als Basis. Das jeweilige Aroma macht bis zu 4 Prozent der Flüssigkeit aus, 0,6 bis 2,4 Prozent entfallen auf Nikotin. Es gibt aber auch komplett nikotinfreie Liquids.

Schätzungsweise 1 bis 3 Prozent der Menschen in Deutschland verwenden aktuell E-Zigaretten. Oft sind es ehemalige Raucher, die weniger Tabak rauchen oder ganz damit aufhören wollen. Forscher und Ärzte sind bislang aber uneins bei der Bewertung der E-Zigarette. Befürworter sehen die Chance, Nikotinabhängige von der Tabakzigarette abzubringen, optimal bis zu einem kompletten Rauchstopp. Kritiker weisen darauf hin, dass die E-Zigarette mit einem Nikotinanteil weiterhin süchtig macht und auch Jugendlichen als Einstiegsdroge dient.

Zwar gilt die E-Zigarette als weniger gefährlich als die Tabakzigarette, sie enthält dennoch potenziell gesundheitsschädliche Substanzen. Die Analyse aktueller Daten zeige, dass »E-Zigaretten ein weitaus größeres Schadenspotenzial für die Lunge und das Herz-Kreislauf-System besitzen, als aus der Art und der geringen Menge der Komponenten in ihrem Aerosol bei einer linearen Dosis-Wirkungskurve zu erwarten wäre«, heißt es in einer Mitteilung des Ärztlichen Arbeitskreises Rauchen im vergangenen Jahr. Die Ärzte um Professor Dr. Robert Loddenkemper von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widersprechen damit Informationen britischer Gesundheitsorganisationen, die den Konsum von E-Zigaretten als rund 95 Prozent sicherer als das Rauchen von Tabakzigaretten einstufen.

Keine Langzeitstudien

Da Raucher mit der elektronischen weiterhin eine Zigarette in der Hand halten, bezweifeln Kritiker auch, dass sie Aufhörwilligen bei einer Verhaltensänderung weg von der Zigarette hilft. Bisher fehlen auch Langzeitstudien mit Dampfern – optimal wären Untersuchungen mit gesunden Nichtrauchern –, anhand deren Ergebnissen Forscher sicher Auskunft über langfristige Gefahren der inhalierten Substanzen treffen können. Dr. Katrin Schaller vom DKFZ berichtet gegenüber PTA-Forum, dass bisherige klinische Studien zu möglichen gesundheitlichen Folgen des E-Zigarettenkonsums zum Teil Mängel enthielten. Das sind neben einem kurzen Studienzeitraum etwa eine geringe Fallzahl, dass die Probanden in der Regel Raucher oder ehemalige Raucher sind und zum Teil Interessenskonflikte bestehen. Meist werde pro Studie jeweils nur ein bestimmtes Gerät mit einem bestimmten Liquid getestet, darunter auch in Zellkultur- oder Tierexperimenten, deren Ergebnisse aber nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar seien, so Schaller.

Die Leitlinien der Fachgesellschaften bewerten die Rolle der E-Zigarette bei der Raucherentwöhnung unterschiedlich. Die Dachgesellschaft Sucht empfiehlt in einem Positionspapier von 2017, Rauchern zu raten, vollständig auf E-Zigaretten umzusteigen, wenn sie nicht für einen Rauchstopp mithilfe von Beratung, psychotherapeutischen Verfahren und/oder First-Line-Medikation zu gewinnen sind. Von einem dualen Konsum von Tabak- und E-Zigaretten sollte aber immer abgeraten werden.

Großbritannien empfiehlt den dortigen Rauchern die E-Zigarette inzwischen offiziell zur Entwöhnung. Eine im letzten Jahr veröffentlichte britische Studie zeigte, dass die nikotinhaltige E-Zigarette bei der Raucherentwöhnung doppelt so erfolgreich wie eine Nikotinersatztherapie war. Für die Briten überwiegt daher die Chance, über die E-Zigarette tabakinduzierte Todesfälle zu verhindern.

Todesfälle in den USA

Im vergangenen Jahr brachten Nachrichten aus den USA die E-Zigarette in Verruf. Dort kam es zu mehr als 2000 Fällen von Lungenkrankheiten, rund 40 davon mit Todesfolge, nach dem Konsum von sogenannten E-Joints. Laut den Centers for Disease Control war Vitamin-E-Acetat der wahrscheinliche Auslöser. Dieser Stoff wird in regulären Liquids für E-Zigaretten in Europa jedoch nicht verwendet. »Konsumenten von E-Zigaretten in Deutschland drohen nach aktuellem Kenntnisstand keine erhöhten Risiken, sofern sie Produkte verwenden, die europäischen und deutschen Regelungen entsprechen«, stellte Professor Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) in einer Mitteilung klar. In Deutschland beziehungsweise Europa gelten deutlich strengere Regeln als in den USA. Laut Tabakerzeugnisgesetz sind hierzulande etwa Vitamine, bestimmte Aromastoffe und Koffein als Inhaltsstoffe nikotinhaltiger Liquids verboten.

Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch seien E-Zigaretten nach heutigem Wissen weniger gesundheitsgefährdend als konventionelle Tabakerzeugnisse. Dampfer sollten jedoch auf Symptome wie Atembeschwerden oder Schmerzen im Brustbereich achten, besonders nach einem Produktwechsel. Unzureichend untersuchte Inhaltsstoffe, Verunreinigungen oder neue Liquid- und Verdampferprodukte könnten jedoch die gesundheitlichen Risiken erhöhen. Auch weist das BfR darauf hin, dass Produkte ohne Nikotin nicht unter die Bestimmungen der aktuellen Tabakrichtlinie fallen. Deswegen könnten in nikotinfreien Liquids prinzipiell auch durch die Richtlinie verbotene Zusätze verwendet werden.

Erhöhtes Risiko für Lungenkrankheiten

Ende 2019 hatte eine US-Studie gezeigt, dass Nutzer von E-Zigaretten zwar ein niedrigeres Risiko für chronische Lungenkrankheiten wie COPD, Asthma und Bronchitis haben als Raucher, jedoch ein erhöhtes gegenüber Nichtrauchern. Ein konsequenter Umstieg von der normalen auf die E-Zigarette kann demnach das Risiko für Lungenerkrankungen senken. Die Studienautoren betonen, dass dies allerdings kaum jemand so umsetze. Meist würde gedampft und weiter geraucht, was in der Kombination besonders gefährlich ist.

Aber auch diese Studienergebnisse sind umstritten, kritisieren einige Mediziner. Die Studie weise »gravierende methodische Mängel« auf, sagte etwa Daniel Kotz, Professor für Suchtforschung am Uniklinikum Düsseldorf. Ute Mons, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am DKFZ, sieht daher einen Zusammenhang zwischen E-Zigaretten-Konsum und Lungenerkrankungen als nicht erwiesen an. Die Mediziner appellieren an Raucher, sich nicht verunsichern zu lassen. »E-Zigaretten sind nach wie vor wesentlich weniger schädlich als Tabak und helfen bei der Tabakentwöhnung«, sagte Kotz gegenüber Zeit online.

Mehr von Avoxa