PTA-Forum online
Für ein Frühchen

Kapseln mit sehr viel Wirkstoff

Ein Kunde betritt am Freitag die Apotheke und überreicht der PTA Frau Sommer ein Rezept. Er sagt, seine zu früh geborene Tochter Klara brauche die verordneten Kapseln bis Montagmorgen.
Ingrid Ewering
18.01.2021  12:30 Uhr

Der Vater teilt mit, dass die beiden verordneten Calciumsalze der Substitution dienten. Auch wenn es sich um eine Nachverordnung aus einer Klinik handelt, darf die hauseigene Plausibilitätsprüfung als solche nicht entfallen. Zügig ist das entsprechende Dokument mit Verweis auf diesen Umstand erstellt. Routiniert berechnet die PTA über den Nominalwert des NRF für die Kapselgröße 1 die einzuwiegende Menge an Füllmittel.

Die Herstellung soll in Anlehnung an die NRF-Vorschrift Hydrochlorothiazid Kapseln NRF 26.3. erfolgen, die gerade überarbeitet wurde. Sommer stutzt über den aktuellen Passus, dass nur vereinzelte Teilchen größer als 100 µm vorhanden sein dürfen. Welche Korngrößen besitzen denn nun die beiden verordneten Calciumsalze? Sie wundert sich auch sehr über den doch ungewöhnlich hohen Gehalt beider Arzneistoffe in der ihr vorliegenden Rezeptur für das zu früh geborene Baby. Zudem stellt sie fest, dass lediglich beim Calciumglycerophosphat aufgrund des Analysenzertifikates ein Einwaagekorrekturfaktor zu berücksichtigen ist. Das muss sie unbedingt mit der diensthabenden Apothekerin besprechen.

Nach der Mittagspause ist Zeit, dass sich die beiden Rezepturexperten der Apotheke absprechen. Die Apothekerin erklärt der PTA, dass der Wirkstoff Calciumgluconat weder unwirksames Oberflächenwasser (= Tocknungsverlust) noch unwirksame Verunreinigungen (= Gehalt getrocknet) enthält. Deshalb ist kein Einwaagekorrekturfaktor zu berücksichtigen. Bei der Einwaage des Wirkstoffes Calciumglycerophosphat dagegen ist der Trocknungsverlust, der chargenabhängig bis zu 12 Prozent betragen kann, über eine entsprechende Mehreinwaage zu berücksichtigen.

Das Zentrallabor in Eschborn empfiehlt zum Beispiel bei 2 bis 7 mg Propranololhydrochlorid pro Kapsel einen Zuschlag von 5 Prozent, bei 2 bis 10 mg Spironolacton oder Meteprololtartrat sogar 7,5 Prozent. Bei dem sehr mikrofeinen Hydrocortison in Konzentrationen von 1 bis 2 mg ist tatsächlich ein Zuschlag von 10 Prozent Zuschlag zu berücksichtigen. Die PTA entscheidet sich für den kleinsten Wirkstoffzuschlag, da der Arzneistoff aufgrund seiner groben Struktur keinen allzu großen Anhaftungseffekt zeigt. Dann wenden sich beide dem Markenfüllmittel Mannitol 35® zu. Die Apothekerin erklärt, dass dieser süß schmeckende Füllstoff im Mittel eine Korngröße von 50 µm besitzt. Frau Müller fragt überrascht: »Aber warum heißt das Produkt dann Mannitol® 35? Ist damit nicht die Korngröße gemeint?« »Das habe ich mich auch gefragt«, antwortet die Apothekerin. »Ursache ist die unterschiedliche Bestimmungsmethode der Korngröße. Die Industrie ermittelt mit ihren feineren Prüfmethoden, wie zum Beispiel Luftstrahlsiebung, kleinere Werte als wir mikroskopisch mit dem Objektmikrometer. Da werden Werte um 50 µm ausgemessen.«

Ausgleich durch Mehreinwaage

Sommer schaut in den Standgefäßen mit dem Markenfüllmittel und den beiden Wirkstoffsalzen. »Die Calciumsalze sind doch viel gröber!«, ruft sie überrascht. »Das soll homogen in einer Mischschale vermischt werden?«, fragt sie zögerlich. »Das hast Du gut erkannt!«, lobt ihre Kollegin. »Mikronisierte Wirkstoffe oder sehr feines Pulver mit lediglich vereinzelt Korngrößen über 100 µm können direkt mit Mannitol 35® verarbeitet werden.« »Aber was machen wir jetzt?«, fragt die PTA etwas ratlos. Die Apothekerin erwidert: »Ich habe bereits mit der Krankenhausapotheke Kontakt aufgenommen. Sie stellen die Kapseln als Defektur her und arbeiten mit der Kugelmühle.« »Aber so ein Gerät besitzen wir doch nicht!«, antwortet die PTA. »Ganz einfach, die beiden grobkristallinen Wirkstoffe müssen im Mörser zerkleinert werden.«, erklärt die Apothekerin und fährt fort: »Ich habe es bereits im NRF nachgelesen. Es ist 1-Prozent hochdisperses Siliciumdioxid als Mahlhilfe zuzusetzen.« Frau Sommer erwidert: »Das klingt logisch, aber dann wird doch der Arzneistoff verdünnt!«

»Gut mitgedacht!«, lobt die Apothekerin. »Dieser Verschnitt wird durch eine entsprechende Mehreinwaage ausgeglichen.« Als sie die fragenden Augen ihrer Kollegin sieht, erläutert sie weiter: »Durch den Zusatz von 1 Prozent Aerosil® enthält 1 g dieser vermahlenen Mischung lediglich 0,99 g Wirkstoff und 0,01 g hochdisperses Siliciumdioxid. Deshalb ist die Einwaage zu erhöhen auf 1,010 g Wirkstoff-Aerosil®-Mischung.« Die Approbierte ergänzt, dass dieser Mahlfaktor mit den tatsächlichen Einwaagen berechnet werden muss.

Folgende Herstellungsanweisung für die Vermahlung wird erstellt:

  • circa 4,000 g Calciumglycerophosphat + 0,0400 g Aerosil® in einem rauen Mörser vermahlen → Davon sind anstelle von 3, 5721 g Wirkstoff dann für die vorliegende Verordnung 3,6078 g wirkstoffhaltige Vermahlung abzuwiegen.
  • circa 4,5000 g Calciumgluconat + 0,0400 g Aerosil® in einem rauen Mörser vermahlen → Davon sind anstelle von 4,2210 g Wirkstoff dann für die vorliegende Verordnung 4,2632 g wirkstoffhaltige Vermahlung abzuwiegen.

Durch die Angabe der Soll-Einwaage von vier Stellen nach dem Komma wird klargestellt, dass tatsächlich die Analysenwaage anstelle der zweistelligen Rezepturwaage einzusetzen sei.

Ergänzungsmethode wählen

Dann wenden sich die beiden Rezeptare der Herstellung zu. »Hast Du Dich gar nicht gewundert, dass bei dieser Rezeptur nur recht wenig Füllmittel zu ergänzen ist?«, fragt die Apothekerin. »Ja, schon, aber es handelt sich doch um pädiatrische Kapseln für die Allerkleinsten und dann stellen wir doch immer in Anlehnung an die NRF-Vorschrift »Hydrochlorothiazid Kapseln 0,5 mg / 1 mg / 5 mg / 10 mg« (NRF 26.3.) mit Hilfe der Nennfüllmasse von 275 mg der Kapselgröße 1 her!«

»Ja, aber in diesem Fall sind ausnahmsweise hohe Wirkstoffkonzentrationen für ein Kleinkind verordnet. Dann gelten die Nominalwerte des NRF nicht. Ich habe mir überlegt, dass die Produktion mit Hilfe eines Messzylinders angemessener Größe mit feiner Graduierung vorzuziehen ist. Ein 25-mL-Messzylinder ist zum Beispiel einzusetzen für bis zu 40 Kapseln der Größe 1. Bei der Verwendung von 30 Kapseln der Kapselgröße 1 ist ganz aktuell mit einem Volumen von 0,475 mL pro Kapsel dann ein Gesamtvolumen von 14,25 mL zu befüllen.«

Die Apothekerin erklärt weiter, dass zunächst mit dem Rezepturlöffel etwas von dem abgewogenen Füllmittel vorgelegt wird, damit kein Wirkstoff am Glasboden bei der Entleerung haften bleibt. Mit dem gleichen Rezepturlöffel wird eines der beiden pulvrigen Wirkstoffkonzentrate zugegeben, dann abermals Füllmittel und anschließend ein Löffel der zweiten Wirkstoffverreibung. »Bei der Befüllung des Messzylinders mit dieser Sandwichmethode ist sicherlich auch der Aerosil®-Anteil der beiden Wirkstoffe von Vorteil, denn es ist ein Fließregulierungsmittel«, überlegt die Apothekerin laut. Durch diese »Sandwich-Beschichtung« des Messzylinders ist eine grobe Vormischung entstanden. Dieses wirkstoffhaltige Pulver wird zurück in die Metallschale gegeben und sorgfältig unter mehrmaligem Abschaben verrührt. »Und eventuelle Klumpen lassen sich im Kontrast zum dunkleren Hintergrund der Metallschale gut erkennen!«, betont die Apothekerin. Diese Agglomerate sollen laut NRF-Vorschrift nicht größer als etwa 2 mm sein und müssen sich durch schwachen Druck mit dem Kartenblatt leicht zerteilen lassen. Zum Abschluss wird die Mischung in der glatten Metallschale nochmals sorgfältig homogenisiert. »Und dann verteilst Du das wirkstoffhaltige Pulver gleichmäßig sowie spargelbeetartig auf das Kapselgerät«, so die Pharmazeutin. Diese Herstellungsvorschrift ist der PTA geläufig. Sie nutzt einen Spatel mit dachrinnenähnlicher Ausgestaltung. Sie wählt transparente Kapseln, denn so können die Eltern des Kindes das Ausfüllen des weißem Wirkstoffpulvers visuell überprüfen.

TEILEN
Datenschutz
THEMEN
Baby

Mehr von Avoxa