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Impfwissen

Keuchhusten ist kein Kinderkram

Von wegen Kinderkrankheit: Die Erkrankungszahlen des Keuchhustens haben sich in den vergangenen Jahren Richtung Erwachsenenalter verschoben. Mehr als zwei Drittel aller Fälle treten mittlerweile bei Personen über 19 Jahre auf, zeigen Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI). Die STIKO empfiehlt deshalb, an die Auffrischimpfung zu denken.
Elke Wolf
21.01.2020  13:00 Uhr

Keuchhusten, von Medizinern Pertussis genannt, ist keine klassische Kinderkrankheit mehr. Denn mittlerweile erkranken mehr Erwachsene als Kinder. Laut drei Jahre alten RKI-Daten treten inzwischen zwei Drittel der Pertussisfälle bei Personen über 19 Jahren auf, Mitte der 1990er-Jahre hatte der Anteil noch bei 20 Prozent gelegen. Dies liegt vor allem daran, dass bei Erwachsenen Impflücken bestehen. Nach RKI-Daten für 2014 sind fast 97 Prozent der Kinder in Ostdeutschland und 95 Prozent in Westdeutschland bei der Einschulung gegen Keuchhusten geschützt. Bei den Erwachsenen ist es je nach Lebensalter nur jeder Fünfte bis Zehnte. Bei jungen Eltern hat ein Drittel einen Impfschutz, bei Schwangeren ein Fünftel.

Keuchhusten ist alles andere als harmlos. Gerade im ersten Lebensjahr, wenn der Impfschutz noch nicht vollständig ist, kann er eine ernste gesundheitliche Bedrohung sein. Bordetella pertussis ist der vorherrschende Urheber, ein unbewegliches, bekapseltes, aerobes, gramnegatives Stäbchenbakterium. Der Erreger befällt die Atemwege und zerstört dort die Schleimhäute. Klinisch äußert sich das in heftigen Attacken von stakkatoartigem Husten.

Seltener können Infektionen mit B. parapertussis oder B. holmesii ein ähnliches, aber insgesamt etwas schwächer ausgeprägtes Krankheitsbild hervorrufen. Bordetellen werden durch Tröpfcheninfektionen übertragen und sind hochansteckend. Nach einer Inkubationszeit von etwa neun bis zehn Tagen beginnt die typischerweise dreiphasige Erkrankung, die über mehrere Monate andauern kann.

In der Anfangsphase, dem Stadium catarrhale, treten vor allem unspezifische grippeartige Symptome wie mäßiges Fieber, Schnupfen und Schwäche auf. Nur in diesem Frühstadium lässt sich Keuchhusten mit Antibiotika behandeln. Nach ein bis zwei Wochen folgt das Stadium convulsivum mit dem charakteristischen schweren Husten. Laut den Impfexperten beim RKI treten die Hustenattacken salvenartig auf, vornehmlich nachts. Nicht selten würgt der Betroffene danach Schleim hervor und erbricht sich. Die Tatsache, dass dem Hustenanfall typischerweise ein Keuchen folgt, hat der Erkrankung ihren Namen eingebracht und rührt vom Einatmen gegen die geschlossene Stimmritze. Dieses Stadium dauert vier bis sechs Wochen, danach schließt sich das Stadium decrementi von sechs bis zehn Wochen an, in der die Hustenanfälle langsam abklingen.

Die Erkrankung verläuft selten nach Schema F.  Bei Jugendlichen und Erwachsenen wie auch bei vielen geimpften Kindern äußert sich eine Infektion mit B. pertussis lediglich als lang andauernder Husten – ohne die charakteristischen nächtlichen Attacken. Der untypische Verlauf ist auch der Grund für eine nicht korrekte oder verspätete Diagnose, zu einem Zeitpunkt, zu dem Antibiotika nicht mehr anschlagen. Ungleich häufiger reagieren Säuglinge mit untypischen Beschwerden. Bei ihnen treten häufig statt des Keuchhustens Atemaussetzer (Apnoen) auf, die lebensbedrohlich werden können. Zudem haben Säuglinge auch ein hohes Risiko für Komplikationen wie Pneumonien, Mittelohrentzündungen oder Krampfanfälle. Die meisten durch Pertussis bedingten Krankenhauseinweisungen und fast alle Todesfälle treten denn auch bei ungeimpften Kindern unter sechs Monaten auf.

Wen wann impfen?

Weder eine durchgemachte Erkrankung noch die vollständige Immunisierung schützt ein Leben lang vor der Erkrankung. Erlischt der Impfschutz, können sich Menschen auch nach überwundener Infektion erneut anstecken, und so muss die Impfung regelmäßig aufgefrischt werden.

Laut Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) sollte die Grundimmunisierung mit vier Impfungen in den ersten zwei Lebensjahren erfolgen, wobei die ersten drei Dosen jeweils nach vollendetem zweiten, dritten und vierten Lebensmonat verabreicht werden sollen. Die vierte Dosis sollte im Alter von 11 bis 14 Monaten appliziert werden. Darauf folgen zwei Auffrischungen, einmal im Kindes- (mit 5 bis 6 Jahren) und im Jugendalter zwischen 9 bis 17 Jahren. Für Erwachsene wird ein Pertussis-Schutz zusammen mit der Auffrischung für Tetanus und Diphtherie alle zehn Jahre empfohlen.

Impfempfehlung

Die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI empfiehlt für folgende Personengruppen die Impfung:

  • Alle Säuglinge nach Vollendung des zweiten Lebensmonats, Grundimmunisierung und Auffrischung bis 17 Jahre
  • Frauen im gebärfähigen Alter und Schwangere ab 2./3. Trimenon
  • enge Haushaltskontaktpersonen (Eltern, Geschwister) und Betreuer (zum Beispiel Tagesmütter, Babysitter, Großeltern) möglichst vier Wochen vor Geburt des Kindes eine Dosis Pertussis-Impfstoff
  • Erfolgte die Impfung nicht vor der Konzeption (Empfängnis), sollte die Mutter möglichst in den ersten Tagen nach der Geburt des Kindes eine Impfung erhalten.

Ganz neu seit März 2020: Die Ständige Impfkommission (STIKO) am RKI empfiehlt offiziell, dass sich schwangere Frauen gegen Pertussis impfen lassen sollen, um Neugeborene und junge Säuglinge vor Keuchhusten und dessen Komplikationen zu schützen.

Laut STIKO sollen die Frauen zu Beginn des dritten Trimenons mit einem Tdap-Kombinationsimpfstoff, der Tetanus- und Diphtherie-Toxoide sowie azelluläre Pertussis-Komponenten enthält, geimpft werden. Ist eine Frühgeburt wahrscheinlich, sollte die Maßnahme ins zweite Trimenon vorgezogen werden. Für den Schutz des Neugeborenen sei das Intervall zwischen Impfzeitpunkt und Geburt entscheidend, schreibt die STIKO. Denn der mütterliche Organismus muss genügend Zeit haben, hohe Antikörpertiter aufzubauen, die dann über die Plazenta auf das Ungeborene übertragen werden. Ohne diese Impfung hat das Neugeborene keinen Nestschutz!

PTA und Apotheker sollten der Frau erklären, dass die Pertussis-Vakzine nicht primär sie selbst, sondern das Kind schützen soll. Daher soll die Impfung unabhängig vom persönlichen Impfschutz der Frau erfolgen. Außerdem muss sie in jeder Schwangerschaft wiederholt werden. Laut Studienlage sei die Tdap-Impfung in der Schwangerschaft sicher, betonen die Experten.

Die Säuglinge selbst können vor dem Alter von sechs Wochen nicht geimpft werden. Um die ganz Kleinen zu schützen, wurde bislang nur die sogenannte Kokonstragie verfolgt: Frauen im gebärfähigen Alter, enge Kontaktpersonen zu Neugeborenen sowie Personal im Gesundheitsdienst oder in Gemeinschaftseinrichtungen sollten alle zehn Jahre geimpft werden, um quasi einen Schutzwall um das Neugeborene zu ziehen.

Was für wen?

Für die Impfung stehen sogenannte azelluläre Impfstoffe zur Verfügung. Diese Impfstoffe enthalten keine ansteckenden Bakterien, sondern nur einige Bestandteile des Erregers. Im Gegensatz zu Lebendimpfstoffen können Totimpfstoffe die Krankheit nicht auslösen. Die Antigene regen lediglich das Immunsystem an, spezifische Antikörper zu bilden. B.-parapertussis und B.-holmesii-Infektionen sind durch Pertussis-Impfstoffe nicht zu verhindern.

Da kein Monoimpfstoff gegen Pertussis mehr zur Verfügung steht, wird mit Kombinationspräparaten geimpft, die auch vor anderen Infektionskrankheiten wie Tetanus oder Diphtherie schützen. Mit der Grundimmunisierung gegen Keuchhusten werden Babys in der Regel mit einem Sechsfachimpfstoff geimpft, der gleichzeitig auch einen Schutz vor Tetanus, Diphtherie, Poliomyelitis, Hib (Haemophilus influenzae Typ b) und Hepatitis B gewährt. Für alle Erwachsenen empfiehlt die STIKO die nächste fällige Td-Impfung einmalig in Kombination mit einem Pertussis-Impfstoff zu verabreichen.

Impfstoff Besonderheit Beispiele
TDPa- Impfstoff, Tetanus-Diphtherie-Pertussis (azellulär, aus Komponenten)-Adsorbat-Impfstoff Verwendung ab einem Lebensalter von 4 Jahren,
Verwendung auch ab 2./3. Trimenon
Covaxis®, Boostrix®
TDPa- Impfstoff, Tetanus-Diphtherie-Pertussis (azellulär, aus Komponenten)-Adsorbat-Impfstoff Verwendung ab einem Lebensalter von 2 Monaten Infanrix®
TDPa-IPV-Impfstoff, Tetanus-Diphtherie-Pertussis (azellulär, aus Komponenten)-Poliomyelitis (inaktiviert)-AdsorbatImpfstoff Verwendung ab einem Lebensalter von 3 Jahren,
Verwendung auch ab 3. Trimenon
Boostrix® Polio, Repevax®
DTPa-IPV+ Hib-Impfstoff, Diphtherie-Tetanus- Pertussis (azellulär)-Poliomyelitis (inaktiviert) und Haemophilus-Typ b-Konjugat-Impfstoff Verwendung ab einem Lebensalter von 2 Monaten Infanrix® IPV + Hib, Pentavac®
DTPa-HepB-IPV + Hib-Impfstoff, Diphtherie-Tetanus-Pertussis (azellulär, aus Komponenten)-Hepatitis B (rDNA)-Poliomyelitis (inaktiviert)-Haemophilus influenzae Typ b (konjugiert)-Adsorbat-Impfstoff Verwendung ab einem Lebensalter von 6 Wochen/2 Monaten Hexyon®, Infanrix® hexa
Die Tabelle listet alle derzeit vom Paul-Ehrlich-Institut zugelassenen Pertussis-Vakzinen auf.

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