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Impfungen

Kontroverse um das Piksen

Bundesweit erkranken mehr und mehr Menschen an den Masern. Aber auch die saisonale Influenza führt regelmäßig zu vermeidbaren Erkrankungen. Präventionskampagnen haben ihr Ziel bisher nicht erreicht. An einer Impfpflicht scheiden sich die Geister.
Michael van den Heuvel
23.04.2019
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Masern bleiben medizinisch ein Problem in Deutschland: Das Gesundheitsamt Hildesheim hat von Januar bis Mitte März dieses Jahres 27 Masernfälle erfasst, im gesamten Niedersachsen wurden 33 Erkrankungen gemeldet. Auch in der Mitte und im Süden Deutschlands erkranken mehr Personen. Statistiken zeigen, dass sich die Lage kaum entspannen wird, und das nicht nur bei Masern.

Anlässlich der europäischen Impfwoche 2018 haben Experten des Robert Koch-Instituts diverse Zahlen veröffentlicht. Sie fanden heraus, dass in 2016 erstmals eine Masern-Impfquote von 95 Prozent erreicht worden ist. Bei der entscheidenden zweiten Impfung waren es jedoch nur 92,9 Prozent. Das ist zu wenig, um Masern auszurotten, auch hier müssten 95 oder mehr Prozent erreicht werden. Detaillierte Informationen liefert das Portal VacMap. Die erste Impfung erhielten bis zum 24. Lebensmonat noch 95,6 Prozent aller Kinder. Berlin ist besonders vorbildlich (97,3 Prozent), während Eltern in Baden-Württemberg die Sache eher locker sehen (89,8 Prozent). Tragisch wird es aber, sobald man Daten über die zweite Impfung aufruft. Bis zum 24. Lebensmonat erhielten bundesweit 73,9 Prozent die nächste Spritze. Hamburg (80,5 Prozent) glänzt, während Sachsen (24,9 Prozent) die rote Laterne trägt. Alle Zahlen beziehen sich auf den Geburtsjahrgang 2014. Sie zeigen, dass Impflücken oft regional auftreten. Die Infektion ist keineswegs harmlos, wie Impfgegner gern behaupten. Jeder vierte Infizierte muss stationär behandelt werden, und drei bis sieben Betroffene sterben bundesweit pro Jahr.

Impfmüde auch bei Influenza

Ähnlich schlecht sieht es bei Schutzimpfungen gegen die saisonale Influenza aus. Valide Zahlen liegen zur Grippewelle 2017/2018 vor. Sie wurden im »Epidemiologischen Bulletin« veröffentlicht, einem Fachmagazin des Robert Koch-Instituts (RKI). In der Risikogruppe über 60 waren gerade einmal 34,8 Prozent aller Personen geimpft. Ärzte (61,4 Prozent) schnitten etwas besser ab, während Pflegekräfte (32,5 Prozent) und weitere therapeutische Berufe (34,2 Prozent) ebenfalls an Impfmüdigkeit litten. Wie es bei Apothekern oder PTA aussieht, ist nicht bekannt. RKI-Schätzungen zufolge starben während der Grippesaison 2016/2017 etwa 22.900 Menschen aufgrund von Infektionen. Aber warum lehnen so viele Menschen Schutzimpfungen ab? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten, hier kommen viele Aspekte zum Tragen.

Impfmüdigkeit beschäftigt Heilberufler schon seit Jahren. Deshalb gingen Forscher der Weltgesundheitsorganisation WHO auf Spurensuche, um zu erklären, warum Menschen gut untersuchte Vakzine ablehnen. Sie fanden fünf unterschiedliche Erklärungsansätze, »5C« genannt.

»Confidence« beschreibt das Vertrauen von Patienten in die Sicherheit und Wirksamkeit von Impfungen, aber auch das Vertrauen in Behörden, Ärzte und Apotheker. Falschinformationen führen zu einem geringerem Vertrauen. Hinzu kommt die »Complacency«, sprich das wahrgenommene Krankheitsrisiko. Gefahren bleiben für Laien abstrakt. Sie kennen nur Medienberichte. »Constraints« beschreibt Hürden wie fehlende Arzttermine, lange Wege zur Praxis oder den eigenen Zeitmangel. Suchen Patienten selbst nach Informationen, um Nutzen und Risiken zu bewerten, sprechen WHO-Experten von »Calculation«. Impfgegner haben oft eine gute Ausbildung oder einen akademischen Hintergrund, aber nur selten im naturwissenschaftlichen Bereich. Nicht zuletzt steht »Collective Responsibility« für die Motivation, sich selbst zu schützen, um andere nicht zu infizieren. Einige der Punkte finden sich im aktuellen Zeitgeschehen wieder.

Mythen um die Risiken

Laien informieren sich kaum über Fachmedien. Umso verheerender sind die Folgen vermeintlich »wertvoller« Dokumentarfilme. Im Herbst 2018 lief David Sievekings Streifen »Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkungen«. Der Autor spricht mit anderen Laien über die vermeintliche Teratogenität von Hilfsstoffen wie Aluminiumhydroxid oder Ethylquecksilber. Dass Menschen weitaus größere Mengen dieser Substanzen über die Umwelt aufnehmen, ignoriert er. Weitere Recherchen und Gespräche folgen. Am Ende kommt Sieveking zu einem überraschenden Fazit: Lebendimpfstoffe seien eher gut und Totimpfstoffe eher schlecht. Als Erklärung führt er eine umstrittene Theorie des dänischen Wissenschaftlers Peter Aaby an: Lebende Vakzine sollen nicht nur zur Produktion von Antikörpern führen, sondern das Immunsystem unspezifisch gegen weitere Infektionen »trainieren«. Aabys Studien ließen sich von anderen Forschern nicht immer reproduzieren. Sie sind keinesfalls geeignet, um Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu hinterfragen.

Die Fakten sehen

Ähnlich desaströse Folgen haben Donald Trumps Tweets über vermeintliche Autismus-Risiken nach Schutzimpfungen. Wie der US-Präsident darauf kommt, zeigt ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte. Bereits 1998 erschien im Fachblatt »The Lancet« eine Studie. Anhand von zwölf Fällen wollte der britische Arzt Andrew Wakefield beweisen, dass Zusammenhänge zwischen Autismus und einem Mumps-Masern-Röteln-Kombinationsimpfstoff bestehen. Später kam auf, dass Wakefield Gelder einer Elternvereinigung mit autistischen Kindern erhalten hatte. Ihr Ziel war, Impfstoff-Hersteller zu verklagen. Am Ende verlor Wakefield seine Approbation, und The Lancet zog seine Veröffentlichung zurück. Im März 2019 schlugen Forscher zurück. Sie zeigten anhand einer Kohorte mit 650.000 Kindern aus Dänemark, dass MMR-Impfungen nicht zu einem erhöhten Risiko für Autismus führen. Doch das Gerücht hält sich bis heute. Wakefield selbst gibt sich nicht geschlagen. In seinem Film »Waxxed: Die schockierende Wahrheit« kritisiert er, US-Behörden hätten Zusammenhänge vertuscht.

Auch das Risiko, nach Impfungen an einer Narkolepsie zu erkranken, wird – verglichen mit Risiken durch virale Infektionen – stark überbewertet. Im Zuge der pandemischen (H1N1) 2009-Influenza-Epidemie wurden weltweit unter anderem 31 Millionen Dosen Pandemrix® verimpft. Die Gabe war mit zirka 200 Narkolepsie-Fällen assoziiert. Vermutlich richten sich neu entstandene Antikörper nicht nur gegen das Virus, sondern gegen körpereigene Strukturen, die den Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen regulieren.

Viele Fragen bleiben offen. Doch das mediale Interesse an Narkolepsien ist gewaltig. Die Impfmüdigkeit hat aber noch weitere Gründe. Wer wenig Zeit und viel Stress hat, verzichtet auf lange Wartezeiten beim Arzt. In Flächenländern kommen noch weite Wege hinzu. Das müsste nicht sein, so lange es noch ein dichtes Netz an Apotheken gibt. In 20 Schweizer Kantonen haben Apotheker mit entsprechenden Fortbildungen die Möglichkeit, Patienten zu impfen. Warum zieht Deutschland nicht nach? Der politische Wille ist da, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gilt als klarer Befürworter solcher Leistungen. Apotheker können sich das auch in Deutschland vorstellen, während Ärzte dagegen Sturm laufen.

Kommt die Impfpflicht?

Bis Deutschlands Gesundheitspolitiker eine Entscheidung treffen, kann noch viel Zeit vergehen. Umso kontroverser diskutieren sie über mögliche Impfpflichten. Mehr als zehn europäische Länder haben sich zu solchen Maßnahmen entschlossen. Auch bei uns liefert das Infektionsschutzgesetz (§ 20 Absatz 6 und Absatz 7) eine gesetzliche Legitimation. Karl Lauterbach (SPD) kündigte im Januar an, beim Bundesgesundheitsminister dafür zu werben. Bisherige Kampagnen für eine freiwillige Impfung hätten sich als »nicht hinreichend« erwiesen. Laut Umfragen der Schwenninger Krankenkasse befürworten mehr als acht von zehn Bundesbürgern eine Impfpflicht speziell für Kinder. Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) steht hinter klaren Vorgaben.

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