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Hypochondrische Störung

Krank vor Angst

Für wie viele Menschen in Deutschland Krankheitsangst bis hin zur Todesangst zu einem realen täglichen Begleiter geworden ist, weiß man nicht. Die Erkrankung wird zum einen nur verhältnismäßig selten wissenschaftlich untersucht und zum anderen suchen viele Betroffene aus Scham keine professionelle Hilfe. Recht sicher weiß man aber, dass beide Geschlechter ungefähr gleich häufig betroffen sind. Ärzte siedeln die Störung irgendwo zwischen somatoformen, Angst-, Panik- und Zwangsstörungen an. In der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme 10. Revision (ICD-10) ist sie als eine psychische Störung aus der Untergruppe der somatoformen Störungen klassifiziert. Die Autoren der 11. Revision (ICD-11) ordnen die hypochondrische Störung hingegen dem Kapitel 6B2 »Zwangsstörungen und verwandte Erkrankungen« zu.

Bei Zwangserkrankungen ist die Angst ein bestärkender Faktor. Patienten glauben, schlimmes vermeiden zu können, sofern sie bestimmte Rituale oder Handlungen immer wieder durchführen. Die Erleichterung währt meist nur kurz. Beim nächsten Verlassen des Hauses müssen Betroffene wieder zehn Mal kontrollieren, dass der Herd auch wirklich aus ist. Menschen mit Krankheitsangst müssen beim nächsten Kopfschmerz wieder den Arzt aufsuchen und sich versichern lassen, keinen Schlaganfall oder Hirntumor zu haben. Die Krankheit dominiert schließlich alle Lebensbereiche und führt sowohl im Privatleben als auch im Beruf zu Konflikten. Oft entwickeln Betroffene auch weitere Störungen, etwa eine Depression oder Angststörung.

Wurzeln in der Vergangenheit

Die Grundsteine für eine hypochondrische Störung werden in der Regel bereits in der Kindheit und Jugend gelegt. »Betroffene haben oft schwere Krankheiten als junge Menschen selbst oder bei einem engen Familienmitglied erlebt«, erzählt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Besonders prägend sei, wenn Menschen als Kinder oder Jugendliche auf der Intensivstation behandelt werden mussten und dort um ihr Leben gekämpft haben. Auch wenn Eltern oder Geschwister schwer erkrankten, deren Leben bedroht war, sie vielleicht sogar an einer Krankheit gestorben sind, ist das für Heranwachsende eine sehr intensive Erfahrung, die Spuren hinterlassen kann. »Eine andere Ursache für die hypochondrische Störung können überprotektive Eltern sein«, weiß Langs. »Wenn Mutter oder Vater ständig vor schlimmen Krankheiten warnt und dem Kind einredet, dass selbst ein Schnupfen gefährlich und unbedingt zu vermeiden ist, entwickeln die Heranwachsenden eine falsche Einstellung zu Krankheiten.« Welche Rolle eine mögliche genetische Veranlagung spielt, ist noch unklar. Ziemlich sicher ist indes, dass sich die modernen Medien oft krankheitsverstärkend auswirken. »Viele Menschen mit hypochondrischer Störung konsultieren bei den kleinsten Bagatellen ›Dr. Google‹«, berichtet der Experte. Im Internet kann jedoch bereits aus Nichtigkeiten eine tödliche Krankheit werden, wenn man nur lange und intensiv genug nach entsprechenden Bestätigungen sucht. Ein weiterer fördernder Faktor können Fernsehserien und -filme sein, die Themen rund um Krankheit und Tod behandeln. Bei vulnerablen Menschen können sie dazu führen, dass sie bei sich selbst die dargestellten Symptome festzustellen glauben. Auch wer sich in der Ausbildung oder von Berufs wegen viel mit Krankheiten und deren Anzeichen beschäftigt, kann vorübergehende hypochondrische Phasen durchlaufen.

Ob die Krankheitsfurcht während der Corona-Pandemie zugenommen hat, ist unklar. »Für Menschen mit entsprechender Disposition kann die aktuelle Gesundheitskrise aber durchaus ein Auslöser dafür sein, dass die Störung erstmalig auftritt oder sich ein neuer Schub einstellt«, sagt der Experte.

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