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Bewusster einkaufen

Lebensmittel genießen statt wegwerfen

Weltweit wandern große Mengen Lebensmittel ungenutzt in den Müll. Die zu viel produzierten Nahrungsmittel wirken sich merklich auf den Klimawandel aus. Ein bewusster Einkauf und geschickte Planung sind gefragt, um überflüssige Abfälle zu vermeiden und Ressourcen einzusparen.
Ulrike Becker
02.01.2020
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Klimawandel ist in aller Munde, und die Bereitschaft ist derzeit groß, das eigene Verhalten im Hinblick auf den Klimaschutz zu hinterfragen. Schnell geht es da um Flüge in den Urlaub oder die tägliche Nutzung des Autos. An den Lebensmitteleinkauf dürften dabei die wenigsten denken. Wissenschaftler haben jedoch errechnet, dass es merklich CO2-Emissionen senkt, wenn möglichst viele Menschen so wenig wie möglich Lebensmittel wegwerfen.

Denn jedes Lebensmittel, das produziert, transportiert, vermarktet, gelagert und eingekauft wird, verbraucht wertvolle Rohstoffe und Energie. Das Entsorgen und Neubeschaffen frischer Ware  vergeudet wichtige Ressourcen. Landet beispielsweise ein Kilogramm Brot im Müll, werden 1610 Liter Wasser verschwendet, etwa zehn Badewannen voll. Experten der Deutschen Umwelthilfe haben berechnet, dass allein die vermeidbaren Lebensmittelabfälle mit etwa 48 Millionen Tonnen CO2 zum Klimawandel beitragen.

Politik wird aktiv

Etwa ein Drittel der insgesamt produzierten Lebensmittel landet im Müll: weltweit 1,3 Milliarden Tonnen jährlich. Die Gründe sind vielschichtig, und viele Akteure beteiligen sich daran, Hersteller und Landwirtschaft ebenso wie Handel und Verbraucher. Besonders bitter: Gleichzeitig leiden noch immer 820 Millionen Menschen auf der Welt Hunger.

Wissenschaftler sind sich einig, dass ein großer Teil der Lebensmittelabfälle vermeidbar ist. Und damit sind nicht nur die Verbraucher gemeint, die ihren welken Salat entsorgen oder denen zu viel eingekauftes Brot schimmelt. Bereits beim Anbau, bei der Verarbeitung und der Vermarktung sind Veränderungen nötig. Die Vereinten Nationen haben 2015 die »Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung« verabschiedet. Unter anderem ist dort verankert, die weltweite Lebensmittelverschwendung bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren.

Die deutsche Regierung hat sich diesem Vorhaben im Februar 2019 angeschlossen und die »Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung« beschlossen. Anfang November tagte dazu das »1. Nationale Dialogforum«, mit dem das Ernährungsministerium die Vernetzung aller Beteiligten entlang der Lebensmittelkette fördern will. Als ein erster Schritt ist eine neue Internetplattform beziehungsweise Smartphone-App geplant, die es Unternehmen und dem Handel erleichtern sollen, genießbare, nicht verkaufte Lebensmittel an soziale Einrichtungen wie die »Tafeln« abzugeben. Erwartet wird von politischer Seite, dass so bis zu 40 Prozent essbarer Lebensmittel vor einer Entsorgung bewahrt werden.

Die ehrenamtlichen Helfer der bundesweit mehr als 940 gemeinnützigen »Tafeln« verteilen bislang bereits jährlich mehr als 260.000 Tonnen Lebensmittel. Denn während Essbares tonnenweise im Müll landet, leben gleichzeitig etwa 14 Millionen Menschen in Deutschland unterhalb der Armutsgrenze. Über 1,6 Millionen Bedürftige nutzen das Angebot und versorgen sich mit von Unternehmen oder Supermärkten abgegebenen Lebensmitteln.

75 Kilo pro Jahr

Rein rechnerisch entsorgt in Deutschland jeder Mensch etwa 75 Kilogramm noch essbare Lebensmittel pro Jahr. Das sind 52 Prozent des gesamten Lebensmittelabfalls. Diese Zahlen hat das Johann Heinrich von Thünen-Institut im Auftrag des Ernährungsministeriums berechnet und im September 2019 veröffentlicht.

Doch auch bei der Produktion und der Verarbeitung entstehen Abfälle. Durch den Groß- und Einzelhandel wandern weitere Anteile in die Tonne, und die Außer-Haus-Verpflegung ist ebenfalls für Lebensmittelabfälle verantwortlich. Das summiert sich hierzulande auf eine Menge von knapp zwölf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle jährlich. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hat berechnet, dass diese Menge in Lastwagen verladen 440.000 Sattelschlepper füllen würde. Aufgereiht könnten die LKWs eine Strecke von Oslo nach Lissabon und zurück blockieren. Auch der Wert der vernichteten Lebensmittel ist enorm: Etwa 25 Milliarden Euro schmeißen die Deutschen buchstäblich in den Müll.

Circa 14 Prozent der produzierten Lebensmittel verderben bereits auf dem Weg zum Handel, vor allem Gemüse und Obst. Das betrifft besonders heiße Regionen wie Länder in Afrika oder Indien. Dabei spielen auch unsachgemäße Lagerung, schlechte und zu lang dauernde Transportwege, unzureichende Handelslogistik, Fehler bei der Ernte oder in der Verarbeitung eine Rolle. Auch Schwierigkeiten bei der Vermarktung kommen hinzu. In Europa wird Gemüse, das nicht der Norm entspricht, oftmals gar nicht geerntet.

Veränderungen der Konsumgewohnheiten sind ein weiterer Faktor für wachsende Abfallberge. Früher wurden die Lebensmittel meist komplett genutzt und aus Resten wie beispielsweise Spargelschalen noch eine Suppe gekocht. In der Tierverwertung hat sich diesbezüglich besonders viel geändert. So sind Innereien, Knochen oder Flügel hierzulande kaum noch gefragt, und immer weniger Menschen können diese überhaupt noch zubereiten.

Genießen statt wegwerfen

Die großen Verluste in den privaten Haushalten lassen sich auf mehrere Gründe zurückführen. So kommt dem Planen von Mahlzeiten, der Vorratshaltung oder gezieltem Einkaufen in einer Überflussgesellschaft immer weniger Bedeutung zu. In vielen Haushalten stehen kaum noch Mahlzeiten aus frischen Lebensmitteln auf dem Tisch, geschweige denn werden Reste verarbeitet.

Es fehlt an Zeit, aber auch an ausreichend Kenntnissen: Wie lange ist Frisches oder Abgepacktes eigentlich haltbar, oder wie lassen sich Reste kreativ verwenden? Wissenschaftler sprechen einem unzureichenden Haushalts- und Ernährungsmanagement die Hauptverantwortung für die Lebensmittelverluste im privaten Bereich zu. Sie fordern, an diesen Defiziten gezielt anzusetzen und die verlorenen Fähigkeiten schon von klein auf zu vermitteln. Die Themen Kochen, Vorratshaltung und Ernährung gehören ihrer Meinung nach auf den Stundenplan.

Spannend ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Müllanalyse: Die entstehenden Abfallmengen unterscheiden sich nach Bevölkerungsgruppen und sozialer Lage. Ein ausgeprägtes Wergwerfverhalten zeigt sich bei unter 30-Jährigen, Zwei-Personen-Haushalten und bei Menschen mit hohem Bildungsgrad. Letztere sind meist beruflich stark eingebunden und verfügen über ein überdurchschnittliches Einkommen. Fehlende Zeit für Einkaufsplanung oder der fehlende Überblick über die Vorräte zu Hause scheinen an den überdurchschnittlichen Abfallmengen beteiligt zu sein.

Dagegen werfen Menschen über 50 Jahren, nicht erwerbstätige Hausfrauen, Arbeitslose oder Rentner unterdurchschnittlich wenig Lebensmittel oder Speisereste weg. Der sparsamere Umgang ist einerseits begrenzten finanziellen Mitteln geschuldet, andererseits aber auch einer größeren Wertschätzung gegenüber Essbarem. Die Analysen von Hausmüll zeigen zudem, dass im ländlichen Raum weniger weggeworfen wird als in städtischen Gebieten. Ein weiterer Punkt für leichtfertiges Entsorgen von Genießbarem sind vermutlich die günstigen Lebensmittelpreise.

Angebot ändern

Der Lebensmitteleinzelhandel ist zwar nur für vier Prozent der Lebensmittelverluste verantwortlich, doch ebenfalls gefordert, Veränderungen anzustoßen. Passendere Bestellmengen und kleinere Warenlieferungen nennt die Bundesregierung in ihrem Aktionsplan als mögliche Maßnahmen. Tatsächlich gilt als hauptsächlicher Grund für Lebensmittelverluste im Handel, dass die angeforderte Warenmenge nicht dem Abverkauf entspricht. Verderbliche Waren landen so regelmäßig im Container.

Bei Brot und Backwaren ist es sogar üblich, über den Bedarf zu planen, damit Kunden auch kurz vor Ladenschluss noch aus dem vollen Sortiment wählen können. Erhebungen lassen vermuten, dass nahezu jede fünfte Backware entsorgt wird. In vielen Märkten gilt das auch für die Frischeabteilung. Beschädigte Verpackungen oder andere optische Mängel sind weitere Gründe, noch genießbare Waren auszusortieren.

In Frankreich ist es den Supermärkten seit 2016 verboten, Lebensmittel wegzuwerfen. Die Einzelhändler sind verpflichtet, sie an soziale Einrichtungen zu spenden. Wer trotzdem Genießbares entsorgt, dem droht eine empfindliche Geldstrafe. Kontrolliert wird die Umsetzung der Vorschrift allerdings nicht. Italien setzt dagegen nicht auf gesetzliche Regelungen, sondern auf Anreize. Kann der Betreiber eines Supermarkts belegen, dass er regelmäßig Lebensmittel gespendet hat, erhält er eine Vergünstigung bei den Abfallgebühren.

Vieles länger haltbar

Experten ist das derzeit vorgeschriebene Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ein Dorn im Auge. Noch immer glauben viele Verbraucher, dass das auf verpackte Lebensmittel aufgedruckte Datum festlegt, wie lange ein Produkt noch genießbar ist.

Doch mit der Pflichtangabe versichern die Hersteller lediglich, dass bis zu diesem Termin die Qualität in puncto Geruch, Geschmack, Farbe, Konsistenz und Nährwert gewährleistet ist.

Die Mehrzahl der Produkte ist auch nach dem MHD noch einwandfrei. Die Verbraucherzentralen motivieren Kunden daher, ihren eigenen Sinnen zu trauen. Wenn ein Lebensmittel unauffällig aussieht, normal riecht und schmeckt, ist es in der Regel auch genießbar. Lebensmittel, die einen säuerlichen Geruch verströmen, eine schmierige Oberfläche haben, Schimmelbildung zeigen oder verfärbt sind, sollten dagegen entsorgt werden.

Lediglich bei Hartkäse reicht es aus, mit Fremdschimmel befallene Stellen großzügig abzuschneiden. Das Mindesthaltbarkeitsdatum führt auch im Einzelhandel zu unnötigen Verlusten. Häufig räumen die Marktbetreiber die Ware schon kurz vor dem Termin aus dem Regal. Bei schnell verderblicher Ware wie frischem Hack- oder Geflügelfleisch muss statt MHD ein Verbrauchsdatum auf der Verpackung angegeben sein. Nach diesem Termin sollte leicht Verderbliches tatsächlich nicht mehr verzehrt werden, da die Gefahr bakterieller Verkeimung besteht.

Portionen anpassen

In den Küchen der Außer-Haus-Verpflegung – ob in Kantinen, Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schnellimbissen oder der gehobenen Gastronomie – wandern ebenfalls täglich essbare Reste in die Tonne. Etwa 14 Prozent der gesamten Lebensmittelabfälle stammen aus diesem Bereich. Das Überangebot beispielsweise bei einem umfangreichen Frühstückbüfett im Hotel verführt viele Gäste dazu, sich den Teller reichlich zu beladen. Vieles wird dann doch nicht gegessen und landet im Müll.

Auch auf den Tabletts von Patienten in der Klinik oder in der Kantine bleiben regelmäßig Reste liegen. Neben zu großen Bestellmengen sind daran unflexible Portionsgrößen beteiligt. Dass Gäste im Restaurant ihre Reste in einer Box mit nach Hause nehmen, ist in Amerika als Doggybag – also Reste für den Hund – schon lange üblich. Inzwischen haben sich auch in Deutschland die meisten Restaurants darauf eingestellt, Reste der bestellten Mahlzeit mitzugeben, und immer mehr Menschen trauen sich, diesen Service in Anspruch zu nehmen.

Engagierte Lebensmittelretter

Das Problem der Lebensmittelverschwendung ist seit der Dokumentation »Taste the Waste« von Valentin Thurn vielen Bundesbürgern stärker ins Bewusstsein gerückt. Der beeindruckende Kinofilm von 2011 zeigt den Wahnsinn der Vernichtung von genießbaren Lebensmitteln in Europa auf und führt den Zuschauern den immensen Unterschied zwischen Überfluss und Mangel vor Augen. Zwei Jahre später entstand auf Initiative des Filmemachers die Internetplattform www.foodsharing.de, mit dem Ziel, essbare Lebensmittel einzusammeln und kostenlos zu verteilen. Mittlerweile haben sich über 200.000 Nutzer in Deutschland, Österreich, der Schweiz und weiteren europäischen Ländern registrieren lassen, die sich vor Ort für Lebensmittelrettung einsetzen und beispielsweise an Marktständen nicht verkauftes Gemüse oder von Supermärkten abgelaufene Joghurts abholen und in zentrale Verteilstellen bringen. Über eine App werden Interessenten informiert, wo »gerettete« Lebensmittel abgeholt werden können.

Inzwischen gibt es etliche Initiativen, die Lebensmittel verwerten, die auf dem Acker liegen bleiben, im Einzelhandel übrig sind oder deren Haltbarkeit überschritten ist. So bietet eine engagierte Frau in Köln in ihrem Laden (The Good Food) nur gerettete Lebensmittel an, in Berlin kocht ein Restaurant ausschließlich aus verwertbaren Resten, und zahlreiche kleine Start-up-Unternehmen verkaufen Knödel aus altem Brot, Brotaufstriche aus Gemüseresten oder Fruchtpapier aus Obstabfällen.

Um über solch innovative Ideen und Tipps zur Abfallvermeidung zu informieren, hat das Ernährungsministerium eigens zwei Internetplattformen ins Leben gerufen: www.lebensmittelwertschätzen.de und www.zugutfuerdietonne.de.

Dort finden sich zahlreiche Tipps, wie Lebensmittelreste sinnvoll und lecker verwendet werden können. Die Experten entwickelten beispielsweise eine App für Smartphone oder Tablet, die über 550 Rezeptideen für die Resteverwertung bereithält. Über die App »Too good to go« informieren Gastronomen, wenn sie überschüssiges Essen haben und bieten es zu reduzierten Preisen an.

Den Wert schätzen

Jeder gepflückte Apfel, jeder produzierte Liter Milch und erst recht jedes Stück Fleisch benötigt Energie und Rohstoffe, um bei uns auf dem Teller zu landen. Wer sich das einmal bewusst macht, wird überlegter einkaufen und sorgsamer mit Lebensmitteln umgehen. Vor dem Einkauf einen Blick auf die Vorräte werfen, die Mahlzeitengestaltung darauf abstimmen, nicht zu viel auf einmal einkaufen und anfallende Reste kreativ zubereiten – das sind machbare Schritte, um der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. Die Vermeidung von Lebensmittelabfall ist gelebter Klimaschutz, schreibt der Verein United Against Waste. In Zeiten der allgegenwärtigen Klimadiskussion eine starke Motivation, Lebensmittel sorgsamer zu verwenden.

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