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Sprung ins eiskalte Nass

Leidenschaft Eisschwimmen

In Skandinavien ist das Eisschwimmen eine Art Nationalsport. Auch hierzulande findet es immer mehr Anhänger. Was fasziniert Menschen daran, im Winter in einen eiskalten See zu steigen und zu schwimmen?
Narimaan Nikbakht
26.02.2020
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Klirrende Kälte, Sonne satt, 3°C Wassertemperatur. Julia Wittig, 38, gleitet durch den Wöhrsee. Wann immer es geht, trainiert die Grundschullehrerin hier. Für eine Distanz von 1000 Metern im Eiswasser hielt sie bis 2017 sogar den Weltrekord – mit einer Zeit von 13 Minuten und 7 Sekunden. 2018 brach eine junge Schwimmerin den Rekord mit 12 Minuten und 48 Sekunden.

Julia erinnert sich: »Die ersten 500 Meter haben sich noch okay angefühlt, die zweiten 500 Meter taten dann aber schon weh.« Viele Zuschauer sagen deshalb, die wahren Helden von Eismeisterschaften sind eigentlich nicht die ganz schnellen Schwimmer, sondern die langsamen – weil sie noch viel länger im eiskalten Wasser ausharren müssen. Die langsamsten Schwimmer bei der Weltmeisterschaft benötigten für den Kilometer rund 25 Minuten.

Glück und Ruhe

Menschen, die es regelmäßig ausüben, sagen, dass Eisschwimmen süchtig macht. Dafür gibt es auch eine biologische Erklärung: Der Körper setzt, sobald er mit dem kalten Wasser in Kontakt kommt, Adrenalin und Endorphine frei. Das löst bei den Schwimmern Glücksgefühle und eine tiefe Ruhe aus, die den ganzen Tag über anhalten.

Schwimmen war schon immer Julias Leidenschaft. Zum Eisschwimmen kam sie aber mehr durch Zufall. »Der Wöhrsee liegt bei mir um die Ecke. Vor vier Jahren etwa habe ich im Winter tatsächlich Schwimmleinen dort entdeckt. Von der Neugier gepackt, habe ich es einmal ausprobieren wollen. Ich bin dann quasi vom Sommerbaden zum Winterschwimmen gekommen«, erzählt sie.

Sportliche Herausforderung

Viele schütteln den Kopf über ihr Hobby: Wie kann jemand nur freiwillig im kalten Wasser schwimmen, wenn draußen Schnee liegt und der See teilweise zugefroren ist? »Ich brauche von Zeit zu Zeit eine Herausforderung. Bei mir ist es oft irgendetwas sportlich Extremes und dann kann ich auch gemütlich auf der Couch liegen und meinen Cappuccino genießen«, so Julia. Sie findet es spannend, die eigene Schmerz- und Belastungsgrenze nach oben zu schieben.

Und dann gibt es ja auch noch einen positiven Nebeneffekt: »Ich bin in diesem Winter, obwohl um mich herum die Grippe grassierte, nicht krank geworden. Außerdem habe ich durch die antrainierte Kälteanpassung im Winter nie Handschuhe an, die Heizung läuft ‚niedrigtourig‘ und ich schlafe nur mit einer dünnen Sommerdecke«, so Julia.

Training für Immunsystem und Gefäße

Tatsächlich stärkt Eisschwimmen das Immunsystem und kurbelt Durchblutung und Kreislauf an. Beim Eintauchen in das kalte Wasser verengen sich die Hautgefäße, zugleich weiten sich die Blutbahnen, damit das Blut weiter zirkulieren kann. Der Körper muss durch die blitzschnelle Abkühlung so schnell wie möglich die Wärme ins Körperinnere zu den lebenswichtigen Organen transportieren. Die Extremitäten sind deshalb am kältesten. Einzelne Finger und Zehen spürt man nicht mehr im Eiswasser.

Das alles ist ein gutes Training für die Gefäße und wirkt ähnlich wie Wechselduschen oder das Eiswasserbecken nach dem Saunagang. Auch die Haut profitiert vom Wechsel der Temperaturen und wird straffer und rosiger. Zudem können sich Eisschwimmer über einen erhöhten Verbrauch an Kalorien freuen. Um die normale Körpertemperatur zu halten, muss der Organismus viel Energie freisetzen. 10 bis 15 Minuten Schwimmen im Eiswasser entsprechen circa 75 bis 90 Minuten Schwimmen im warmen Hallenbad.

Ohne Neoprenanzug

Wer sich nun fragt, warum Winterschwimmer nicht einfach einen Neoprenanzug tragen: Dieser ist beim Winterschwimmen gar nicht erlaubt. Denn das Material würde es für den durch die Kälte ohnehin schon empfindlichen Körper noch schlimmer machen. Durch den Neoprenschutz würde die Kälte an freien Stellen wie Händen und Füßen nämlich noch viel kälter empfunden werden – was das Schwimmen weiter erschweren würde.

Julia gibt zu: »Man muss ein bisschen verrückt sein fürs Eisschwimmen. Für die Geschwindigkeit trainiere ich im Becken – ab Herbst geht es in den See, um den Körper an die Kälte zu gewöhnen. Trotzdem spüre ich im 5 °C kalten Wasser irgendwann nicht mehr, dass ich Finger habe – sie fühlen sich dann eher wie Klumpen an.« Nach ihren Rennen badet sie deshalb oft mit Mütze und Schal in einem Wärme-Bottich und trinkt Tee.

»Für mich ist es tatsächlich nicht so sehr das Eisschwimmen an sich, das Spaß macht. Es ist eher das Gefühl, wenn sich all meine Mühe auszahlt, ich mein Ziel erreicht habe und sich viele Menschen mit mir freuen. Das macht mich immer sehr dankbar und glücklich. Mein Körper, den mein Kopf zu solchen Leistungen antreibt, bleibt für mich immer ein Wunder.«

Julia Wittig schwimmt im Verein »Serwus Burghausen« (www.serwusburghausen.de). Auch viele weitere regionale Vereine, Clubs und Bäder bieten Winterschwimmen an.

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