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Neuromuskuläre Erkrankungen

Leitsymptom Muskelschwund

Der Begriff neuromuskuläre Erkrankung beschreibt eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheiten, deren gemeinsames Leitsymptom die Abnahme der Muskelmasse ist. Die meisten von ihnen sind selten, fortschreitend und nicht heilbar.
Carina Steyer
28.05.2019
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Die Schätzungen über die Zahl der Menschen, die in Deutschland an einer neuromuskulären Erkrankung leiden, gehen weit auseinander. Die Vermutungen reichen von 50.000 bis 300.000 Betroffenen, eine offizielle Statistik gibt es nicht. Nach einer Klassifikation des Neurologen John Walton gibt es etwa 800 verschiedene Formen von neuromuskulären Erkrankungen. Alle sind selten, einige von ihnen treten nur wenige Male auf, andere hingegen gelten unter den seltenen Erkrankungen als häufig. In den meisten Fällen ist die Ursache ein Gendefekt. Mediziner kennen heute bereits mehr als 700 verschiedene genetische Störungen und entdecken noch immer neue Varianten. Weitere Auslöser können Stoffwechselkrankheiten, Autoimmunprozesse, Infektionen, Toxine, Ischämien oder Traumata sein.

Neuromuskuläre Erkrankungen führen dazu, dass bestimmte Muskel- oder Nervenzellen absterben. Betroffen sein können die für die Bewegung zuständigen Nervenzellen im Rückenmark, die Nervenfasern, der Übergang von der Nervenfaser auf den Muskel oder die Muskeln selbst. Unabhängig davon, welcher Bereich betroffen ist, immer resultiert eine Abnahme der Muskelmasse - der Volksmund spricht von Muskelschwund. Je nach Krankheit kommen weitere Symptome wie Muskelschwäche und schnelle Ermüdbarkeit, Muskelschmerzen, Muskelkrämpfe, Gefühlsstörungen oder Lähmungen hinzu. Die Symptome können auf wenige Muskelgruppen begrenzt bleiben oder die gesamte Muskulatur erfassen. Auch das Herz und die Atemmuskulatur können betroffen sein. Die Mehrzahl der Erkrankungen schreitet fort.

Heterogenes Krankheitsbild

Neuromuskuläre Erkrankungen können in jedem Lebensalter auftreten. Die Anfangssymptomatik fällt dabei ganz unterschiedlich aus. Betroffene Ungeborene sind bereits im Mutterleib auffällig ruhig und bewegen sich wenig. Neugeborene zeigen eine ungewöhnliche Trinkschwäche, verschlucken sich oder husten beim Trinken häufig. Aus der zu geringen Nahrungsaufnahme kann sich eine Gedeihstörung entwickeln. Im weiteren Verlauf können sich Entwicklungsverzögerungen bei den typischen Meilensteinen zeigen. Die Babys erlangen die Kopfkontrolle später und brauchen mehr Zeit, um Sitzen und Laufen zu lernen. Ältere Kinder können durch Haltungsstörungen mit einem übermäßigen Hohlkreuz oder einem auffällig breitbeinigen, schaukelnden Gang auffallen. Erwachsene bemerken in der Regel eine plötzliche Veränderung ihrer Motorik. Die Arme sind auf einmal ungewohnt schwach, ein Finger kann nicht mehr kontrolliert werden, es treten Schwierigkeiten beim Treppensteigen auf, man stolpert ungewöhnlich häufig oder entwickelt eine Gangstörung. Sind die Atemmuskulatur oder das Herz mit betroffen, können Atem- oder Herzbeschwerden Anlass für einen Arztbesuch sein.

Erste Ansprechpartner sind für die meisten Betroffenen zunächst die behandelnden Kinder- und Hausärzte. Die Heterogenität der Krankheitsbilder und die Seltenheit machen die Diagnose jedoch schwierig, so dass in der Regel zügig an einen Neurologen oder ein neuromuskuläres Zentrum überwiesen wird.

Erfahrene Ärzte können oft schon nach der Überprüfung der Muskelkraft von Armen, Beinen, Kopf und Rumpf, der Reflexe und der Bestimmung des Muskelenzyms Kreatinkinase im Blut eine Verdachtsdiagnose stellen. Die Bestätigung und Identifizierung einer zugrundeliegenden genetischen Veränderung erfolgt anschließend mit einer genetischen Untersuchung.

Kaum Heilungschancen

Die Komplexität neuromuskulärer Erkrankungen und ihre Seltenheit haben dazu geführt, dass bisher nur für wenige Formen Medikamente für eine ursächliche Behandlung zur Verfügung stehen. Dazu gehört die Speicherkrankheit Morbus Pompe, bei der ein Mangel des Enzyms α-1,4-Glukosidase vorliegt, der durch eine Enzymersatztherapie ausgeglichen werden kann. Mit dem Arzneistoff Riluzol lässt sich der Verlauf der amyotrophen Lateralsklerose verlangsamen. Ein kleiner Teil der Patienten mit Muskeldystrophie Duchenne kann mit dem Arzneistoff Ataluren behandelt werden.

Voraussetzung ist das Vorliegen einer sogenannten Nonsense-Mutation, die bei etwa 13 Prozent der betroffenen Jungen vorkommt. Dabei handelt es sich um eine Punktmutation, die zu einem Abbruch der Translation und Proteinbiosynthese führt. Ataluren bewirkt, dass der mutierte Bereich überlesen und das Dystrophin zumindest zu einem geringen Anteil gebildet wird.

Die Mehrzahl der neuromuskulären Erkrankungen lässt sich derzeit allerdings nur symptomatisch behandeln. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie inklusive Schlucktherapie gehören für viele Patienten zum Alltag. Dazu können Operationen wie Sehnenverlängerungen oder -kürzungen sowie das Einsetzen eines Herzschrittmachers kommen. Ist die Atemmuskulatur beteiligt, muss der Betroffene womöglich künstlich beatmet werden. Hilfsmittel wie Schienen, ein Korsett oder ein Rollstuhl können Einschränkungen verringern, den Alltag erleichtern und die weitere Teilhabe am sozialen Leben ermöglichen. Dazu kommen psychologische und sozialmedizinische Maßnahmen. Ziel ist es, die verbliebene Muskelfunktion möglichst lange zu erhalten, Gelenk- und Muskelversteifungen zu vermindern, Fehlhaltungen und Schmerzen zu verbessern und dem Fortschreiten der Erkrankung entgegen zu wirken.

Neue Therapieansätze

Die Forschung hat in den vergangenen Jahren gute Fortschritte in der Aufklärung der genetischen Grundlagen neuromuskulärer Erkrankungen gemacht und damit die Suche nach neuen Medikamenten angetrieben. So sind laut einem Bericht des Unternehmens IQVIA derzeit 165 Unternehmen in 20 Ländern mit der Entwicklung neuer Therapieansätze beschäftigt.

Dazu gehören Gentherapien, welche die geschädigten und mutierten Gene sowie ihre nicht-funktionalen Proteine ersetzen sollen; Small Molecules, die durch ihre geringe Größe in die betroffenen Zellen eindringen und dort ihre Wirkung entfalten. Proteine oder Peptid-Moleküle sollen die fehlenden oder zu wenig vorhanden körpereigenen Proteine ersetzen. Antisense-Oligonukleotide sollen den Grad beschädigter oder nicht-funktionaler Proteine reduzieren oder diese so verändern, dass sie als Ersatz für die veränderten Proteine dienen können.

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