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Mythen und Fakten

Macht’s die Milch?

Das Image von Milch als gesundem Nahrungsmittel bröckelt. Vorwürfe gegen das Kultgetränk: Milch löse Allergien aus, Akne und sogar Krebs. Was ist dran an diesen Schlagzeilen?
Ulrike Becker
07.08.2020  15:30 Uhr

Milch gilt gemeinhin als wertvolles Nahrungsmittel und ist in Form von Muttermilch perfekt auf den wachsenden Organismus abgestimmt. In den letzten Jahren mehren sich jedoch bezüglich des Konsums von Kuhmilch kritische Stimmen – nicht nur von Tierschützern, die die Massentierhaltung anprangern. Auch wissenschaftliche Veröffentlichungen deuten darauf hin, dass eine differenzierte Betrachtung notwendig ist und sich der regelmäßige Genuss von reichlich Milch möglicherweise negativ auf die Gesundheit auswirkt.

Milch und Milchprodukte dienen den Menschen in Mitteleuropa seit über 7000 Jahren als Lebensmittel. Heute empfehlen Ernährungswissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in ihren zehn Regeln für eine vollwertige Ernährung als Orientierungswert, täglich 200 bis 250 Gramm Milch und Milchprodukte und zwei Scheiben Käse (etwa 50 bis 60 Gramm) zu verzehren. Gut verfügbares Protein und ein beachtlicher Gehalt an den Vitaminen A, B2 und B12 sprechen für den regelmäßigen Verzehr des nährstoffreichen Lebensmittels. Milch und Milchprodukte sind zudem die bedeutsamsten Calciumquellen: Etwa 40 Prozent des mit der Nahrung aufgenommenen Knochenbausteins stammen aus Milch, Joghurt, Kefir, Quark oder Käse. Milch sorgt auch für die Zufuhr an weiteren Mineralstoffen wie Zink und Magnesium und trägt zur Versorgung mit Vitamin D, Biotin und Pantothensäure bei. Über die Anreicherung von Tierfutter mit Jod stellt Milch mittlerweile sogar die wichtigste Nahrungsquelle für Jod dar. Nährstoffe wie Calcium und Vitamin B2 sind aus Milch und Milchprodukten außerdem besser verfügbar als aus pflanzlichen Lebensmitteln.

Nach Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung hat im Jahr 2019 jeder Bundesbürger 49,5 Kilogramm sogenannte Konsummilch, das heißt wärmebehandelte Frischmilch, verbraucht. Die Zahlen sind seit Jahren etwas rückläufig; das Minus gegenüber 2018 beträgt 3,6 Prozent. Möglicherweise ist dies eine Folge der kontroversen Diskussionen um den gesundheitlichen Wert von Milch. Zeitgleich wächst das Angebot an pflanzlichen Alternativen wie Hafer-, Soja- oder Mandelmilch. Ein Anstieg ist dagegen bei den Verbrauchszahlen von Joghurt und Käse zu verzeichnen. Die Statistiker der Webseiten von statista.com haben ermittelt, dass sich jeder Bundesbürger durchschnittlich rund 15,3 Kilogramm Joghurt und 2, 3 Kilogramm Hartkäse im Jahr schmecken lässt.

Einfluss auf die Gesundheit

Milch hat den Ruf, sich aufgrund ihres hohen Calciumgehalts von 120 Milligramm in 100 Millilitern vorteilhaft auf die Knochenentwicklung auszuwirken. So verbessert ein höherer Milchverzehr den Mineralgehalt und die Knochendichte bei Kindern. Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass der regelmäßige Verzehr die Knochengesundheit auch im weiteren Leben fördert und vor Osteoporose schützt. Allerdings existiert eine Reihe widersprüchlicher Untersuchungsergebnisse. Denn in Europa, wo der Milchkonsum zur täglichen Ernährung gehört, ist die Zahl der Osteoporose-Patienten besonders hoch. Vor allem in asiatischen Ländern erkranken dagegen weniger Menschen, obwohl der Milchverzehr dort traditionell eher gering ausfällt.

Eine umfangreiche Meta-Analyse aus Neuseeland konnte keinen Zusammenhang zwischen Milchkonsum und Knochengesundheit erkennen. Nach Aussage der Autoren existieren keine klinischen Studien, die belegen, dass eine erhöhte Calciumzufuhr mit der Nahrung tatsächlich Knochenbrüche verhindert. Konkret hatten sie die Frage geprüft, ob es einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Milchkonsum und dem Risiko für einen Knochenbruch an der Hüfte gibt. Das zeigt indirekt, dass für die Knochengesundheit weitere Faktoren eine Rolle spielen. Dazu zählen eine ausreichende Zufuhr an Vitamin D, Eiweiß, ein hoher Gemüse- und Obstkonsum und vor allem regelmäßige Bewegung.

Milchkritiker behaupten, dass Milch den Knochen schadet. Aufgrund der Belastung des Säure-Basen-Haushalts würde sie den Knochen sogar Calcium entziehen. Das lässt sich wissenschaftlich allerdings nicht belegen. Vielmehr verbessert regelmäßiger Milchverzehr die Calciumbilanz des Körpers. Wer ganz auf Milch und tierische Produkte verzichtet und sich rein pflanzlich ernährt, zeigt ein um 30 Prozent erhöhtes Risiko für Knochenbrüche. Das betrifft diejenigen Veganer, die weniger als 525 Milligramm Calcium am Tag zuführen. Die DGE-Empfehlung für die Calciumzufuhr liegt bei 1000 Milligramm am Tag.

Schutz vor oder Risiko für Krebsarten?

Neuere Veröffentlichungen befeuern Diskussionen, ob Milchkonsum das Risiko für die Entstehung von Krebs steigern könnte. So hat das Deutsche Krebsforschungszentrum im Februar 2019 in einer Pressemeldung über die Entdeckung von bisher unbekannten Erregern aus Kuhmilch und Rindfleisch berichtet. Die »Bovine Milk and Meat Factors«, kurz BMMF oder auch Plasmidome genannt, könnten das Risiko für Darmkrebs steigern, möglicherweise auch das Risiko für andere Krebsarten und chronische Erkrankungen.

Die Erreger weisen Ähnlichkeit zu Viren und Bakterien auf. Aufmerksam wurden Wissenschaftler durch die Beobachtung, dass in Regionen mit hohem Milch- und Rindfleischkonsum gehäuft Krebserkrankungen auftreten. Dort, wo Milch- und Fleisch der europäischen Rinderrasse Bos taurus verbreitet sind, zeigen sich auffällig viele Neuerkrankungen an Brust- und Darmkrebs. Auch in Indien, wo diese Milchviehrasse zur besseren Nährstoffversorgung der Kinder eingeführt wurde, treten inzwischen vermehrt diese Krebsfälle auf. Die infektiösen Plasmidome konnten die Forscher unter anderem im Darmgewebe nachweisen, aber auch in Gewebe von Brust, Darm, Prostata und Gehirn. Die betroffenen Bereiche zeigen Anzeichen einer Entzündungsreaktion, wie erhöhte Konzentrationen an sehr reaktiven Sauerstoffradikalen. Sie können das Erbgut verändern und so eine Krebsentstehung begünstigen.

Die Infektion mit den neu entdeckten Erregern findet vermutlich bereits im Säuglingsalter über die Beikost statt. In den ersten Lebensmonaten ist das Immunsystem noch nicht ausgereift, was die Kleinsten besonders anfällig macht. Zum Ausbruch komme es aber erst Jahrzehnte nach der Erstinfektion.

Einen Verzicht auf tierische Lebensmittel halten die Krebsforscher für wenig zielführend. Sie raten aber dazu, Säuglingen im ersten Lebensjahr weder Milch und Milchprodukte noch Rindfleisch zu geben. Als möglichen Schutz vor einer Infektion empfehlen sie möglichst langes Stillen, am besten über sechs Monate hinaus. Denn Muttermilch enthält zahlreiche Inhaltsstoffe, die das Risiko für Infektionen verringern.

Derzeit wird geprüft, ob Impfungen der Tiere oder aber von Säuglingen einen Schutz darstellen könnten. Doch längst nicht jeder, der Milch oder Fleisch konsumiert, erkrankt an Krebs. Die Wissenschaftler arbeiten aktuell an der Frage, ob Menschen mit auffälligem Plasmidomgehalt im Gewebe engmaschiger auf eine Krebsentstehung überprüft werden sollten.

Weniger Darmkrebs?

Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) stufen das Risiko etwas anders ein als die Krebsforscher. Sie halten eine Bewertung des Krebsrisikos durch BMMF bisher für nicht möglich, da nicht genügend Daten dazu vorliegen, und mahnen daher weitere Forschung an. Ebenso wie das Netzwerk der Bundesregierung »Gesund ins Leben« raten sie dazu, Kuhmilch im ersten Lebensjahr weiterhin als Zutat im Milch-Getreide-Brei zu verwenden. Gegen Ende des ersten Lebensjahres könne sie auch in begrenzten Mengen als Getränk auf den Tisch kommen. Für Ein- bis Dreijährige empfehlen die Ernährungsexperten des Netzwerks täglich etwa 300 ml Milch und Milchprodukte, am besten auf drei Portionen verteilt.

Trotz der Plasmidome hat Milch offenbar das Potenzial, bestimmten Krebsarten vorzubeugen. Dieses Fazit ziehen Experten aufgrund von epidemiologischen Studien. Wer mindestens 200 ml am Tag konsumiert, hat wahrscheinlich ein geringeres Risiko für Dickdarmkrebs. An der schützenden Wirkung ist vermutlich vor allem das Calcium beteiligt. Über verschiedene Mechanismen verhindert es im Körper die Entstehung von Krebszellen. Auch das Blasenkrebsrisiko ist durch vermehrten Konsum von Milch und Milchprodukten wahrscheinlich geringer.

Bei Brustkrebs zeigt sich die Datenlage nicht so eindeutig. Einige Studien deuten auf ein geringeres Risiko durch Milch und Milchprodukte hin. In der großen europäischen EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) fanden die Wissenschaftler bei der Auswertung der Daten allerdings keinen Zusammenhang. Das Risiko für Prostatakrebs scheint dagegen durch einen hohen Milchkonsum von täglich mehr als 1,2 Liter oder 140 Gramm Hartkäse zu steigen. Liegt eine familiäre Veranlagung für Prostatakrebs vor, sollten Männer daher nicht mehr als die von den Ernährungswissenschaftlern der DGE empfohlenen Mengen verzehren.

Protein und Wachstumsfaktoren

Muttermilch ist für Babys das Beste. Größere Mengen Kuhmilch im ersten Lebensjahr fördern dagegen die Entwicklung von späterem Übergewicht. Den Grund sehen Ernährungswissenschaftler zum einen in der höheren Energieaufnahme und zum anderen in dem im Vergleich zu Muttermilch höheren Gehalt an Protein: Kuhmilch enthält etwa die dreifache Proteinmenge. Ein hoher Proteingehalt im ersten Lebensjahr führte in Studien dazu, dass die Kinder deutlich mehr Gewicht zulegten als gestillte Kinder. Noch im frühen Schulalter hatten die Kinder ein fast dreifach erhöhtes Risiko für Übergewicht.

Aus diesem Grund sollten Säuglinge im ersten Lebensjahr zu den Still- oder Beikostmahlzeiten keine zusätzliche Milch trinken. Milch im Getreide-Brei, der etwa ab dem 6. Monat auf dem Beikostplan steht, ist davon unbenommen.

Der bekannte Milchkritiker Professor Dr. Bodo Melnik stuft Milch nicht nur aufgrund des Proteingehalts als hormonelles Signalsystem ein. Während für Säuglinge Inhaltsstoffe wie bestimmte Wachstumsfaktoren der Muttermilch wichtig seien, um im Stoffwechsel die Zellteilung und Wachstumsprozesse anzuregen, wirkten sich diese bei Erwachsenen ungünstig aus.

Melnik sieht beispielsweise eindeutige Zusammenhänge zwischen dem Milchkonsum und der Entwicklung von Akne. Bestimmte Signalstoffe aus der Milch würden die Talgdrüsen aktivieren. Eine Meta-Analyse chinesischer Wissenschaftler mit 72.000 Teilnehmern bestätigt die Beziehung.

Milchkonsumenten litten häufiger an mäßiger bis schwerer Akne als Nicht-Milchtrinker. Daten aus Europa zeigen eine Steigerung von 28 Prozent, wenn Milch konsumiert wurde im Vergleich zu Nicht-Milchtrinkern.

Professor Melnik hält Inhaltsstoffe in der Milch für mitverantwortlich an Erkrankungen wie Adipositas, Typ-2-Diabetes, Osteoporose und Krebs (Prostata, Brust) sowie Parkinson-Krankheit. Wissenschaftlich belegen lässt sich das derzeit aber nicht. Große Bevölkerungsstudien weisen eher auf das Gegenteil hin.

Vollfette Milch besser

Die Ernährungsrichtlinien der DGE empfehlen in ihren zehn Regeln denjenigen, die Kalorien sparen wollen, fettarmen Milchprodukten den Vorzug zu geben. Milchfette stellen eine Quelle für gesättigte Fette dar und stehen im Verdacht, die Blutfette nachteilig zu beeinflussen und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erhöhen. Die PURE-Studie (Prospective Urban Rural Epidemiology), eine große multinationale Kohortenstudie, untersuchte anhand rückblickender Befragungen zum Ernährungsverhalten von 35- bis 70-Jährigen aus 21 Ländern, ob dieses Risiko tatsächlich besteht. Die Studie lief von 2003 bis 2018 mit einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 9,1 Jahre.

Die Studie, die den Milch-, Joghurt- und Käsekonsum von über 135.000 Personen erfasste, kam zu dem Ergebnis, dass zwei Portionen Milchprodukte am Tag im Vergleich zu keiner Portion mit einem geringeren Risiko für Gesamtsterblichkeit, schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfall verbunden war. Auch die Rate an Diabeteserkrankungen fiel bei den Milchtrinkern geringer aus. Dieser Befund war vom Konsum vollfetter Milchprodukten abhängig, also solcher mit dem natürlichen Fettgehalt von 3,5 bis 3,8 Prozent. Wer ausschließlich fettreduzierte Produkte verzehrte, zeigte kein verringertes Risiko. Auch Kinder sollten lieber vollfette Milch trinken. Nach Aussagen einer kanadischen Studie litten sie seltener an Übergewicht als diejenigen, die fettreduzierte Milch konsumierten.

Verschiedene Meta-Analysen deuten auf weitere gesundheitliche Vorteile von Milchverzehr hin: Ein regelmäßiger Verzehr von Milch und Milchprodukten scheint mit einem geringeren Risiko für die Entwicklung eines Metabolische Syndroms verbunden zu sein.

Frischmilch, 3,5 % Fett Gehalt je 100 g Lebensmittel
Energie 64 kcal
Fett 3,5 g
Eiweiß 3,3 g
Kohlenhydrate 4,8 g
Calcium 120 mg
Magnesium 12 mg
Vitamin B2 0,18 mg
Vitamin C 1 mg
Jod 11,7µg
Quelle: Elmadfa I. Die große GU Nährwert Kalorien Tabelle, Neuausgabe 2020/21, GU

Die Menge macht’s

Die Studienlage zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Milchkonsums fällt also teilweise widersprüchlich aus. Die meisten Wissenschaftler sind sich aber einig, dass mäßige Mengen der Gesundheit zuträglich sind. Aufgrund der hohen Nährstoff- und Energiedichte sollte sie aber nicht als Getränk angesehen werden. Wer sich bewusst ernährt und Lebensmittel gezielt auswählt, kann zwar auch ohne Milch und Milchprodukte eine gute Nährstoffaufnahme erreichen. Auf Basis einer abwechslungsreichen Kost mit überwiegend pflanzlichen Lebensmitteln erleichtern Milch und Milchprodukte jedoch die Versorgung mit wertvollen Inhaltsstoffen. 

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