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Depressionen

Männer sind unterdiagnostiziert

Männer sind stark und belastbar und nur in Ausnahmefällen depressiv. Depressionen sind jedoch keine typisch weibliche Krankheit, Männer werden nur seltener diagnostiziert.
Carina Steyer
28.02.2019
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Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind mehr als 300 Millionen Menschen weltweit betroffen. Typisch für die Erkrankung Depressionen ist eine Gender Gap, ein deutlicher Unterschied bei den Erkrankungszahlen zwischen Männern und Frauen.

Die Lebenszeitprävalenz einer diagnostizierten Depression ist bei Männern mit 7,8 Prozent nur halb so hoch wie bei Frauen mit 15,4 Prozent. In der Studie »Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA)« des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2015 berichteten 9,7 Prozent der mehr als 13.000 weiblichen Teilnehmer von einer diagnostizierten Depression innerhalb der vergangenen zwölf Monate. Unter den fast 11.000 männlichen Befragten waren es nur 6,3 Prozent.

Die Gender Gap ist nicht nur in Deutschland zu beobachten. Auch international liegt die Zahl der betroffenen Frauen zwei- bis dreimal höher als die der Männer. Gleichzeitig begehen jedoch dreimal so viele Männer wie Frauen Suizid. So wurden im Jahr 2016 vom Statistischen Bundesamt insgesamt 9838 Suizide erfasst, in 7374 Fällen waren es Männer, die sich das Leben genommen hatten. Dieser Zusammenhang legt nahe, dass die Gender Gap nicht ganz die Realität abbildet. Denn nach wie vor gilt eine nicht diagnostizierte Depression als häufigste Ursache eines Suizids.

Andere Symptome

Die Symptome einer Depression unterscheiden sich bei Männern deutlich von denen bei Frauen. Männer kämpfen meist mit Ärger, Wut, Aggressivität und Feindseligkeit, psychomotorischer Unruhe sowie übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum. Auch körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Magenprobleme, Potenzstörungen oder sexuelle Unlust sind bei ihnen häufig anzutreffen. Die klassischen Depressionsmerkmale wie Niedergeschlagenheit, Handlungsunfähigkeit oder Schlafstörungen, die bei Frauen zu beobachten sind, rücken hingegen oft in den Hintergrund (Kasten).

Problematisch wird das bei der Diagnose. Die meisten Diagnosetools erfassen vorwiegend frauenspezifische Symptome, Männer fallen damit oft durch das Diagnoseraster. Speziell auf Männer zugeschnittene Fragebögen sollen einer systematischen Unterschätzung der männlichen Depression entgegenwirken, indem sie um Bereiche wie Substanzmissbrauch, Reizbarkeit oder Aggressivität erweitert werden. Die Stiftung Männergesundheit hat einen Test entwickelt, der eine sichere Diagnose durch den Hausarzt zulassen soll. Männern, die den Verdacht haben, an einer Depression zu leiden oder deren körperliche Beschwerden trotz Behandlung nicht besser werden, raten die Experten, gezielt nach diesem Test zu fragen.

Traditionelle Rollenbilder

Viele Männer unterliegen traditionellen Rollenbildern, definieren sich selbst vor allem über erbrachte Leistungen oder haben das Gefühl, in der Gesellschaft nur über ihre Erfolge bewertet zu werden. Ihr Risiko für eine Depression steigt, wenn ihr sozialer Status bedroht ist oder wenn sie permanent das Gefühl haben, den vermeintlichen Anforderungen nicht gerecht zu werden. Typische Auslöser sind Arbeitslosigkeit, chronische Erkrankungen, Pensionierung sowie ein starker beruflicher Einsatz, der nicht entsprechend honoriert wird.

Die Geschlechterbilder verzerren auch die Depressionsdiagnostik und sorgen dafür, dass die Wahrnehmung und Äußerung von Symptomen bei Männern und Frauen unterschiedlich verläuft. Viele Männer empfinden eine psychische Erkrankung als persönliche Schwäche oder fürchten eine gesellschaftliche Stigmatisierung, weshalb sie ihre Beschwerden verdrängen oder maskieren. Männer schildern lieber körperliche Symptome und sprechen wenn überhaupt zurückhaltend über psychische Schwierigkeiten. Das spiegelt sich auch in der Behandlung von Männern wider, die häufiger auf somatische Beschwerden ausgelegt ist.

Zudem werden Männer und Frauen innerhalb eines diagnostischen Prozesses unterschiedlich behandelt. So ist aus Studien zum Diagnoseverhalten von Allgemeinmedizinern bekannt, dass Männer bei gleichen Symptomen oder Depressionsscores, signifikant seltener eine Depressionsdiagnose erhalten als Frauen. Zudem hat eine experimentelle Studie gezeigt, dass körperliche Beschwerden von Frauen häufiger auf psychische Störungen zurückgeführt werden als bei Männern.

Vorstufe Burnout

Hohe Ansprüche im Berufsleben, idealisierte Rollenbilder und unrealistische Erwartungen an sich selbst gelten nicht nur als Risikofaktoren für eine Depression, sondern auch für ein Burnout-Syndrom. Ein Zustand tiefer körperlicher und emotionaler Erschöpfung, der zwar offiziell nicht als Krankheit gilt, aber, wenn nichts dagegen unternommen wird, in einer ernsthaften Erkrankung münden kann. Dazu gehört auch die Depression. Die Experten der Stiftung Männergesundheit sprechen beim Burnout von einem riskanten Vorläufer der Depression, der ernst genommen werden sollte. Wie bei der Depression gibt es auch beim Burnout typisch männliche Symptome (Kasten).

Treten diese über einen längeren Zeitraum regelmäßig auf und können durch Auszeiten nicht mehr ausgeglichen werden, sollten Betroffene Hilfe in Anspruch nehmen. Geeignete Ansprechpartner dafür sind der Hausarzt, der Betriebsarzt oder ein sozialer Dienst im Unternehmen sowie psychosoziale Beratungsstellen.

Therapeutisch unterversorgt

Depressionen sind in einem Großteil der Fälle gut behandelbar. Die besondere Herausforderung sei, dies den Männern verständlich zu machen, sagen Experten. Viele Männer empfinden die Depression als Makel und schämen sich dafür. Das führt dazu, dass Männer nicht nur unterdiagnostiziert, sondern auch therapeutisch unterversorgt sind. Sie erhalten seltener Antidepressiva und eine Psychotherapie als Frauen, mit gravierenden Folgen. Unbehandelt kann die Depression chronisch werden. Das verursacht nicht nur unnötiges Leid, sondern begünstigt auch einen sozialen Abstieg. Auch ist dann das Risiko für Komorbiditäten wie Alkoholabhängigkeit, kardiovaskuläre Erkrankungen oder Diabetes mellitus erhöht.

Die Datenlage zu geschlechtsspezifischen Wirkungen und Nebenwirkungen von Psychopharmaka ist derzeit noch recht schlecht. Es gibt Hinweise, dass trizyklische Antidepressiva bei Männern besser wirken und die Substitution von Testosteron positive Effekte haben könnte. Häufig treten unter der Therapie auch Männer-spezifische Nebenwirkungen auf: Die Einnahme von selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern beispielsweise verursacht häufig Erektions- und Ejakulationsstörungen. In der Psychotherapie konnten keine Wirkungsunterschiede zwischen männlichen und weiblichen Klienten gefunden werden, allerdings stellt das Aufsuchen eines Therapeuten für viele Männer eine hohe Hürde dar.

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