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Meningokokken-Impfung nach Serogruppe

Meningokokken-Erkrankungen sind in Deutschland selten, verlaufen jedoch oftmals schwer und können innerhalb von Stunden lebensbedrohlich werden. Neben der von der STIKO empfohlenen Impfung gegen Meningokokken C gibt es weitere Vakzinen.
Caroline Wendt
19.10.2021  08:30 Uhr

Verantwortlich für eine Meningokokken-Infektion ist das gramnegative Bakterium Neisseria meningitidis. Die Diplokokken sind von einer Polysaccharidkapsel umgeben und siedeln sich im Nasen-Rachen-Raum des Menschen an. Bei etwa 10 Prozent der Bevölkerung sind die Erreger auf der Schleimhaut zu finden, ohne dass es zu einer Erkrankung kommt. Überwinden die Bakterien die Schleimhautbarriere und sind beispielsweise im Blut oder im Liquor nachweisbar, spricht man von einer invasiven Meningokokken-Erkrankung. In den meisten Fällen verursachen die Erreger eine eitrige Hirnhautentzündung, die sogenannte Meningitis oder eine Sepsis (Blutstrominfektion). Einige Patienten erkranken auch an beiden Formen, dann ist der Verlauf häufig besonders schwer.

Eine invasive Meningokokken-Erkrankung kann man sich prinzipiell in jedem Lebensalter einfangen. Doch sind vor allem Säuglinge und Kleinkinder im ersten und zweiten Lebensjahr betroffen. Einen zweiten, jedoch flacheren Erkrankungsgipfel gibt es bei Jugendlichen.

Insgesamt sind 12 verschiedene Serogruppen von Neisseria meningitidis bekannt. Sie werden aufgrund der Zusammensetzung des Kapselpolysaccharids unterschieden. Verantwortlich für die schweren Verläufe sind hauptsächlich die Serogruppen A, B, C, W, X und Y, in Deutschland derzeit fast ausschließlich B, C, W und Y. Diese hypervirulenten Gruppen kommen selten vor. Momentan beträgt die bundesweite Inzidenz weniger als 0,4 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Die Serogruppe B verursacht dabei die meisten Fälle mit circa 60 Prozent, gefolgt von den Gruppen C, W und Y mit jeweils etwa 10 bis 15 Prozent.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts (RKI) empfiehlt seit 2006 eine standardmäßige Impfung gegen Meningokokken C (MenC) aller Säuglinge im Alter von 12 Monaten. Wer diese Impfung verpasst hat, sollte sie spätestens bis zum 18. Geburtstag nachholen. Hierfür stehen derzeit zwei Impfstoffe zur Verfügung: Menjugate® 10 Mikrogramm und NeisVac-C™, beide ab einem Alter von zwei Monaten zugelassen.

Bei MenB nicht einig

Was eine Impfempfehlung bezüglich der Meningokokken-Stämme der Serogruppe B (MenB) betrifft, herrscht weniger Einigkeit. Grund ist die große auch regional unterschiedliche MenB-Vielfalt. Nach Einschätzung der STIKO ist derzeit die Abdeckung der Meningokokken-B-Stämme durch die derzeit verfügbaren Impfstoffe bei Säuglingen in Deutschland niedriger als in England, wo die Untersuchungen zur Wirksamkeit durchgeführt wurden. Die STIKO will ihre Empfehlung zur MenB-Impfung neu bewerten, sobald »robustere« Daten vorliegen. Davon abweichend gibt es in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern bereits eine allgemeine Impfempfehlung gegen Meningokokken B: entweder mit Bexsero® ab einem Alter von zwei Monaten oder mit Trumenba®, das ab 10 Jahren zugelassen ist.

Auch einige andere europäische Länder schätzen die Lage anders ein. So haben beispielsweise England, Italien oder Frankreich die B-Meningokokken-Impfung in ihr nationales Impfprogramm aufgenommen. Zudem haben diese Länder ihr Spektrum um eine Impfung gegen die Serogruppen ACWY erweitert. Die Inzidenz der Meningokokken-Erkrankungen in Europa ist ähnlich wie in Deutschland (0,6 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner). Doch es ist zu beobachten, dass die Serogruppe W vor allem in England, Schweden und der Schweiz auf dem Vormarsch ist. Insgesamt lag die Inzidenz hier im Jahr 2017 über der der Serogruppe C.

In Deutschland gibt es drei quadrivalente Impfstoffe, die gegen die Stämme A, C, W und Y schützen. Nimenrix® ist ab einem Alter von sechs Wochen, MenQuadfi® ab 12 Monaten und Menveo® ab zwei Jahren zugelassen. Es handelt sich um sogenannte Konjugatimpfstoffe, das heißt, die bakteriellen Antigene der Polysaccharidkapsel sind an Proteinträgermoleküle gekoppelt. Das verstärkt die Immunreaktion – bei Kleinkindern ist schließlich das Immunsystem noch nicht weit genug entwickelt

Impfstoff Meningokokken-Serogruppe zugelassenes Alter
Menjugate® 10 Mikrogramm C ab 2 Monaten
NeisVac-C™ C ab 2 Monaten
Bexsero® B ab 2 Monaten
Trumenba® B ab 10 Jahren
Nimenrix® A, C, W, Y ab 6 Wochen
MenQuadfi® A, C, W, Y ab 12 Monaten
Menveo® A, C, W, Y ab 2 Jahren
Derzeit zugelassene Impfstoffe gegen Meningokokken

Die derzeitige Empfehlung der STIKO für einen B- oder einen ACWY-Impfstoff beschränkt sich auf Personen mit einem erhöhten Risiko für invasive Meningokokken-Erkrankungen. Das sind beispielsweise Personen mit einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche wie Patienten mit Komplementdefekten, Personen, die eine Therapie mit bestimmten Arzneistoffen (zum Beispiel Eculizumab) erhalten, oder Patienten ohne Milz. Auch für gefährdetes Laborpersonal sieht die STIKO einen Impfschutz vor.

Außerdem kommen die Impfstoffe gegen B-Meningokokken und die Serogruppen ACWY auch als Reiseimpfung infrage. So sollten sich Personen, die in Länder mit epidemiologischem Meningokokken-Vorkommen fahren und engen Kontakt zur Bevölkerung haben werden (zum Beispiel Entwicklungshelfer) impfen lassen. Auch wenn in der Reiseregion ein aktueller Krankheitsausbruch oder eine Impfempfehlung für die Bevölkerung vorliegt, ist zu einer entsprechenden Schutzimpfung zu raten (WHO- und Länderhinweise beachten). Das RKI empfiehlt zudem eine Immunisierung für Schüler und Studierende, die einen Langzeitaufenthalt in einem Land planen, in dem es eine generelle Impfempfehlung gibt. Verpflichtend ist eine ACWY-Impfung für Pilgernde nach Mekka. Saudi-Arabien verlangt in der Zeit der Mekka-Wallfahrten von Reisenden eine Impfbescheinigung.

Das Alter macht den Unterschied

Je nach Impfstoff variieren die vom Hersteller vorgegebenen Impfschemata. Bei Menjugate® reicht für Personen, die älter sind als 12 Monate, eine einmalige Immunisierung aus. Jüngere Kinder müssen zwei Impfdosen und eine zusätzliche Auffrischimpfung erhalten, um ausreichend geschützt zu sein. Bei NeisVac-C™ ist eine einmalige Immunisierung bereits an einem Alter von vier Monaten ausreichend.

Bei den Impfungen gegen Meningokokken der Seroguppe B sowie bei den ACWY-Konjugatimpfstoffen sind je nach Alter bis zu vier Impfungen notwendig. Die Impfung gegen MenB sollte so früh wie möglich erfolgen, da Säuglinge das höchste Erkrankungsrisiko haben. Außerdem besteht nach einer MenB-Impfung kein Herdenschutz. Anders ist das bei einer Impfung gegen die Serogruppen ACWY, daher ist hier auch eine spätere Immunisierung (mit 12 Monaten) möglich. Der richtige Zeitpunkt sollte jedoch individuell mit dem Kinderarzt besprochen werde. Patienten, die bereits eine Grundimmunisierung gegen MenC haben, können zur Auffrischung einen ACWY-Impfstoff erhalten. 

Achtung Meldepflicht

Eine Meningokokken-Infektion fällt unter das Infektionsschutzgesetz. Der Krankheitsverdacht, die Erkrankung sowie der Tod an Meningokokken-Meningitis oder -Sepsis und der direkte Nachweis von Neisseria meningitidis aus Liquor, Blut, hämorrhagischen Hautinfiltraten oder anderen normalerweise sterilen Substraten muss namentlich gemeldet werden. Die Meldung muss dem Gesundheitsamt innerhalb von 24 Stunden vorliegen.

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