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Studie 

Mindestlohn-Analyse mit Aha-Effekt

Die Bundestagswahl ist vorbei. Jetzt stehen für eine neue Regierung viele Themen auf der Agenda, dazu gehört auch der Mindestlohn. Eine aktuelle Analyse der Hans-Böckler-Stiftung liefert dazu überraschende Ergebnisse.
Michael van den Heuvel
07.10.2021  08:30 Uhr

Der Wahlkampf ist zwar vorbei, hat aber interessante Themen ans Tageslicht befördert. SPD und Grüne wollen den gesetzlichen Mindestlohn auf zwölf Euro steigern; die Linke brachte sogar 13 Euro ins Gespräch. Ob sich die rot-grüne Position letztlich in einer Koalition politisch durchsetzen wird oder ob weiterhin nur die Mindestlohnkommission Vorschläge macht, ist noch unklar. Relevanz hat das Thema allemal. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass etwa zehn Millionen Menschen pro Stunde weniger als zwölf Euro erhalten. Sie alle würden von einer Anhebung profitieren.

Dazu haben Forschende am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung 196.713 Datensätze von Beschäftigten ausgewertet, die seit Anfang 2019 an einer Onlineerhebung teilgenommen hatten. Zwar sei die Studie nicht repräsentativ, wie das WSI schreibt. Dennoch erlaubt sie aufgrund hoher Fallzahlen detaillierte Einblicke. Die Ergebnisse überraschen: Nicht nur in bekannten Branchen wie dem Friseurhandwerk, der Gebäudereinigung, der Gastronomie oder dem Einzelhandel werden häufig Stundenlöhne unter zwölf Euro gezahlt. Die Analyse nennt auch Medizinische und Zahnmedizinische Fachangestellte, Rechtsanwaltsfachangestellte, Zahntechniker/in oder Augenoptiker/in, aber auch Kfz-Mechatroniker/in.

Die Analysen zeigen auch: Frauen sind mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer. Und im Osten Deutschlands werden öfter niedrigere Löhne bezahlt als im Westen. Nimmt man Baden-Württemberg mit dem »kleinsten Niedriglohnsektor« als Referenz, so ist für Sachsen, Thüringen sowie Schlusslicht Sachsen-Anhalt das Risiko für Löhne unter zwölf Euro um mehr als das Fünffache erhöht. Weitere Risikofaktoren sind Tätigkeiten in Teilzeit, befristete Arbeitsverträge, kleine Betriebe und eine fehlende Tarifbindung.

»Sollten Mindestlöhne tatsächlich vom Gesetzgeber auf zwölf Euro angehoben werden, hat das auch Folgen für öffentliche Apotheken«, sagt Tanja Kratt, Vorstand und Leiterin der Tarifkommission bei Adexa. Zwar liege das Einstiegsgehalt von Approbierten deutlich (20,71 Euro pro Stunde) und von PTA knapp (12,42 Euro pro Stunde) über dem diskutierten Wert. »Bei PKA-Berufsanfängerinnen sind es derzeit jedoch nur 10,80 Euro pro Stunde.«

In Zeiten eines immer stärker werdenden Fachkräftemangels – die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände warnte erst kürzlich vor 10.000 fehlenden Fachkräften bis 2029 – besteht deshalb dringender Handlungsbedarf. Die Adexa-Tarifkommission hat bereits entsprechende Forderungen an die Arbeitgebervertretungen gestellt. 

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