PTA-Forum online
Kraftverlust

Muskelschwund nicht nur im Alter

Nimmt die Muskelmasse ab, kann das viele Ursachen haben. Die Spannbreite reicht von erworbenen Formen, etwa durch Diabetes mellitus oder einen zu hohen Alkoholkonsum, bis hin zu erblichen Erkrankungen. Auslösende oder schädigende Faktoren sollten Patienten meiden. Physiotherapie und Bewegung helfen.
Nicole Schuster
09.06.2020  09:30 Uhr

Wer einmal einen Gipsverband getragen hat, weiß, wie schnell der Körper Muskeln abbaut. Von diesem Phänomen sind auch bettlägerige Patienten betroffen, Menschen, die an den Folgen eines Schlaganfalls oder chronischen Schmerzen leiden und sich infolgedessen nur eingeschränkt bewegen können, oder Astronauten in Schwerelosigkeit. Der natürliche Verlust an Muskelmasse im Alter, die Sarkopenie, wird ebenfalls durch mangelnde Bewegung und Immobilisation ausgelöst und durch eine häufig bei Senioren auftretende Mangelernährung verstärkt. Auch bei jungen gesunden Menschen baut der Köper Muskelgewebe ab, wenn sie lange fasten oder die Zufuhr wichtiger Nährstoffe fehlt. Patienten, die an auszehrenden Krankheiten wie Krebs oder AIDS leiden, verlieren infolgedessen an Muskelmasse. Ursachen, die den Muskel direkt oder sekundär betreffen, zählen zu den neuromuskulären Erkrankungen.

Erbkrankheiten selten

Bei den neuromuskulären Erkrankungen unterscheiden Ärzte zwischen Muskeldystrophien und Muskelatrophien. Die erstgenannten sind myogene, das heißt direkt den Muskel betreffende Erkrankungen. In der Muskelzelle fehlt ein Schlüsselprotein für seine Funktion, das Dystrophin. In der Folge verliert die Zelle an Stabilität und ihre Inhaltstoffe können entweichen, während schädigende Stoffe ins Innere gelangen. Langfristig geht die Zelle dadurch zugrunde. Bei Muskelatrophien sind hingegen ursächlich die Nerven geschädigt, die die Muskelzellen ansteuern. Das Muskelgewebe wird nicht mehr ausreichend stimuliert und bildet sich zurück.

Viele primäre Muskelerkrankungen sind erblich bedingt wie die Myotone Muskeldystrophie Curschmann-Steinert (DM1), die Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) oder die Muskeldystrophie Becker-Kiener (BMD). Schätzungen zufolge sind von einem solchen genetischen Muskelschwund in Deutschland von 50.000 bis 300.000 Menschen betroffen, exakte Zahlen gibt es aber nicht.

»Die erblich bedingten Formen sind unter den Muskelerkrankungen aber eher selten«, erklärt Dr. med. Stephan Wenninger, Facharzt für Neurologie und Palliativmedizin am Friedrich-Baur-Institut des LMU Klinikums München, im Gespräch mit dem PTA-Forum. Ebenfalls selten, aber häufiger als erbliche Erkrankungen sind immunogen bedingte neuromuskuläre Erkrankungen. Ein Beispiel für eine Autoimmunerkrankung der Nerven ist das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) und für die Muskeln die Dermatomyositis.

Diabetes ein Auslöser

»Die häufigsten Formen der Nerven- und damit auch Muskelerkrankungen werden durch Giftstoffe wie Alkohol oder Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus verursacht«, sagt Wenninger. Die toxischen Substanzen führen ebenso wie die Zuckerkrankheit zu Nervenschädigungen (Neuropathien). Arbeiten Nerven nicht mehr richtig, werden Muskeln nicht mehr adäquat innerviert. Dadurch büßen die Muskeln immer mehr an Kraft und Funktion ein. Zwischen 5 und 8 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen, von den Diabetikern leiden etwa 11 Prozent an einer Polyneuropathie. Auch Arzneimittel können Muskelmasse zum Schwinden bringen. So ist eine medikamentös-induzierte Polyneuropathie beispielsweise als unerwünschte Wirkung vom Malariamittel Chloroquin, von kardiovaskulären Medikamenten wie Amiodaron oder den Antibiotika aus der Gruppe der Chinolone bekannt. »Eine muskelschädigende Wirkung tritt auch häufig unter der Behandlung mit Statinen auf«, erklärt der Experte. Ebenso, wenngleich seltener, kann das bei einer Langzeitbehandlung mit Glucocorticoiden vorkommen.

Neuropathien können auch entstehen, wenn Menschen Umweltgiften wie den Schwermetallen Quecksilber, Blei, Arsen oder Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt sind. Bei Alkohol gelten bereits Mengen über 100 g pro Tag als schädlich für die Nerven. Hier führen neben der direkt toxischen Wirkung des Genussmittels auch ein Mangel an B-Vitaminen sowie Abbauprodukte wie Acetaldehyde zu Nervenschädigungen und dann auch zu Muskelschwund.

Vielfältige Symptome

Muskelschwund kann ein- oder beidseitig auftreten. »Meistens sind bestimmte Gruppen von Muskeln betroffen«, so der Arzt aus München. Die Gründe dafür seien noch nicht im Detail geklärt.

Patienten klagen über schmerzende Gliedmaßen vor allem bei Belastung sowie einen Verlust an Muskelkraft und eine Ausdauerintoleranz. Alltagstätigkeiten wie Gehen, Treppensteigen, Einkäufe tragen oder einfache Hausarbeiten fallen immer schwerer. Gerade bei älteren Menschen ist das erhöhte Risiko, sich falsch zu bewegen und sich durch Stürze Folgeverletzungen zuzuziehen, problematisch. Schlucken oder Sprechen kann mühsam werden. Zu den Symptomen können auch vermehrte Muskelkrämpfe und Muskelzuckungen gehören. Frühe Warnzeichen sind bei vielen Patienten eine Lähmung des Zehenspreizers und ein Verlust an Muskelmasse des Zehenextensors im Fuß.

Äußerlich kann das Körperteil, etwa ein betroffenes Bein, auch dünner wirken. Es gibt aber auch Krankheiten, bei denen Patienten optisch unauffällig sind, da Fett- oder Bindegewebe den Platz des Muskelgewebes einnimmt.

Bei den genetisch bedingten Formen können Kinder bereits im Mutterleib erste Symptome zeigen. Sie bewegen sich auffällig wenig. Später sind eine ausgeprägte Trinkschwäche, ein häufiges Verschlucken, Husten, eine geringe Nahrungsaufnahme und Gedeihstörungen mögliche Anzeichen. Entwicklungsschritte wie das Erlernen des aufrechten Sitzens oder die ersten Gehversuche erfolgen verzögert, später machen sich ein unsicherer oder anderweitig auffälliger Gang sowie Haltungsstörungen bemerkbar. In den weiteren Jahren nimmt die muskuläre Ausdauer ab, und die Muskulatur wird schwächer. Oft werden Ärzte erst durch solche Symptome im Jugend- oder Erwachsenenalter auf die Krankheit aufmerksam.

Ursachensuche essenziell

Bei der Diagnose ist es wichtig, dass der Mediziner nicht nur die Diagnose Muskelschwund stellt, sondern auch nach der Ursache sucht. Neben einer körperlichen Untersuchung und Blutuntersuchung sowie einer Familienanamnese sind dazu auch Fragen nach der Lebensweise und der Medikamenteneinnahme erforderlich. Die betroffenen Körperteile misst der Arzt im Umfang und fotografiert gegebenenfalls auch die aktuelle Situation. Zu den weiteren möglichen Untersuchungen gehören bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie (MRT) oder Computertomographie (CT), die Elektromyographie, eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeit sowie die Ultraschalluntersuchung von Muskeln und Nerven. In bestimmten Fällen verhilft nur die Entnahme von Gewebeproben von Muskeln oder Nerven zur endgültigen Diagnose.

Den Lebensstil ändern

»Liegen toxische Ursachen vor, ist es wichtig, die Exposition zu vermeiden«, sagt der Experte. »Grundkrankheiten sollten adäquat behandelt werden.« Diabetiker beispielsweise sollten medikamentös gut eingestellt sein. Ist ein Arzneimittel schuld am Muskelverlust, sollte die PTA Patienten ermahnen, es nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt abzusetzen. »In der Regel kann der Arzt etwa im Falle von Statinen eine Alternative finden«, so Wenninger. Bei durch Alkohol ausgelösten Formen ist eine Abstinenz empfehlenswert, die Neuropathie kann sich dann in frühen Fällen sogar wieder komplett zurückbilden oder sich zumindest nicht weiter verschlechtern.

Viele Formen nicht heilbar

Ursächlich behandeln lassen sich die meisten Formen der erblichen neuromuskulären Erkrankungen nicht. Ein dadurch bedingter Muskelschwund lässt sich deshalb weder rückgängig machen noch heilen. »Wir können nur versuchen, die Beschwerden zu lindern und das Fortschreiten zu verlangsamen«, sagt Wenninger. Dafür sind durchblutungsfördernde Bewegungstrainings, etwa Schwimmen im warmen Wasser oder ein gezieltes Krafttraining sowie Physiotherapie Mittel der Wahl. Letztere hilft vor allem, Folgeschäden zu vermeiden. Ziele der Behandlung sind, verbliebene Muskelfunktionen zu verbessern, die Geh- und Stehfunktion zu erhalten, Schmerzen zu lindern und Gelenk- und Muskelversteifungen sowie Fehlhaltungen zu vermeiden beziehungsweise zu verringern. Erleichterung verschaffen kann in bestimmten Fällen auch eine Elektrostimulation der betroffenen Muskulatur in Form eines EMS-Trainings. Eine weitere, oft sinnvolle Maßnahme ist die Ergotherapie, einige Patienten erzielen auch mit der Osteopathie oder manuellen Therapien Erfolge. Je nach persönlichem Leidensdruck kann eine Psychotherapie erforderlich sein, um mit der Krankheit umzugehen.

Medikamentös unterstützen

»Medikamentös behandeln können wir aktuell nur sehr wenige erblich bedingte Erkrankungen, die einen Muskelschwund verursachen«, sagt der Facharzt für Neurologie und Palliativmedizin. »Bei einigen Arten von Muskelschwund kann aber die regelmäßige Einnahme von Kreatinmonohydrat zusammen mit Ausdauersport das Muskelwachstum stimulieren und dabei unterstützen, mehr Ausdauer zu gewinnen und den Muskelabbau zu verlangsamen. Allerdings gibt es hier unterschiedliche wissenschaftliche Ergebnisse.« Ob die Maßnahme sinnvoll ist, sollte daher bei jedem Patienten individuell entschieden werden.

Für eine möglichst optimale, multidisziplinäre Behandlung suchen Betroffene am besten ein neuromuskuläres Zentrum auf. Eine Übersicht über Muskelzentren hat die Deutsche Muskelschwund-Hilfe e.V. im Internet eingestellt: https://www.muskelschwund.de/muskelschwund/neuromuskulaere-zentren/

Patienten mit weit fortgeschrittenem Muskelschwund können spezielle Hilfsmittel nutzen, um den Alltag zu bewältigen. Ein Rollator oder ein Rollstuhl, Treppenlifte und mobile Aufstehhilfen sorgen für mehr Mobilität. Schwer Betroffene können versuchen, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Ein Behinderten-Parkausweis hilft, beschwerliche Wege möglichst kurz zu halten. 

Mehr von Avoxa