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Selbstmedikation möglich

Nagelerkrankungen selbst behandeln

Gepflegte oder modellierte Nägel gehören für viele Frauen zum guten Aussehen. Fast ist das eine Selbstverständlichkeit. In der Apotheke ist das Thema Nägel dagegen meist anders besetzt. Hier geht es eher um schmerzhafte oder verfärbte brüchige Nägel und darum, was man dagegen tun kann.
Annette Immel-Sehr
06.02.2020
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Das Nagelwachstum geht von der Nagelmatrix aus, die oberhalb des Nagelhalbmonds liegt. Hier entstehen ständig neue Hornzellen, die die Nagelplatte auf dem Nagelbett nach vorn schieben. Je nach Lebensalter, Ernährung und Durchblutung wachsen die Nägel pro Woche um 0,5 bis 1,2 mm. Fußnägel wachsen langsamer als Fingernägel, zudem ist das Wachstum bei den einzelnen Fingern und Zehen unterschiedlich. Je älter man wird, desto langsamer wachsen die Nägel. Während eine komplette Nagelerneuerung in jungen Jahren drei bis sechs Monate dauert, kann sie beim alten Menschen an den Fingern bis zu neun Monate, an den Zehen sogar bis zu zwei Jahre brauchen.

Die Funktion der Nägel liegt vermutlich im Schutz der sensiblen, mit vielen Nervenendigungen ausgestatteten Zehen- und Fingerspitzen. Zudem können vor allem die Fingernägel als Werkzeug dienen.

Empfindliches Areal

Der Nagelwall ist relativ anfällig für Entzündungen. Durch die starke Beanspruchung der Hände, aber auch durch übertriebene Pediküre oder Nägelkauen neigt der Wall zu Verletzungen, durch die Erreger eindringen können. Auch an den Fußnägeln kann sich bei Verletzungen eine Entzündung entwickeln. Erleichtert wird die Infektion, wenn die Haut aufgequollen ist, weil Betroffene mit den Händen in feuchtem Milieu arbeiten oder weil die Füße in den Schuhen schwitzen. Mediziner bezeichnen eine Entzündung des Nagelwalls oder der Cuticula als Paronychie. Umgangssprachlich ist eher von »Umlauf« die Rede. Als Erreger kommen neben dem Pilz Candida albicans vor allem Staphylokokken oder Streptokokken in Frage. Der Nagelwall ist bei einer Paronychie geschwollen und schmerzt.

PTA und Apotheker können dem Kunden raten, den betreffenden Finger oder Zeh ruhig zu stellen und einige Tage einen desinfizierenden Salbenverband zum Beispiel mit einem Povidon-Iod-haltigen Produkt anzulegen. Ein Arztbesuch ist dann anzuraten, wenn die Entzündung unter der Behandlung nicht zurückgeht, sich die Rötung ausbreitet, Eiter ensteht und/oder die Schmerzen zunehmen. Menschen, die eine chronische Krankheit wie Diabetes, Durchblutungsstörungen oder ein geschwächtes Immunsystem haben, sollten direkt einen Arzt aufsuchen und es erst gar nicht mit einer Selbstbehandlung versuchen.

Geduld gefragt

Eine langwierige Erkrankung ist eine Pilzinfektion einzelner Nägel. Dabei dringen die Pilze, vor allem Dermatophyten, meist am Ende des Nagels in die Unterseite der Nagelplatte ein und breiten sich langsam Richtung Matrix aus. Typische Anzeichen: Der Nagel verliert seinen Glanz, verdickt und verformt sich und verfärbt sich weiß oder gelbbraun. Im späteren Stadium kann die Nagelplatte bröckeln und sich vom Nagelbett abheben. Meist sind Zehennägel betroffen, und hier vor allem die der Großzehen. Fingernägel erkranken deutlich seltener. Eine Nagelpilzinfektion ist zwar ungefährlich, kann aber an den Zehennägeln beim Gehen schmerzen und – vor allem an den Fingern – ein erhebliches kosmetisches Problem darstellen.

Feuchtwarmes Klima in Schuhen oder Schutzhandschuhen sowie mechanische Schädigungen der Nägel bereiten der Infektion meist den Weg. Auch vorausgegangene oder unbehandelte Fußpilzinfektionen können auf geschädigte Nägel übergehen. Diabetes mellitus, Durchblutungsstörungen, Immunschwäche und periphere Neuropathien begünstigen die Infektion. Laien können nicht erkennen, ob die veränderte Nageloberfläche auf einer Pilzinfektion beruht oder etwa auf einer Nagelpsoriasis, einem Ekzem oder einer Nagelwallentzündung. Diese Erkrankungen zeigen sich in ähnlicher Weise. Deswegen sollte der Betroffene die Beschwerden so rasch wie möglich zunächst durch einen Hautarzt abklären lassen. Denn je eher die Behandlung beginnt, desto höher ist die Erfolgsquote und desto kürzer die Therapie.

Leichte Erkrankungen lassen sich gut lokal im Rahmen der Selbstmedikation behandeln. Wenn mehr als die Hälfte der Nagelplatte befallen ist oder bei einem schlechten Gesundheitszustand des Patienten, kann zusätzlich eine systemische Therapie mit verschreibungspflichtigen oralen Antimykotika zum Einsatz kommen.

Die Behandlung von Nagelmykosen braucht Geduld. Die Therapiedauer hängt von der Geschwindigkeit des Nagelwachstums ab. Wenn der erkrankte Nagel nicht entfernt wird, beträgt die Behandlungsdauer bei einer Fingernagelmykose mindestens drei Monate; bei Befall eines Zehennagels ist mit sechs und mehr Monaten zu rechnen. Das müssen die Patienten wissen, damit sie die Therapie nicht irrtümlich zu früh beenden. Vielmehr ist es empfehlenswert, etwas länger als unbedingt nötig zu behandeln, damit der Pilz nicht erneut eine Chance bekommt, wenn noch verbliebene Sporen wieder aktiv werden. Nagelmykosen am Fuß sind sehr häufig mit Fußpilz vergesellschaftet. Er gehört ebenfalls konsequent behandelt, damit sich die Nägel nicht erneut infizieren.

Lacke von Vorteil

Für die lokale Behandlung kommen vor allem drei Wirkstoffe in Frage: Amorolfin, Ciclopirox und Bifonazol. Die beiden erst genannten Substanzen stehen als medizinische Nagellacke zur Verfügung. Lacke sind im Alltag oft leichter zu handhaben als Pflasterverbände und halten mechanischer Beanspruchung besser stand. Grundsätzlich ist zwischen wasserlöslichen und wasserunlöslichen Lackgrundlagen zu unterscheiden. Beiden ist gemeinsam, dass der gesamte Nagel sorgsam überpinselt werden muss und nicht etwa nur die erkennbar kranke Fläche.

Bei der Verwendung von wasserunlöslichem Amorolfin-Nagellack (zum Beispiel Amorolfin Nagelkur Heumann, Loceryl®) wird die Nagelplatte einmal wöchentlich behandelt. Zuvor sollte der Anwender zerstörtes Nagelmaterial mit einer Einmalfeile entfernen und gegebenenfalls Lackreste der vorherigen Applikation mit einem Alkoholtupfer entfernen. Der Lack bildet nach Verdunsten des Lösungsmittels eine wasserfeste Schicht mit einer okklusiven Wirkung. Dies fördert das Eindringen des Wirkstoffs in die Nagelsubstanz.

Nagel ziehen obsolet

Der wasserlösliche Ciclopirox-haltige Lack Ciclopoli® wird abends auf den befallenen Nagel gepinselt. Lackreste können morgens einfach abgewaschen werden. Dagegen hängt die Anwendung des wasserlöslichen Nagellacks Batrafen® A oder Ciclopirox Winthrop vom Therapiestadium ab. Im ersten Monat erfolgt sie jeden zweiten Tag, um den Nagel mit dem Wirkstoff zu sättigen. Im zweiten Behandlungsmonat kann die Anwendung auf mindestens zweimal wöchentlich, ab dem dritten Behandlungsmonat auf einmal wöchentlich verringert werden. Während der gesamten Anwendungsdauer wird die ganze Lackschicht einmal pro Woche mit Alkoholtupfern abgelöst. Bei der Gelegenheit sollte der Patient auch möglichst viel von dem veränderten Nagelmaterial mit einer Einweg-Nagelfeile entfernen.

Ein etwas aufwändigeres, aber schnelleres Behandlungskonzept bietet die Kombination von hochdosiertem Harnstoff und einem Antimykotikum wie Bifonazol in Form einer Salbe. Der Harnstoff löst die Nagelplatte schmerzfrei auf. Die Zubereitung wird messerrückendick auf den erkrankten Nagel aufgetragen und wasser- und luftdicht mit einem Pflaster verschlossen. Nach 24 Stunden nimmt der Anwender den Verband ab, entfernt die erweichte Nagelsubstanz und wiederholt die Behandlung. Meist dauert es ein bis zwei Wochen, bis der erkrankte Teil des Nagels komplett entfernt ist. Anschließend muss über vier Wochen einmal täglich eine antimykotische Behandlung mit einer harnstofffreien Bifonazol-Creme erfolgen.

Das früher übliche und weit gefürchtete »Nägel-Ziehen« gilt heute übrigens als obsolet. Allzu häufig führte es zu Verletzungen des Nagelbetts und zu bleibenden Wachstumsstörungen des Nagels. Diesbezüglich können sich die Patienten also entspannen.

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