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Plausibilitätsprüfung

Naphazolin-haltige Nasencreme

Wenn Substanzen »außer Handel« gehen oder aus anderen Gründen nicht zu bekommen sind, muss Ersatz gesucht werden. Privin® war ein Fertigarzneimittel, das für die Herstellung verschiedener Rezepturarzneimittel für Arztpraxen eingesetzt wurde. Nun ist es außer Handel. Die PTA sucht deshalb nach einer Alternative.
Andreas Melhorn
18.11.2019
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Gabi Galenik erhält von einem Patienten das abgebildete Rezept für eine Nasencreme und macht sich gleich an die Arbeit. Da sie schon mitbekommen hat, dass Privin® nicht erhältlich ist, macht sie mit dem Patienten aus, dass er erst am nächsten Tag wiederkommt.

Gabi schaut für alle Fälle noch einmal nach und findet bestätigt, dass Privin® nicht bestellt werden kann. Daraufhin sucht sie sich als erstes dessen Fachinformation aus dem Internet heraus. Bei dem Wirkstoff handelt es sich um 0,1 Prozent Naphazolinnitrat. Lokal angewendet wirkt das alpha-Sympathomimetikum vasokonstriktorisch und schwillt die Schleimhaut ab. Als weitere Inhaltsstoffe werden Gereinigtes Wasser, Natriumdihydrogenphosphat-Dihydrat, Natriummonohydrogenphosphat-Dodecahydrat, Natriumchlorid, Natriumedetat und Benzalkoniumchlorid angegeben. Sie puffern, isotonisieren und konservieren die Lösung.

Naphazolinnitrat-Lösung 0,1 %

Gabis erster Gedanke ist, statt der Lösung den Wirkstoff einfach direkt einzuarbeiten. Allerdings würde das bedeuten, dass sie auf das Wasser verzichtet. Das Wasser der Naphazolin-Lösung löst allerdings nicht nur den Wirkstoff, sondern würde in der vorliegenden Nasencreme auch gleichzeitig als Lösungsmittel für Glucose-Monohydrat dienen. Beide Wirkstoffe suspendiert einzuarbeiten, erscheint Gabi nicht sinnvoll. Es gibt sie nicht als mikronisierte Rezeptursubstanzen, das heißt, sie müsste die Stoffe zerkleinern.

Gabi ruft den Rezepturhinweis »Naphazolinhydrochlorid und Naphazolinnitrat« von der Webseite des DAC/NRF auf. Dort findet sie einen Abschnitt über Nasensalben und -cremes mit verschiedenen Wirkstoffkombinationen. Es werden ein paar Rezepturformeln erwähnt, die sie sich zum Vergleich heraussuchen will. Der wichtigste Hinweis lautet jedoch, dass es eine inzwischen entfallene NRF-Vorschrift für Naphazolinhydrochlorid-Nasentropfen 0,05 % gab. Inwieweit sich Naphazolinnitrat und -hydrochlorid miteinander vergleichen lassen, wird nicht erwähnt. Die molare Masse unterscheidet sich, wenn auch nur geringfügig. Die erwähnten Beispiel-Rezepturformeln für verschiedene Kombipräparate verwenden unterschiedliche Konzentrationen für beide Wirkstoffe. Ein direkter Vergleich ist schwierig. Auch wenn Gabi gern auf die Zusammensetzung der entfallenen NRF-Vorschrift zurückgreifen würde, beschließt sie, beim Naphazolinnitrat zu bleiben, wie es im Privin® verwendet wird. Sie müsste ohnehin erst den Arzt fragen, ob sie den Wirkstoff austauschen darf.

Kompromiss finden

Normalerweise gilt es, bei Zubereitungen zur Anwendung in der Nase Isotonie und pH-Wert zu beachten. Die Isotonie kann die PTA für die vorliegende Nasencreme ignorieren. Die Glucose in der Wasserphase sorgt ohnehin für ein hypertones Milieu. Der pH-Wert ist für die Isohydrie des Arzneimittels wichtig, sonst würde die Nasenschleimhaut gereizt. Im Rezepturhinweis steht allerdings, dass die Stabilität des gelösten Wirkstoffs vom pH-Wert abhängt. Die PTA muss also einen Kompromiss zwischen Verträglichkeit und Haltbarkeit finden.

Der Rezepturhinweis schlägt einen eingestellten pH-Wert von 5,1 vor, weist allerdings darauf hin, dass schwach gepuffert werden soll. Die Möglichkeiten der Nasenschleimhaut, den pH-Wert auszugleichen sind gering. Man puffert also nur schwach, um die Nasenschleimhaut und die Flimmerhärchen der Nase zu schonen.

Über den Rezepturenfinder der Webseite des DAC/NRF findet Gabi die Zusammensetzung der entfallenen Naphazolinhydrochlorid-Nasentropfen 0,05 %. Die pKa-Werte für Naphazolinnitrat und -hydrochlorid sind sehr ähnlich und eine 1%ige Lösung hat von beiden Wirkstoffen laut Rezepturhinweis den gleichen pH-Wert. Sie kann die Zusammensetzung also als Grundlage verwenden.

 

Gabi kann noch nicht einschätzen, wie der pH-Wert der Lösung sein wird, wenn sie die Konzentration an sauer reagierendem Wirkstoff verdoppelt. Da im Rezepturhinweis steht, dass der pH-Wert einer wässrigen 1-prozentigen Naphazolinnitrat-Lösung 5,0 bis 6,5 beträgt, also ungefähr im angestrebten Bereich liegt, geht Gabi davon aus, dass die schwache Pufferung vermutlich ausreicht. Sie wird dennoch den pH-Wert der Lösung nach der Herstellung messen, falls sie entgegen ihrer Vermutung Puffer ergänzen muss.

Auf Konservierung achten

Für die Haltbarkeit klärt Gabi ab, ob sie die Konservierung anpassen muss. Die Lösung ist mit Edetat-haltiger Benzalkoniumchlorid-Lösung konserviert. Gabi findet im Rezepturenfinder eine Nasencreme mit ähnlicher Zusammensetzung: Dexamethason 0,008 g, Glucose-Monohydrat 5,0 g, Privin® 1 mg/ml 10,0 g, Wollwachsalkoholsalbe DAB 42,5 g, Mittelkettige Triglyceride zu 100,0 g. Hier wird die Konservierung kommentiert. Eigentlich müsste die benötigte Menge an Konservierungsmittel für die gesamte Zubereitung berechnet werden, nicht nur auf die Wasserphase.

Andererseits liest Gabi, dass die mikrobiologische Stabilität von Nasencremes- und -emulsionen ohnehin schwer einschätzbar ist und im Zweifelsfall eine konservative Aufbrauchfrist angegeben werden sollte, wenn nicht geklärt ist, ob die Menge an Konservierungsmittel ausreicht oder nicht. Der Rezepturhinweis »Nasalia« gibt die Haltbarkeit von nicht konservierten lipophilen Nasencremes mit vier Wochen an. Gabi beschließt, das Konservierungsmittel in der für die Lösung angegebenen Konzentration zu verwenden und die Aufbrauchfrist auf vier Wochen festzulegen.

Zur Verpackung steht keine Angabe auf dem Rezept. Aus hygienischen Gründen ist die Verwendung einer Tube mit Nasenapplikator vorzuziehen. Die Creme sollte fest genug dafür sein. Da 30 g Creme in vier Wochen vermutlich nicht aufgebraucht werden, füllt Gabi dreimal 10 g ab. Die Laufzeit für die geschlossenen Tuben legt sie auf drei Monate fest.

Anwendung von lipophilen Nasalia

Gabi hat während ihrer Recherchen einen Hinweis gefunden, den sie an den Patienten weitergeben will. Lipophile Zubereitungen, die in die Nase eingebracht werden, bergen das Risiko der Aspiration. Öle können in die Lunge gelangen, ohne dass der Schluck- oder Hustenreiz ausgelöst wird. In der Praxis kommt das allerdings selten vor. Wie sich dieses Risiko verringern lässt, ist nicht geklärt, allerdings könnte die Viskosität der Zubereitung eine Rolle spielen. Nasenöle scheinen ein höheres Risiko darzustellen als Nasencremes. Außerdem wird davon abgeraten, das Arzneimittel direkt vor dem Schlafengehen anzuwenden.

Die Zusammensetzung, die Gabi über den Rezepturenfinder gefunden hat, wird als Nasencreme gelistet und enthält nur unwesentlich weniger wasserfreies Eucerin. Gabi geht also davon aus, dass hier eine Creme vorliegt. Sie macht sich allerdings eine Notiz, dem Patienten den Tipp mitzugeben, die Creme nicht zu spät abends anzuwenden.

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