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Masern

Nicht nur eine Kinderkrankheit

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: die Elimination der Masern. Dafür bedarf es einer Durchimpfungsrate von 95 Prozent, um eine endemische Ausbreitung der Viren zu verhindern. Dies würde auch Säuglinge und Personen, die aufgrund einer Erkrankung nicht geimpft werden können, vor einer Ansteckung schützen (Herdenschutz).
Caroline Wendt
21.05.2019
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In Deutschland schwanken die jährlichen Infektionszahlen stark, immer wieder bricht die Krankheit regional und zeitlich begrenzt aus. Unter nicht geimpften Personen kann sich das Masernvirus (Briarcus morbillorum) schnell ausbreiten, denn Masern gehören zu den ansteckendsten Krankheiten. Die Viren verbreiten sich über Tröpfchen, die beim Sprechen, Husten oder Nießen in die Luft gelangen. Es reicht bereits eine kurze Expositionsdauer, um sich mit dem Virus zu infizieren.

Eine Ansteckung kann zudem über mehrere Meter Entfernung stattfinden. Obwohl die Masernviren sehr empfindlich auf äußere Einflüsse wie erhöhte Temperatur, Licht, UV-Strahlen, fettlösliche Substanzen und Desinfektionsmittel reagieren, können sie in der Luft bis zu zwei Stunden überleben. Das bedeutet, dass sich Personen ohne Immunschutz selbst dann anstecken können, wenn sie einen Masernkranken gar nicht persönlich getroffen haben. Es reicht aus, wenn sich der Infizierte zwei Stunden vorher im selben Raum aufgehalten hat. Zudem sind Masernkranke nicht immer zu erkennen. Bereits drei bis fünf Tage vor Auftreten des typischen Masernexanthems und bis zu vier Tage nach Abheilen des Ausschlags können die Infizierten das Virus weiter geben. Unmittelbar bevor das Exanthem auftritt, sind die Erkrankten am ansteckendsten.

Masernviren sind RNA-Viren aus der Familie der Paramyxoviren. Der Kontagionsindex, also der Anteil der nicht geimpften Personen, die sich bei Kontakt mit dem Erreger infizieren, beträgt bei Masern 100 Prozent. Nach einer Inkubationszeit von etwa acht bis zehn Tagen macht sich die Krankheit bei 95 Prozent der Infizierten mit den ersten Symptomen bemerkbar. Fieber, Husten, Schnupfen oder einer Bindehautentzündung kennzeichnen das Vorstadium (Prodromalstadium) einer Masernerkrankung. Zwei bis drei Tage später bilden sich weiße bis blau-weiße Läsionen an der Mundschleimhaut, die sogenannten Koplik-Flecken. Die für eine Masernerkrankung bekannten roten Flecken treten erst drei bis sieben Tagen nach den ersten Symptomen auf. Typischerweise beginnt das Exanthem im Gesicht und hinter den Ohren und verteilt sich dann über den gesamten Körper. Nur Handflächen und Fußsohlen bleiben ausgespart. Nach dem Abheilen des Ausschlages vier bis sieben Tage später, bleibt oft eine kleieartige Schuppung zurück. Masernviren bilden nur einen Serotyp aus, was zur Folge hat, dass nach einer einmaligen Infektion lebenslange Immunität besteht.

Immunsupprimierte zeigen oft geringer ausgeprägte äußere Symptome, doch verläuft die Krankheit bei ihnen häufiger mit schweren Organkomplikationen, einer schweren Form der Lungenentzündung (progredierende Riesenzellpneumonie) oder einer Masern-Einschluss-Enzephalitis (MIBE). Letztere hat eine Mortalitätsrate von 30 Prozent.

Gefährliche Spätkomplikationen

Nach der eigentlichen Maserninfektion ist bei vielen Infizierten das Krankheitsgeschehen noch nicht zu Ende. Denn Masernviren befallen bevorzugt Zellen des Immun- und Nervensystems, woraus häufig eine anschließende Immunschwäche von mindestens sechs Wochen resultiert. Bakterielle Superinfektionen, wie eine Mittelohrentzündung, Bronchitis, Lungenentzündung oder Durchfall können die Folge sein. In 0,1 Prozent der Fälle entwickelt sich eine postinfektiöse Enzephalitis – eine Entzündung des Gehirns. Sie äußert sich in starken Kopfschmerzen, hohem Fieber, Krampfanfällen und Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma. Von einer Enzephalitis sind besonders an Masern erkrankte Jugendliche und Erwachsene betroffen. Zwischen10 und 20 Prozent der Enzephalitis-Patienten sterben, bei 20 bis 30 Prozent bleiben neurologische Schäden zurück.

Sech bis acht Jahre nach eine Maserninfektion kann zudem eine sehr seltene Spätkomplikation auftreten: Vier bis elf von 100.000 Masernerkrankten entwickeln eine sogenannte subakute sklerodisierende Panenzephalistis (SSPE). Ein erhöhtes Risiko tragen mit 20 bis 60 SSPE-Fällen pro 100.000 Masernerkrankungen Kinder unter fünf Jahren. Bei den Betroffenen treten zunächst Verhaltensänderungen und neurologische Störungen wie Krampfanfälle oder Zuckungen auf. Im Endstadium der Krankheit büßt das Gehirn komplett seine Funktion ein. Eine SSPE endet immer tödlich.

Schutz für Jung und Alt

Masern sind keine Kinderkrankheit, die Viren können jeden infizieren, der keine Antikörper – durch Impfung oder Infektion – aufweist. Die Antikörper sind plazentagängig und können beim Stillen von der Mutter auf das Neugeborene übertragen werden. Doch hält der Schutz nur wenige Monate, danach entsteht eine Immunitätslücke. Denn die erste Impfung erhalten Kinder gemäß den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) erst im Alter von 11 bis 14 Monaten. Soll das Kind in eine Gemeinschaftseinrichtung aufgenommen werden oder besteht akute Ansteckungsgefahr, kann die erste Impfung bereits im Alter von neun Monaten erfolgen. Mit 15 bis 23 Monaten, frühestens aber vier Wochen nach der ersten Impfung sollten die Kinder die zweite Immunisierung erhalten. Diese Impfung ist keine Auffrischungsimpfung, sondern eine Maßnahme, um ein Maximum an Schutz zu gewährleisten.

Dank zahlreicher Aufklärungskampagnen rund um das Impfen sind heute viele Kinder geimpft, doch bei den älteren Generationen kann der Immunstatus problematisch sein: Mehr als die Hälfte aller gemeldeten Masernfälle betrifft Jugendliche oder Erwachsene mit nicht ausreichendem Impfschutz. Wurden eine oder beide Impfungen versäumt, rät die STIKO, diese so bald wie möglich nachzuholen. Kinder und Jugendliche sollte immer zwei Masernimpfungen vorweisen können.

Für Erwachsene, die nach 1970 geboren wurden und älter als 18 Jahre sind, gilt die Regel: Ist der Impfstatus unklar, oder haben die Patienten nur eine oder gar keine Impfung in der Kindheit erhalten, rät die STIKO zu einer einmaligen Impfung. Besonders Personen, die im Gesundheitsdienst oder in Gemeinschaftseinrichtungen tätig sind, sollten ihren Impfstatus kontrollieren. Hier geht es nicht nur um den Eigenschutz, sondern auch darum, andere vor der Infektion zu bewahren.

Im Falle eines Masernausbruches geht die STIKO noch weiter. Hier sollen alle nach 1970 Geborenen ab einem Alter von neun Monaten eine Impfung erhalten. In einer individuellen Risiko-Nutzen-Abwägung kann die erste Impfung bereits im Alter von sechs bis acht Monaten erfolgen (Off-label-use). Neben der zweiten Impfung im Alter von 11 bis 14 Monaten sollten diese Kinder mit 15 bis 23 Monaten noch eine dritte Impfung bekommen.

Erwachsene, die vor 1970 geboren wurden, haben dadurch, dass sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in ihrer Kindheit eine Masernerkrankung durchgemacht haben, Antikörper gegen den Erreger.

Masernimpfung erhöht nicht das Autismusrisiko

Kinder und Erwachsene können die Impfung in Form von trivalenten Impfstoffen erhalten. Diese enthalten neben dem Masernimpfstoff Seren gegen Mumps und Röteln (MMR), zum Beispiel M-M-Rvax® Pro oder Priorix®. Für Kinder stehen zudem tetravalente Impfstoffe (MMR-V), zum Beispiel Priorix-Tetra® oder ProQuad zur Verfügung. Diese schützen zusätzlich vor dem Erreger der Windpocken (Varizellen). Nach einer einmaligen Impfung beträgt die Effektivität der Masernimpfstoffe 94 Prozent, nach der zweiten Impfung kann in 92 bis 99 Prozent der Fälle eine Maserninfektion verhindert werden.

Impfstoff Impfschema Beispiele
Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Rötel (MMR) Kinder: Erste Impfung im Alter von 11 bis 14 Monate, Zweite Impfung 15 bis 23 Monate, Erwachsene: Einmalige Impfung M-M-Rvax® Pro oder Priorix®
Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps, Rötel und Varizellen (MMR-V) Kinder: Erste Impfung im Alter von 11 bis 14 Monate, Zweite Impfung 15 bis 23 Monate Priorix-Tetra® oder ProQuad
Auf einen Blick: Impfstoffe im Vergleich

Die Impfung ist gut verträglich. Es können jedoch Rötung und/oder Schwellung an der Einstichstelle auftreten. Einige Geimpfte zeigen zudem leichte Allgmeinsymptome wie Müdigkeit, leichte Temperaturerhöhung oder Magen-Darm-Beschwerden. Diese Beschwerden dauern in der Regel nur ein bis drei Tage an.

Die Masernimpfstoffe sind abgeschwächte Lebendimpfstoffe, daher machen etwa fünf bis 15 Prozent der Geimpften eine milde, nicht ansteckende Form der Masern durch. Diese sogenannten Impfmasern können mit leichtem Fieber, einem flüchtigen Exanthem oder einer Schwellung von Ohrspeicheldrüse oder Hoden einhergehen.

Morbus Chron und Autismus hingegen gehören nicht zu den Nebenwirkungen einer Masernimpfung. Berichte, die Gegenteiliges behaupten, berufen sich auf eine Studie, von der heute bekannt ist, dass die Forschungsergebnisse gefälscht wurden.

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