PTA-Forum online
Riss in der Gefäßwand

Notfall Aortendissektion

Stärkste Schmerzen (»Vernichtungsschmerz«) im Brust- oder Rückenbereich lassen gleich an einen Herzinfarkt denken. Eine eher wenig bekannte aber ebenfalls gefährliche und unbehandelt oft tödliche verlaufende Ursache ist die Aortendissektion. Dabei handelt es sich um einen Riss in der Gefäßwand der Aorta, also der größten Schlagader im Körper.
Nicole Schuster
02.06.2022  14:00 Uhr

Aortendissektionen treten bei etwa drei bis zwölf Menschen pro 100.000 Einwohnern in Deutschland auf. Die Betroffenen sind meistens im höheren Lebensalter, wobei Männer doppelt bis dreimal so häufig wie Frauen erkranken. Für eine Aortendissektion kommen verschieden Ursachen infrage. Menschen mit Arteriosklerose und Bluthochdruck haben ein erhöhtes Risiko, ebenso solche mit einer angeborenen Bindegewebsschwäche wie dem Marfan- oder Ehlers-Danlos-Syndrom. Auch bei Gefäßwandentzündungen (Vaskulitiden), Aortendissektionen in der Familie sowie einem bereits bestehenden Gefäßwandschaden wie einem Aortenaneurysma ist das Risiko erhöht. Versehentlich können auch bei interventionellen Eingriffen wie einer Katheter-Untersuchung Dissektionen entstehen.

Je nach Lokalisation des Risses werden nach Stanford verschiedene Typen klassifiziert. Bei einer Dissektion im herznahen, aufsteigenden Abschnitt (Aorta ascendens) liegt Typ A vor. Das trifft auf etwa 65 Prozent der Fälle zu. Unter Typ B fallen alle Dissektionen, an denen weder die Aorta ascendens noch der Aortenbogen beteiligt ist. Risse, die am Aortenbogen nach Abgang der Hals -und Armarterien beginnen, machen etwa 10 Prozent der Fälle aus, die im absteigenden Teil der Aorta (Aorta descendens) etwa 20 Prozent. Dissektionen im Bauchraum sind mit etwa 5 Prozent recht selten.

Schwere Komplikationen

»Leitsymptom von Aortendissektionen ist ein plötzlich einsetzender, sehr starker, als reißend oder stechend beschriebener Schmerz im Brustbereich, der oft zwischen den Schulterblättern beginnt, oft assoziiert mit einer Bluthochdruckentgleisung«, erklärt Professor Dr. med. Dittmar Böckler, Ärztlicher Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg im Gespräch mit PTA-Forum. Der Schmerz kann nach einer starken körperlichen oder psychischen Belastung auftreten oder sich dadurch verstärken. Manche Patienten haben auch das Gefühl, dass der Schmerz wandert. Bei ihnen schreitet die Dissektion möglicherweise entlang des Verlauf der Aorta fort. Bei einem asymptomatischen Verlauf bleiben die Schmerzen indes aus.

Je nachdem, wie weit sich der Riss ausdehnt und wie kompliziert er verläuft, können weitere Symptome auftreten. »Durchblutungsstörungen in Bauchorganen (Niere, Leber) oder Gliedmaßen (Beine) können die Folge sein, wenn deren Blutversorgung durch die Dissektion gestört ist«, so Böckler. Je nach betroffenem Gebiet zählen dann das akute Koronarsyndrom, Schlaganfall, Querschnittslähmung, ein Darmarterienverschluss, akutes Nierenversagen oder ein akuter Beinarterienverschluss zu den möglichen Komplikationen. Für Patienten äußern sich die Komplikationen durch entsprechende Symptome: Schock und Atemnot bei einer Herzbeteiligung, Schmerzen in den Extremitäten bei Durchblutungsstörungen der Arme oder Beine und Lähmungserscheinungen bei einer Minderversorgung des Rückenmarks. Sind hirnversorgenden Arterien beteiligt, treten die Symptome eines Schlaganfalls auf. Bauch- oder Flankenschmerzen entstehen bei Durchblutungsstörungen des Darms oder der Nieren. Die verletzte Gefäßwand kann auch plötzlich nach außen aufplatzen (Aortenruptur). Innere Blutungen in den Brustkorb oder den Bauchraum können zum sofortigen Tod führen.

Die akute Aortendissektion als potenziell lebensbedrohliches Ereignis ist ein medizinischer Notfall. Ohne Behandlung sterben bei Stanford-A-Dissektionen im ersten Monat 50 Prozent der Patienten. Trotz Operation versterben noch 20 Prozent im ersten postoperativen Monat. Bei Stanford-B-Dissektionen ist die Prognose besser. Bis zu 90 Prozent der Patienten überleben die nächsten zwei Jahre. Postoperativ beträgt die Sterblichkeit innerhalb des ersten Monats nach der Operation jedoch ebenfalls etwa 20 Prozent.

Mehr von Avoxa