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Desinteresse und Leere

Depression statt Mutterglück 

Traurigkeit und Stimmungsschwankungen nach der Geburt gelten gemeinhin als »Baby-Blues«. Gemeint ist eine kurze Phase der depressiven Verstimmung, von der viele Wöchnerinnen plötzlich erfasst werden. Sie ist kein Grund zur Sorge. Hält die traurige Stimmung jedoch an, könnte dies auf eine Wochenbettdepression hinweisen. Eine ernst zu nehmende Erkrankung mit möglicherweise weitreichenden Folgen, auch für das Kind.
Annette Immel-Sehr
17.09.2019  14:00 Uhr

Wie sehr freuen sich viele Schwangere auf ihr Kind, wie schön stellen sie sich das Leben mit dem Baby vor. Doch plötzlich kommt alles ganz anders als gedacht. Die Geburt ist geschafft, das Baby gesund und bezaubernd – und die Wöchnerin weint dauernd ohne erkennbaren Grund. Gut die Hälfte der Frauen kämpft nach der Entbindung mit dem sogenannten Baby-Blues. Traurigkeit, Weinerlichkeit, ebenso Schlaf- und Ruhelosigkeit sind dafür typisch.

Am schlimmsten zeigen sich die Symptome oft zwischen dem dritten und fünften Tag nach der Geburt. Der Baby-Blues kann wenige Stunden bis zu einigen Tagen andauern. Spätestens nach zwei Wochen haben sich die Gefühle jedoch wieder ganz normalisiert. Die Ursache des Stimmungseinbruchs sind die allgemeinen körperlichen und vor allem hormonellen Umstellungen nach der Geburt – ein natürliches Phänomen also, keine Erkrankung. Praktische Unterstützung im Alltag und Verständnis helfen der Wöchnerin, schneller wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Vom Baby-Blues abzugrenzen ist die postnatale oder postpartale Depression, eine keineswegs seltene depressive Erkrankung, die nach der Geburt auftreten kann. 10 bis 15 Prozent der Mütter sind davon betroffen. Korrekterweise müsste es eigentlich »peripartale« Depression heißen, also eine Depression rund um die Zeit der Geburt. Denn ein großer Teil der betroffenen Frauen nimmt bereits einige Zeit vor der Niederkunft einen Stimmungseinbruch wahr. Dennoch hat sich die Bezeichnung postpartale Depression (PPD) etabliert. Sie ist als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt, als Subkategorie der depressiven Störung. Gemäß Definition der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft beginnt eine PPD bis zu vier Wochen nach der Geburt. Diese Definition ist allerdings umstritten. Viele Mediziner fassen den Erkrankungszeitraum weiter. Nach ihrer Erfahrung kann sich eine PPD bis zu zwölf Monate nach der Geburt ausbilden.

Auch Psychose möglich

Eine andere psychische Erkrankung, die durch eine Geburt angestoßen werden kann, ist die postpartale Psychose. Sie entwickelt sich in der Regel in den ersten vier Wochen nach der Geburt und ist mit ein bis zwei Erkrankungsfällen pro 1000 Gebärende wesentlich seltener als die PPD. Betroffene leiden an Wahnvorstellungen und Sinnestäuschungen. Dagegen entsprechen die Symptome einer PPD denen einer depressiven Störung: Traurigkeit, allgemeines Desinteresse, innere Leere, häufiges Weinen, Schuldgefühle, Appetit- und Schlafstörungen, Ängste, extreme Reizbarkeit, Gefühl der Überforderung.

Der Unterschied zu anderen depressiven Störungen liegt darin, dass die depressiven Gedanken der Betroffenen vor allem um die neue Mutterrolle kreisen. Die Erkrankte wird von Zweifeln geplagt, ob sie überhaupt eine »gute Mutter« sein kann. Oder sie macht sich übermäßig Sorgen um das Wohlergehen des Kindes. Oft fühlen sich die betroffenen Frauen unfähig, positive oder liebevolle Gefühle für das Kind zu entwickeln. Das kann bis zur Gefühllosigkeit gehen und dazu führen, dass die Mutter das Kind vernachlässigt. Gleichzeitig quälen die Mutter schwere Schuldgefühle.

Besonders ernst wird es, wenn die Betroffene Suizidgedanken hat oder Angst verspürt, ihrem Kind etwas anzutun. Tatsächlich gibt es immer wieder schwere Verläufe, bei denen sich die erkrankte Mutter das Leben nimmt und/oder ihr Kind verletzt oder sogar tötet. Das sind allerdings seltene Ausnahmen, die jedoch unter allen Umständen durch rechtzeitige Therapie verhindert werden müssen.

Unter einer PPD leidet nicht nur die Mutter entsetzlich, auch für das Kind hat sie Folgen. Wenn die Mutter ihm keine Gefühle zeigen kann, verhindert das den Aufbau einer emotionalen Beziehung. Das Baby sieht beispielsweise kein Lächeln, wenn es aus der Wiege gehoben wird, hört keine liebevolle Stimme und empfängt keine Zärtlichkeiten durch die Mutter. Dies kann dazu führen, dass es sich nicht normal entwickeln kann. Noch Jahre später kann das Kind Entwicklungsverzögerungen sowie Verhaltensstörungen und emotionale Einschränkungen zeigen. Eine unbehandelte mütterliche Depression wirkt sich darüber hinaus auch auf Geschwisterkinder und den Partner aus.

Lange vermuteten Wissenschaftler, dass ein starker Abfall von Estradiol und Progesteron nach der Entbindung die PPD auslöst. Dies ließ sich jedoch nicht bestätigen. Denn der Abfall der Hormonspiegel unterscheidet sich nicht von denen gesunder Frauen nach der Geburt. Allerdings reagieren Frauen mit einer PPD offenbar empfindlicher auf diese Umstellung. Neue Untersuchungen lassen vermuten, dass bei Frauen mit einer PPD der hormonelle Regelkreis, der für eine neue Einstellung der Hormonspiegel nach der Schwangerschaft sorgen müsste, nicht gut funktioniert.

Mehrere Faktoren

Wissenschaftler haben eine Reihe von Faktoren identifiziert, die das Erkrankungsrisiko einer Frau erhöhen. Dazu zählen vorangegangene depressive Episoden, Angststörung während der Schwangerschaft, kritische Lebensereignisse während der Schwangerschaft und dem frühen Wochenbett sowie geringe soziale Unterstützung. Auch ungewollte Schwangerschaft, häusliche Gewalt, Substanzmissbrauch, Paarkonflikte sowie traumatische Erlebnisse oder Vernachlässigung in der eigenen Kindheit können eine PPD begünstigen.

Ohne Therapie dauert eine PPD meist vier bis sechs Monate, allerdings können manche Symptome auch noch nach einem Jahr fortbestehen. Bei Frauen, die keine Behandlung in Anspruch nehmen, besteht die Gefahr, dass die Depression chronisch wird.

Aus Scham, keine »gute« Mutter zu sein, trauen sich Betroffene oft nicht, über ihre Gefühle zu sprechen. Das kann dazu führen, dass die Angehörigen, die Hebamme und der Frauenarzt nicht oder erst spät erkennen, dass eine Erkrankung vorliegt. Schließlich fühlen sich viele Mütter mal überfordert, ausgelaugt und niedergeschlagen. Der Unterschied zwischen »normal« und »krank« ist deshalb oft nicht leicht zu erkennen.

Fragebogen nutzen

Frauenärzte können im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen vor der Geburt sowie bei Kontrolluntersuchungen nach der Geburt einen speziell für die Erkennung einer PPD entwickelten Fragebogen verwenden, um die psychische Situation einer Frau besser einschätzen zu können. Ziel ist es unter anderem, Frauen mit Suizidgedanken möglichst früh zu erkennen.

Die Therapie der PPD soll nach Empfehlung der S3-Leitlinie für Unipolare Depression möglichst aus drei Komponenten bestehen: Psychotherapie, Medikamente und psychosoziale Unterstützung. In schweren Fällen erfolgt die Behandlung in der Klinik.

Von den verschiedenen psychotherapeutischen Techniken haben sich die kognitive Verhaltenstherapie sowie die interpersonelle Psychotherapie zur Behandlung der PPD bewährt. Bei der Auswahl der Arzneimittel muss der Arzt eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung treffen. Um das ungeborene oder gestillte Kind so wenig wie möglich zu belasten, ist eine Monotherapie in der geringstmöglichen Dosis die beste Wahl. Sertralin und Citalopram haben das beste Nutzen-Risiko-Verhältnis in der Schwangerschaft. In der Stillzeit kommen vor allem Sertralin, Fluoxetin und Citalopram zum Einsatz, weil sie kaum unerwünschte Effekte auf das Kind haben. Auch Tricyclische Antidepressiva können laut Leitlinien zur Behandlung mittelschwerer bis schwerer TTD eingesetzt werden.

Es wird empfohlen, die Medikamente nach Möglichkeit direkt nach dem Stillen beziehungsweise nach dem letzten abendlichen Stillen einzunehmen, um die Konzentration in der Muttermilch möglichst gering zu halten. Ein Antidepressivum mit einer Zulassung speziell für die Wochenbettdepression gibt es in Deutschland nicht.

Gleichgewicht schaffen

Da eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber hormonellen Schwankungen eine mögliche Ursache der PPD ist, könnte eine hormonelle Behandlung helfen. Wissenschaftler untersuchen derzeit, ob die Behandlung mit Östrogen-Pflaster wirksam ist. Studienergebnisse liegen allerdings noch nicht vor.

In manchen Internet-Foren werden Omega-3-Fettsäuren, Folsäure, S-Adenosylmethionin oder Johanniskrautextrakt zur Behandlung der PPD empfohlen. Hierzu liegen allerdings keine Studien vor, die eine Wirksamkeit für diese Indikation nachweisen. Für Johanniskrautextrakt fehlen derzeit generell umfangreiche systematische Studien zur Anwendung in der Schwangerschaft.

Für das Wohl von Mutter und Kind muss eine PPD möglichst früh erkannt und behandelt werden. Hier sind alle Fachkräfte gefragt, mit denen Mütter nach der Entbindung Kontakt haben. Wenn eine Mutter im Gespräch in der Apotheke den Eindruck erweckt, dass eine PPD vorliegen könnte, sollten PTA und Apotheker Verständnis zeigen und behutsam darauf hinweisen, dass es sich um eine Erkrankung handeln könnte. Die Behandlung muss ein Facharzt für Psychosomatische Medizin oder Psychiatrie durchführen. Er entscheidet, ob ambulante Hilfen ausreichen, etwa durch eine besonders geschulte Hebamme, oder ob eine teilstationäre oder stationäre Behandlung erforderlich ist.

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